Wachstumskritik - bitte nur mit Volkswirten

Liebes LDN-Team,
ich hoffe das hier bekommt niemand in den falschen Hals - aber genauso wie ihr hoffentlich das Thema Medizin nur mit ausgebildeten Medizinern (und da gibt es solche und solche) aufbauen wuerdet, hoffe ich, dass ihr beim Thema Wachstum auch ausschliesslich auf ausgebildete Volkswirte aufbauen werdet (und ja, auch da gibt es solche und solche. Man erkennt die guten in der Regel an gut publizierter Forschungsarbeit).

Nicht ohne Grund ist der grossteil der akademischen Volkswirte sehr skeptisch was viele Thesen der Post-growth oder de-growth Gruppe angeht, und da gehoert bestimmt Rudi Bachmann, den ihr auch im Podcast gehabt habt, dazu. Das Problem ist einfach, dass wir es in Deutschland jetzt schon schwierig haben, mit dem bestehenden Budget Regierungsarbeit zu machen. Es hoerte sich in eurer Einleitung etwas lapidar an (“es wird einfacher unter Wachstum Geld zu verteilen) — es ist quasi unmoeglich, sich in einer Gesellschaft ohne Wachstum um Probleme zu kuemmern.

Kurz zu den zwei genannten Thesen, die so bestimmt auch kein Volkswirt genannt hat:

  • Endliche Resourcen: Ja, Resourcen sind endlich, aber ein Grossteil unseres Wachstums kommt von technologischem Fortschritt. Man sollte auf Wachstum aufbauen, der mit bestehenden Resourcen vernuenftig umgeht, aber die zwei schliessen sich nicht notwendig aus.
  • “Bessere” Nutzung von Resourcen, z.B. durch Umverteilung: man kann kurzfristig Sozialprogramme mit Umverteilung finanzieren (anstatt mit Steuereinnahmen die mit Wachstum einhergehen), das ist halt leider keine langfristige Loesungen. Viele solche Vorschlaege sind halt ein one-off level effect die keine echte Alternative fuer Wachstum sind.

Es gibt sinnvolle Kritik daran, wie das BIP gemessen wird, und dass man auf keinen Fall die Maximierung des BIP als staatliche Agenda haben sollte (aber das ist mMn eine weniger spannende Frage und am Thema vorbei). Wie auch immer man das BIP misst: wenn die Volkswirtschaft nicht waechst (sprich: der Staat Jahr-fuer-Jahr mehr Steuereinnahmen hat, bestehendes Kapital (z.B. Firmen im Aktienbasierten Rentendepot) im Wert steigt,…) haben wir gravierende Probleme was viele Systeme (von der Finanzierung des Staates bis zur Eigenkapital-gedeckten Rente) angeht.

Beste Gruesse,

Saman

PS. Es kann fuer Aussenstehende wirklich schwierig sein, rauszufinden, welche Volkswirte und Wissenschaftler ein gutes Verstaendnis von der Materie haben. Ich wuerde das nicht davon abhaengig machen, welche Personen einem in einem Forum von unbekannten Dritten vorgeschlagen werden, welche Personen viel Pressearbeit machen (im Gegenteil, die meisten technisch guten Kollegen sind leider nicht gut in Pressearbeit). Warum kontaktiert ihr nicht Rudi Bachmann (anscheinend Volkswirt eures Vertrauens, Topakademiker und sehr integriert in die deutsche Forschungslandschaft), und fragt ihn, welche Ansprechpartner er zu dem Thema fuer sinnvoll haelt?

PPS. Manche werden behaupten dass wachstumskritische Forschung nicht top-publiziert wird weil der Großteil der (amerikanischen) Volkswirte neoliberal sind, politisch irgendwo zwischen FDP und CDU. Tatsächlich sind die meisten recht links: Top Publikationen fordern strikte CO2-Besteuerung für die grüne Transformation, behandeln sexuellen Missbrauch, Optimale Steuersätze (und die sind nicht=0!), sind für relativ hohe Mindestlöhne, zeigen dass immigration keine messbaren negativen Folgen für lokale Arbeiter hat… nur bei wachstumskritik sind Volkswirte auf einmal konservativ? daran sollte es wirklich nicht liegen.

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Lieber Saman,

ich schätze es, dass du für wissenschaftliche Qualität wirbst in der Debatte. Ich bin selbst studierter Ökonom und schließe gerade meine Promotion zu Nachhaltigikeitsthemen ab. Daher möchte ich einordnen, dass die Wirtschaftswissenschaften sehr plural sind und meist nicht so wertneutral und objektiv, wie es konservative Ökonomen oft suggerieren. Ich halte es für falsch, andere Wissschaften oder Debattenbeiträge auszuschließen, da transdisziplinäres Denken sinnvoll ist und zB die Soziologie manche ökonomischen Themen besser versteht als die klassische VWL.
Konservative Ökonomen wie Rudi Bachmann sind gegen Postwachstum, aber häufig kennen sie die Forschung nicht richtig oder stützen sich ihrerseits auf umstrittene Modelle ohne empirische Basis (ich hatte mit Herrn B. schon das Vergnügen auf Twitter zu diskutieren und muss sagen, dass der Ton leider teilweise toxisch war).
Daher würde ich auch sagen, dass die Ökonom:innen (auch) zu Wort kommen sollten, die tatsächlich Expertise als Forschende haben. ZB. Prof. Dr. Matthias Schmelzer oder Dr. Steffen Lange in Deutschland.
Die international renommiertesten Postgrowth Forscher sind alle Ökonom:innen - Prof. Jason Hickel. Prof. Julia Steinberger, Prof. Georgis Kallis, Prof. Kate Raworth etc.
Es geht hier also nicht um VWL oder nicht, sondern um Kontroversen innerhalb der Wissenschaften. Es braucht daher eine faire Debatte, und keinen Ausschluss, wenn man nicht klassische VWL studiert hat (die wie gesagt häufig konservativ gebiased ist).

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Ich kannte die genannten Forscher nicht, daher habe ich Claude Research gefragt: “Take a standard economics journal ranking. Then go through each of the listed economists and list how many top economics publications they have, measured either as top general interest, or top field (macroeconomics).

Folgendes waren die ersten drei Absaetze (ich spare uns den Rest):

None of the six prominent post-growth economists examined have published in the most prestigious mainstream economics journals, despite collectively amassing over 70,000 citations and establishing themselves as leading voices in degrowth theory and ecological economics.

All six prominent post-growth economists have zero publications in top-tier mainstream economics journals when applying the strictest criteria. This comprehensive analysis reveals a complete absence of these researchers from the most elite economics publications, highlighting the disciplinary boundaries between post-growth/ecological economics and mainstream economic theory.

The analysis examined publication records across 25 top general interest economics journals (including the „Big 5“: Econometrica, American Economic Review, Quarterly Journal of Economics, Journal of Political Economy, and Review of Economic Studies)

In der Tat, in dem ausfuehrlichem Review fand ich viele Journals die entweder nicht top general interest, oder nicht macroeconomics waren. Ich vermute, dass wir da nicht auf einen Nenner kommen werden – siehe auch dein politischer Seitenhieb (“konservativ”) vis-a-vis mein PPS im ersten Beitrag.

Fuer Aussenstehende wird es schwierig zu sein zu bewerten, ob mainstream economists einfach dogmatisch konservativ sind – oder ob es fachlische Gruende gibt, warum post-growth quasi in einer eigenen Blase publiziert. Vielleicht noch folgende Beobachtung: wenn die Nachfrageorientierte Theorie von Keynes (nicht gerade das Idol der konservativen Szene) inzwischen das Standardtool ist um business cycles und Inflation zu studieren – wie konservativ dogmatisch koennen denn dann Makrooekonomen wirklich sein?

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Ich bin ebenfalls Volkswirt - zugegebenermaßen kein praktizierender und daher auch keiner, der einen guten Überblick hat über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen, v.a. der empirischen Fachdiskussion.

Leider habe ich bislang auch keine befriedigende Darstellung dieses Stand gefunden. Wäre das nicht ein Thema für einen Wissenschaftsjournalist? Und: Gibt es denn gute Wissenschaftsjournalisten, die sich mit den Wirtschaftswissenschaften beschäftigen?

Egal: Ich versuche seit Jahre immer wieder, mich mit der Argumentation von Post-Growth, De-Growth u.ä. zu befassen, weil ich „seit“ Club-of-Rome bei allen „Wir brauchen Wachstum“-Diskussionen immer ein Störgefühlt hatte.

Aber mit meinem (sicherlich veralteten) Volkswirtschaftskenntnissen ist es mir nie gelungen, die meist normativ geführte Diskussion (so müsste es sein) für mich in die Realität (so könnte es sein) zu übertragen. In meiner Suche lande ich dann doch immer wieder bei den Volkswirten, die man so als „anerkannte Experten“ kennt und schätzt. Und da war bislang keiner dabei, der bei mir ein „da ist doch was dran“-Erlebnis erzeugt hätte.

Übrigens (und völlig unabhängig davon - bitte nicht hier de-railen): Genau ähnlich so geht es mir auch mit der Modern Monetary Theorie (MMT). Dort wird zwar nicht normativ argumentiert, sondern Salden-Mechanisch und daraus ebenfalls politisch und volkswirtschaftlich hoch-brisante Schlussfolgerungen gezogen, die ich sogar argumentativ nachvollziehen kann, die aber wirtschaftspolitisch sehr schwer umsetzbar sind, ohne einen großen Schaden zu erzeugen.

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Die Mainstream Economics Journals publizieren qia Definition nichts zu Postgrowth, weil Wachstum dort unhinterfragtes Dogma ist. Daher können die renommierten Postgrowth Forscher dort nicht high gerankt sein :slight_smile: Forscherinnen wie Julia Steinberer schreiben an den IPCC Reports mit, das Postgrowth Deal Project von ihr und Hickel und Kallis wird von der EU mit fast 10 Mio Euro gefördert. Das ist seriöse, aktuelle und annerkannte Wissenschaft.

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Zustimmung. Generell hat es die Volkswirtschaftslehre in der öffentlichen und politischen Debatte ähnlich schwer oder sogar schwerer als Wissenschaften wie die Virologie oder Meteorologie. Einerseits herrscht in der Bevölkerung kaum volkswirtschaftliche Grundbildung vor (Makroökonomie, Geldtheorie, öffentliche Güter, Umweltökonomie, etc.), andererseits haben aber relativ viele Menschen zumindest eine BWL-nahe Ausbildung und damit gewisse Kompetenz in Mikroökonomie. Daher gibt es neben 83 Millionen Bundestrainern und 83 Millionen Virologen auch 83 Millionen Volkswirte, nur glauben viele davon, dass sie aufgrund der Mikroökonomie-Kompetenzen wirklich VWL-Kompetenzen haben.

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Deinen Einwand finde ich nachvollziehbar - Die Post-Growth- und zu einem geringeren Anteil auch MMT-Vertreter:innen schaffen es nicht komplett in das Rampenlicht. Die Frage ist, wie diese Themen für die Zuhörerschaft verständlich rübergebracht werden können, die durchaus konträr zu dem vorherrschenden Diskurs in Deutschland sind.

Insbesondere, da in den USA durch Biden und jetzt vor allem durch Donald Trump MMT-Politik betrieben wird, hat diese eine höhere Relevanz… Und das Thema Post-Wachstum wird noch weiter zurückgedrängt.

Anstatt eines Wirtschaftsjournalisten möchte ich zur Diskussion stellen, ob ein “Allrounder” aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften wie Adam Tooze ein geeigneter Gast wäre, der zudem immer sehr verständlich in seiner Kommunikation ist.

Man braucht keinen Doktor in VWL um rein Logisch Korrekte Aussagen zu treffen wie: Man kann nicht mit derselben Logik aus einem Problem oder Problemen herauskommen wie mit der Logik die zu eben jenem Problem geführt hat und: ein Exponentielles Materielles Wachstum ist auf einer linear nachwachsenden Biosphäre rein mathematisch ausgeschlossen. das Problem ist ja nicht persée Wachstum. Das Problem ist, dass die Neoklassik Quantitatives Wachstum als Ziel pauschal voraussetzt und sich darauf aufbauend mit der Frage beschäftigt wie dieses zu erreichen ist, ohne zu hinterfragen ob das überhaupt ein sinnvolles (wünschenswertes) Axiom ist. Es stimmt natürlich, dass quantitatives Wachstum gesellschaftlich tendenziell dazu geführt hat, dass Spieltheoretische Probleme abgemildert werden, eher als wenn wir uns in einem Nullsummenspiel befinden. Aber das stößt jetzt eben an physikalische Grenzen und führt genau deshalb schon jetzt in Spieltheoretische fallen anderer Art. solange das Problem exponentiell ansteigenden materiellen Ressourcenverbrauchs gekoppelt an Wirtschaftliches Wachstum nicht gelöst ist. (Was es nicht ist) ist es auch als nicht Ökonom absolut legitim dieses Grundaxiom des exponentiellen Wachstums zu problematisieren.

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Die Volkswirtschaftslehre nutzt ein solches Axiom oder Ziel nicht. Dort geht es typischerweise um Nutzenmaximierung. Genau solche von der Wissenschaft entkoppelten Strohmänner meinte ich.

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Als Außenstehender habe ich auch den Eindruck, dass sich Volkswirte nicht wirklich mit Wachstumskritik auseinandersetzen. Häufig werden die Hauptkritikpunkte der Wachstumskritiker einfach damit weggewischt, dass Degrowth nicht möglich sei. Gleichzeitig werde Volkswirte auch sehr selten von Journalisten mit guter Wachstumskritik konfrontiert.

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Man braucht aber auch kein Doktor der VWL (den hier niemand gefordert hat, sondern empirische Forschungsergebnisse in diesem Bereich) um zu postulieren, dass die Demokratie die Konflikte, die sich aus einem Degrowth-induzierten Wohlstandsverlust ergeben, nicht wird aushalten können.

Hier hat auch niemand [edit:] quantitatives Wachstum gefordert. Es steckt noch so viel (wirklich erschreckend verschenktes) Potenzial allein in der Kreislaufwirtschaft. Das wird in der Diskussion nicht angemessen nicht berücksichtigt wie auch oft nicht die mehr als fragwürdigen Basis zur Messung von Wachstum: BIP oder BSP.

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Postgrowth =/= Wohlstandsverlust. Vor allem müsste man dann erst mal definieren, was Wohlstand ist.

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Und wie wird die Nutzenmaximierung quantifiziert?

Abgesehen davon ist Nutzen nicht ausreichend gut definiert,

mein Punkt bleibt unberührt. Die Neoklassik folgt der Optimierung auf ein lokales Maximum. Man nennt das auch instrumentelle Konvergenz. Das ist genau der Grund weshalb „Externalitäten“ entstehen die im Modell bestenfalls als Kollateralschaden berücksichtigt werden, aber nichts daran ändern auf ein lokales Optimum hin zu optimieren. Ob du die Metrik nun Nutzenmaximierung oder Profit nennst, lokale Optima führen in der materiellen Welt immer zu globalen Problemen weil sie zu eng definiert sind. Mal abgesehen von den zahlreichen anderen problematischen Grundaxiomen wie rational actors und so weiter. Ich behaupte nicht, dass die Vereinfachungen der Neoklassischen Modelle nicht auch eine Nützlichkeit haben. Ich behaupte nur, dass auf einer Zeitachse die Probleme die Nützlichkeit überwiegen und ich behaupte, dass wird diesen Punkt überschritten haben.

Ganz zu Schweigen davon, dass in der VWL knapp die Hälfte aller Studien nicht replizierbar sind, aber das wäre nochmal ein anderes Thema.

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Die Nutzenfunktion (in der VWL oft auch Wohlfahrt bzw. „welfare“ genannt) hängt prinzipiell von unendlich vielen Parametern und Variablen ab. Die VWL untersucht, welche Variablen die wichtigsten sind und versucht die realen Parameter empirisch zu messen. Aufgabe der VWL ist es zu beobachten und zu empfehlen, welche Maßnahmen zu einer Wohlfahrtsoptimierung führen.

Typischerweise basiert die Wohlfahrtsfunktion auf einer mikroökonomischen Basis, d.h. sie ist die Summe der Wohlfahrt/Nutzen/Glückseligkeit aller Individuen der betrachteten Gesellschaft.

In die individuelle Nutzenfunktion zahlt in der simpelsten Form neben dem Einkommen (mit dem Gütern und Dienstleistungen gekauft werden können) auch die Anzahl der Freizeitstunden ein. Komplexere Nutzenfunktionen berücksichtigen z.B. auch den Nutzen einer intakten Umwelt auf die physische Gesundheit (z.B. saubere Luft) oder psychische/geistige Gesundheit (z.B. erfreuen wir uns an einer schönen Landschaft).

Nein, die Theorie sucht das globale Optimum. Praktische Politikempfehlungen können hingegen auf ein lokales Optimum zielen (weil das globale Optimum aktuelle nicht erreichbar oder politisch erwünscht ist).

Die VWL empfielt, dass Externalitäten eingepreist werden sollen. Allerdings ist die Güte der Preisfindung davon abhängig, dass „die Gesellschaft“ ihre Präferenzen ehrlich bekannt gibt.

Nehmen wir den CO2-Zertifikate-Handel: die wahren ökologischen Externalitäten von einer Tonne CO2 sind grob einige Hundert Euro. Durch politische Marktmanipulation kosten die Zertifikate allerdings Stand heute 78 €/t. Damit hat „die Gesellschaft“ transparent mitgeteilt: Klimaschutz ist uns tatsächlich nur 78 €/t wert (d.h. wir nehmen wissentlich einen Großteil der langfristigen Schäden in Kauf, um heute irgendwas Anderes – vermeintlich Nützlicheres – mit dem Geld zu machen). Bei anderen Externalitäten ist es teils noch schwieriger, den wirklichen Nutzen bzw. Schaden zu quantifizieren

Erstens ist es jedem überlassen, im Sinne einer konstruktiven Kritik eine bessere Wirtschaftstheorie zu formulieren. Zweitens beschäftigt sich die Wirtschaftswissenschaft schon seit vielen Jahrzehnten auch mit weniger genialen Akteuren als dem allwissenden Homo Oeconomicus, siehe beispielsweise die Prospect Theory (dafür gab es 2002 den „Wirtschaftsnobelpreis“, das ist also der „Mainstream“).

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Bitte nicht nur mit rein neoklassisch ausgebildeten Volkswirten, um Himmels Willen. Wenn man 3-9 Jahre im Studium mantra-artig gelernt hat, dass Wirtschaftswachstum gut und rationale Nutzenmaximierung das oberste Ziel ist, kann man kaum unbefangen über das Thema nachdenken.

Wie einige Vorredner auch schon geschrieben haben, gibt es wirklich nach meinem Wissensstand keine neoklassischen Volkswirte, die sich einmal auch nur ansatzweise erkennbar mit der Substanz der Argumentation aus dem Degrowth-Lager befasst hätten. Es werden immer die gleichen Strohmänner wiederholt und verbrannt, und damit die Debatte für beendet erklärt.

Also ausgebildete Wissenschaftler:innen: Ja, bitte! Aber es gibt genügend sehr gute von denen, die nicht im ökonomischen Mainstream sozialisiert wurden und sich trotzdem mit Wirtschaft auskennen. Leider im deutsch-sprachigen Raum sehr schmal, aber falls ihr auf Englisch interviewen würdet wäre Jason Hickel natürlich eine fantastische Adresse.

Zum Überblicken der typischen Debattenstruktur würde ich diesen Austausch zwischen ihm und dem Weltbankökonomen Hallegatte empfehlen: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/dpr.12584 (das ist der einzige mir bekannte Fall, wo mal halbwegs ernsthaft aufeinander eingegangen wurde).

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Was denn sonst? Was außer die Maximierung des Nutzens bzw. der Glückseligkeit der Gesellschaftsmitglieder (seien es je nach Betrachtung nur die nationalen Bürger, oder alle Menschen, oder sogar alle Lebewesen) soll das Ziel sein?

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Nun ja, Planetare Grenzen beachten z.B.

Oder einfach: Ziel ist, dass es allen gut geht und nicht nur einigen wenigen.

Was für eine Frage…

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Unser aktuelles System maximiert nicht “Glückseligkeit” sondern Konsum.

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Du hast geschrieben, dass die Nutzenmaximierung eines jeden einzelnen im Vordergrund steht, dies widerspricht sich direkt mit deiner späteren Aussage, dass die VWL nach einem Globalen Optimum sucht und stützt meine Lesart, dass lokale Optima angestrebt werden (Individuen) auf Kosten der globalen Wohlfahrt. Es ist auch messbar dass das passiert ist, denn wäre dies nicht der Fall, hätten wir nicht die Probleme die wir heute haben, denn dann würden wir uns in einem Globalen Optimum befinden, was wir ganz offenkundig nicht tun. Abgesehen davon sehe ich mich in meiner Aussage bestätigt, dass die Neoklassische VWL voll von sehr schlecht definierten Begriffen steckt, du hast noch einen weiteren hinzugefügt mit Wohlfahrt… Ich sage nicht dass man das nicht methodisch sauber definieren könnte, aber das wird es nicht, denn du hast selbst gesagt, dass diese von den Agenten abhängig, also individuell ist… eine global optimale Wohlfahrt ist also somit ausgeschlossen, weil sich die Präferenzen und somit auch die Definition was Nutzenmaximierung ist teilweise diametral entgegenstehen. Wenn man das also ernst nähme, würde man logisch bei einer Politischen Ökonomie landen… also Keynes oder Post-Keynes. Außerdem hast du meinen Punkt zur Replikationskrise der VWL nicht adressiert. Nach Bayes Theorem darfst du jeden Believe haben den du willst, also von mir aus auch in deine Neoklassische VWL, du darfst nur unter keinen Umständen einen Größeren Believe haben als es die Evidenz mathematisch erlaubt. und das ist der Kern meiner Kritik. Du hast einen Believe der nicht in der Stärke mit der Evidenz zu rechtfertigen ist, weil deine Evidenz auf stark vereinfachten Modellen, schlecht begründeten Anthropologischen Grundkonstanten und schlecht definierten Ausgangsbegriffen beruht. Aber trotz alledem scheinst du daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, hier schreiben zu können, dass bitte nur Wissenschaftler Gehör finden sollten die deinem Weltbild entsprechen… und das geht nach allen Regeln der Logik einfach nicht auf.

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Die Probleme liegen wohl an verschiedenen Stellen:

  1. Methodologischer Individualismus: Platt gesagt nimmt die Ökonomik an, dass die Summe der Eigennutzmaximierung gleich dem Gesamtnutzen ist. Das ist aber mitnichten der Fall, siehe ökologische Krisen, Ungleichheit, Machtmissbrauch, Irrationalitäten wie Statuskonsum, … . Du kannst also durch rein subjektive Einzelentscheidungen Situationen produzieren, die für die Gemeinschaft nicht optimal oder sogar schädlich sind.
  2. Volle Kommensurabilität aller Güter: Durch die Annahme, alles sei in Preisen ausdrückbar, die von subjektiver Zahlungsbereitschaft und Angebot abhängig sind, wird die Subjektivität schein-objektiviert. So hast du dann so idiotische Methoden wie die Bepreisung von Externalitäten via hypothetischer Zahlungsbereitschaft oder “hedonic pricing”, und kannst entspannt ignorieren, dass die untergehende Inselnation für kein Geld der Welt umziehen wollen würde (Stichwort lexikographische Präferenzen).
  3. Ethik: Konsequenzialismus / Utilitarismus sind nicht die einzigen ethischen Theorien (scheinbar schwer vorstellbar für neoklassische Ökonomen), und dementsprechend auch nicht die einzigen Theorien dazu, was eine gute Gesellschaft ausmacht. Das ist aber in das Nutzenmaximierungsmodell und damit in die Wachstumslogik eingebaut.
  4. Irrationalität: Es stimmt zwar, dass die Verhaltensökonomik ein wenig Realismus in die Mikroökonomik getragen hat, aber meines Wissens nach hat das die makroökonomische Theoriebildung (und darum geht es ja bei der Wachstumsdebatte) mehr oder weniger unbeeindruckt gelassen. Kann ja sein, dass der dritte Porsche sich erstmal geil anfühlt, weil die Werbeindustrie dir vorkaut, dass dich das zum coolsten Typen in Wanne-Eickel macht - darüber hast du dir halt noch kein glückliches Leben gekauft.

Das sind Beispiele für Probleme und natürlich keine erschöpfende Diskussion. Wenn es dich aufrichtig interessiert, hier ein paar Lesetipps:

  • Amartya Sen, Development as Freedom
  • Martha Nussbaum, Creating Capabilities
  • Ian Gough, Heat, Greed & Human Need
  • Clive Spash, Foundations of Social-Ecological Economics
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