Was erzeugt Populismus? Eine Meta-Analyse kausaler Evidenz auf Basis Cambridge University Press

Liebes Lage-Forum,

ich möchte auf eine interessante Analyse zum Thema Populismus hinweisen und freue mich, wenn es hilft die Themen rund um Pololismus einzusortieren und aus wissenschaftlicher Betrachtung zu verstehen.

https://www.reddit.com/r/Wirtschaftsweise/comments/1p7lhcm/was_erzeugt_populismus_was_gibt_afd_trump_und_co/


AI-Generierte Zusammenfassung der Inhalte

1. Hauptbefund der Forschung: Wirtschaftliche Unsicherheit erklärt den größten Teil des Populismus

Die Meta-Analyse von 36 Studien (Scheiring et al., 2024) zeigt:

  • Alle 36 Studien finden einen signifikanten kausalen Zusammenhang zwischen ökonomischer Unsicherheit und dem Anstieg populistischer Parteien.

  • Wiederkehrende Größe: Ökonomische Unsicherheit und wirtschaftliche Schocks erklären rund 30 % des jüngsten Populismus-Anstiegs.

  • Typische Ursachen:

    • Globalisierungs- und Handelsschocks (z.B. China-Importdruck)

    • Automatisierung

    • Offshoring

    • Lohnstagnation

    • Regionale Industriezerfälle

    • Prekäre Beschäftigung

Fazit: Nicht Migration, sondern wirtschaftliche Verwerfungen sind der stärkste Treiber.


2. Austerität (Sparpolitik) als massiver Verstärker

Studien wie Fetzer (2019) zeigen:

  • Sparpolitik (z. B. „schwarze Null“) führt zu massivem Anstieg rechter und populistischer Wahlunterstützung.

  • Austerität kann Wahlresultate entscheiden (Brexit wäre laut Studie ohne Austerität wahrscheinlich nicht passiert).

  • Abbau von Sozialleistungen → mehr Unsicherheit → mehr Populismus.

Wichtiger Punkt:
Ein funktionierender Wohlfahrtsstaat schützt vor Populismus. Kürzt man ihn, fördert man Populismus aktiv.


3. Kultureller Backlash als zusätzlicher Mechanismus (Inglehart, Norris, Stecker)

  • Gesellschaftlicher Wertewandel erzeugt eine Gegenreaktion bei Teilen der Bevölkerung mit traditionelleren Werten.

  • Diese Menschen erleben:

    • Verlust von Status und Ordnung

    • Überforderung durch schnelle kulturelle Veränderungen

    • Verstärkung der Unsicherheit durch ökonomischen Druck
      Nährboden für autoritär-populistische Rhetorik.


4. Migration wirkt NICHT per se populismusfördernd – nur unter bestimmten Bedingungen

Kontakt reduziert Rechtspopulismus (Steinmayr, 2016):

  • Direkter Kontakt zu Geflüchteten:

    • reduziert Ängste

    • macht Integration als machbar wahrnehmbar

    • senkt Stimmen für rechte Parteien messbar (−4,4 % FPÖ)

Bedrohung ohne Kontakt schafft Angst (Dinas et al., 2019):

  • Wenn viele Geflüchtete plötzlich auftauchen, aber ohne realen Kontakt, steigt Rechtsextremismus leicht an.

  • Verstärkt durch:

    • wirtschaftliche Unsicherheit

    • chaotische Situationen

    • mediale Panik

Kernschluss:
Migration ist kein Grund für Populismus – Angst vor Migration ohne Kontakt, kombiniert mit ökonomischer Unsicherheit, ist es.


5. Zentrale psychologische und soziale Mechanismen

Studien identifizieren u. a.:

  • Statusverlust und Statusdiskrepanz („Wir waren mal besser dran“, „Andere holen auf“)

  • Relative Deprivation („die anderen bekommen mehr“ – oft subjektiv, nicht objektiv)

  • Regionale Ungleichheit / Abgehängtsein

  • Wohnungsmarktstress (z.B. hohe Preise)

  • Misstrauen gegenüber politischen Institutionen

Wichtig:
Unzufriedenheit entsteht oft subjektiv – tatsächliche ökonomische Lage ist weniger entscheidend als das Gefühl bedrohter Sicherheit.


6. Populismus verschärft selbst die Ungleichheit

Berichte und Analysen (z. B. Guardian 2025, UN-Berichte):

  • Populisten behaupten, für „das Volk“ zu kämpfen.

  • In der Macht setzen sie oft Politik um, die:

    • Sozialstaat schwächt,

    • Ungleichheit erhöht,

    • Reiche und Konzerne begünstigt.

  • Beispiele: Trump, Milei.

Paradox:
Sie leben politisch davon, Krisen zu verschärfen, weil Krisen ihre Wählerbasis vergrößern.


7. Rechte Parteien profitieren davon, wenn konservative Parteien Migration überbetonen

  • Rechtspopulisten setzen bewusst auf Themen wie Kriminalität, Migration, Sicherheitsängste.

  • Wenn bürgerliche Parteien (z. B. CDU/CSU) diese Themen übernehmen, stärken sie die Rechtspopulisten zusätzlich (Nawiasky-Effekt).

  • Ökonomische Ursachen werden aus dem Fokus gedrängt – die Probleme verschärfen sich weiter.

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Warum verlinkst du einen Reddit Post statt die Originalveröffentlichung zu nutzen? Zumal die Originalquelle Open Source veröffentlicht ist.

Liest sich spannend und hoch informativ. Ich werde aber sicher noch etwas brauchen, um die Quelle ganz durch zu haben.

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Aufs ‘Kleingedruckte’ kommt es hier an:

[R]elated to the notion of insecurity, status loss12 (Gidron and Hall 2017), and status discordance13 (Kurer and Van Staalduinen 2022) appear to be a stronger predictor of the populist vote than more direct measures of economic deprivation, such as unemployment. This underpins the importance of utilizing fine-grained measures of economic insecurity, as emphasized in our study.

(Hervorhebung von mir)

Das wurde hier schon mal recht gut beschrieben:

Laut den ISSP-Umfragen war eine Gruppe besonders anfällig für die Propaganda rechter Parteien: Menschen, die sich selbst viel weiter oben in der Status-Hierarchie verorten, als ihr Einkommen vermuten lässt.

Es sind also Menschen, bei denen Wunsch und Wirklichkeit besonders weit auseinanderklaffen. Und die darunter zu leiden scheinen, dass sie sich stark mit anderen vergleichen.

[…] Patrick Forber von der Tufts Universität in Boston setzt das Ultimatum-Game ein, um zu verstehen, was solch destruktives Verhalten begünstigt.

Er hat dabei herausgefunden, dass dies meistens im Kampf um sozialen Status passiert. Wenn sich der Wettkampf um Plätze in der sozialen Hierarchie intensiviert, versuchen die Zurückgelassenen anderen zu schaden, um ihren Platz in der Rangordnung wiederherzustellen.

Man findet diese Logik sehr explizit bei den Anhängern rechter Parteien wieder, die sehr wohl ahnen, dass sie wirtschaftlich leiden könnten, wenn ihr Land zum Beispiel die EU verlässt oder hohe Zölle einführt. Aber sie gehen auch davon aus, dass andere Gruppen noch stärker darunter leiden werden als sie. Dass die Gesellschaft als Ganze vielleicht etwas ärmer werden wird – aber dass ihr eigener sozialer Status in der neuen Ordnung höher sein wird als vorher.

https://archive.is/KquhE

Aus der empirischen Psychologie, für die politologische Studien (weitgehend) blind sind, weiß man wiederum, dass nur bestimmte Menschen so ticken, nämlich insb. solche, die hohe Werte bei der SDO haben:

Social dominance orientation (SDO) is a personality trait measuring an individual’s support for social hierarchy and the extent to which they desire their in-group be superior to out-groups. […] It is a predisposition toward anti-egalitarianism within and between groups.

Individuals who score high in SDO desire to maintain and, in many cases, increase the differences between social statuses of different groups, as well as individual group members. Typically, they are greedy and seekers of power.

Zusammen mit der politischen Einstellung des Autoritarismus (Right-Wing-Authoritarianism, kurz RWA) bildet SDO das stärkste Prädiktorenpaar für Vorurteile.

(Wikipedia)

Das Ding ist nun folgendes: Solche Leute interessieren sich nicht für mehr soziale Gerechtigkeit, sondern nur für den eigenen Platz in der gesellschaftlichen Status-Hierarchie.

Dies sei erwähnt, weil viele Linke glauben, dass man mit einer linkeren Politik rechtes Wahlverhalten stark verringern könnte.

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Kein echter Widerspruch, aber doch eine Anmerkung: Ich habe oft an experimenteller Wirtschaftsforschung an meiner Hochschule teilgenommen. Meist haben auch wir Varianten des Ultimatumspiels gespielt. Deshalb bezweifle ich, dass nur eine gewisse Gruppe destruktives Verhalten gegenüber kleinen, aber ungerechten Vorteilen vorzieht.

Ich habe kein Spiel erlebt, in dem nicht früher oder später ungerechtes Verhalten eine destruktive Handlung der übrigen Mitspieler nach sich zog. Das ist auch nach der Spieltheorie eine gängige Strategie, denn nur so bringt man einen ungerecht handelnden Gegner möglicherweise dazu, auf den Pfad der Gerechtigkeit zurückzukehren.

Das Problem daran ist, dass auf internationaler Ebene destruktiv immer nur aus einer Machtposition heraus funktioniert. Wenn ein nationalistisches Deutschland oder eine rechte EU andere Länder nun wegstößt, dann sagen die anderen: ‚Who cares‘ und suchen sich andere Partner. Die USA dagegen können es sich aktuell noch leisten, werden aber perspektivisch Nachteile daraus ziehen, da sich andere langfristig abwenden werden. Wenn die Machtposition aber schwindet, dann schwindet auch die Option, durch destruktives Verhalten empfundene Gerechtigkeit wieder herzustellen. Und dann ist man wieder schwach.

Ansonsten gehe ich aber im Ergebnis mit. Menschen mit hohem Statusdenken wird man nicht mit gleichmachender Politik zufrieden stellen. Das ist ein Irrglaube. Wer sich darüber definiert, dass es ihm besser geht bzw. gehen sollte als anderen, den wird linke Politik eher wegstoßen als einbinden. Die Frage ist, wie vermittelt man das, denn es ist nun wahrlich keine winzige Gruppe.

Hier geht es ja um Unterschiede zwischen Gruppen von Menschen verschiedener Persönlichkeitsdisposition.

Das Ultimatum-Spiel in seiner Grundversion zeigt zunächst, dass alle Menschen Schwellen haben, jenseits derer sie irrational reagieren.

Das ist im Grundspiel nicht vorgesehen.

Die Verhaltenstendenz ist zunächst universell und auch im Tierreich beobachtbar (z. B. “Monkeys reject unequal pay”, Brosnan & de Waal 2003).

Daher würde ich nicht von überlegtem Handeln sprechen.

Forber hat seine Experimente in den Kontext der evolutionären Entwicklung der Boshaftigkeit gestellt (vgl. “The evolution of fairness through spite”, Forber & Smead 2014):

[S]pite also evolves.

Nun stellt sich aber die Frage, ob diese Boshaftigkeit in der Bevölkerung gleich verteilt ist.

Bei SDO (s. o.) ist das jedenfalls nicht der Fall:

The genetic underpinnings of right-wing authoritarianism and social dominance orientation explain political attitudes beyond Big Five personality”, Kleppesto et al. 2024

RWA und SDO sind allerdings, wie bereits erwähnt, das stärkste Prädiktorenpaar für Vorurteile.

Demensprechend gibt es - leider - kein erfolgsversprechendes Rezept gegen rechtsextreme Einstellungen und somit nicht gegen das Wählen von Rechtsextremen.

Das Konzept ist auch bekannt unter der Bezeichnung “Russische Außenpolitik”…

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