268: Nachfrage nach Impfungen war schwer absehbar

Noch etwas mehr dazu, warum es nicht vorhergesehen wurde. Ich muss nochmal widersprechen, es hat sich nicht herausgestellt, dass die Impfserie mit zwei Impfungen (für die häufigsten hier verwendeten Impfstoffe) „unvollständig“ ist. Das ist eine etwas fragwürdige Erklärung, die von einigen Wissenschaftlern und Wissenschaftskommunikatoren verwendet wird, um die Notwendigkeit einer dritten Impfung zu begründen.

Der Rückgang der Wirksamkeit der Impfung gegen symptomatische Infektion (und damit auch des Schutz gegen Übertragung) ist die normale Reduktion der Immunantwort. Nach Abschluss der Impfung erreicht sie bei den meisten Geimpften ein Niveau, das auch eine Neuinfektion weitgehend ausschließt. Dieses kann aber, da es in diesem Fall auf einem hohen Antikörperspiegel beruht, nicht dauerhaft aufrecht erhalten werden. Ganz einfach gedacht, würde das Immunsystem seine Reaktion niemals zurückfahren, dann würden wir im Laufe des Lebens immer mehr metabolische Energie und Material in die Abwehr längst besiegter Eindringlinge binden. Allerdings hat die Impfung auch ein Immungedächtnis reifen lassen, auf dem das weiterhin hohe Schutzniveau gegen schwere Erkrankung basiert. Bei einer erneuten Infektion greift die reaktivierte Immunreaktion aber ggf. nicht mehr schnell genug, um eine Infektiösität zu unterbinden.

Hätten wir eine ausreichend hohe Impfquote, dann würde dieser Umstand aber nicht unbedingt ein Problem darstellen. Es wäre durchaus sinnvoll Auffrischimpfungen gefährdeten Menschen zu geben. Dagegen ist die Zirkulation des Virus unter den gesünderen Geimpften letztlich sogar notwendig, damit CoViD-19 in seiner milden Form eine neue endemische Erkältungskrankheit wird. Die Virusverbreitung müsste nicht durch eine dritte Impfung weiter verzögert werden. Das war wenige Monate zurück der Erkenntnisstand. Noch im September sind zum Beispiel in den USA Impfexperten der FDA aus Protest zurückgetreten, weil sie die geplante Kampagne mit Auffrischimpfungen für alle US-Bürger nicht für gerechtfertigt hielten. Und viele haben die moralische Verpflichtung weniger gut versorgten Ländern überschüssige Impfstoffe zur Verfügung zu stellen in den Vordergrund gestellt. (Da ist übrigens ein Teil unserer Vorräte von Comirnaty hingegangen.)

Im Prinzip hat sich an diesen Erkenntnissen auch nichts geändert, allerdings wurden zwischenzeitlich die Ergebnisse der Drittimpfungskampagne von Israel sichtbar. Israel hat nach Zweitimpfungen eine Impfquote von nur etwa 60%. Sie konnten aber einen Ausbruch im Juli/August relativ schnell unter Kontrolle bringen, was sie auf die Gabe von Drittimpfungen an 40% der Bevölkerung zurückführen. Das ist plausibel, denn wie gesagt, das Niveau an Immunaktivierung - gerade durch die Auffrischimpfung - kann die Übertragung wieder unterbinden und wenn man einen so großen Anteil der Bevölkerung so schnell als Infektionsweg ausschaltet, dann wirkt sich das auch auf die Verbreitung der Krankheit unter den Ungeimpften und Geimpften ohne Auffrischung aus. (Das wird nicht dauerhaft anhalten. Die auch in Israel nach dem letzten Ausbruch sicherlich weiterhin vorhandenen Lücken in der Bevölkerungsimmunität werden irgendwann wieder Probleme bereiten.)

Dieses Beispiel, dessen Erfolg sich im September gezeigt hat, ist die Inspiration für die gegenwärtigen Auffrischimpfungskampagnen in den westlichen Ländern. Ich vermute die Zögerlichkeit gerade der Koalition in spe liegt auch darin begründet, dass sie hoffen, um neue Kontrollmaßnahmen herum zu kommen, wenn der Ausbruch stattdessen mit Auffrischimpfungen so wie in Israel unter Kontrolle gebracht werden kann. Riskantes Kalkül.

Zurück zum Punkt, die Drittimpfungen sind letztlich nur eine Kompensation für die fehlende Abdeckung bei den Erst- und Zweitimpfungen und wären sonst nicht zwangsläufig notwendig. Wegen dem intensiven Ausspruchsgeschehen wurden sie auch hier als „Notschalter“ entdeckt und deshalb werden Auffrischimpfungen als dritter Teil einer Impfserie, die vermeintlich fälschlich auf zwei Impfungen begrenzt wurde, erkärt.

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