Ich beschäftige mich als Volkswirt beruflich mit der Wachstumsdebatte. Zunächst einmal: Ich stimme fast allem zu, was Ilja sagt, auch in seinen schon etwas länger zurückliegenden (2023) Beiträgen zum Thema. Ilja kennt sich offenbar sehr gut aus und schaut differenziert auf die Debatte und auf die VWL als Wissenschaft (übrigens kenne ich ihn nicht persönlich, dies ist keine Werbung).
Ich will noch ein paar Aspekte nennen, die für Philipp und Ulf bei der Auswahl von Interviewpartner*innen und überhaupt bei der Besprechung dieser Kontroverse eine Rolle spielen sollten:
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Dass jemand nicht differenziert genug argumentiert, kann man u.a. an zwei häufigen Irrtümern bzw. übermäßigen Vereinfachungen feststellen.
Erstens: „Auf einem endlichen Planeten ist kein unendliches Wachstum möglich.“ Diese Aussage ist falsch, weil der Planet in materieller Sicht endlich ist, aber das BIP misst ja nicht Materie, sondern ökonomischen Wert. Mehr BIP bedeutet zwar empirisch fast immer auch mehr materiellen Ressourceneinsatz, aber das ist eine empirische Beobachtung, während die Aussage oben einen logischen Schluss suggeriert.
Zweitens: „Autounfälle erhöhen das BIP“. Das ist falsch, weil Unfälle Konsumausgaben umlenken und nicht zu Mehrproduktion führen. (Es bleibt natürlich dabei, dass die durch Unfälle verursachte Produktion ebenfalls im BIP enthalten ist und das BIP somit nicht den Wertverlust durch Unfälle anzeigt.) Wer sich mit Wachstumskritik beschäftigt, sollte differenzierter argumentieren. -
Ein Bewusstsein für Theoriekritik ist wichtig, oder anders gesagt: eine saubere Unterscheidung zwischen dem grundsätzlich Möglichen und dem, was unter den aktuellen Machtverhältnissen wünschenswert ist. Wer z.B. argumentiert, dass Wachstum wichtig ist, damit öffentliche Leistungen, die Rente, das Gesundheitssystem usw. wieder stabilisiert werden, hat insofern Recht, als dass unter den herrschenden Bedingungen (sprich: Machtverhältnissen) Wachstum dafür erforderlich sein dürfte. Wenn man aber die aktuellen Macht- und Besitzverhältnisse (erst einmal nur gedanklich) zur Disposition stellt, kann man all die wirklich wichtigen Dinge auch ohne Wachstum finanzieren. Auch wenn man die Änderung der Machtverhältnisse für unrealistisch hält, ist diese Unterscheidung sehr wichtig für die Begründung und Rechtfertigung politischer Programme, insbesondere wenn sie - wie im Falle von Wachstumspolitik - gravierende Nachteile für künftige Generationen haben dürften. Man kann Realist sein und dennoch die Machtverhältnisse kritisieren. Und wenn man Machtverhältnisse überhaupt nicht zu kritisieren bereit ist, betreibt man keine redliche Sozialwissenschaft. (Interviewempfehlung: Ulrich Thielemann; Peter Ulrich)
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Um die Debatte (und mögliche Interviews) möglichst konkret und sachlich zu halten, schlage ich folgende Fragen vor.
An Wachstumsbefürworter*innen: „Wie sollte die Politik reagieren, wenn sich herausstellen sollte, dass das Erreichen der Paris-Klimaziele so hohe Kosten verursacht, dass das BIP stagniert?“ Für dieses Szenario gibt es viele Hinweise, und einfach darauf zu setzen, dass die Kosten schon nicht so hoch ausfallen werden, ist unverantwortliches Wunschdenken. (Und der Umstand, dass eine Nachhaltigkeitswende viele Jobs schafft, spricht nicht dafür, dass daraus Wachstum entsteht - auf die Kosten kommt es an.)
Und eine Frage an Wachstumskritiker*innen: „Wie kann beim Übergang in eine Nullwachstumswirtschaft sichergestellt werden, dass die Arbeitslosenrate gering bleibt und dass genug Geld für öffentliche Leistungen zusammenkommt?“
Ich finde es jedenfalls super, dass Philipp und Ulf über das Thema nachdenken und dass sie an der Meinung ihrer Hörer*innen interessiert sind!