Im Zuge des Lehrkräftemangels und verschiedener Erlasse bzw. gesetzlicher Anpassungen scheint sich in Nordrhein-Westfalen eine Entwicklung zu verstärken, die im öffentlichen Diskurs bislang wenig beleuchtet wird: eine zunehmende strukturelle Mehrbelastung von Lehrkräften – insbesondere durch Mehrarbeit, Einschränkungen bei Teilzeit und organisatorische Vorgaben.
Einige Aspekte, die sich derzeit im Schulalltag bemerkbar machen:
1. Mehrarbeit als strukturelles Instrument
Lehrkräfte sind nach § 61 Landesbeamtengesetz NRW verpflichtet, über ihre reguläre Arbeitszeit hinaus Dienst zu leisten, wenn „zwingende dienstliche Verhältnisse“ dies erfordern.
Im Schulbereich bedeutet dies häufig zusätzliche Unterrichtsstunden oder Vertretungen. Mehrarbeit wird jedoch erst ab einer bestimmten Grenze vergütet: In der Regel erst, wenn mehr als drei Unterrichtsstunden pro Monat zusätzlich geleistet werden. Auch Teilzeitkräfte müssen zunächst mehrere Stunden Mehrarbeit leisten, bevor eine Vergütung greift.
Früher wurde Mehrarbeit bei Teilzeitkräften ab der ersten Stunde vergütet. Seit 2026 gilt eine sogenannte „Bagatellgrenze“, sodass Mehrarbeit erst nach Überschreiten einer individuellen Schwelle bezahlt wird. Kritiker sehen darin strukturell geforderte unbezahlte Überstunden.
Gleichzeitig wird Mehrarbeit regelmäßig genutzt, um Personalausfälle zu kompensieren, da Personalreserven fehlen. Lehrkräfte werden bereits darauf vorbereitet, dass im kommenden Schuljahr familiäre Zeitrestriktionen oder bisherige informelle Ausnahmen schwieriger berücksichtigt werden können.
Auch bei Konferenzen und schulischen Veranstaltungen soll die Teilnahme künftig strenger eingefordert werden. An großen Berufskollegs können so pro Halbjahr mehrere Dutzend verpflichtende Termine entstehen.
2. Teilzeit im Spannungsfeld von Lehrkräftemangel und Familienpolitik
Teilzeit ist nach § 63 LBG NRW grundsätzlich möglich, kann jedoch eingeschränkt werden, wenn dienstliche Belange entgegenstehen.
In der Praxis berichten Schulen zunehmend, dass Teilzeitregelungen schwieriger umzusetzen sind, weil Unterrichtsversorgung priorisiert wird. Das betrifft häufig Lehrkräfte mit familiären Betreuungsaufgaben.
Zudem entstehen durch Stundenplanlogik oft zersplitterte Arbeitstage mit Freistunden, obwohl Lehrkräfte an wenigen Tagen mehr Stunden unterrichten könnten. Auch Schulwechsel aus sozialen Gründen können sich über Jahre hinziehen.
3. Curriculare Vorgaben vs. schulische Schwerpunktsetzung
Parallel dazu gibt es Bestrebungen, alle Fächer der Bildungspläne vollständig umzusetzen.
Gerade Berufskollegs haben jedoch zusätzliche Differenzierungsangebote aufgebaut, etwa:
- IT- und Datenkompetenzen (Excel, DSGVO, Datensicherheit)
- Sprachkurse
- Zusatzqualifikationen wie Handelsassistent
- praxisnahe Projektangebote
Wenn sämtliche Nebenfächer vollständig unterrichtet werden müssen und gleichzeitig Personal fehlt, geraten solche Angebote unter Druck. Teilweise müssten auch Klassengrößen erhöht werden, um alle Fächer organisatorisch abbilden zu können.
4. Paradox: Gleichzeitig wird von „Lehrerüberhang“ gesprochen
Schulen sehen sich dabei mit widersprüchlichen Signalen konfrontiert:
Einerseits wird Lehrkräftemangel durch Mehrarbeit kompensiert.
Andererseits wird auf regionalen „Lehrerüberhang“ verwiesen, etwa bei Beförderungsstellen, deren Zahl künftig reduziert werden soll.
Diese Diskrepanz sorgt bei vielen Lehrkräften für Frustration, insbesondere bei jüngeren Kolleginnen und Kollegen in einer Phase hoher finanzieller Belastungen.
5. Arbeitszeiterfassung als möglicher Wendepunkt
Auf europäischer Ebene wird weiterhin über verpflichtende Arbeitszeiterfassung diskutiert.
Viele Lehrkräfte sehen darin eine Chance, strukturelle Unterschiede sichtbar zu machen, etwa:
- unterschiedliche Arbeitsbelastung zwischen Fächern
- zusätzliche Aufgaben (Klassenleitung, Prüfungen, Schulentwicklung)
- administrative Tätigkeiten außerhalb des Unterrichts
Diskutiert wird daher teilweise ein modularer Arbeitszeitansatz, bei dem Unterrichtsfächer und Zusatzaufgaben mit Zeitfaktoren bewertet werden. Hintergrund ist, dass der tatsächliche Arbeitsaufwand einzelner Tätigkeiten stark variieren kann.
Diskussionsfrage
Die zentralen Fragen wären aus meiner Sicht:
Ist das derzeitige System der Lehrerarbeitszeit – das stark über Unterrichtsdeputate gesteuert wird – noch zeitgemäß?
Ist zusätzlicher Druck durch Mehrarbeit, Einschränkungen bei Teilzeit und verpflichtende Ausweitung von Fächern die richtige Antwort auf Lehrkräftemangel?
Oder bräuchte es langfristig ein transparenteres Modell, das
- Unterricht
- Korrekturaufwand
- organisatorische Aufgaben
- Schulentwicklung
realistischer abbildet?