Danke, dass ihr das Thema „Signalgate“ aufgegriffen habt. An einigen Stellen greifen eure Argumente aus meiner Sicht jedoch zu kurz.
Ihr bezeichnet Signal als den sichersten Messenger – worauf stützt sich diese Aussage? Kryptografisch ist Signal ohne Zweifel sehr solide aufgestellt. Allerdings setzen auch andere Messenger auf vergleichbare Primitive. Sicherheit ergibt sich nicht allein aus Kryptografie, sondern ebenso aus Architektur, Betrieb und Governance.
Und genau hier liegt ein zentraler Punkt: Signal ist ein stark zentralisierter Dienst. Entwicklung, Backend, Frontend und Betrieb liegen im Wesentlichen bei einer Organisation. Gleichzeitig wird die Infrastruktur bei US-amerikanischen Cloudanbietern betrieben. Das schafft einen klaren Single Point of Failure – technisch wie organisatorisch.
Hinzu kommt ein ausgeprägter Netzwerkeffekt: Signal hat sich insbesondere in der tech-affinen Community in Deutschland stark verbreitet. Dadurch entsteht eine gewisse kognitive Dissonanz – man vertraut den (durchaus sympathischen) Menschen hinter Signal, übersieht dabei aber, dass man einen zentralisierten Dienst faktisch zum Standard für sichere Kommunikation erhebt. Im Ergebnis bündelt sich ein großer Teil der Kommunikation in einem einzigen Angriffsziel.
Das ist, überspitzt formuliert, so, als würden wir alle unsere E-Mails bei einem einzelnen Anbieter in den USA hosten – und uns gleichzeitig damit beruhigen, dass wir GPG nutzen.
Auch eure Einordnung zu Wire wirft Fragen auf. Ihr beschreibt Wire als Open Source – was grundsätzlich stimmt. Aber wie verhält es sich konkret mit der Variante, die im Bundestag eingesetzt wird (Wire Bund)? Wo sind hier die entsprechenden Quellen und Artefakte einsehbar? Die Transparenz ist zumindest nicht offensichtlich.
Besonders interessant fand ich euer Szenario, in dem ein milliardenschwerer Einzelakteur einen Messenger kauft, um Einfluss auf zentrale Kommunikationsinfrastruktur zu nehmen. Dieses Szenario ist längst Realität: Dieter Schwarz hat Wire bereits vor einiger Zeit übernommen. Die Schwarz Gruppe positioniert sich zwar stark entlang europäischer Werte, agiert jedoch gleichzeitig als zunehmend einflussreicher Player in der digitalen Infrastruktur.
Parallel dazu wird politisch häufig von „digitaler Souveränität“ gesprochen – etwa wenn sich der aktuelle Digitalminister mit Vertretern dieser Unternehmensgruppe zeigt. De facto beobachten wir jedoch eher eine Verschiebung von Abhängigkeiten: weg von US-amerikanischen Tech-Konzernen hin zu europäischen Großakteuren. Das mag sich politisch besser anfühlen, ist aber keine echte Souveränität im Sinne von Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiheit.
Wie tief die Verzahnung der Schwarz Gruppe mit der deutschen und europäischen IT-Landschaft inzwischen reicht, ist nicht vollständig transparent – und wäre aus meiner Sicht eine genauere Untersuchung wert.
Abschließend sei erwähnt: Mit Lösungen wie dem BundesMessenger der BWI oder Tchap in Frankreich existieren bereits staatlich getragene Alternativen, die auf offenen, föderierten und Ende-zu-Ende-verschlüsselten Protokollen wie Matrix basieren. Diese Ansätze zielen darauf ab, Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern zu vermeiden und langfristig resilientere Kommunikationsinfrastrukturen aufzubauen.

