In Großbrittanien ticken die Uhren echt anders. Man stelle sich das vor:
Friedrich Merz tritt zurück, weil seine Beliebtheitswerte ins Bodenlose sinken und die Union zunehmend ungehalten wird. Der Unionspolitiker Markus Müller, Bürgermeister von Dortmund, der gerade seine Wiederwahl gewonnen hat, erklärt seine Kandidatur als Bundeskanzler. In der Unionsfraktion gibt es mehr als 20% Unterstützer und es gibt keinen weiteren Kandidaten. Und dann erklärt der Bundespräsident Markus Müller zum neuen Kanzler.
Fun Fact: Das Land hat keine Verfassung. Das alles ist „Verfassungstradition“.
Deshalb ließ sich Andy Burnham wohl auch zunächst ins Unterhaus wählen.
Da wir in unserer Verfassung kein Prärogativ von Parlamentsmitgliedern auf den Kanzler:innenjob haben, könnte auch Horst Schlämmer sagen: „Isch kandidiere!“
Aber Scherz beiseite, im U.K. sind erst 2029 wieder General Elections.
Bis dahin kann man gespannt sein, ob dem Wutbürgertum bis dahin die Luft ausgeht.
Bei den Wahlen im Mai hat sich Reform UK weder in Schottland noch in Wales durchgesetzt. Bei den Kommunalwahlen in England zeigt sich ein gemischtes Bild.
Hätte es landesweite Wahlen gegeben, dann hätte das Ergebnis wohl ungefähr so ausgesehen:
Bis aufs gute Abschneiden der Liberaldemokraten, die auch noch mal was anderes sind als die FDP hierzulande, ist die Verteilung aktuellen hiesigen Umfragen nicht unähnlich.
Andere Länder, andere Systeme und Traditionen. Das ist jetzt auch alles nicht mehr oder weniger absurd als manche Traditionen im deutschen Politikablauf.
Ich verstehe nicht wirklich, wo du das systematische Problem siehst. Das System in UK ist darauf ausgerichtet, eine Parteien-Demokratie zu sein und keine Personen-Demokratie. So weit ähnlich wie in Deutschland (auch hier könnte der Bundestag jederzeit einen neuen Kanzler wählen, ohne, dass es dadurch zu Neuwahlen käme…). Sowohl UK als auch Deutschland haben Systeme, wie ein „Umsturz“ innerhalb der Regierung ablaufen kann. In Deutschland muss der Bundestag dafür ein konstruktives Misstrauensvotum einberufen, dazu genügt ein Viertel der Abgeordneten. In Großbritannien läuft der Prozess innerhalb der Partei und es sind 20% benötigt. Ob der Prozess in Deutschland leichter auszulösen ist als in UK kann man diskutieren (20% der Regierung vs. 25% des Parlaments; je nachdem, wie die Opposition drauf ist, kann das leichter oder schwerer sein…).
Wenn der Prozess eingeläutet wurde ist es faktisch in beiden Systemen identisch: Wer die Regierungsmehrheit hinter sich versammelt, darf regieren. Würde also Markus Müller Friedrich Merz erfolgreich herausfordern und Merz sagt: „Darauf hab ich keinen Bock, ich bin raus!“ würde auch eine Kanzlerwahl ohne Gegenkandidat (aus der eigenen Partei) erfolgen. Gut, theoretisch könnte die Opposition Kandidaten vorschlagen, aber das wäre offensichtlich hoffnungslos.
Also wo genau liegt das Problem? Labour hat die letzte Wahl gewonnen, Labour darf also diese Legislaturperiode regieren. Wer für Labour an der Spitze steht, kann die Partei im Laufe der Amtszeit ändern, wie in Deutschland auch. So what?
Der Unterschied ist doch nur die Tradition: In Deutschland wird das einfach nicht gemacht. Bei der Ampel war es auch keine Option, weil die Regierungsparteien sich zerstritten haben, bei Rot-Grün wurde verfassungsrechtlich genau das kritisiert, dass Schröder eine Neuwahl wollte, anstatt dass Rot-Grün einfach einen anderen Kanzler bestimmt. Viele Verfassungsrechtler sahen gerade darin ein Problem, weil es eigentlich mit dem konstruktiven Misstrauensvotum so gedacht ist, wie es nun in UK gelaufen ist. Alter Kanzler wird abgewählt, neuer wird von den Regierungsparteien (oder sogar einer sich neu findenden Koalition) gewählt.