Sich als Journalist:in an dem Wert zu orientieren, Orientierung zu geben, ist ein zweischneidiges Schwert. Diesem Wert liegt letztlich ein anti-aufklärerisches Verständnis von Journalismus zugrunde (eine literarische Assoziation ist die Großinquisitor-Parabel in Brüder Karamasov). Nimmt man sich diesen Wert zum Hauptmaßstab, ist man immer dem Risiko ausgesetzt, in eine Spirale der gegenseitigen Selbst-Bestätigung abzurutschen. Es liegt in der Natur der Sache, dass ihr damit weiterhin ein (vielleicht sogar wachsendes) Publikum finden werdet. Ihr könnt also selbst entscheiden, was ihr macht, es ist ja euer Podcast. Es ist nur ein konstruktiv gemeinter Warnruf von der Seitenlinie.
Der Vowurf der Überheblichkeit ist natürlich ein stark persönlicher Angriff, und man kann in einem öffentlichen Forum kaum erwarten, dass sich ein so Kritisierter diesen Schuh anzieht, erst recht ohne Beispiele. Das ist in meinen Augen ein Paradebeispiel dysfunktionaler Kritik ![]()
Ein Beispiel aus der letzten Zeit, bei dem ich fand, dass die emotionale Beteiligung für mich die Grenze einer ernstzunehmenden sachlichen Auseinandersetzung überschritten hatte, ist der Vorwurf an Katharina Reiche, sie lüge, wenn sie den Anteil der Erneuerbaren am Gesamtenergiebedarf nennt. Ich fand eure Einordnung enorm wertvoll und stimme auch mit euch überein, dass man die ganze Geschichte mit dem Wirkungsgrad erzählen muss. Ich bin auch wirklich kein Fan von Frau Reiche. Aber eine Lüge kann man das doch nicht nennen. Die zukünftige Entwicklung des Gesamtenergieverbrauchs ist spekulativ - und hängt insbesondere vom Preis und Nutzen der Energie ab. Man kann den zukünftigen Energieverbrauch also nicht damit schätzen, dass man einfach davon ausgeht, dass einfach alle fossilen Prozesse elektrifiziert werden, sich dabei der Wirkungsgrad um X % verbessert und sich sonst nix ändert. Damit hat die Aussage über den gegenwärtigen Mix den Vorteil, eine Zahl zu sein, die nicht auf solche Projektionen angewiesen ist. Dass eine Ministerin sich in diesem Kontext an die messbaren Fakten hält, ist in meinen Augen kein hinreichender Anlass zu vermuten, dass sie täuschen will oder gar lügt. Dass man diese Zahlen für verschiedene Zwecke verschieden kontextualisieren muss, ist richtig, und genau das ist ja die Aufgabe von Journalismus. In diesem Fall hatte ich den Eindruck, dass deine Wertung (Philip hatte sich diese Wertung ja nicht zu eigen gemacht) eher von einem Bild von Frau Reiche geprägt ist. Solche ins Unsachliche neigenden Aussagen lösen bei mir Zweifel aus, ob nicht auch an anderen Stellen des Podcasts die sachliche Darstellung unter dem Prärogativ der Wertung leidet.