Warum Kassenpatienten länger warten müssen als Privatpatienten

Interessanter Artikel dazu:

Leider hinter Paywall.

Die Zusammenfassung des Textes (per ChatGPT):
Die Kernaussage des SPIEGEL-Artikels: Kassenpatienten warten nicht zufällig länger. Das Vergütungssystem schafft für Arztpraxen einen deutlichen finanziellen Anreiz, Privatpatienten schneller zu behandeln.

  • Bundeskanzler Merz bezeichnet die unterschiedlichen Wartezeiten als Gerechtigkeitsproblem, nennt aber noch keine konkrete Lösung.

  • Eine SPIEGEL-Auswertung von rund 24.000 Doctolib-Suchergebnissen aus April und Mai 2025 zeigt erhebliche Unterschiede. Beispielsweise betrug die mittlere Wartezeit beim Lungenfacharzt 129 Tage für Kassenpatienten und 35 Tage für Privatpatienten.

  • Hauptursache ist die unterschiedliche Vergütung:

    • Kassenärzte müssen bei vollem Versorgungsauftrag mindestens 25 Wochenstunden für gesetzlich Versicherte anbieten.

    • Das dafür verfügbare Honorar ist begrenzt. Zusätzliche Behandlungen erhöhen den Gesamtverdienst häufig nicht, sondern senken rechnerisch die Vergütung pro Fall.

    • Privatversicherungen bezahlen dagegen grundsätzlich jede einzelne Leistung.

  • Privatpatienten brachten einer Praxis 2023 durchschnittlich rund 74.000 Euro mehr Umsatz, als dieselben Behandlungen nach Kassentarif erbracht hätten. Die Ärzteschaft argumentiert, damit würden Personal und Geräte für alle Patienten mitfinanziert. Gleichzeitig erkaufen diese höheren Honorare faktisch frühere Termine.

  • Seit 2019 werden bestimmte Kassenbehandlungen außerhalb des Budgets vollständig bezahlt – etwa über Terminservicestellen, dringende Hausarztüberweisungen und offene Sprechstunden. 62 Prozent der dringend vom Hausarzt vermittelten Patienten erhielten dadurch innerhalb von vier Tagen einen Facharzttermin.

  • Für den SPIEGEL ist dies der entscheidende Beleg: Wenn die gesetzliche Krankenkasse ähnlich wie eine Privatversicherung bezahlt, bekommt auch der Kassenpatient schneller einen Termin.

  • Das geplante Primärarztsystem soll Patienten künftig zunächst über den Hausarzt steuern. Es wird voraussichtlich frühestens 2028 wirksam und gilt nicht für Privatversicherte. Die unterschiedliche Behandlung beider Gruppen beseitigt es daher nicht.

  • Gleichzeitig soll ab Januar 2027 die zusätzliche Vergütung für vermittelte Termine und offene Sprechstunden entfallen. Die bestehenden Verpflichtungen der Praxen bleiben jedoch bestehen.

  • Erste Praxen planen deshalb Leistungskürzungen. Der im Artikel zitierte HNO-Arzt will wöchentlich 30 Sprechstunden beziehungsweise rund 180 Kassentermine streichen; dadurch entfällt eine Arztstelle.


Die Einschätzung aus meinem persönlichen Umfeld, in dem auch ein paar Ärzte vorhanden sind, deckt sich mit dem Artikel. Durch das pauschale Abrechnungssystem der gesetzlichen Krankenkassen ist die Behandlung von Kassenpatienten über dem Pauschalsatz einfach nicht sinnvoll. Man stelle sich vor, der Bäcker bekommt von Gesetzwegen vorgeschrieben, dass er zwar so viele Brötchen pro Woche verkaufen kann, wie er will, aber nur Geld für 1000 Brötchen bekommt. Ab dem 1001ten muss er sie kostenlos abgeben.
Die geplante Gesetzgebung wird das ganze weiter verschlimmern, sodass Kassenpatienten noch schwieriger einen Termin bekommen werden. Da die privaten Kassen die Leistungen bei jedem Patient zahlen (und diese auch noch höher sind), kann ich jeden Arzt verstehen, der offene Termin dann eher an Privatpatienten vergibt.

Und nur um das Argument vorweg zu nehmen: Ja, Ärzte verdienen gutes Geld. Das sagen auch alle in meinem Bekanntenkreis. Und keiner der Ärzte wird an den neuen Regelungen pleite gehen. Der große Nachteil, den ich an den Maßnahmen sehe, ist, dass die sowieso schon knappen Terminslots dadurch weiter verringert werden.
Als kleine Anekdote: Ich habe im Freundeskreis auch eine Person, die Herzkrank ist. Bei einem Kontrolltermin beim Hausarzt wurde etwas festgestellt, was mit dem behandelnden Kardiologen abgeklärt werden muss. Überweisung an Kardiologen → frühestmöglicher Termin ist in 8 Monaten. Na danke, vielleicht braucht man dann den Termin gar nicht mehr …

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Unabhängig davon: Es ist doch vollkommen klar, dass niemand - auch Ärzte nicht - gerne für umsonst arbeitet.

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Nein. Sie wissen aber auch, dass sie mit der Annahme eines Kassensitzes gewisse Verpflichtungen eingehen.

Sie haben damit nicht nur eine Begrenzung ihrer Einnahmen, sondern auch eine de facto Einnahmegarantie in sehr auskömmlicher Höhe Höhe.

Ich finde die Debatte über unvezahlte Arbeit in diesem Kontext unredlich und gierig. Denn ja: Niedergelassene Ärzte verdienen wahnsinnig gutes Geld.

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Man darf aber auch den Weg dorthin und den Wettbewerb nicht vergessen.

Es hat schon seinen Grund, warum gerade auf dem Land Kassensitze immer öfter leer bleiben, Praxen mit dem Renteneintritt des Arztes zu machen. Und die Quote von zugewandten Ärzten stark gestiegen ist.

Wenn du erstmal Abi, 10 Jahre Studium und dann nochmal ein paar Jahre einlernen vor dir hast bevor du dich überhaupt auf einen Sitz bewerben kannst der dich Mittel bis hoch sechsstellig kostet. Dann kommt da ein ordentliches Monatsgehalt raus bevor das auch nur mit regulären ausgebildeten Fachpersonal mithalten kann. Von dem Papierkram den du nach dem 8h+ Arbeitstag noch vor dir hast ganz zu schweigen.

Und wenn dann der Wohnort auch noch Scheiße ist, niemand in deiner Altersklasse dort wohnt und vorhersehbar wortwörtlich ausgestorben ist bevor du in Ruhestand kannst ist das Problem nochmal viel größer.

Ärzte haben seit 1990 bereits Reallohn im zweistelligen Prozentbereich verloren. Ärzte in Deutschland behandeln bereits mehr Patienten pro Arbeitstag als viele anderen Länder. Und das auch nicht nur um ein bisschen sondern wir liegen mehr als doppelt über Ländern wie Schweden oder Schweiz. Und etwas hinter Südkorea, Türkei oder Russland.

Wir beobachten aktuell, dass es nicht mehr ausreicht um genügend Ärzte zu dieser Arbeit zu bewegen und die Versorgung auf dem gewohnten Niveau aufrecht zu erhalten.

Das kann es am Ende auch nicht sein. Ganz egal wie man es betrachtet läuft da etwas schief.

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Selbstverständlich liegt es am Geld was die Ärzte verdienen. Hat ja nen Grund, dass man nach nem Arbeitsunfall der über die BG abgewickelt wird vergleichsweise schnell Termine bekommt - denn die Zahlen dem Arzt oftmals mehr Geld als die KK.

Das System entwickelt sich gerade dahin und wird sich weiter dahin entwickeln, dass man für ärztliche Leistungen immer privat wird zuzahlen müssen. Im zahnärztlichen Bereich rollt das gerade aus und bei den anderen Ärzten kommt es auch. GKV wird nur noch ein Grundsockel sein und gewisse Versorgungsstandards und Termingeschwindigkeiten sind dann Privatleistungen. Das hat für alle Beteiligten nur Vorteile:

DIe Ärzte verdienen endlich wieder ausreichend Geld, die Politiker können die Beitragssätze zur GKV stabil halten und die Mehrkosten landen zu 100% bedarfsgerecht bei den Arbeitnehmern. Außerdem nehmen Menschen mit geringen EInkommen bzw. Sozialhilfeempfänger keine knappen Facharzttermine mehr in Anspruch und verabschieden sich damit umso zeitiger aus dem Sozialsystem. Ruckizucki ist das Gesundheitssystem so saniert. /s

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Das eigentliche Problem ist der Unterschied im System.
Habe ich die Wahl, einen Kassenpatienten kostenlos zu behandeln oder einen Privatversicherten, den ich abrechnen kann, dann ist doch die Wahl klar.
Solange man die Systeme so unterschiedlich ausbildet, wird es immer zu solchen Entscheidungen kommen.
Anders ist es z.B. bei Kieferorthopäden. Warum? Bei Erwachsenen zahlt die gesetzliche Krankenkasse da so gut wie nichts, sodass die Patienten fast alles Selbstzahler oder privat Versicherte sind. Und siehe da, die Terminvergabe zeigt keine Unterschiede laut dem Artikel im Spiegel.

Und nur mal ein kleines Beispiel für abrechnungsfähige Kosten eines Urologen:
Bei einem Patienten ab 60 Jahre kann ein Urologe für das Wechseln eines
suprapubischen Blasenkatheter: 6,75€
transurethalem Dauerkatheter: 8,66€
abrechnen.
Zusätzlich kann der Arzt einmal pro Quartal nochmal die Grundpauschale von 25,68€ abrechnen.
Da ein Patient auch mehrfach im Quartal zum Wechsel kommen kann, deckt sich der Arbeitsaufwand beim ersten Besuch vielleicht gerade noch, da der Arzt dann zwischen 33 und 35€ abrechnen kann. Ab dem zweiten Besuch dann nur noch die 6,75€ bzw. 8,66€. Damit kann er nicht mehr kostendeckend arbeiten.

Im Unterschied dazu kann der Arzt bei einem Privatpatienten zwischen 31,36€ und 53,21€ abrechnen, und zwar bei jedem Besuch.
Das ist jetzt nur ein Beispiel für die Unterschiede zwischen Kasse und Privat. Davon gibt es unzählige.
Solange diese Schieflage besteht bzw. durch unsere Politik weiter ausgebaut wird (auch wenn Merz was anderes sagt), wird sich daran nichts verbessern.
Und nein, ich bin kein Arzt.

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Exakt. Deswegen muss das System der Privatversicherung halt auch weg, und auch all diese komischen Regularien mit irgendwelchen Budgets, die im GKV-System über die Jahrzehnte angehäuft wurden. Alles ersatzlos streichen. Stattdessen Ärzten für jede Behandlung ein Honorar zahlen gemäß einem ohnehin längst existenten Leistungskatalog, der einfach nur mal etwas angehoben werden müsste, damit keine Notwendigkeit für das Verbuchen möglichst viel teurer abrechenbaren Privatleistungen mehr besteht. Für diese Anhebung wäre nach der Integration der zahlungskräftigen, das Gesundheitssystem generell eher wenig (aber wenn, dann teuer) in Anspruch nehmenden Rosinenkunden, die sich die PKVen derzeit gezielt aus dem Bevölkerungspool picken dürfen, in ein Bürgerversicherungssystem auch genug Geld da.

Es ist ja dieselbe Geldgesamtmenge, die auch jetzt offensichtlich für die derzeit tätigen Ärzte auskömmlich ist. Sie würde dann nur nicht mehr aus einer Schieflage heraus verteilt, in der sie das Incentive setzt, einem kleinen Personenkreis wesentlich mehr Aufmerksamkeit zu widmen, weil auf einem weit überproportionalen Teil dieser Geldscheine quasi die Namen der Privatversicherten stehen.

Bzw. genaugenommen wär sogar mehr Geld da: eine private Krankenkasse hat einen ungefähr doppelt so hohen Verwaltungsoverhead wie eine gesetzliche, und zwar hauptsächlich, weil sie konstant für das Werben von Neumitgliedern zahlen muss und ein Heer von Versicherungsmaklern hohe Provisionen bezieht, für die sie rein gar keine gesundheitlich wertvolle Dienstleistung erbringen. Eine Bürgerversicherung braucht, ähnlich wie die jetzigen gesetzlichen Krankenversicherungen, nahezu kein Marketingbudget.

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Stimmt, in meinen Augen ist das auch ein gewaltiger Verfassungsbruch.
Natürlich hat man das System mit irgendwelchen rechtlichen und gesetzgeberischen Tricks so gebaut, dass es offenbar in Karlsruhe immer wieder ungeschoren davon kommen kann, aber das eine da facto vom Gesetz vorgeschriebene Ungleichbehandlung von Patienten nicht dem Geist des allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatzes entspricht, ist mMn offensichtlich.

Da aber genau jene Kräfte in Politik, Verwaltung und Rechtsprechung, die das ändern müssten, gerade die Nutznießer des Systems sind und sie auch die Besserverdiener und Reichen „im Boot haben“, bräuchte es schon eine gewaltige, geeinte Basis-demokratische Kraftanstrengung der anderen 90% der Bevölkerung um das zu ändern.

Bis dahin bleibt es ein gewaltiger Makel unserer verfassungsmäßigen Demokratie und ein dankbares Anschauungsobjekt für all jene, die unsere Demokratie in Frage stellen wollen.

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Das Argument mag toll klingen - wäre aber nur sinnvoll wenn sie dazu auch eine garantie über ihre Ausgaben bekommen… was nicht der Fall ist
Für eine Sprechstunde mag das noch funktionieren, da fallen nur Fixkosten an (die die Ärtze deiner Argumentation nach gerne mal verschenken sollen) aber bei jeder OP gibt es ja auch Kosten die nur durch diese OP anfallen, da dann zu fordern dass könnten die Ärtzte auch mal verschenken wirkt auf mich ein wenig verkürtzt

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grundsätzlich stimme ich dir zu, dass eine einheitliche Kasse und eine Abrechnung nach Leistungskatalog überzeugend wären, aber die Budgets sind nicht nur eine dumme/fiese Erfindung der Kassen, es geht schon auch darum dass Ärtzte selbst die Diagnose ausstellen die später entscheidet wieviel Geld sie bekommen

auch wenn die Notwendigkeit des Upcodings dann entfallen mag entfällt ja nicht die Motivation…

ich fände dazu aber mal eine ausführliche Lage interessant in der das gesamte Medizin-System dargestellt wird und grundsätzlich andere Optionen diskutiert werden - bspw. Ärtzte bekommen auf KV-Stellen einfach einen fixen Lohn und agieren wie Angestellte des allgemeinen Gesundheitswesens, andere erfolgreiche Modelle mit Unternehmer:innentum der Ärtzte…

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Viele spannende Beiträge hier im Thread! Das Thema würde ich wirklich gern in der Lage sehen. Vor allem jetzt wo Merz durch seine Ansage die Tür aus Versehen einen Spalt aufgemacht hat.

Ich kann auch überhaupt nicht verstehen, dass das aktuelle System innerhalb der Verfassung liegen soll. Und außer einem „Wir wollen Reichen Vorteile geben, damit es attraktiv ist reich zu sein“ gibt es auch keinerlei ökonomische Erklärung für das jetzige System:

Wieso zur Hölle sollte es ein Solidarsystem geben, von dem ich mich mit einem hohen Einkommen befreien kann. Mit dem fetten Benefit, dass man dann selbst niedrigere Beiträge zahlt, weil man für Ärmere und Kränkere eben nicht mehr mitzahlt. Das ist doch so, als ob man ab einem bestimmten hohen Einkommen entscheiden dürfte, ob man Steuern zahlt, weil man ja nur noch Auto fährt und den Bus nicht mitzahlen möchte.

Entweder es gibt eine Basisversicherung/Bürgerversicherung für alle und ggf. private Zusatzversicherung on top oder alle sind privat versichert und es gibt einen Solidarmechanismus aus z.B. Steuern nach Einkommen/Risiko. Aber das aktuelle System ist einfach nur frech - Mit der absoluten Krönung, dass die knapp 4 Millionen Bürgergeldempfänger:innen auch nur von den gesetzlich Versicherten mitgezahlt werden.

Ich würde auch gerne mal wissen, ob und wie viele Termine ungenutzt verfallen, weil sie für potentielle Privatpatient:innen freigehalten werden. Wenn ich morgen beim Lungenarzt privat buchen kann, aber erst in 3 Monaten gesetzlich (Danke Doctolib für die Transparenz) scheint es doch sehr unwahrscheinlich das diese Plätze immer(!) Last Minute alle gefüllt werden können.

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Man kann den Spies natürlich auch umdrehen und fragen, ob es denn wichtig ist, wie viele Brötchen der Bäcker verkauft, wenn er praktisch garantiert ein solides Einkommen hat.

Vielleicht sollte das deutsche System Ärzte in der Regel eben nicht als Unternehmer, sondern als Schlüsselstellen im Gesundheitssystem betrachten und entsprechend behandeln: Weitgehend feste (und wegen des hohen Ausbildungsgrads sehr gute) Vergütung, dafür dann auch eine Behandlung der Patienten nach gesundheitlicher Dringlichkeit und nicht nach Farbe der Kreditkarte.

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Das Opt Out ist eine Notwendigkeit, da der Staat keine unverhältnismäßige Zwangsversicherung auferlegen darf. Ohne Opt-Out müsste die Beitragsbemessungsgrenze vermutlich sinken um die Verhältnismäßigkeit zwischen Einzahlung und Ansprüchen wieder herzustellen.

Eine soziale Umverteilung ist explizit nicht über Versicherungen vorgesehen, die vor Risiken schützen soll. Nicht Alltagswohlstand ohne Schicksalsschlag angleichen. Dafür hat der Staat Steuern zu verwenden. Nur möchte man auch kein steuerfinanziertes System, da es jährlich unter Finanzierungsvorbehalt liegt und Leistungen von Jahr zu Jahr mit jedem Haushaltsbeschluss massiv gekürzt oder stark ausgeweitet werden können.

Die magische Antwort ist Überstunden. Privatpatienten sind so Wertvoll für die Finanzierung einer Praxis, dass Ärzte bereit sind kurzfristig Überstunden zu schieben um neue Patienten zu gewinnen. Während sie für zusätzliche GKV Patienten nicht nur weniger Geld sondern überhaupt keins bekommen. Die zusätzlichen Arbeitsstunden und das Überstundengehalt für das Praxis-Personal bleiben einfach unbezahlt.

Kann ich keinem Verübeln unter solchen Umständen keine besonderen Anstrengungen zu übernehmen sondern bei fehlender Bezahlung im Zweifelsfall einfach früher zu zumachen und Freizeit zu genießen.

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Wer bestimmt denn was ein „garantiert solides Einkommen“ ist?
Und ist es „garantiert solide“?
Und ja, man könnte z.B. alle Ärzte von Staatswegen anstellen und ihnen ein Gehalt zahlen.
Darüber kann man diskutieren. Z.B. gibt es in Zukunft nur noch staatliche Arztzentren, in denen die Ärzte angestellt sind und die Gesundheitsversorgung übernehmen.
Solange Ärzte aber selbstständig sind, halte ich den Vorwurf „stellt euch mal nicht so an, ihr seid ja eh schon reich“ für falsch und lediglich eine Neiddebatte.
Das momentane System setzt falsche Anreize. Das ist unabhängig vom Verdienst des Arztes.
Das Problem, was ich mit dem Beispiel des Bäckers beschrieb, ist ja nur der Istzustand.
Betreibt ein Arzt eine eigenständige Arztpraxis, so ist er selbstständig und natürlich daran orientiert, seinen Betrieb am Laufen zu halten.
Kommen wir zum Bäcker zurück: Es gibt 2 verschiedene Käufer: Den einen, der über die gesetzliche Bäckerkasse die Brötchen zahlt, und den, der sie privat zahlt.
Hat der Bäcker 1000 Brötchen an Personen verkauft, die mit der gesetzlichen Bäckerkasse zahlen, dann bekommt er für jedes weitere verkaufte Brötchen keinen Cent mehr. Wenn er es anstelle dessen an eine Person verkauft, die privat zahlt, bekommt er sogar mehr pro Brötchen wie bei der gesetzlichen Bäckerkasse.
Was vermutet ihr an wen der Bäcker weiter Brötchen verkauft?
Und das ist unabhängig davon, wieviel ein Arzt verdient.

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Kann man ja so sehen, aber das ändert ja nichts daran wie schlecht das System derzeit gestaltet ist. Ganz im Gegenteil die Beitragsbemessungsgrenze macht das System ja noch absurder. Wieso darf man sich dann zusätzlich noch aus dem Solidarmechanismus verabschieden, obwohl die Einzahlungen sogar gedeckelt sind. Und über die Höhe der Beitragsbemessungsgrenze kann man ja diskutieren, aber es geht hier ja um das Modell an sich.

Und wie du schon selbst sagst, man könnte den Solidarmechanismus auch über Steuern abwickeln. Denke dafür gibt es gute Argumente. Dein Hinweis, dass das technisch nicht gehen würde ist ja unhaltbar. Man kann das einfach über einen Fonds umsetzen und bei der Rente gibt es auch direkte Zuschüsse aus Steuern ohne das es da willkürliche Schwankungen gibt.

Das das Vergütungssystem für Ärzte bei einer Reform mit auf die Agenda gehört liegt auf der Hand. Überstunden werden die Kapazitäten nicht alle erklären können, ich meinte ja ich würde gerne wissen wie viel und ob, mit belastbaren Daten.

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Hallo,

als quasi mehrfach Betroffener will ich auch kurz meinen Senf dazu geben:

Zum Einen als niedergelassener Facharzt in einer Großstadt, zum Anderen als langjährig (freiwillig) gesetzlich Versicherter.

Dass Ärzte ein hohes Einkommen haben ist unstrittig. Was dafür geleistet werden muss, ebenso.

Also sind aus meiner Sicht die Neiddebatten á la „die Ärzte verdienen doch eh genug“ (s.o.) sinnlos und anmaßend.

Dass ein Arzt nur eine bestimmte Anzahl von „Kassenpatienten“ (scheußliches Wort) behandeln kann, und dafür nur eine bestimmte Menge Geld zur Verfügung gestellt wird, ist Grund für all die Aufspaltung in Gesetzlich vs. Privat in der Termindebatte.

Leider wird zu oft übersehen, dass man als Arzt auch wirtschaftlich arbeiten muss, man hat Angestellte/Mietkosten/Energiekosten etc. und das nicht zu knapp.

Aus diesem Grund kann ich als Arzt quasi gar nicht anders, als mit wirtschaftlichen Grundsätzen die Anzahl an GKV-Versicherten behandeln, die mir bezahlt werden (in der Qualität besteht m. E. eh kein Unterschied, zumindest nicht in meiner Praxis!), und den Rest mit anderen Tätigkeiten wie z.B. Gutachten oder eben der Privatbehandlung „aufzufüllen“.

So ehrlich sollte die Politik schon sein, dass das eigentliche Problem nicht die „geldgeilen“ Ärzte sind sondern die Budgetierung - sprich, ein sozialistischer Deckel des Honorarvolumens.

In dieser Hinsicht kann ich dem obigen Bäckerbeispiel nur zustimmen!

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Das ist keine Meinung sondern die juristische Begründung. Zweckgebundene Versicherungen dürfen nicht willkürlich umverteilen sondern haben einen Versicherungscharakter zu genügen.

Der Trick wie man da Steuern rein bringt war es bis her regelmäßig mehr Leistungen als versicherungsfremd zu deklarieren und diese dann mit Steuern zahlen zu dürfen.

Zum einen wird bei der Rentenkasse im kleineren Stil ziemlich willkürlich gezahlt. Die Beitragszahler müssen teilweise Sozialleistungen finanzieren.

Ich habe allerdings den Nachteil eines steuerbasierten Systems beschrieben. Wenn du alles mit Steuern abwickeln möchtest fällt die Zweckbindung der Einzahlung und der Versicherungscharakter. Durch den Verlust der Versicherung sind Leistungen aber auch nicht mehr geschützt und die Regierung dürfte willkürlich verändern. Die NHS in Großbritannien ist so ein System wo man genau solche Konsequenzen von schwankenden Budgets gibt.

Laut kassenärztlicher Vereinigungen:

„Rund 13 Prozent aller fachärztlich erbrachten und von GKV-Versicherten in Anspruch genommenen Leistungen fanden allein im Jahr 2024 ohne Bezahlung statt.“

Das ist inklusive grob 10% PKV Patienten die fast 20% der Einnahmen der Ärzte stellen.

Bei Abschaffung würde man also grob 25% unbezahlte Arbeitszeit erwarten und hoffen, dass die Arbeitsstunden trotzdem erbracht werden.

In meinem Kommentar meine ich mit Überstunden jede unbezahlte Stunde. Denn ein Arzt darf natürlich auch einfach keine Patienten sehen und früher Schluss machen. Was bei harter Gehaltskürzung und unbezahlter Mehrarbeit selbstverständlich passieren würde.

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Danke für den juristischen Hintergrund. Dies ist aber doch weiterhin kein Argument für die Gestaltung des Systems an sich. Ein Solidaritätsmechanismus aus dem man sich herauskaufen kann, ist weder juristisch plausibel, noch ökonomisch vermittelbar. Wenn ein Solidaritätsmechanismus juristisch nicht als Versicherung möglich ist, dann muss man eben ein anderes Modell gestalten, anstatt so einen irrationalen Kompromiss am Leben zu halten.

Ich verstehe nicht, wie du zu dem Punkt kommst. Eine Reform müsste natürlich den Mechanismus der Vergütung verändern und die Vergütung pro Fall entsprechend angleichen - alles andere wäre Quatsch. Faktisch würde durch eine Reform die Vergütung und auch Lage der Arztpraxen transparenter und besser demokratisch steuerbar. Die aktuelle Quersubventionierung und Verrechnung durch die Hintertür auf verschiedenen Ebenen ist ja Teil des ganzen Problems.

Ich denke der naheliegendste Ansatz sieht so aus:

Politisch wird ein Leistungskatalog inklusive Qualitätskriterien festgelegt.

Eine politisch und unternehmerisch möglichst unabhängige Kommission berechnet die notwendigen effizienten Kosten für die Leistungen und legt das Vergütungsmodell fest.

Die Krankenkassen können ihre Beiträge in Prozent des Einkommens freier festlegen als heute, aber müssen den Leistungskatalog allen anbieten. Sie haben also mehr Wettbewerb als heute - Aber nur darum wer den besseren Kundenservice und die effizientere Verwaltung bietet.

Der Risikoausgleichmechanismus bleibt bestehen, damit kein Wettbewerb um den gesünderen Patienten-Pool besteht.

Ärzte und Krankenhäuser stehen im Wettbewerb wer möglichst effizient den Leistungskatalog anbieten kann. Die Zahl der Kassenplätze wird ebenfalls von der Kommission dynamisch nach der Zahl der Einwohner und anderer demographischer Daten oder gesetzlich als Teil des Leistungskatalogs vorgegeben.

Politik gibt Leistungen vor und kann/muss explizit kürzen oder verbessern, Kommission sorgt für eine unpolitische Preisbildung, Krankenkassen und Anbieter stehen jeweils im Wettbewerb.

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Ich würde auch behaupten, dass ein Solidaritätsmechanismus der bewusst Billionen an Lebensstandard und Wohlstand von der unteren Hälfte der Gesellschaft (vor allem jüngere Arbeitnehmer) zur oberen Hälfte der Gesellschaft (Rentner mit hohen Eingeneheimquoten und hohen Geldvermögen) umverteilt. Überhalb der gerechten Versicherungsleistung. Dass das weder juristisch plausibel noch ökonomisch vermittelbar ist.

Da scheinen wir allerdings beide falsch zu liegen. Offensichtlich geht das.

Eine solche Erhöhung der Vergütung würde natürlich mit saftigen Erhöhungen der GKV Beiträge einher gehen. Gerade weil du 20% Umsatz verlierst aber nur 10% Einzahler dazu bekommst.

Der Grund dass es hier überhaupt zu solchen Problemen kommt ist überhaupt erst die Alterung der Gesellschaft. Dass der Aufwand und die kosten stark steigen.

Der Staat hat diesen Mechanismus ja nicht willkürlich eingebaut sondern als Sparmaßnahme. Um die Einkommen von Ärzten zu reduzieren. Es ist schlicht nicht möglich auch nur das aktuelle Niveau zu aktuellen Preisen aufrecht zu erhalten.

Zu einem großen Teil funktioniert unser System bereits so. Der Leistungskatalog ist gestgelegt. Die Preise für die Pauschalen werden festgelegt. Krankenkassen können ihre Beiträge frei gestalten. Nur pendelt sich das auf ein paar Promille unterschied ein, weil die Aufgabe der Krankenkasse nunmal nicht besonders variabel sind.

Ärzte und Krankenhäuser stehen bereits im Wettbewerb vor allem für die profitablen Produkte wie Impfung, Knie oder Hüft-OP & Co. Der ganze Bereich Geriatrie ist hochprofitabel. Führt aber auch zu vielen nicht notwendigen Maßnahmen die geringe Erfolgsquoten bei hohen Kosten haben. Oder auch dazu, dass Krankenhäuser oder Ärzte mit wenig Erfahrung die Eingriffe vornehmen und die Fehlerquote und Menge an Folgeschäden steigen.

Auch die Zahl der Kassenplätze werden nach Bedarfsplanung verteilt. Wobei das nicht bedeutet, dass ausreichend Ärzte verfügbar sind. Es können sowohl zu wenige Sitze sein als auch, gerade auf dem Land, Kassensitze unbesetzt bleiben.

Es ist und bleibt eine pur politische Entscheidung die vor allem mit den sehr stark steigenden Kosten aus der Alterung der Gesellschaft zusammenhängt. Einer der Gründe warum man das Personal auch so auf Verschleiß fährt.

Es gibt legitime Gründe in dem Kontext PKV vs GKV als Thema aufzumachen und eine vereinheitlichung anzustreben. Aber es muss bewusst sein, dass es trotzdem überproportional teurer wird oder Kürzungen anstehen. Das wäre in erster Linie ein Thema für das Gerechtigkeitsgefühl. Auf die Finanzen der GKV und den Umfang der realistisch leistbaren Ansprüche wird es nahezu keine Auswirkung haben.

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Und wieso gilt dieses Argument erst ab Erreichen der Beitragsbemessungsgrenze? Warum ist es unter der Maßgabe deiner „juristischen Begründung“ völlig in Ordnung, wenn jemand, der knapp unter der Grenze verdient, effektiv 1200€ (inkl. AG-Anteil) für dieselbe Versicherungsleistung bezahlt wie jemand, der nur 200€ bezahlt, weil er sehr wenig verdient? Denn dieser erstgenannte Jemand wird dann doch effektiv zu einer Versicherung mit „Umverteilungscharakter“ gezwungen, da er nicht in die PKV darf.

Und, zweite Frage, das Ganze nun mal weiter gedacht: angenommen es gibt eine plausible Begründung warum ausgerechnet diese Grenze das irgendwie fein macht (mir fällt keine ein, aber vielleicht kannst du mir ja eine nennen). Warum ist dann mit der Tatsache, dass mit Erreichen der Grenze die Kosten nicht mehr weiter mit dem Einkommen steigen, sondern gedeckelt sind, nicht der Notwendigkeit des erforderlichen „Versicherungscharakters“ Genüge getan? Warum genau muss man oberhalb dieser Grenze Leuten plötzlich ermöglichen, sich komplett auszuklinken, wenn doch die Grenze bereits dafür sorgt, dass ihre Kostensteigerung und dadurch der Unterschied zwischen dem geringstmöglichen und größtmöglichen Beitragszahler limitiert ist?

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