Laut Gesundheitsminister Lauterbach sind im letzten Jahr anstatt der erwarteten 50.000 Menschen insgesamt 350.000 Menschen neu „pflegebedürftig“ geworden. Ich nehme an das er damit sagen will, dass 350.000 Menschen neu einen Pflegegrad (1 bis 5) zugewiesen bekommen haben.
Lauterbach sagt, das Ministerium wisse noch nicht genau, woher die große Diskrepanz zwischen Prognose und Wirklichkeit komme. Vermutlich hänge es mit dem medizinischen Fortschritt zusammen, durch den ältere Menschen trotz hoher Pflegebedürftigkeit lange überleben können, während gleichzeitig die geburtenstarken Jahrgänge („Babyboomer“) in das Alter der zunehmenden Pflegebedürftigkeit kommen.
In jedem Fall sei das Pflegesystem so nicht länger finanzierbar. Es muss also entweder weniger von der gesetzlichen Versicherung finanzierte Leistungen geben oder die Beiträge müssen deutlich steigen (oder beides).
Für die Lage wäre das vielleicht eine gute Gelegenheit, ein komplexes Thema mal aufzuarbeiten bevor es durch den Wahlkampf völlig verdummt wird.
Als Vater eines schwerbehinderten Kindes mit Pflegegrad 4 würde ich mir außerdem wünschen, dass dabei auch mal thematisiert wird, dass das „System Pflege“ praktisch ausschließlich für alte Menschen konzipiert worden ist und alle anderen Menschen, insbesondere Kinder als unliebsamer Anhang rangefriemelt wurden, ohne das deren Bedürfnisse (und Chancen) angemessen berücksichtigt werden.
Zur Frage der Pflegereform: ich nehme an das zumindest ein Reformvorschlag sein wird, die Leistungen der Pflegeversicherung von der Lebenserwartung der versicherten Person abhängig zu machen.
Es wäre echt nett, wenn SZ, Tagesschau und Co hier die Primärquelle nennen würden.
Wenn ich es richtig sehe kommt das aus diesem Interview:
Da stehen dann auch ein paar konkrete Vorschläge:
Wir brauchen die Pflege-Bürgerversicherung, in die alle einzahlen.
[…]
Neben der Pflege-Bürgerversicherung brauchen wir zweitens einen höheren Steuerzuschuss, etwa für die Rentenbeiträge von pflegenden Angehörigen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Und drittens schlage ich vor, die Sozialhilfe für Pflegebedürftige zu reformieren.
[…]
Um den Betroffenen den Gang zum Sozialamt zu ersparen, könnten künftig die Pflegekassen die Hilfe zur Pflege auszahlen.
[…]
Wir werden die strikte Trennung zwischen ambulanter und stationärer Pflege durch neue Wohnformen aufheben, die eine Alternative sowohl zum betreuten Wohnen als auch zu den klassischen Pflegeheimen darstellen. Ich nenne das „stambulante Versorgung“.
Es sind 360.000 und nicht 350.000, aber nur als Randnotiz.
Können das denn wirklich schon die Baby-Boomer sein? Die Welle ist von 1957 bis 1968, d.h. die ersten wären jetzt 67. Das klingt für mich nicht logisch.
Da würde ich ja eher die Pandemie verantwortlich machen.
Ein Blick auf die Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes, das alle zwei Jahre Zahlen veröffentlicht, zeigt: So ungewöhnlich ist der Anstieg wirklich nicht. Allein von 2019 auf 2021 stieg die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland um mehr als 800 000 Menschen auf 4,96 Millionen. Ein Anstieg um 360 000 Pflegebedürftige im Jahr 2023 gleicht eher einer Fortsetzung dieser Entwicklung und weniger einer Explosion. Tatsächlich hat auch das Statistische Bundesamt, auf dessen interne Berechnungen sich Lauterbach beruft, für 2023 einen Anstieg der Pflegebedürftigen um 200 000 Menschen vorausberechnet.
Die deutsche Bevölkerungspyramide zeigt einen sprunghaften Anstieg der Seniorenzahlen für die geburtenstarken Jahrgänge der Nazi-Zeit, also die eher die Boomer-Eltern.