Der Mann hat für diese fulminante Rede ‚Standig Ovations‘ bekommen - in Davos! Er zeigt klar auf, wie die Mittelmächte in dieser neuen Welt sich verhalten sollten, um Willkühr und Macht wirksam etwas entgegenzusetzen und sich zu behaupten. Und er sagt klar, dass, um das zu erreichen, die Zeiten der Doppelstandards, mit denen wir immer wieder schwiegen und wegschauten, wenn die USA gegen die selbst aufgestellten Regeln verstoßen haben, vorbei sind.
… Und all das in einem völlig unaufgeregten, souveränen Ton, ohne Jammern, Anklagen, Vorwürfe, Kritik.
Geradezu Churchil-haft.
Die EU-Führer sollten sich das zum Vorbild nehmen.
(… und Linke, Grüne und Afd schreddern das Mersocur-Abkommen im EU-Parlament. Ich schäme mich für die Grünen!)
Ich bin ganz deiner Meinung, die Rede war großartig und vor allem das klare benennen von Doppelmoral war ein Novum. Dabei bezieht er sich aber gar nicht ausschließlich auf die USA. Stattdessen kann man sie als Generalkritik auf die doppelten Standards der westlichen Welt verstehen, die Donald Trump auf die Spitze getrieben hat.
Auch Deutschland kann sich hier bei den asymmetrischen Handelsregeln angesprochen fühlen.
Wir wussten, dass die Geschichte dieser regelbasierten Ordnung teilweise falsch war: dass die Stärksten sich bei Bedarf ausnahmen, dass Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden. Und wir wussten, dass internationales Recht mit unterschiedlicher Strenge angewandt wurde, abhängig von der Identität der Beschuldigten oder der Opfer.
Und dieses Statement erinnert mich an unsere Empörungsthreads zu Donald Trump. Dort wird, ebenso wie in unserer Medienlandschaft leidenschaftlich über seine Skandale gesprochen, aber die Notwendigkeit sich selbst um Verteidigung zu kümmern wird weitgehend weggewischt. Es drohen doch gar keine echten Gefahren.
Die multilateralen Institutionen, auf die sich die mittleren Mächte verlassen haben, die WTO, die UN, die COP, die Architektur, die eigentliche Architektur kollektiver Problemlösung, ist bedroht. (…) Wenn die Regeln dich nicht länger schützen, musst du dich selbst schützen.
Die folgende Aussage kam dann wohl für die Mercosur Blockierer links und rechts zu spät. Vielleicht wäre hätte man noch einmal über sich nachgedacht.
Dies ist die Aufgabe der mittleren Mächte – der Länder, die in einer Welt der Festungen am meisten zu verlieren und durch echte Kooperation am meisten zu gewinnen haben. Die Mächtigen haben ihre Macht. Aber wir haben auch etwas, die Fähigkeit, mit dem Vortäuschen aufzuhören, die Realität zu benennen, unsere Stärke zu Hause aufzubauen und gemeinsam zu handeln.
Er hat den Status quo endlich ehrlich benannt, ohne dieses zaghafte oder gar unterwürfige Umschiffen (looking at you Keir Starmer and Mark Rutte!) des offensichtlichen orangenen Elefanten im Porzellanladen, den wir mal die regelbasierte Weltordnung oder den Westen genannt haben. Vor allem dieser Satz ist mir in Erinnerung geblieben:
The middle powers must act together, because if we’re not at the table, we’re on the menu.
Das bringt die neue Weltordnung in einem Satz auf den Punkt.
Ich habe mir inzwischen auch die Rede von Merz angehört und der Kontrast zu Carney könnte kaum größer sein. Während Carney den Bruch mit der bisherigen Ordnung offen benennt, bleibt Merz im Modus der Verwaltung, obwohl es nicht mehr viel Westliches mit den USA zu verwalten gibt:
bekannte Floskeln, bekannte Appelle, keine erkennbare strategische Neuausrichtung
Und vor allem keine einzige Kritik am Vorgehen von Trump im Fall Grönland, auch nicht durch die Blume, eher im Gegenteil. Dass Merz aktuell außenpolitisch keinen leichten Job hat, steht aber wohl auch außer Frage. Es ist ein beispielsloser Drahtseilakt zwischen:
Erhalt der NATO / Schutz Europas
vs.
Amerikanischen Imperialismus bekämpfen / Europäische Unabhängigkeit herstellen
Das Project 2025 hat ja schon böses erahnen lassen vor Trump II, aber mit solch einem Horror-Zirkus hätte ich niemals gerechnet. Dies aber ständig nur anzuprangern, bringt uns keinen Meter weiter, es zählt was Europa daraus ableitet und wie wir in Zukunft handeln.
Also stellen sich für mich ein paar Fragen bzgl. Deutschland und Europa:
Wenn Kanada als direkter Nachbar der USA so etwas formulieren kann, warum kann das Europa und vor allem Deutschland dann nicht?
Ist es wichtiger für uns auf Zeit zu spielen (im Sinne von eigene Verteidigungsfähigkeit herstellen und dem Ukrainekrieg) oder endlich offen und ehrlich die deutsche und europäische Abkopplung von den USA voranzutreiben?
Ist Europa und vor allem die EU überhaupt in der Lage eine gemeinsame eigenständige Geopolitik zu betreiben (siehe Blockade Mercosur-Abkommen )?
Weil Kanada einen Ozean zwischen Russland und sich hat. Putins Aggressivität verleiht Trump Macht über Europa, weil Europa zu Abschreckung Russlands weitgehend auf die USA angewiesen ist.
Aber zumindest Teile von Carneys Positionierung sollten auch Europäer übernehmen, wie wertebasierten Pragmatismus und die Beteiligung an vielen Zweckbündnissen, um die eigenen Position gegenüber den Großmächten zu stärken.
Ergänzend sei erwähnt, dass Kanada wenig Rücksicht darauf nehmen muss, dass die USA in der Ukrainefrage im Boot bleibt. Für Europa gilt das weniger.
Außerdem gehe ich davon aus, dass es eine Aufgabenteilung gibt. Nur auf Konfrontation mit der USA setzen wäre dumm. Nur auf Freundschaft ebenfalls. Stattdessen teilen sich Europas Leader auf in Good Cops und Bad Cops (und ein paar stille Zaungäste). Das bietet weit mehr Freiheiten in der Verhandlung.
In diesem Zusammenhang fand ich den neuesten Sicherheitspodcast sehr interessant und hörenswert. Rike Franke, Frank Sauer, Carlo Masala & Thomas Wiegold diskutieren das Thema aus zwei Richtungen:
Macht (Was ist es? Wer hat Macht? Wie gestaltet man Macht? Wo liegt der Handlungsraum für die Beteiligten? Haben BigTech inzwischen mehr Macht als Staaten?)
Narzistische Staaten (Was ist es? Wieso Staat und nicht Person (z. B. Trump)? Welche Merkmale hat Narzismus auf dieser Ebene? Woran erkennen wir ihn? Wie mit Narzistischen Staaten umgehen?)
Beide Aspekte fand ich super spannend und nachdenkenswert. Sie erörtern in diesem Zusammenhang im Übrigen auch die Rede von Mark Carney.
Hört mal rein:
Hier noch die Studie von Sofie Lilli Stoffel & Philipp Yorck Herzberg
Ich fände wichtig, dass das viele Menschen für sich durchdenken, verstehen und entsprechend handeln. Denn der Umgang mit Narzisten betrifft auch unsere beruflichen Entscheidungen – egal in welcher Disziplin wir arbeiten. Auch wir spielen das Spiel mit bzw. könnten darauf anders reagieren. Wir üben ja mit unserem Handeln wiederum Wirkung auf unsere Regierung aus. Je klarer wir sind, in welcher Welt wir leben wollen und was unser eigener Beitrag dazu ist, desto klarer wird auch dort das Bild. Wir müssen nicht abwarten, bis andere für uns entscheiden. Wir selbst bauen Zukünfte. Diese Verantwortung sollten wir nicht abgeben.
Was nicht gleichbedeutend damit wäre, dass ich die Verantwortung beim einzelnen Individuum sehe. Das wäre hier genauso falsch wie es in Bezug auf die Anpassung an den sicheren Handlungs-Raum planetarer und sozialer Grenzen ist. Doch auch wir entscheiden mit über die Rahmen-Bedingungen, die wir anderen eröffnen oder sie verbauen – und sei es durch unsere Technik-Entscheidungen, unsere Geschäfts-Modelle, unsere Arbeits-Angebote, unsere Produkte und Dienstleistungen. Da also mal draufrumdenken.