Ukraine Waffenstillstand 2014 war keine Erhohlungspause für Russland

Ihr habt in den vergangenen Sendungen ja mehrfach behaupted, dass das Minsk Abkommen von 2014/15 als eine Erholungspause zu Gunsten Russlands und zum Nachteil der Ukraine gewesen sei.

Diese Ansicht wird ja durchaus weiträumig geteilt und ist auch die Basis für viel Kritik an der damaligen Deutschen Regierung, die an der Verhandlung dieses Abkommens betweiligt war.

Allerdings ist diese Sichtweiße kaum mit der Realität vereinbar. Man muss viel eher davon ausgehen, dass das Abkommen damals die Ukraine vor dem Zusammenbruch bewahrt und ihre überraschend erfolgreiche Verteidigung heute erst möglich gemacht hat.

Die ukrainische Armee war 2014 in keiner Position einen erfolgreichen Verteidigungskampf wie heute zu führen. Die Moral inerhalb der Armee war schlecht und die Ausstattung nach Jahren der Vernachlässigung hinfällig. Nicht umsonst haben die Einheiten auf der Krim ihre Waffen kampflos gestreckt. Im Donbass wurde gekämpft, aber auch dort musste die ukrainische Armee massive Niederlagen einstecken wie bei der Schlecht um Ilowajsk und Debalzewe und das obwohl sich Russland damals, im Gegensatz zu heute, noch um „plausible deniability“ bemüht hat und nur etwa 10.000 russische Soldaten direkt an den Kämpfen beteiligt waren (https://static.rusi.org/201503_bp_russian_forces_in_ukraine.pdf). Auch hat Russland damals z.B. nicht offen seine Luftwaffe und Raketenstreitkräfte eingesetzt. 2014 war zudem der Höhepunkt eines jahrelangen Wirtschaftsaufschwungs in Russland, der ein Jahrzehnt steigender Militärausgaben ermöglicht hatte. Nach 2015 allerdings, aufgrund der wirtschaftlichen Situation in Folge relativ niedriger Ölpreise und westlicher Sanktionen, begannen die Russischen Verteidigungsausgaben zu stagnieren • Russia: military expenditure 2021 | Statista

Im Gegensatz dazu, sind die Verteidigungsausgaben der Ukraine seit 2014 signifikant angewachsen und das Land had sein Militär- auch mit westlicher Unterstützung und Beratung - modernisiert. Militärausgaben der Ukraine bis 2021 | Statista

Das Kräfteverhältniss hat sich somit zu Gusten der Ukraine verschoben (auch wenn die Ukraine natürlich insgesamt unterlegen bleibt). Der Waffenstillstand 2014/15 war also ein entscheidender Erfolg der die Situation der Ukraine massiv verbessert hat und ohne dieses Abkommen, wäre die Ukraine wahrscheinlich 2014/15 kollabiert.

Was die Vorbereitung der jeweiligen Militärs angeht, stimme ich dir zu. Ich hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges gelesen, dass die Ukraine seit 2014 die Soldaten in der Ostukraine regelmäßig durch getauscht hat und so sehr viele Soldaten mit Kampferfahrung im Land besitzt.

Für Russland waren aber die letzten 8 Jahre aber wirtschaftlich vermutlich die bessere Vorbereitungszeit. Hinzu kommt wohl auch, dass Russland, laut diesem Artikel der Zeit wohl Recht gut darin ist, sein Militärbudget klein zu rechnen:

Auf den ersten Blick geben die USA zehnmal so viel für Rüstung aus wie Russland. Aber dieses Kleinrechnen der Rüstungsausgaben gehört zur hybriden Kriegführung des Kreml.

Quelle:
Wladimir Putins gefährlicher Bonsai-Haushalt - zeit.de

Ja Russland ist gut darin seine Militärausgaben kleinzurechnen. Hinzu kommen auch wirtschaftliche Effekte bei der Umrechnung von Rüstungsausgaben. So werden Rüstungsausgaben in der Regel in international USD berrechnet und nicht um purchasing power parrity bereinigt (also wie viel bekommt man für eine Währungseinheit IM Land selbst). Das macht Sinn für Staaten, die ihre Militärgüter größtenteils importieren (Saudi Arabian z.B.) aber für Russland das die zweitgrößte Rüstungsindustrie der Welt hat, macht es weniger Sinn, weil die Ihre Waffen ja im Inland zu lokalen Preisen beschaffen.

ABER diese Effekte gab es ja schon vor 2014, die Berrechnungsmethode ist ja die gleiche. Daher ist schon davon auszugehen, dass die Statistik die Entwicklung der Verteidigungsausgaben über die Zeit gut wiedergibt, wenn auch nicht zwangsläufig im Vergleich zu westlichen Staaten.

Umgekehrt muss auch davon ausgegangen werden, dass Russland damals den Krieg von heute nicht hätte führen können. Die von dir genannten 10.000 russischen Soldaten wären selbst bei einem Zusammenbruch der ukrainischen Streitkräfte nicht danach auf Kiew marschiert.

„Erholungspause“ ist wohl der falsche Begriff. Aber den für Russland sehr vorteilhaften Ausgang seiner „Spezialoperation“ im Jahr 2014 kann man schon als Grundstein für den dann viel ambitionierteren Angriff von 2022 sehen. Hätte es damals vom Westen deutlich mehr Widerstand gegeben, wären wir heute vielleicht in einer besseren Situation.

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Welche Belege hast du für diese Behauptung? Russland hat damals die Zahl seiner Kräfte limitiert, weil es eben eine Politik der „Plausible Deniability“ verfolgt hat, also zumindest einigermaßen den Eindruck erwecken wollte es handele sich bei der Situation dort um einen „hausgemachten“ Aufstand.
Es gibt aber keine Gründe für die Annahme, dass Russland, wenn es sich damals entschlossen hätte diese Heimlichtuherei aufzugeben und offen zu intervenieren, nicht in der Lage gewesen wäre eine vergleichbare Invasionsstreitmacht wie heute aufzustellen.

Wie ich bereits erwähnt habe, waren die Rüstungsausgaben in Russland 2014 auf einem vergleichbaren Niveau wie heute und auch die nominale stärke der russischen Armee hat sich nicht signifikant verändert seit dem.

Um so eine Streitmacht bereitzustellen und einzusetzen, braucht es einiges an Vorarbeit. Die war 2014 nicht geleistet. Es wurde damals nicht ohne Grund der Weg einer eher begrenzten Aktion gewählt.

Das ist doch kein Widerspruch. Ich denke, dass einfach beides zutrifft.

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Das wiederum haben wir nicht gesagt. Bitte genau zitieren, sonst diskutieren wir hier über Strohmänner.

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