Übersehene Folgen des Herrenbergurteils/Scheinselbstständigkeit ab 2027

Liebes Lage-Team, liebe Community,

mir fehlt in der medialen Berichterstattung allenorts gerade die Diskussion über die Konsequenzen des sogenannten Herrenberg-Urteils, die schon ab 01.01.2027 greifen. Diese weitreichenden Konsequenzen betreffen die gesamte Bildungslandschaft, betroffen sind alle Institutionen wie Volkshochschulen, Universitäten, Weiterbildungsanbieter, Stiftungen, diejenigen, die sie nutzen und diejenigen, die ihre Selbständigkeit auf Coachings und Workshops in Institutionen aufbauen.

Was uns erwartet: Sämtliche Lehraufträge, die auf Honorarbasis laufen - heißt alle Personen, die nicht in der Institution, in der sie unterrichten, angestellt sind, gelten ab 2027 als scheinselbstständig, sobald die Personen in die Infrastruktur der Institution eingebunden sind (z.B. in ein Lehrprogramm eingebunden sind, Teil eines Stundenplans sind, die Teilnehmenden zugewiesen bekommen, eine E-Mail-Adresse der Instituton besitzen, die Räume und Ausstattung nutzen, Anwesenheitslisten führen o.ä.). Und das krasse dabei: unabhängig von Höhe des Honorars und Dauer/Umfang des Lehrauftrags oder der sonstigen Tätigkeit (sind die Personen schon angestellt bei einem anderen Arbeitgeber oder selbständig mit weiteren Kunden - ganz egal).

Ab 2027 ist es also nicht mehr möglich, z.B. einen Lehrauftrag an einer Uni wahrzunehmen, einen Workshop bei einem Weiterbildungsinstitut zu geben oder einen Kurs an einer Volkshochschule anzubieten, wenn diese Institutionen diese Lehrenden nicht anstellen. Heißt: Die Kernidee vieler Weiterbildungsanbieter, das Wissen vieler einzelner Personen in Workshopangeboten weiterzugeben, funktioniert nicht mehr.

Ausgangspunkt für diese Situation ist das Herrenberg-Urteil aus dem Jahr 2022, das zunächst von der Klage einer Musikschullehrerin ausging, die von ihrer Musikschule nicht angestellt wurde. Der wohlmeinende Gedanke ist, Ausnutzung zu vermeiden. Übersehen wurde dabei aber bisher, dass eine große Zahl an Selbständigen oder Personen, die aus Institutionen und Firmen, in denen sie angestellt sind und ihr Berufswissen z.B. weitertragen, diesen Schutz gar nicht benötigen, gar nicht angestellt werden wollen oder als Selbständige ihren Beruf darauf aufbauen, Workshops zu geben in verschiedenen Einrichtungen.

Ich spreche aus Perspektive einer Universitätsmitarbeiterin und weiß, dass wir ab nächstem Jahr keine berufspraktischen Angebote von Externen mehr anbieten können (und weil es ja um die Berufspraxis geht, sind wir inhaltlich gar nicht in der Lage, dieses Angebot selbst zu bieten). Aber auch Schlüsselkompetenzworkshops, Sprachunterricht (auch innerhalb fester Studiengänge), selbst Hochschulsport werden nicht wie bisher weiterlaufen können. Abgesehen davon wird die reguläre Lehre zu einem Teil durch Lehraufträge mitgetragen wird.

Weil diese elementare Entscheidung nicht kommuniziert wird, wissen viele Betroffene noch nichts davon, was ihnen bevorsteht. Ich weiß z.B. von benachbarten Universitäten, die (Stand: gestern) noch nichts davon wissen, dass sie ihr Lehrprogramm ab dem Wintersemester (Oktober 2026) nicht anbieten können, wie bisher, und von Selbständigen, die keine Ahnung haben, dass ihr Job in Gefahr ist. Auch meine Universität hat von den Konsequenzen nur mitbekommen, weil ich darauf aufmerksam gemacht habe. Jetzt heißt es aus der Rechtsabteilung: Da ist gerade nichts zu machen, Lehraufträge sind erst mal nicht mehr möglich.

Die mediale Berichterstattung stellt es bisher vor allem so dar, als wären “nur” Musikhochschulen davon betroffen, ein bisschen wird auf Volkshochschulen eingegangen. Das ist aber nicht die Realität ab 2027! Daher schlage ich dieses Thema für die Lage der Nation vor und wäre sehr dankbar, wenn es aufgegriffen wird.

Hier die Quellen, die ich am informativsten finde:

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Der gesamte Komplex Scheinselbststaendigkeit ist ein riesiger Clusterfuck den wir irgendwie nicht sauber aufgedroeselt bekommen.

Habe noch nie verstanden warum man nicht sagt, weise nach, dass du dich als Selbststaendiger freiwillig versichert hast (KV, PV, RV, AV, wegen mir auch alles privat), und das Thema Scheinselbststaendigkeit ist vom Tisch?

Oder wir beziehen alle Einkommensarten in die Versicherungspflicht mit ein, wodurch sich die Abgaben auf Einkommen aus Arbeit massiv verringern würden und das Problem hat sich erledigt.

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Ob sich das Problem dann erledigt hat, müsste man mal durchrechnen - aber als Robert Habeck das auch nur angedeutet hat, ist die Union vor einigen Monaten ja geradezu explodiert. Aber klar, fair und pragmatisch wäre das. Es zeigt sich an 1000 Stellen, dass die Positionen der Union einfach nicht zukunftsfähig sind.

Nebenbei könnte man dann Sozialabgaben einfach über die Einkommenssteuererklärung erheben, das würde vermutlich auch eine Menge Bürokratie bei den Arbeitgebern und den Trägern der Sozialversicherung sparen.

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Das Thema treibt uns Selbständige schon seit mindestens 2005 um. Niemand will es mal anständig rechtssicher regeln. Alle paar Jahre wird mal wieder in irgendeiner Branche geklagt und die Unsicherheit greift um sich und dann vergessen es doch gleich wieder alle.

Zuletzt hatte meines Wissens die FDP, zumindest für IT Freelancer, mal den Ansatz einer Neuregelung andiskutiert. Ist dann aber in den seinerzeitigen Koalitionsgesprächen unter den Tisch gefallen.

Tja die Lobbygruppe FDP ist ja leider für die Selbstständigen auf absehbare Zeit ausgefallen. Schade eigentlich.

Für mich eigentlich ganz ok so. Zumal Kubicki jetzt auch noch den Hut in den Ring geworfen hat…