Und das bestreite ich nicht einmal - natürlich macht Russland aus jeder sich bietenden Situation „das Beste“ im Sinne seiner nationalen Interessen.
Aber das ist halt genau der Punkt: Es war diese Gelegenheit, die es ermöglicht hat. Und das ist der Kern von allem, was ich hier schreibe: Wir müssen aus diesen Situationen lernen, um solche „Gelegenheiten“ in Zukunft frühzeitig zu erkennen und gegenwirken zu können.
Wir haben nicht aus der Situation um Transnistrien gelernt und die Ukraine hat die Fehler Moldawiens wiederholt - und mir geht es darum, dass wir z.B. im Hinblick auf Belarus aus diesen Fehlern lernen müssen. Denn dort wird es mit großer Wahrscheinlichkeit binnen der nächsten Monate oder Jahre zu einer ähnlichen Situation kommen wie in der Ukraine: der pro-russische Amtsinhaber wird von der jüngeren, eher pro-westlichen Bevölkerung (hoffentlich!) aus dem Amt getrieben. Und ich hoffe schlicht, dass man aus Moldawien und der Ukraine die Lehre zieht, dass dieser Wandel in Belarus nicht zu einer massiven Spaltung des Landes führen darf - und das bedeutet eben, dass die (absolut nachvollziehbare) Ablehnung Russlands nicht dazu führen darf, dass die russischstämmigen Anteile der eigenen Bevölkerung, die im Rahmen der Sowjetunion dort umgesiedelt wurden, nicht zum „Feindbild“ der sich dort bildenden, pro-westlichen Revolution wird. Denn sonst wird es wieder eine Gelegenheit geben, die Putin, der wie ich in meinem ersten Post hier schon sagte ein absoluter Opportunist ist, wieder nutzen wird, um den Einfluss Russlands nicht auf dem gesamten Gebiet Belarus’ zu verlieren…
Sehen Sie das wirklich so viel anders?
Die Alternative wäre ein großangelegter Krieg gewesen, der die Beziehung sowohl zu Aserbaidschan als auch zur Türkei über Jahrzehnte vergiftet hätte. Und mal ehrlich: Hätten Sie das besser gefunden? Ich denke nicht - hätte Russland tatsächlich gesagt: „Wir verteidigen unseren Verbündeten gegen jeden Aggressor!“ hätte das Armenien genau so abhängig von Russland gemacht, wie dies jetzt der Fall ist - und auch schon vor dem Bergkarabach-Konflikt der Fall gewesen ist.
Welches Verhalten hätten Sie sich denn von Russland gewünscht? Also was hätte Russland Ihrer Meinung nach tun sollen, damit Sie sagen würden: „Das war gut und richtig!“? Wäre das überhaupt möglich gewesen? Hätte Russland gar nichts tun sollen, also das Bündnis mit Armenien brechen sollen? Hätte Russland einen regionalen Flächenbrand riskieren sollen, bei dem am Ende russische gegen türkische Soldaten kämpfen?
Ich denke, die Art, wie Russland hier gehandelt hat, war die beste unter zahlreichen miserablen Optionen - und genau deshalb sage ich, dass Russland an diesem Konflikt kein Interesse hatte, eben weil Russland, egal wie es handelt, maximal neutral aus der Sache rauskommt. Hier gab es für Russland einfach nichts zu gewinnen. Wie gesagt, Armenien war bereits der Verbündete und im Hinblick auf den Genozid durch die Osmanen ist verständlich, dass Armenien seit dem Ende der Sowjetunion absolut abhängig von russischer Verteidigung ist - und wenn man sich manche Rede von Erdogan anhört, weiß man auch, warum…
Gerade im Bergkarabach-Konflikt kann ich einfach nicht nachvollziehen, wie man hier eine große Schuld bei Russland sehen kann…
Im Hinblick auf Bergkarabach sehe ich schlicht keine „russische Machtpolitik“ - klar, dass Russland das beste aus einer beschissenen Situation macht, ist logisch. Aber das ist eben normal - dieser Situation den Spin zu geben, nach dem Russland als Aggressor dasteht, erscheint mir einfach fragwürdig.
Im Hinblick auf die Ukraine habe ich sehr deutlich gemacht, dass ich das Verhalten Russlands ablehne, aber nachvollziehen kann. Wie gesagt, das ist stumpfer Opportunismus Putins. Da wir dieses Verhalten nicht effektiv bekämpfen können (siehe Transnistrien, das seit jetzt über 30 Jahren russisch besetzt ist…) halte ich es für sinnvoller, zu schauen, wie wir verhindern können, dass sich solche Gelegenheiten ergeben - und wie wir verhindern können, dass Russland solche Gelegenheiten in der Zukunft ausnutzen kann.
Hier muss vielleicht nochmal ein Vergleich zu meiner früheren Arbeit als Sozialarbeiter her:
Wenn ich mit einem Nazi arbeiten muss, der verurteilt wurde, weil er einen Flüchtling verprügelt hat, kann ich natürlich einfach sagen: „Du scheiß Nazi, hör auf, Flüchtlinge zu verprügeln!“. Was glauben Sie, was ich damit bewirke? Wir können den Nazi natürlich immer wieder - so juristisch möglich - bestrafen. Dann legt er die klassische „Knast rein - Knast raus -Karriere“ hin und produziert in der Zwischenzeit immer wieder neue Opfer.
Oder ich kann mich mit dem Nazi im Rahmen der akzeptierenden Sozialarbeit zusammensetzen und versuchen, herauszufinden, was in seiner Vergangenheit schief gelaufen ist, dass er so ist, wie er ist. Welche Bedürfnisse er mit seinen Straftaten und seinen rechtsextremen Freunden zu erfüllen versucht - und wie man diese Bedürfnisse eventuell sozialfreundlicher erfüllen kann, wie man ihm helfen kann, wieder ein funktionierender Teil der Gesellschaft zu werden. Das klappt aber nicht, wenn ich im ersten Gespräch sage: „Ich halte dich für einen dreckigen Nazi!“, sondern das erfordert Beziehungsarbeit. Und natürlich funktioniert diese Methode auch nicht in jedem Fall - aber es ist in aller Regel einen Versuch wert.
Sehen Sie in diesem Beispiel die Parallelen zu meiner Einstellung gegenüber Russland?
Das können Sie natürlich als „Appeasement“ oder gar Schlimmeres sehen - ich hingegen sehe es als einzigen realistischen Lösungsansatz.