Das ist interessant, weil es in direktem Widerspruch zum Wikipedia-Artikel steht, der maßgeblich auf dem World Factbook, einer CIA-Publikation, basiert. Daraus (und das deckt sich mit den anekdotischen Informationen von Slarti und Christi):
Laut dem The World Factbook ist die Ukraine weltweit viertgrößter Importeur und sechstgrößter Verbraucher von Erdgas. Ursache dafür sind die nur wenig energieeffizienten Industriebetriebe sowie Verschwendung und Ineffizienz, die durch die früher tiefen Gaspreise gefördert wurden: Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt weist die Ukraine den höchsten Gasverbrauch weltweit auf.
Die Ukraine verbraucht derzeit 80 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich. 20 Milliarden stammen aus eigener Produktion, etwa 36 Milliarden werden in Turkmenistan gekauft. 17 Milliarden bezieht die Ukraine als Gegenleistung für den Transport russischen Erdgases nach Europa und der Rest (6 bis 8 Milliarden) werden von Russland gekauft.
Wenn man sich diese unterschiedlichen Zahlen anschaut, fällt auf, dass der große Unterschied vor allem im Bedarf liegt. Diesen gibt der Reuters-Artikel mit 27,3 bcm an, während der Wikipedia-Artikel 80 bcm angibt. Beide Artikel sagen übereinstimmend, dass die Eigenproduktion bei knapp 20 bcm liegt, die Information wird daher wohl korrekt sein. Eine Überprüfung des Wikipedia-Quellenlinks zeigt jedoch, dass die Quelle von 2006 ist. Aber irgendwie ist es schwer vorstellbar, dass der Gasverbrauch in 15 Jahren um 60% zurückgegangen ist. Wobei das natürlich auch sein kann, wenn tatsächlich früher das Gas massiv verschwendet wurde und durch den Gas-Streit in den späten 2000er-Jahren und die Krim-Krise ein Umdenken stattgefunden hat.
Ansonsten, was die Gasförderung betrifft, ist natürlich auch noch relevant, wo die Gasvorkommen liegen. Dazu mal diese Karte:
Kurzum:
Alle aktuell erschlossenen Gasvorkommen der Ukraine liegen im besetzten Ost-Gebiet oder um die Krim herum, sind also für die Ukraine aktuell nicht erreichbar. Und sollte die Ukraine einer Abtretung der Ostgebiete und der Krim zustimmen müssen, um den Krieg zu beenden (und darauf pocht Russland ja) würde sich das auch langfristig nicht ändern.
Ich denke die Karte zeigt daher ganz gut, warum die Ukraine ein solches „Angebot“ auf Frieden nicht annehmen könnte.
Die Frage, wo die Ukraine 2023 ihr Gas kauft, hängt daher maßgeblich davon ab, ob die Ukraine die Ostgebiete oder gar die Krim zurückerobern kann. Und ob die Ukraine im westlichen Landesteil neue, vermutete Gasvorkommen erschließen kann.