Unvoreingenommene Darstellung / was ist Kulturkampf?

Sich als Journalist:in an dem Wert zu orientieren, Orientierung zu geben, ist ein zweischneidiges Schwert. Diesem Wert liegt letztlich ein anti-aufklärerisches Verständnis von Journalismus zugrunde (eine literarische Assoziation ist die Großinquisitor-Parabel in Brüder Karamasov). Nimmt man sich diesen Wert zum Hauptmaßstab, ist man immer dem Risiko ausgesetzt, in eine Spirale der gegenseitigen Selbst-Bestätigung abzurutschen. Es liegt in der Natur der Sache, dass ihr damit weiterhin ein (vielleicht sogar wachsendes) Publikum finden werdet. Ihr könnt also selbst entscheiden, was ihr macht, es ist ja euer Podcast. Es ist nur ein konstruktiv gemeinter Warnruf von der Seitenlinie.

Der Vowurf der Überheblichkeit ist natürlich ein stark persönlicher Angriff, und man kann in einem öffentlichen Forum kaum erwarten, dass sich ein so Kritisierter diesen Schuh anzieht, erst recht ohne Beispiele. Das ist in meinen Augen ein Paradebeispiel dysfunktionaler Kritik :slight_smile:

Ein Beispiel aus der letzten Zeit, bei dem ich fand, dass die emotionale Beteiligung für mich die Grenze einer ernstzunehmenden sachlichen Auseinandersetzung überschritten hatte, ist der Vorwurf an Katharina Reiche, sie lüge, wenn sie den Anteil der Erneuerbaren am Gesamtenergiebedarf nennt. Ich fand eure Einordnung enorm wertvoll und stimme auch mit euch überein, dass man die ganze Geschichte mit dem Wirkungsgrad erzählen muss. Ich bin auch wirklich kein Fan von Frau Reiche. Aber eine Lüge kann man das doch nicht nennen. Die zukünftige Entwicklung des Gesamtenergieverbrauchs ist spekulativ - und hängt insbesondere vom Preis und Nutzen der Energie ab. Man kann den zukünftigen Energieverbrauch also nicht damit schätzen, dass man einfach davon ausgeht, dass einfach alle fossilen Prozesse elektrifiziert werden, sich dabei der Wirkungsgrad um X % verbessert und sich sonst nix ändert. Damit hat die Aussage über den gegenwärtigen Mix den Vorteil, eine Zahl zu sein, die nicht auf solche Projektionen angewiesen ist. Dass eine Ministerin sich in diesem Kontext an die messbaren Fakten hält, ist in meinen Augen kein hinreichender Anlass zu vermuten, dass sie täuschen will oder gar lügt. Dass man diese Zahlen für verschiedene Zwecke verschieden kontextualisieren muss, ist richtig, und genau das ist ja die Aufgabe von Journalismus. In diesem Fall hatte ich den Eindruck, dass deine Wertung (Philip hatte sich diese Wertung ja nicht zu eigen gemacht) eher von einem Bild von Frau Reiche geprägt ist. Solche ins Unsachliche neigenden Aussagen lösen bei mir Zweifel aus, ob nicht auch an anderen Stellen des Podcasts die sachliche Darstellung unter dem Prärogativ der Wertung leidet.

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Da gibt es nach meiner Auffassung, aber schon Ausreißer, die sich mit der obigen Erklärung nicht rechtfertigen lassen. Ich denke da an die Lage 365 Minute 42:44 zum Potsdamer Geheimtreffen:

„Fakt ist, da wurden de facto gewaltsame Deportationen geplant. Genau, vor allem sollte es Menschen mit Migrationshintergrund treffen, aber auch, wie es so schön hieß, schlecht assimilierte Deutsche, also Deutsche, die den Leuten auf diesem Treffen nicht deutsch genug oder nicht rechtsextrem genug sind……“

Wurden da, vor dem Hintergrund der Entscheidung des Landgerichts Berlin die Grenzen einer scharfe Einordnung nicht deutlich gerissen?

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Ich hab noch nie davon gehört, dass jemand „exzessiv genötigt“ wird, zu gendern. Bitte belegen Sie einmal, dass dieses Problem real existiert. Was hingegen Fakt ist, ist dass konservative Landesregierungen gendern verboten haben an Schulen oder in der Verwaltung.

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Das würde ich nicht so sehen, denn jedenfalls vor dem Hintergrund des damals veröffentlicht verfügbaren Wissens war die Einschätzung absolut treffend, und sie charakterisiert die AfD ja auch nach wie vor zutreffend.

Weil du die Entscheidung des Landgerichts ansprichst: ich finde es gefährlich, davon auszugehen, dass die Entscheidung zwingend zutreffend widerspiegelt, was bei dem Treffen passiert ist. Es wäre auch denkbar, dass eine Seite das Verfahren einfach nicht gut geführt hat oder aus bestimmten Gründen nicht alle Beweismittel zur Verfügung standen. Es kann also auch sein, dass das Treffen tatsächlich ganz anders stattfand, als das Gericht jetzt festhält.

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Das finde ich ein interessantes Beispiel, weil Philip und ich darüber auch gesprochen haben und er ja in der Sendung auch anderer Meinung war. Aus meiner Sicht ist das gerade kein Fall von Emotionalität, sondern eine kühle Analyse: Ich bin 100 % sicher, dass sie ganz genau weiß, welchen Eindruck sie mit ihrem Text erzeugt. Und dieser Eindruck ist objektiv falsch. Was soll das anderes sein als eine Lüge?

Du kannst natürlich sagen, dass du diesen Schluss auf der Grundlage der Fakten, die wir in der Sendung genannt haben, nicht ziehen würdest. Der Text enthält aber noch mehrere andere ähnliche Verzerrungen der Wahrheit, die unser Kollege Malte Kreuzfeld im Detail rausgearbeitet hat (siehe Shownotes). Wenn du so willst, enthält meine Wertung damit einen Schluss aus viel mehr Tatsachen als dem Ausschnitt, den wir in der Lage zitiert haben. Und das wiederum ist typischer Journalismus: Man weiß eine Menge mehr, in diesem Fall aus dem Text, oft aber auch zum Beispiel aus Hintergrundgesprächen, und kann auf dieser Grundlage viel besser einordnen, als es allein auf der Grundlage der zitierten Fakten ginge.

Unter diesem Punkt zeigt sich wieder, warum ich die Einordnung, das Präsentieren eines Narrativs, so wichtig finde: Es ist für Menschen, die sich nicht professionell mit Politik beschäftigen, kaum möglich, sich selber alle Fakten raufzuschaffen und sich daraus ganz allein ein Bild zu machen, Deswegen glaube ich, dass es ein großer Vorteil ist, wenn wir nicht nur Fakten aufzählen, sondern eben auch eine Deutung vorschlagen.

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Und das ist es was ich meinte das es vielleicht n einem Nachrichten Podcast mehr zu einem Meinungspodcast wurde über die Zeit. Was wie gesagt OK ist, und auch seine Zielgruppe hat. Nur bin ich mir nicht sicher ob ich diese in Teilen noch bin. Aber auch hier muss man sagen, es ist ein kostenloses Angebot was ihr bietet und es steht jedem frei es anzunehmen oder zu lassen. Insofern gibt es denke ich zumindest in der Form eures Podcast auch keinen Grund das ihr euch rechtfertigen müsst. Persönliche Angriffe wie der “Vorwurf” der Überheblichkeit muss man denke ich gekonnt ignorieren oder wegmoderieren. Es gibt denke ich einfach Lebenswirklichkeiten die in der Lage aktuell nur bedingt abgebildet sind und diese Menschen sehen manche Äußerung dann persönlich. Da muss man dann drüber stehen.

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Nachdem ich diese Diskussion losgetreten habe… erst einmal vielen Dank an Ulf für die direkte Stellungnahme!

ich empfand es einfach früher als sehr wohltuend, dass Darstellung, Einordnung und Meinung sehr klar getrennt waren. Das heißt nicht, dass Meinung nicht geäußert werden kann und soll. Nur ist mir die Reihenfolge doch sehr wichtig. Und Meinung sollte m.E. eben nicht schon sehr stark in der Darstellung auftauchen. Just my two cents.

Selbstverständlich kann man auch einem Ministerpräsidenten “billigen Kulturkampfpopulismus” vorwerfen. Das ist dann eine Meinung. Ich halte das allerdings für wenig hilfreich und selbst irgendwie für Kulturkampf. Aus meiner Sicht wäre es in jedem Fall zielführender, die Argumente oder die entsprechenden Äußerungen konkret zu widerlegen. Das ist halt meine Meinung.

Ich höre die Lage trotzdem gerne!

:smiley:

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Ich finde das einen sehr interessanten Thread, weil in der Diskussion genau die Dinge genannt und formuliert wurden, die mir beim Hören auch immer mehr aufgefallen sind zuletzt. Ich höre die LdN nach wie vor gern und finde sie eine gute Ergänzung zu meinem Medienkonsum, ich lasse auch nach wie vor keine Folge und auch kein Thema aus. Ich erwarte auch gar kein 100% neutrales Format, trotzdem fühlt es sich an, als ob es früher ausgewogener und weniger meinungsstark war.

Das liegt vielleicht auch an so pauschalen Kommentaren, die immer wieder kommen und Dinge als gegeben und gesetzt nehmen, in dem Moment sehr meinungsstark und wenig differenziert sind. Wenn das im „Berichtsteil“ der noch gar keine richtige Einordnung vornimmt, vorkommt, dann fällt das zumindest mir mittlerweile sehr auf. Ich höre die LdN dabei gar nicht, um meine Bubble zu verlassen und andere Perspektiven zu bekommen, sondern erwarte sogar, dass die Inhalte und Einschätzungen auf meiner Linie liegen - und trotzdem fühlt es sich auch bei mir so an, als ob irgendwas leicht verrutscht ist. Es fühlt sich nicht mehr ausgewogen genug an und tatsächlich so, als ob die Hosts etwas zu oft immer genau wissen, was jetzt die beste Aktion/Reaktion/Handlung wäre und nur alle zu doof sind, das so zu sehen.

Das ist jetzt überspitzt, und es gibt eventuell auch das Dilemma, dass es doch mittlerweile einige Themen gibt, bei denen es eigentlich völlig klar ist, in welche Richtung es gehen müsste - allein, die Politik liefert nicht weil sie nicht will / mutig genug ist / zu sehr unter Einfluss von Lobbyisten. Da führt eine Beleuchtung eines Themas dann vielleicht auch eher dazu, dass die Einordnung fast zwangsweise relativ klar ist.

Besser kann ich es nicht ausdrücken - aber ich war insgesamt ehrlich gesagt beruhigt, hier ein paar ähnliche Stimmen zu lesen, weil ich mich schon gefragt habe, ob ich mir das einbilde oder nicht.

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Das glaube ich auch nicht. Aber was nützt mir ein Fakt, wenn ich ihn unter Umständen nicht mehr als solchen erkennen kann?

Ich war eigentlich immer der Auffassung, dass die klare Trennung zwischen Darstellung der Fakten und deren Deutung, Einordnung und Kommentierung ein wesentlicher journalistischer Grundsatz ist [1] der auch für euch einen ganz zentralen Stellenwert hat. Selbst wenn ihr natürlich grundsätzlich in eurem Podcast tun könnt was ihr wollt.

Ich bin mir zugegebenermaßen nicht ganz sicher, was ihr damit meint. Allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass das zulasten einer klaren Trennung von Fakten und Einordnung gehen muss.

Oft beginnt ihr einen Abschnitt mit einer Darstellung der Fakten und geht dann z.B. mittels einem “Phillip wie würdest du das denn jetzt bewerten?” gut erkennbar in den Teil der Einordnung über. Aus meiner Sicht perfekt. Leider ist das nicht immer so und oft habe auch ich das Gefühl, dass mir bei bestimmten Aussagen nicht klar ist, ob das jetzt Fakt oder Interpretation ist.

Das halte ich aber für ganz zentral wenn ich mir eine eigene Meinung bilden will. Darüber hinaus macht es auch die Auseinandersetzung mit Kritik deutlich einfacher. Ich glaube viele Menschen fühlen sich durch eine Aussage weniger schnell getriggert, wenn sie nicht den Eindruck haben, dass jemand ihnen hier eine Tatsache verkaufen will, sondern von vorneherein klar ist, dass das eine persönliche Meinung oder Interpretation/ Einordnung ist.

Wenn man in die Wissenschaft schaut, ist dieses Prinzip absolut zentral. Auch für die mir bekannten seriösen Formate innerhalb des Wissenschaftsjournalismus. In Zeiten wie z.B. der Corona Pandemie hat man gesehen, wie wichtig es gewesen wäre, wenn auch andere Bereiche der Gesellschaft nach diesem Prinzip handeln würden. Daher mein Appell: bitte gebt dem wieder einen höheren Stellenwert!

[1]

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Ich denke wir haben hier ein grundsätzliches Phänomen, auch in klassischen Medien, das die Meinung gegenüber reinen Fakten mehr an Bedeutung gewinnt. Möglicherweise etwas befeuert durch die sehr meinungsfokussierten sozialen Medien.

Bei der Vielfalt an Informationen aus unterschiedlichen Quellen neigt man sicher auch als Journalist/in dazu, Themen stärker zu bewerten.

Ist dann natürlich schnell eine Gratwanderung, wenn die eigene Meinung zu sehr in den Vordergrund gerückt wird.

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Frei nach dem Motto:

In der Politik sind Gefühle Fakten.

Es fühlt sich nicht mehr ausgewogen genug an und tatsächlich so, als ob die Hosts etwas zu oft immer genau wissen, was jetzt die beste Aktion/Reaktion/Handlung wäre und nur alle zu doof sind, das so zu sehen.

Dieses Gefühl habe ich auch immer wieder und möchte das an einem konkreten Beispiel festmachen:
Der Umgang der Union mit der AfD. Die Lage sagt ja immer wieder, dass das Nacheifern rechtsextremer Politik letztlich nur der AfD nützt, und merkt dazu an, dass politikwissenschaftliche Studien diese Sichtweise stützen.

Hier habe ich wirklich immer das Gefühl: “Wir wissen es besser, und die Union ist einfach nur dumm!“ Was mich aber wirklich interessieren würde, wäre der Versuch, die Union zu verstehen. Klar, kann man einfach sagen, die sind halt ausländerfeindlich. Vielleicht ist dem auch so, aber irgendwie glaube ich das nicht. Viel lieber hätte ich eine wirklich ernsthafte Auseinandersetzung damit, warum die Union so handelt, wie sie handelt. Denn wenn man der Union vorwirft, dass sie möglichst viele Stimmen haben will (was man ja eigentlich jeder Partei vorwerfen sollte), so würde die Union - nach eurer Logik - ja gegen ihr eigenes Interesse handeln. Gibt es nicht vielleicht auch andere Sichtweisen, unter denen das Handeln der Union logisch ist? Die Union wird ja bestimmt auch von Politikwissenschaftlern beraten, was sind deren Argumente?

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Machtwechsel z.B.

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Ich höre die Lage seit etwa 2019 und finde ehrlich gesagt nicht, dass sich am Stil großartig etwas geändert hat. Die Hosts hatten immer ein sehr robustes Verständnis von „falsch“ und „richtig“ (aus ihrer Sicht) und haben das auch nie verschleiert. Während Covid war es die starke Fokussierung auf die härtesten Null-Covid-Strategien, heute sind es E-Autos, Wärmepumpen, etc. Allein schon die regelmäßige Verwendung der Formulierung „No Brainer“ zeigt doch, dass die beiden für etwas einstehen, und nicht nüchtern Fakten aufgeben und dem Hörer die Interpretation allein überlassen.

Wer Lage hört, um sachlich neutral informiert zu werden, sollte mindestens noch ein paar andere Quellen heranziehen. Für mich ist das ein Podcast, der meinen Konsum abrundet, indem er mir die Perspektive zweier Menschen aus der progressiven-grünen (Großstadt)-Bubble näher bringt. Wer sich daran stört, hat m.E. das Konzept des Podcasts nicht verstanden.

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Ich zitiere Mal von der Lageseite: “Unabhängigen Journalismus unterstützen mit LagePlus” also sehen sich die Hosts ja selbst als Journalisten und nicht als reiner Politik Podcast. Jetzt gibt es bestimmt verschiedene Prinzipien nach denen Journalismus eingeordnet wird. Wie vorher schon geschrieben kam es mir früher mehr so vor das eine Einordnung klarer von den Fakten getrennt war. Heutzutage wird es häufig innerhalb eines Beitrages vermischt. Für mich war es steht’s ein Podcast der mich informiert, Hintergründe erklärt und erst in letzter Instanz eine persönliche Einschätzung gibt. Diese war für mich immer das was für mich den geringsten Mehrwert hatte, da ich mir anhand der vorher gegeben Fakten gut selbst ein Bild machen kann. Das Konzept des Podcast bzw. die Gewichtung hat sich nun mal verändert, was auch normal sein kann über den Zeitraum. Das hat nichts mit Verstanden oder nicht Verstanden zu tun.

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Wie stellst Du Dir das denn vor? Ganz ernsthaft gefragt.

In den Kopf der CxU Entscheidungsträger kann ja nun niemand schauen, also muss man sie an ihren Taten messen. Und genau das tut meines Erachtens die Lage auch. Die Wissenschaft kann zumindest statistisch nachweisen, dass selbst das Narrativ der Parteien wie der AFD zu übernehmen nicht zu dem gewünschten Ergebnis deren Schwächung führt. (Diese Studien hatte hier auch jemand verlinkt, ich finde den Post nur leider nciht mehr).

Jeder kann sich Journalist nennen. Das ist keine Berufsbezeichnung wie Arzt oder Pilot. Und was die Lage macht ist doch eindeutig Journalismus. Und “unabhängig” heisst ja nun wahrlich nicht “ohen Meinung”. Einige tun gerade so, als würden die beiden Hosts einfach nur vor sich hin schwurbeln.

Vieleicht trifft es Dich jetzt nur eher direkt, weil es von Deiner Meinung mehr abweicht als zuvor. Ich hatte ein ähnliches Störgefühl mit dem Themen harte Covid Lockdowns in 2020 und der Ukraine in 2022. Da entsprach vieles nicht meiner Auffassung. Die Podcaster haben immer klar Stellung bezogen.

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Dein Wunsch basiert auf einer Reihe von Annahmen: Die Union ist keine ausländerfeindliche Partei, die entscheidenden Akteure in der Union nehmen wesentliche Informationen zu den Ergebnissen ihrer Politik im eigenen Land und bei den europäischen Nachbarn hinreichend detailliert zur Kenntnis. Die Union bewertet diese Beobachtungen klinisch sauber zweckrational mit dem alleinigen Ziel der Stimmenmaximierung. Kurz auf der Annahme, es gäbe eine irgendwie bessere Erklärung.

Ich denke nicht, dass sich diese Annahmen durch Beobachtung stützen lassen. Und zwar keine davon. Niemand in der Union, der die “AfD mit Inhalt”-Strategie vertritt, kann meiner Beobachtung nach plausibel erklären, warum diese Strategie nirgends funktioniert. Niemand von denen macht mal konkret fest, woran man Erfolg überhaupt messen wollen würde. Die, die es mal getan haben (Merz wollte ja die AfD halbieren) scheitern katastrophal an ihrem selbstgewählten Maßstab und finden dann keinerlei Erkenntnis, sondern ausschließlich externalisierende Ausreden. Warum? Weil sie ideologisch dermaßen weit auf die Bäume geklettert sind. Weil viele von denen völlig springer- und niusverblödet sind (siehe die Peinlichkeiten um den eigenen Ministerpräsidenten Günther, als sich zeigte, dass selbst Leute, die zu dem Thema in Talkshows eingeladen waren, sich ausschließlich die Nius-Berichterstattung angeschaut hatten, oder auch die nius-getriebene Kampagne gegen Brosius-Gelsdorf). Und weil schlicht rund 1/3 der Union im Grundsatz kein Problem mit der AfD-Politik hat. Es gibt in meinen Augen keine andere Analyse, die das Verhalten der Union erklären könnte. Es ist die Merz-Union, nicht die Merkel-Union, die heute regiert. Und der Mann war schon immer von grund auf rassistisch und sexistisch und ein Klassenkämpfer für die Millionäre. Der hat noch nie nennenswert dazugelernt, weder inhaltlich, noch charakterlich hat er sich gegenüber den 0er Jahren weiterentwickelt, nur da hatte Deutschland noch einen Anspruch an Politiker, der so hoch war, dass man erkannt hat, dass einer wie Merz einfach nicht gut genug ist.

So sehr ich also den Wunsch verstehen kann, dass es anders wäre: Wir sollten nicht den Fehler machen, den man bspw. in den USA lange gegenüber den Republikaner gemacht hat und uns einreden (lassen), dass diese Leute was gutes für unser Land wollen. Dass die den demokratischen Konsens teilen. Die Grenze zwischen Demokraten und ihren Feinden verläuft quer durch die Union. Jetzt kannst du natürlich die Meinung haben und behalten, dass es anders wäre, aber wenn ein Journalist nach intensiver Befassung zu dem Ergebnis kommt, dass neben der einschlägigen Forschung und der einschlägigen Empirie die Unions-nahe KAS (das sind u.a. Politikwissenschaftler, die die Union beraten) mit ihrer Studie Recht hat, dass rechts-demokratische Parteien kaputt gehen, wenn sie den Rechtsextremisten nachlaufen, dann muss das auch so dargestellt werden. Und wenn eine rechts-demokratische Partei dann trotzdem Rechtsextremisten nachläuft, bleiben keine schmeichelhaften Erklärungen übrig. Dann darf ein Journalist auch nicht so tun, als wäre das anders. Man kann natürlich immer weiter recherchieren, um eine andere Erklärung zu finden. Aber solange man keine findet, muss man von dem ausgehen, was man recherchiert hat.

Es gab in den letzten 10 Jahren ja sehr zahlreiche Interviews und Reportagen aus dem Maschienenraum der Union, es gab viele Erklärungen zur Strategie der Partei. Wenn du daraus Ansätze gelesen hast, dass es so sein könnte, wie du annimmst, verlinke die gern, es würde mich interessieren.

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Was ich mich halt so ein bisschen frage, ist, ob die Studienlage wirklich so eindeutig ist. Es gab doch mal ein Interview mit einem Migrationsforscher, der dem Lage-Konsens eher ablehnend gegenüber stand.

Generell bin ich etwas verwundert darüber, wie politikwissenschaftliche Forschung fast schon zu einem Naturgesetz erhoben wird. Das kann meines Verständnis nach politikwissenschaftliche Forschung eigentlich nicht leisten.

Es geht mir also vielleicht weniger darum, die Union als solche zu verstehen, sondern eher sich zu fragen, ob man denn nicht auch auf andere Sichtweisen kommen kann, wenn man etwas weniger davon überzeugt ist, dass die Wissenschaft so eindeutig ist.

(Wie gesagt, ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass wenn die Studienlage so eindeutig wäre, die CDU sich aktiv selbst schaden würde.)

Wie stellst Du Dir das denn vor? Ganz ernsthaft gefragt.

Davon abgesehen: Ist es nicht eigentlich die Aufgabe von Journalisten, Politiker zu verstehen? Ich habe keine Ahnung von Journalismus, aber man kann doch sicherlich Hintergrundgespräche führen, um ein besseres Verständnis von den Standpunkten zu bekommen. Ich schlag explizit kein Interview mit einem Politiker vor, da da der Erkenntnisgewinn recht gering sein dürfte.

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Das wiederum halte ich für gewagt. Es ist doch - mal ganz allgemein - davon auszugehen, dass Menschen und somit auch politische Akteure nicht zwingend rational, also stets im logischen Eigeninteresse handeln (siehe Wahlentscheidungen für die AfD bei finanziell schlechter gestellten Menschen), sondern da spielen doch jede Menge Glaubenssätze, ideologische Versatzstücke und Kognitive Dissonanz eine Rolle.
Das beste Beispiel ist doch der aktuelle klimapolitische Rückwärtsgang der Union. Das ist nicht rational, noch nicht mal im Eigeninteresse der Union - würde ich behaupten.
Zumal - die wissenschaftliche Studienlage ist das eine, die politische Realität das andere. Während sich die Merz-Union immer weiter nach rechts bewegt, sich Merz immer weitere verbale (rassistische) Entgleisungen leistet und seine Beliebtheitswerte trotzdem in den Keller rauschen und allein die AfD zulegt, sieht es seltsamerweise bei Daniel Günther in SH ganz anders aus

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Ja, das könnte man hoffen. Allein, ich kenne keine journalistische Beiträge, die eine irgendwie plausiblere Deutung anbieten. Nun lese und höre ich sicher nicht alles, was es an politischem Journalismus so gibt, aber von FAZ bis taz doch relativ viel. Da ist mir nichts begegnet, was deine Vermutung stützen würde. Aber wenn du irgendeinen Amsatzpunkt kennst, der eine bessere Erklärung anbietet, immer her damit, ich wäre interessiert und sicher auch andere im Forum.

Trotzdem könnte man doch erwarten, dass die Union sich ernsthaft wenigstens mit den Ergebnissen der ihr nahestehenden Stiftung befassen würde. Konnte ich bisher nicht erkennen.

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