Unterschätzen rechter Gewalt(-bereitschaft)

Das Medium Zeit hat in einer Langzeitrecherche belegt, dass viele von Rechtsextremen begangene Tötungsdelikte gar nicht als politische Kriminalität eingestuft worden waren.

Vor sechs Jahren hatte der Faktenfinder auf eine Datenbank hingewiesen, die auch eine massive Diskrepanz zu den behördlichen Daten aufwies.

Ein Blick auf Zahlen zu rechtsextremem Terror in Deutschland zeigt, dass dieser kein neues Phänomen ist. Auf das Konto rechtsextremer Terroristen gehen Köhlers Datenbank zufolge 229 Morde, 123 Sprengstoffanschläge, 2173 Brandanschläge, zwölf Entführungen und 174 bewaffnete Überfälle.

Köhler hat […] dafür Behördenberichte seit Anfang der 1970er-Jahre ausgewertet. Die Zahlen sind Mindestangaben, wie Köhler sagt, da sie nur abgeschlossene und von den Behörden als rechtsterroristisch gewertete Fälle beinhalten. Verdachtsfälle wurden darin nicht berücksichtigt.

Zwei unterschiedliche Vorgehensweisen, doch jedes Mal zeigt sich, dass die offiziellen Zahlen das Problem massiv unterschätzen.

Als Innenminister Alexander Dobrindt die Pressekonferenz zu politisch motivierter Kriminalität gab, zeigte er Charts mit verschiedenem Maßstab, sodass es so aussah, als hätte es ähnlich viele links-motivierte Taten gegeben.

Neben einer Reihe von Verstrickungen in rechtsterroristische Kreise von AgD-Mitgliedern und Abgeordneten weiß man auch, wie aggressiv Mitglieder der gesichert rechtsextremistischen Partei sind.

Auch das Gewaltpotenzial ihrer Wähler ist stark erhöht.

Die weitgehende Tabuisierung dieses Problemkreises sollte dringend mal in der Lage thematisiert werden.

Die Dokumentations-Reihe „World White Hate“ macht es anschaulich.

Rechtsterrorismus ist nur eine Seite der Medaille. Was rechtsextreme, rassistische Alltagsgewalt für Betroffene bedeutet, wird hier beschrieben.

Darüber hinaus bedroht rechtsextreme Gewalt auch Politiker und Amtsträger („Neue Dunkelfeldstudie: Mehr als 60 Prozent der Politiker erleben Gewalt“) sowie z. B. Träger der politischen Bildung („Gewalt gegen politische Bildungsträger - fast jede zweite Person von Gewaltdrohungen betroffen“) und richtet sich damit gegen die Demokratie.

Interessant erscheint mir noch folgender Befund:

Unsere Analyse von Daten des Projekts »Vorurteilsmotivierte Gewaltkriminalität in Nordrhein-Westfalen 2012 bis 2019« zeigt, dass Vorurteilsmotivationen nur in rund einem Fünftel der Urteilsschriften strafverschärfend berücksichtigt wurden – nach der Gesetzesnovellierung häufiger (23 %) als zuvor (14 %).

Nach wie vor spielt also gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nur selten eine Rolle bei der Strafzumessung.

Nicht auf dem Radar der meisten:

Jüngste Entwicklungen:

In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg wächst die rechte Szene rasant – und mit ihr das Gewaltpotenzial.

Gerade in Südbrandenburg verweisen Verfassungsschützer immer wieder auf eine starke rechtsextremistische Szene. In jüngster Zeit hatten Angriffe etwa auf Jugendklubs für Unsicherheit in mehreren Orten gesorgt. […] [Sie] sei […] angefleht worden, »doch bloß nichts zu sagen«. Doch die rechtsextremen Umtriebe, sie seien zu einer Bedrohung geworden. »Einen Mantel des Schweigens« darüber zu breiten und so zu tun, als ob alles gut sei, das stärke diese Gruppierung, schreibt Herntier.

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Besonders beunruhigend sind folgende Studienergebnisse:

Kandidat:innen, die offen zu rassistischer Gewalt aufrufen, seien bei Wähler:innen der AfD besonders populär, stellt die Studie weiter fest. Dies könne, so die Politikwissenschaftlerin, einen Anreiz für die weitere Radikalisierung der Partei darstellen.

Der Verbands der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt hält in seiner Analyse des Weiteren fest:

Die Täter:innen zeigen vor Gericht in der Regel keine Reue, sondern inszenierten sich als Opfer und berufen sich auf vermeintliche Notwehr.

Anlässlich seiner letztjährigen Statistik schreibt der VBRG:

Es gibt viele Parallelen zwischen den Zahlen des BKA im Phänomenbereich PMK Rechts und der Jahresbilanz der Opferberatungsstellen: Die Gesamtzahl der Gewalttaten und die Anzahl der Körperverletzungsdelikte ist jeweils erheblich gestiegen im Vergleich zum Vorjahr und Rassismus ist in der großen Mehrheit der Fälle das Tatmotiv.

Die Statistiken der politisch motivierten Kriminalität (PMK) der Polizei sowie die Jahresberichte der Opferberatungsstellen erfassen grundsätzlich nur einen Teil der tatsächlichen Gewaltrealität im Zusammenhang mit Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Sie bilden lediglich das sogenannte „Hellfeld“ ab – also jene Fälle, die von Betroffenen zur Anzeige gebracht wurden, den Opferberatungsstellen gemeldet wurden oder bei denen Polizei und Staatsanwaltschaft von sich aus Ermittlungen aufgenommen haben.

Zahlreiche wissenschaftliche Studien – darunter Untersuchungen des Kriminologischen Instituts des BKA, des Landeskriminalamts Niedersachsen sowie der Europäischen Grundrechteagentur (2023) – weisen darauf hin, dass im Bereich vorurteilsmotivierter Gewaltkriminalität ein erheblicher Teil der Taten nicht zur Anzeige gebracht wird. Je nach Studie liegt der Anteil der nicht angezeigten Fälle zwischen 30 und 50 Prozent.

Aus der Praxis der Opferberatungsstellen sowie aus der Studie des IDZ Jena zur sekundären Viktimisierung von Betroffenen im Umgang mit Polizei und Justiz (2023) geht hervor, dass viele Betroffene aus unterschiedlichen Gründen auf eine Anzeige verzichten. Dazu zählen die Angst vor weiteren Angriffen oder Racheakten durch die Täter:innen sowie negative, teils diskriminierende Erfahrungen im Kontakt mit staatlichen Stellen, die zu einem tiefgreifenden Vertrauensverlust gegenüber Polizei und Justiz führen.

Es werden sogar Böcke zu Gärtnern gemacht:

Die neue exactly-Reportage deckt auf, wie tief rechtsextreme Netzwerke in der boomenden Sicherheitsbranche verwurzelt sind. Dabei übernehmen private Sicherheitsfirmen zunehmend Aufgaben des Staates – darunter die Bewachung von Polizeistationen, Gerichten und Flüchtlingsunterkünften. Zum Teil bewaffnet. In den vergangenen 10 Jahren hat sich der Umsatz der Branche verdoppelt.

Eine Meldung von heute zeigt noch mal die Verrohung von Teilen dieser Gesellschaft:

Auf einem Parkplatz in Magdeburg hat ein Mann mehrere Familien mit Migrationshintergrund rassistisch beleidigt und ein Kleinkind mit seinem Auto angefahren. Das gab das Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt bekannt.

Die Gewalt zeigt sich immer ungehemmter, während die Bereitschaft, ihr Herr zu werden, schwindet:

Die Attacke auf unser Büro im Frühjahr muss zwischen 13 und 14 Uhr passiert sein, mitten in der Innenstadt, in einer belebten Straße. Neben dem Büro ist ein Mehrgenerationenhaus mit Cafébetrieb. Von der Polizei hat niemand dort nachgefragt, ob jemand etwas gesehen hat.

Es gibt diese Handreichung vom Innenministerium: Man soll nicht über dunkle Plätze gehen, nicht allein unterwegs sein, nach Auswegen suchen und sein Fahrzeug vor jeder Abfahrt prüfen. Das machen wir schon seit Jahren.

Wir haben versucht, ein Gremium zu gründen, überparteilich, mit Polizei, Ordnungsamt, Sozialverbänden, um der Gewalt – auch gegen die Bevölkerung – vorzubeugen. Das Vorhaben hat die SPD gemeinsam mit der CDU in Gotha ausgebremst.

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Das BKA hatte 2019 eine Herbsttagung zum Thema Rechtsextremismus.

Lesenswert ist der Beitrag des Tagesspiegel-Journalisten Frank Jansen unter dem Titel „Wird das rechte Gewaltpotential unterschätzt?“ Die Langfassung kann hier heruntergeladen werden:

Er hält auch den Sicherheitsbehörden den Spiegel vor.

Seither hat sich nichts substanziell verbessert, wenn man ehrlich ist.

In der Präsentation von Beate Küpper, ebenfalls auf der Site, mit Daten der Mitte-Studie von 2019 ist der treffende Satz zu lesen:

„Rechtsextreme wie -populistische und neurechte Einstellungen fließen zusammen und sind eng mit der Neigung zu Gewalt verbunden.“

Das sollten wir stets im Hinterkopf haben, wenn wieder mal jemand rechten Populismus/Extremismus normalisiert und verharmlost.

Wieder mal zeigt sich eine starke Sehschwäche auf dem rechten Auge.

Ein Deutscher zündet 2024 in NRW ein von Mi­gran­t*in­nen bewohntes Haus an. Vier Menschen sterben, 21 werden verletzt.

Auf den Datenträgern des Täters von Solingen, Daniel S., fanden sich unter anderem 166 rechtsextreme Bilder, die den Nationalsozialismus verharmlosen. Başay-Yıldız untersuchte die Festplatten später selbst und entdeckte weitere belastende Inhalte. Die Behörden ordnen die Datenträger allerdings bislang der Partnerin des Täters zu.

Bereits kurz nach der Tat waren zudem bei der Hausdurchsuchung von Daniel S. NS-Literatur und rechtsextreme Schallplatten gefunden worden – doch diese Funde waren nicht in die Ermittlungsakte aufgenommen worden. Erst im Prozess tauchten sie plötzlich auf, sie waren dem Vater des Täters zugeordnet. Übersehen hatten die Ermittler auch ein Gedicht an einer Wand in der Garage von Daniel S., das als rassistisch und rechtsextrem bekannt war. Auch ein internes Dokument der Polizei Wuppertal verschwand und tauchte später verändert wieder im Prozess auf.

In dem Vermerk wurde der Täter zunächst als „rechts“ eingestuft, es könne von „einer tiefen inneren Verbundenheit (…) mit dem rechten Gedankengut ausgegangen werden“, stand darin. Später wurde diese Einstufung durch handschriftliche Ergänzungen gestrichen. Das Dokument war zuvor weder der Staatsanwaltschaft noch dem Gericht oder den Ne­ben­kla­ge­an­wäl­t*in­nen bekannt.

Laut Ministerium habe die Polizei Wuppertal zunächst keine Hinweise auf eine politische Tatmotivation des Angeklagten erkannt. Trotz späterer neuer Erkenntnisse sei das Innenministerium darüber nicht proaktiv informiert worden.

Auch im Verhalten des Täters im digitalen Raum fanden sich Hinweise auf eine rechtsextreme Gesinnung: wiederholte Suchanfragen zu NS-Waffen, zur AfD, zum Hetzmotto „Ausländer raus“, sowie zu NS-Songs, Konzerten der Wehrmacht und Videos des rechtsextremen Magazins Compact.

Dennoch spielte ein 59-jähriger Beamter aus der Wuppertaler Polizeiabteilung „Politisch motivierte Kriminalität – rechts und links“ bei der Auswertung dieser Fundstellen eine fragwürdige Rolle. Laut Başay-Yıldız erklärte der Beamte, all diese Inhalte belegten lediglich ein „geschichtliches Interesse“ des Täters. Nicht jeder Konsument solcher Videos oder Besitzer von NS-Büchern habe ein rechtes Weltbild.

Auch die Kommunikation des Täters mit seiner Freundin, in der von „Kanaken“ die Rede ist, die sich gegenseitig „mit Polenböllern wegfetzen“ sollten, habe laut dem Beamten zwar „ein Geschmäckle“, müsse aber nicht politisch motiviert sein. Derselbe Kriminalhauptkommissar sowie das Polizeipräsidium Wuppertal waren bereits in einem früheren Fall in Wuppertal auffällig geworden: 2015 war ein Mann mit türkischem Migrationshintergrund vor dem dortigen Autonomen Zentrum von drei Neonazis angegriffen worden.

Chatprotokolle aus einer Whatsapp-Gruppe namens „Angriffsparty“, in der das Zentrum längst als Angriffsziel genannt wurde, und die dem 59-jährigen Beamten bekannt waren, wurden damals nicht in die Ermittlungsakten aufgenommen.

Heute wurde der Täter verurteilt, ein rechtsextremes Motiv wurde nicht angenommen:

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Neue Recherchen offenbaren die Gefährdungslage.

Rechtsextremisten in Deutschland haben einem Medienbericht zufolge Zugriff auf mehr als 1.700 legale Schusswaffen. Das ist das Ergebnis einer Recherche von NDR und WDR. Abgefragt wurden dabei Daten zur Waffenerlaubnis der Sicherheitsbehörden aller 16 Bundesländer.

1.765 davon – und damit mehr als zwei Drittel – werden demnach Rechtsextremisten, Neonazis, Reichsbürgern oder radikalen Querdenkern zugeordnet. Da nicht alle Bundesländer die Angaben nach den Extremisten offenlegten, dürfte die tatsächliche Zahl noch höher sein, berichteten die Journalisten von WDR und NDR.

Ein aktuelles Beispiel:

Gegen den AgD-Politiker laufen auch Ermittlungen wegen Verstößen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz.

Wie weit sind wir schon gekommen?

„Fascholand“ ist eine Ermittlungsakte gegen Deutschland. In autobiografischen Episoden beschreibt der Autor Canberk Köktürk, was es heißt, in Deutschland zu leben und mit Rassismus und Gewalt konfrontiert zu werden. In seinen Texten untersucht er die Lage einer Nation, in der Hass und Hetze, Rechtsruck und Rassismus zum Alltag gehören. „Wir sind hier immer noch in Deutschland“ lautet der Untertitel. Im Gespräch mit radio3 erklärt Canberk Köktürk, was dieser Satz für ihn bedeutet.

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Auch wenn das Buch erst im Oktober erscheint:

Woher diese Lust an der Zerstörung? Und warum folgen so viele Bürger:innen den libertären Autoritären in den selbstgewählten Faschismus? Auf der Grundlage umfangreicher empirischer Forschungen, darunter einer Vielzahl ausführlicher Interviews, u. a. mit AfD-Anhängern und Mitgliedern libertärer Vereinigungen, entwickeln Amlinger und Nachtwey eine Erklärung: Im Kern richtet sich diese Revolte gegen die Blockade liberaler Gesellschaften, die ihre Versprechen auf Aufstieg und Emanzipation nicht mehr einlösen. In diesem Sinne geht es Trump, Musk, Weidel und ihren Anhänger:innen, schließen die beiden mit Erich Fromm, um die Zerstörung der Welt als letzten, verzweifelten Versuch, sich davor zu retten, von ihr zermalmt zu werden.

Eine in jedem Fall spannende Arbeitshypothese.

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Spannend ist die These und ich vertrete sie schon lange. Sie wurde hier aber auch schon öfters angesprochen. Die übliche Entgegnung hierauf war der Hinweis, die AfD-Wähler wählten die Partei nicht aus Enttäuschung und Protest gegenüber den demokratischen Parteien, sondern aus rechtsradikaler Überzeugung.

Sollte es aber doch so sein wie Nachtwey und Amlinger behaupten, dann kann nachhaltiger (im Sinn von dauerhaft) Aufstieg und Emanzipation diesen Trend aufhalten. Was wohl Frau Herrmann dazu sagen würde, denn das dürfte für ihre Green Shrinkage Ideologie der faktische Todesstoß sein.

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Meines Erachtens widerspricht sich Wachstum und Schrumpfung nicht.
Man darf halt nicht alle gleich behandeln. Wir brauchen Wachstum am unteren Ende und Shrinkage am oberen. Das führt in der summe zum Schrumpfen, kehrt aber die Präkarisierung in der unteren Hälfte um.

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Die AgD-Anhänger wählen die Partei auch aus rechtsextremer Einstellung.

Im Übrigen wird es Aufstieg für diese Leute nicht geben. Denn aufzusteigen schaffen die wenigsten.

Aufstieg ist auch etwas völlig anderes als eine sozialere Gesellschaft. Aufstieg ist eine Vorstellung, dass man sich in einer Konkurrenzgesellschaft gegenüber anderen durchsetzt.

Es geht um Folgendes:

Laut den ISSP-Umfragen war eine Gruppe besonders anfällig für die Propaganda rechter Parteien: Menschen, die sich selbst viel weiter oben in der Status-Hierarchie verorten, als ihr Einkommen vermuten lässt.

Es sind also Menschen, bei denen Wunsch und Wirklichkeit besonders weit auseinanderklaffen. Und die darunter zu leiden scheinen, dass sie sich stark mit anderen vergleichen.

Wenn sich der Wettkampf um Plätze in der sozialen Hierarchie intensiviert, versuchen die Zurückgelassenen anderen zu schaden, um ihren Platz in der Rangordnung wiederherzustellen.

Man findet diese Logik sehr explizit bei den Anhängern rechter Parteien wieder, die sehr wohl ahnen, dass sie wirtschaftlich leiden könnten, wenn ihr Land zum Beispiel die EU verlässt oder hohe Zölle einführt. Aber sie gehen auch davon aus, dass andere Gruppen noch stärker darunter leiden werden als sie. Dass die Gesellschaft als Ganze vielleicht etwas ärmer werden wird – aber dass ihr eigener sozialer Status in der neuen Ordnung höher sein wird als vorher.

https://archive.is/KquhE#selection-2707.86-2711.461

Zudem missinterpretierst du m. E. den Begriff Emanzipation.

Was Frau Herrmann damit zu tun haben soll, wird wohl dein Geheimnis bleiben.

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Dem wird dir niemand widersprechen. Die spannende Frage ist, ob die Enttäuschung über die nicht-performante liberale Gesellschaft ein Faktor ist oder wie von einigen behauptet die rechtsradikale Gesinnung allein treibend ist. Daraus leitet sich dann ab, ob eine besser performende Gesellschaft das Wachstum der AfD reduzieren kann.

Ich glaube für die meisten Menschen reicht es wenn sie das Gefühl haben mit einer Gesellschaft geht es aufwärts. Dafür braucht es Role Models und vor allem gute Zahlen (bspw zum Vergleich mit anderen Nationen). Ich verweise dazu auch auf das Interview mit Mafalaani. Der wies darauf hin, dass Armut (ich erweitere um Stagnation) sich besser aushalten lässt wenn man das Gefühl hat, morgen könnte es besser werden. Denkt man dagegen, dass es morgen schlechter wird, dann wird Armut unerträglich. Individuell muss es also nicht allen besser gehen.

Agree. Aber das ändert ja nichts daran, dass wir einen großen Teil der Menschen haben, die weiter an Aufstieg glauben und denen eine sozialere Gesellschaft egal ist, solang sie im warmen oberen Drittel sitzen. Und selbst bei denen, die für eine sozialere Gesellschaft sind endet die Unterstützung oft dort, wo realisiert wird, dass man auch eigene Privilegien abgeben müssen wird.

Ich habe ihn gar nicht interpretiert, sondern aus der Leseprobe zitiert. War das so undeutlich? Ich habe sogar die Schriftart geändert.

Andere scheinen es ja erkannt zu haben. Für dich, Frau Herrmann vertritt die Position, es gäbe kein Grünes Wachstum und damit könne es aus ökologischer Sicht nur die Pflicht zu Green Shrinkage geben. Das wiederum wird selbst unter Umverteilung langfristig zum Gefühl von Abstieg führen und könnte damit die Menschen noch mehr nach rechts treiben.

Insgesamt scheint mir hast du meinen Beitrag völlig fehlinterpretiert.

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Wie gesagt, es geht hier ums eigene Status-Streben und mitnichten um soziale Gerechtigkeit.

Das ist sogar kontradiktorisch. Das eine ist sozialdarwinistisch, das andere ist das Gegenteil davon.

Drei Variablen spielen hier eine Rolle: Autoritarismus, Vorurteile und Soziale Dominanzorientierung (SDO). All das prädizierte das Wählen von Trump und das Abstimmen für den Brexit:

The Social-Psychological Bases of Far-Right Support in Europe and the United States

In einem viel zitierten Grundlagen-Artikel heißt es:

SDO was negatively correlated with empathy, tolerance, communality, and altruism.

In der Wikipedia wird ferner festgehalten:

Zusammen mit der politischen Einstellung des Autoritarismus (Right-Wing-Authoritarianism, kurz RWA) bildet SDO das stärkste Prädiktorenpaar für Vorurteile.

It is a predisposition toward anti-egalitarianism within and between groups.

Individuals who score high in SDO desire to maintain and, in many cases, increase the differences between social statuses of different groups, as well as individual group members. Typically, they are greedy and seekers of power. People high in SDO also prefer hierarchical group orientations. Often, people who score high in SDO adhere strongly to belief in a „dog-eat-dog“ world.

Daher kann man mit allgemeiner Wohlfahrt da auch nichts ausrichten.

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Die wird/wurde von den Anhängern der heutigen rechtsextremen Bewegungen in vielen Fällen auch ganz offen bekämpft. Erst gegen bessere Infrastruktur/Absicherung, Durchlässigkeit, Umverteilung sein, dann wegen der eigenen Stagnation und Abstiegsangst Rechtsextremisten wählen, weil die Linken, die Grünen, die Armen, Ausländer und andere Minderheiten so gemein sind.

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Die Uneinlösbarkeit des Statusverlangens dieser Leute macht deren autoritäre Aggression umso gefährlicher.

Wenn dann der konservative Historiker Götz Aly im Spiegel bekundet: „Verweigern die Politiker durch beharrliches Beschweigen grundlegende Reformen in der Gesundheits-, Pflege und Altersvorsorge, dann ist mit systembedrohenden Entwicklungen zu rechnen“, nachdem er den Mythos der Denkzettel-Wahl noch mal aufgewärmt hat, dann ist das eine gefährliche Fehleinschätzung.

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Eine sehenswerte aspekte-Sendung:

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Sicher richtig. Mehr Wohlfahrtsstaat ist sicher nichts was AfDler wollen. Sie wollen sich ja von anderen Abheben und nicht auf dem gleichen Level wie alle enden.

Aber das ist doch keineswegs im Widerspruch dazu, dass nicht zwangsläufig individueller Wohlstandsgewinn notwendig ist, um ein Aufstiegsgefühl zu vermitteln. Du blickt bei dem Thema nur auf die Nahebene, in der man sich mit Nachbarschaft oder Kollegen vergleicht. Und ich denke du legst damit den Autoren etwas in den Mund was nicht notwendigerweise ihre Aussage ist.

Tatsächlich gibt es auch die internationale Dimension, die du komplett ignorierst. Ich kann durchaus auch ein nationales Aufstiegsgefühl erzeugen, indem ich erfolgreiche Politik erzeuge und in den wichtigen Indizes ganz vorn mitspiele. Man kanalisiert dieses Machtstreben daher zu einem Vergleich nach außen.

Die Welt wird damit nicht gerechter, das ist klar. Aber auf nationaler Ebene benötigt es damit nicht mehr Verbesserung für jeden. Sprich doch mal mit AfDlern. Ich habe noch nie von denen gehört, dass es ihnen individuell schlecht geht. Im Gegenteil, alle fühlten sich sehr gut in ihrer Lage. Aber sie hatten Angst davor, dass sich ihre Privilegien verlieren. Teils durch Umverteilung und Wohlfahrtsstaat, teils durch nationalen wirtschaftlichen Niedergang.

Es gibt zwar den bekannten Schopenhauer-Spruch:

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.

Aber mit der Förderung von tumbem Nationalstolz funktioniert es nicht. Abgesehen davon, dass Patriotismus nachweislich genauso Ressentiments fördert wie Nationalismus.

Was du außen vor lässt, ist nämlich, dass sich die Aggression dieser Leute gegen Inlandbewohner richtet. Gegen Menschen anderer Herkunft und Hautfarbe, gegen queere, erwerbsarbeitslose, behinderte Menschen, mithin gegen Frauen, gegen Linksliberale usw.

Sogar die Fußballnationalmannschaft der Männer wurde als angeblich ‚undeutsch‘ geschmäht.

Für diese Leute sitzt der Feind im Innern.

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Zwischen einer Welt, in der sehr viele Menschen zukünftig wegen der Privilegien dieser Leute nicht mehr leben können werden und deren Wunsch, ihre Privilegien trotzdem (Opportunisten) oder sogar deswegen (Neo-Nazis) behalten zu wollen, kann man mit nationalem Aufstieg schwerlich konstruktiv vermitteln. Zumal, da ja die rechten Spinner grade in vielen Demokratien wieder eine Varianten vom „Platz an der Sonne“ für sich wählen. Als hätte es Imperialismus und Ersten Weltkrieg nie gegeben.
Wir sind die dritt- oder viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Weite Teile der Bevölkerung fressen sich buchstäblich zu tode. Trotzdem bekommen diese Leute den Hals nicht voll. So wenig, dass sie auch neue alte Nationalistische oder oder gleich völkisch-nationalistische Führer wählen wollen, um ihre krankhafte Geltungssucht mit Gewalt nach innen und außen zu befriedigen. Und alle anderen rätseln, ob solchen Leute wohl besser mit Härte, oder mit Appeasement zu begegnen sei… man kann mit denen nicht vorhandeln, solange die noch eine Alternative sehen. Warum Menschen das gegenüber Russland verstehen, aber beim Feind im eigenen Land nicht sehen (wollen), ist mir unbegreiflich.

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Agree. Aber was folgt daraus? 30%+ Der Deutschen nach Ruanda abschieben?

Ich gebe zu, ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem wir die Aufstiegs-Enttäuschen einfangen können wenn wir nicht schnell wieder Wachstum und Erfolg generieren (zum Nachteil anderer Länder). Und ehrlich gesagt glaube ich, dass die AfD (oder eine mögliche Nachfolgerpartei) unter solchen Vorzeichen das Potential auf noch wesentlich mehr hätte.

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Das hat mit Nationalstolz wenig zu tun. Solange man das Gefühl hat, es könnte noch weit schlechter sein und immerhin geht es einem besser als dem Referenzstaat stellt sich ein Gefühl der Beruhigung ein.

Unsere aktuelle Hysterie beruht doch vor allem darauf, dass unsere Wirtschaft schrumpft bzw. stagniert während die meisten anderen OECD Staaten schwach aber solide an uns heran oder vorbei wachsen. Absolut gesehen geht es uns noch gar nicht schlecht. Wirtschaft ist Psychologie.

Ich denke das kommt darauf an über welche Gruppe innerhalb der AfD-Anhänger wir sprechen. Es gibt zweifellos solche, die die genannten Gruppen am liebsten verjagen würden. Die Frage ist wie prägend dieser hart rechte Teil wirklich ist. Ich lebe in Brandenburg und erlebe dort leider auch manchmal Menschen vom rechten Rand (übrigens aber auch kürzlich im Urlaub erschreckend viele Mitmenschen aus den alten Bundesländern - der Zuwachs sich offen Bekennender macht mir echt Sorgen).

Für die schien mir aber keineswegs der Hass auf Minderheiten das vordergründige Motiv zu sein, sondern die tiefe Sorge vor einer Politik, die in vielen Themen die „falschen“ Weichen stellt und den bisherigen Erfolg durch besonders moralische, soziale Politik verspielt [in eigenen Worten wiedergegeben. Nicht meine eigene Meinung].

Wenn die gegen beispielsweise Ausländer sind, dann vor allem weil diese Regeln nicht einhalten (Kriminalität, Mitwirkungspflichten, Dublin) und die etablierten Parteien seit Jahren keine Handhabe finden. Sie sind so nicht weil sie grundsätzlich gegen Ausländer wären. Soweit das Ergebnis von Gesprächen.

Nun ist die Frage welche Gruppe für die AfD prägend ist. Die harten Rechten, die du im Auge hast oder die Enttäuschten, mit denen ich mich unterhalte.

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Empirie beantwortet deine Frage:

Ausländerfeindlichkeit: In der öffentlichen Debatte scheinbar mehrheitsfähig, aber nur von der Mehrheit der AfD-Wähler geteilt

Manifeste Fremdenfeindlichkeit bei AgD-Wählern: zwei Drittel, manifeste und latente Fremdenfeindlichkeit bei AgD-Wählern: 94 % (Quelle).

Die Sachlage ist also ziemlich klar.

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