Liebes LDN-Team,
ich hoffe das hier bekommt niemand in den falschen Hals - aber genauso wie ihr hoffentlich das Thema Medizin nur mit ausgebildeten Medizinern (und da gibt es solche und solche) aufbauen wuerdet, hoffe ich, dass ihr beim Thema Wachstum auch ausschliesslich auf ausgebildete Volkswirte aufbauen werdet (und ja, auch da gibt es solche und solche. Man erkennt die guten in der Regel an gut publizierter Forschungsarbeit).
Nicht ohne Grund ist der grossteil der akademischen Volkswirte sehr skeptisch was viele Thesen der Post-growth oder de-growth Gruppe angeht, und da gehoert bestimmt Rudi Bachmann, den ihr auch im Podcast gehabt habt, dazu. Das Problem ist einfach, dass wir es in Deutschland jetzt schon schwierig haben, mit dem bestehenden Budget Regierungsarbeit zu machen. Es hoerte sich in eurer Einleitung etwas lapidar an (“es wird einfacher unter Wachstum Geld zu verteilen) — es ist quasi unmoeglich, sich in einer Gesellschaft ohne Wachstum um Probleme zu kuemmern.
Kurz zu den zwei genannten Thesen, die so bestimmt auch kein Volkswirt genannt hat:
- Endliche Resourcen: Ja, Resourcen sind endlich, aber ein Grossteil unseres Wachstums kommt von technologischem Fortschritt. Man sollte auf Wachstum aufbauen, der mit bestehenden Resourcen vernuenftig umgeht, aber die zwei schliessen sich nicht notwendig aus.
- “Bessere” Nutzung von Resourcen, z.B. durch Umverteilung: man kann kurzfristig Sozialprogramme mit Umverteilung finanzieren (anstatt mit Steuereinnahmen die mit Wachstum einhergehen), das ist halt leider keine langfristige Loesungen. Viele solche Vorschlaege sind halt ein one-off level effect die keine echte Alternative fuer Wachstum sind.
Es gibt sinnvolle Kritik daran, wie das BIP gemessen wird, und dass man auf keinen Fall die Maximierung des BIP als staatliche Agenda haben sollte (aber das ist mMn eine weniger spannende Frage und am Thema vorbei). Wie auch immer man das BIP misst: wenn die Volkswirtschaft nicht waechst (sprich: der Staat Jahr-fuer-Jahr mehr Steuereinnahmen hat, bestehendes Kapital (z.B. Firmen im Aktienbasierten Rentendepot) im Wert steigt,…) haben wir gravierende Probleme was viele Systeme (von der Finanzierung des Staates bis zur Eigenkapital-gedeckten Rente) angeht.
Beste Gruesse,
Saman
PS. Es kann fuer Aussenstehende wirklich schwierig sein, rauszufinden, welche Volkswirte und Wissenschaftler ein gutes Verstaendnis von der Materie haben. Ich wuerde das nicht davon abhaengig machen, welche Personen einem in einem Forum von unbekannten Dritten vorgeschlagen werden, welche Personen viel Pressearbeit machen (im Gegenteil, die meisten technisch guten Kollegen sind leider nicht gut in Pressearbeit). Warum kontaktiert ihr nicht Rudi Bachmann (anscheinend Volkswirt eures Vertrauens, Topakademiker und sehr integriert in die deutsche Forschungslandschaft), und fragt ihn, welche Ansprechpartner er zu dem Thema fuer sinnvoll haelt?
PPS. Manche werden behaupten dass wachstumskritische Forschung nicht top-publiziert wird weil der Großteil der (amerikanischen) Volkswirte neoliberal sind, politisch irgendwo zwischen FDP und CDU. Tatsächlich sind die meisten recht links: Top Publikationen fordern strikte CO2-Besteuerung für die grüne Transformation, behandeln sexuellen Missbrauch, Optimale Steuersätze (und die sind nicht=0!), sind für relativ hohe Mindestlöhne, zeigen dass immigration keine messbaren negativen Folgen für lokale Arbeiter hat… nur bei wachstumskritik sind Volkswirte auf einmal konservativ? daran sollte es wirklich nicht liegen.