Staat als Geschäft

Soweit ich es verstanden habe, soll diese „Kontaktgebühr“ beim Arzt von der Krankenkasse eingezogen werden.
Die wissen von jedem Arztbesuch, und wenn da monatlich eine Rechnung kommt bzw. direkt abgebucht wird, wären die Ärzte selbst raus.

Dein Argument entkräftigt meines nicht, beziehungsweise nur unter Annahmen, die ich nicht teile.

Auch aus dem von dir verlinkten Artikel geht hervor, dass Männer grundsätzlich seltener zum Arzt gehen als Frauen. Der Punkt ist daher schonmal unbestritten.

Bleibt der Punkt, ob das „zu selten“ ist, oder, wie du andeutest, „trotzdem noch zu oft“. Dein Argument, dass Männer in anderen Ländern noch seltener zum Arzt gehen ist nicht geeignet, mein Argument anzugreifen, da mein Standpunkt natürlich ist, dass Männer in anderen Ländern, gerade in solchen, in denen Zuzahlungspflichten bestehen, noch stärker betroffen sind. Du machst schlicht den Fehler, davon auszugehen, dass „die anderen Länder es besser/richtiger machen würden“.

Ich kann da nur eine Story vom diejährigen Weihnachten teilen: Der Mann einer meiner Tanten ist kurz vor Weihnachten gestorben, weil er trotz mehrtägiger Bauchschmerzen und Appetitlosigkeit nicht zum Arzt gegangen ist. Magendurchbruch, jede Hilfe kam zu spät…

Auch aus meiner Zeit als Schöffe kenne ich solche Situationen - im letzten Verfahren ging es um die Anklage wegen Körperverletzung mit Todesfolge, eine Verurteilung gab es aber nur wegen gefährlicher Körperverletzung. Warum? Weil das Opfer, ein mittelalter Mann, nachdem es brutal zusammengeschlagen wurde (inklusive Tritte gegen den Kopf) trotz erheblicher Kopfschmerzen in den Folgetagen nicht zum Arzt gegangen ist. Resultat: Hirnblutung, Tod. Der Täter ist „nur“ mit gefährlicher KV davon gekommen, weil das Opfer aller Voraussicht nach überlebt hätte, wenn es - wie jeder vernünftige Mensch - zum Arzt gegangen wäre.

Diese Fälle sind Alltag. Auch aus meiner Erfahrung als Sozialarbeiter und gesetzlicher Betreuer sind mir etliche solche Fälle bekannt. Natürlich heißt das Nicht-Vorhandensein einer Kontakt- oder Praxisgebühr nicht, dass solche Fälle ausgeschlossen sind - sie sind ja alle eingetreten, als es keine solche Gebühr gab. ABER eine Gebühr ist zweifelsohne ein weiteres „Hemmnis“, zum Arzt zu gehen. Und solche Hemmnisse sollten grundsätzlich abgebaut, nicht aufgebaut werden. Jedes zusätzliche Hemmnis, welches wir einführen, wird zu zusätzlichen Todesfällen führen. Die Frage ist dabei: Wie viele Todesfälle pro Million Ersparnis sind wir bereit zu akzeptieren?

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.. Die diskutierten Gebühren sind so gering, dass sie niemanden mit großen Beschwerden abschrecken werden. Was aber tatsächlich abschreckend wirkt sind übervolle Wartezimmer mit haufenweise profanen Schniefnasen, wochenlange Wartezeiten auf Termine, stundenlanges Warten.

Wenn wir es schaffen, dass Alltagsbeschwerden sich Zuhause kurieren, statt Wartezimmer zu verstopfen, dann ist der Arztbesuch vielleicht auch wieder spontan möglich ohne 3 Stunden warten zu müssen (oder 6 Stunden im Falle eines Angehörigen in der Notaufnahme kürzlich nach einem Autounfall mit mehreren Knochenbrüchen).

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Ich empfinde es als Frechheit für eine bereits durch Sozialabgaben bezahlte Versicherungsleistung zur Kasse gebeten zu werden. Das ist nur und sicher vielen Menschen nicht zu vermitteln, völlig egal wie gering sie jetzt ist. Vor allem wenn die da ist steigt diese Gebühr sicher schnell an wie der Zusatzbeitrag.

Mal zum Kernthema zurück:

Wenn man als Bürger Steuern zahlt, um den Staatsapparat mit seinen Beamten und Angestellten für die Erbringung gesellschaftlicher Leistungen zu finanzieren….

…wenn ich dann diese bereits finanzierten Leistungen zusätzlich vergüten soll…

…dann hat dieser Staatsapparat doch entweder seine Kosten nicht sauber kalkuliert oder die Steuern nicht der Kosten- und Lohnentwicklung angepasst…..

Oder sehe ich das verkehrt?

Ist doch etwa so als ob ich meine Rentenbeiträge versteuere und als Rentner meine Rente nochmal monatlich versteuern muss…

Moment, da war was..:face_with_raised_eyebrow::face_with_monocle:

Das ist genau der Unterschied zum Thema „Kontaktgebühr beim Arzt“. Dort geht es eher um Steuerungseffekte als um die Finanzierung. Die Einnahmen so einer Kontaktgebühr (oder auch der damaligen Praxisgebühr) decken gerade einmal die Erhebungskosten, nur für die Einnahmen würde man so etwas nicht tun. Es geht um Verhaltenssteuerung, was an sich nicht verkehrt ist (wenngleich wir hier sehr unterschiedliche Sichtweisen vertreten, welches Verhalten in welche Richtung gesteuert wird und was die Konsequenzen davon sind, sind wir uns dennoch alle einig, dass es um Verhaltenssteuerung geht, oder?!?)

Und das ist beim ursprünglichen Thema nicht der Fall. Einen Personalausweis soll jeder Bürger beantragen, wenn sein alter abgelaufen ist, er muss es sogar. Eine Gebühr für das vorzeitige Neubeantragen zu verlangen (z.B. bei Verlust) wäre noch nachvollziehbar (Steuerungswirkung: „Pass besser auf deinen Ausweis auf“; „Beantrage nicht aus Lust und Laune ständig einen neuen Perso, weil dir dein Foto nicht mehr gefällt“ usw.). Eine Gebühr für die regelmäßige, sogar gesetzlich vorgeschriebene Erneuerung des Personalausweises oder Reisepasses zu verlangen, hat hingegen keine Steuerungswirkung. Es hat sogar eine umgekehrte Steuerungswirkung, daher das erwünschte Verhalten wird durch die zusätzliche Belegung mit Kosten unwahrscheinlicher gemacht.

Insofern gebe ich dir in diesen Fällen absolut Recht: Es macht keinen Sinn, für solche verpflichtenden staatlichen Dienstleistungen Gebühren zu verlangen, weil keine Steuerungswirkung damit erzielt wird und die Finanzierung viel gerechter und sinnvoller über Steuern möglich wäre.

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Oder er möchte bestimmte Leistungen verbrauchsabhängig machen, um ihre übermäßige Nutzung, vielleicht sogar eine bösartige, zu reduzieren. Das wäre beispielsweise bei einer Autobahnmaut der Fall und wird regelmäßig von Klimaschützern zurecht gefordert.

Aber ja, bei der Gebühr für Personalausweis, Reisepass, Führungszeugnis und Co ist sicher die schlechte Finanzierung das Hauptproblem.

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Bei einer erwünschten Steuerungswirkung wäre es doch effektiver, das erwünschte Verhalten attraktiver zu machen, als pauschal allen unerwünschtes Verhalten zu unterstellen.

Also wenn jemand im Jahr nur 2x zum Arzt geht z.B. zur Vorsorge, bekommt dieser am Jahresende eine Prämie, eine Beitragserstattung oder Benefits.
Wer häufig zum Arzt geht bekommt nichts, bekommt aber alles bezahlt.
Stellt ein Arzt fest, das es zu missbräuchlichen Verhalten kommt (die redefreudige alte Dame, die nur zum Reden kommt), lässt sich das ggf. auch durch die Krankenkasse regeln, also erst eine Beratung bis hin zu Zusatzbeiträgen.

Bei den Krümelbeträgen um die es hier geht wird aber niemand auf die Prämie hinarbeiten. Es sei denn wir zahlen ihm das eingesparte Arzthonorar aus, wie es manche Kassen tun. Ich habe bspw. die Chance auf 200 € Prämie wenn ich gar nicht zum Arzt gehe.

Aber dann wäre der Effekt für das Gesundheitssystem quasi Null. Denn um die Vermeidung von Arztbesuchen zur Kostensenkung im Gesundheitssystem geht es ja auch.

Bestrafende Wirkung (Zuzahlung) ist da tatsächlich effektiver, denn emotional greift die schneller als eine möglicherweise in der Zukunft erreichbare Belohnung geringer Höhe.

Stell dir nur mal vor, da winken vielleicht 20 € pro Jahr Prämie. Im Februar verknackst du deinen Knöchel und überlegst „Gehe ich zum Arzt oder nicht?“. Am Horizont siehst du 20 € winken, weißt aber nicht, ob du dir im Sommer einmal den Finger brichst und im Herbst eine Platzwunde bei der Gartenarbeit zuziehst.

Dann würde ich doch lieber gleich die 20 € abschreiben und dafür im Januar zum Arzt gehen. Und dann kann ich im März, April und Mai auch gleich noch wegen meines Hühnerauges und des familiär veranlagten kreisrunden Haarausfalls zum Arzt gehen, denn es ist bereits durch die 20 € „bezahlt“. Zugegeben, etwas übertrieben im Beispiel.

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Anders herum: welche Lenkungswirkung hat eine Kontaktgebühr von 3-4€?
Hält das jemanden, auch mit schmalem Budget, davon ab 10x im Jahr zum Arzt zu gehen, auch wegen einem Schnupfen?
Welchen Gewinn hat unser Gesundheitssystem nach Abzug der Verwaltungskosten davon?

Die Hoffnung ist sicher, dass einer teuren Leistung ein sichtbarer Preis gegeben wird. Im Idealfall spart man damit einen unnötigen Arztgang ein, einfach weil der mögliche Patient zu geizig ist für die Diagnose Schnupfen 3-4 € zu zahlen. Dann sparst du mal fix 30-50€.

Aber klar, insgesamt sind das alles Peanuts. Andererseits, ganz aktuell aus dem eigenen Umfeld. Frau über 80 mit simplem Schnupfen über Weihnachten. Mittlerweile gings ihr wieder gut. Dennoch haben die beiden Kinder (beide Privatpatienten) entschieden, sie müsse zum Abklären der Symptomatik und auch zum Ausschluss möglicher weiterer Erkrankungen, die sich der Erkältung folgend entwickelt haben könnten(!) zum Hausarzt. Und das war bei weitem nicht das erste Mal.

Natürlich wurde außer der Erkältung nichts gefunden. Wie auch sonst immer wieder. Highlight waren bisher anlasslos 2 Wochen Krankenhaus zum Durchchecken von Kopf bis Fuß. Bei sowas frage ich mich tatsächlich warum ich weiter solidarisch bleibe und freiwillig versichert in der GKV für knapp 1000 € pro Monat bleibe, während andere sich so unsolidarisch mit den Ressourcen verhalten.

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Wahrscheinlich geht der geizige Patient dann direkt in die Apotheke und holt sich für 15€ ein Schnupfenspray und Erkältungssaft…. :wink:

Für mich klingt das alles wieder nur nach Aktionismus, ohne wirklich drüber nachgedacht zu haben.

Interessant ist die Frage ab wann ist der Gang zum Hausarzt berechtigt?

Mein Arzt will mich 4x im Jahr zum DMP Programm sehen. Sonst hab ich ihn außer der Reihe seit 10 Jahren nicht gesehen. Ist das aber schon etwas wo eine Lenkungswirkung greifen muss?

Ab wieviel Grad Fieber ist der Gang zum Hausarzt gerechtfertigt?

Find ich für Laien schon schwierig zu beurteilen…

Zudem hieß es bislang ja eher „Im Zweifel zum Arzt“, nun wäre ja eher der Ansatz „Im Zweifel lieber nicht zum Arzt“?

Ich finde diese Aussage auch merkwürdig. Wir Menschen wurden in das kapitalistische Staatensystem hinein geboren. Niemand hat uns gefragt, ob wir das möchten. Natürlich ist der Staat eine Art Dienstleister für die Bürger. Er soll liefern für die Bürger. Immerhin müssen wir mit unserem Konsum den Unternehmen Gewinn bringen.

Wenn der Staat sich weigert, eine Art Dienstleister zu sein, dann muss man sich fragen, warum existiert der Staat eigentlich und was soll seine Funktion sein? Oder die interessantere Frage: Für wen soll Staat dann eigentlich da sein? Wenn nicht für die normale Bevölkerung?:thinking:

Wenn sozial schwächer gestellte von den Arztgebühren befreit werden würden (was per se ja sinnvoll wäre) - würde ich gerne mal den Bürokratieaufwand bewertet wissen. Entweder steht auch das wieder in keinem sinnvollen Verhältnis, oder die Erstattung bzw. Befreiung der Gebühr wird wieder nur denen zugute kommen, die sich gut informieren können und den Aufwand nicht scheuen.

Zum Thema Krankenhausnotaufnahmen: auch da glaube ich das die Probleme zumindest teilweise hausgemacht sind. Wenn ich für einen Termin beim Facharzt 6-12 Wochen Terminvorlauf habe (als gesetzlich versicherter Patient), komme ich viel eher in die Situation in der Zeit die Notaufnahme zu besuchen als bei kurzen Terminstellungen. Selbst wenn der Besuch aus Sicht des Arztes nur wertvolle Kapazität blockiert, als Patient wird es vielen schwer fallen das im Vorfeld einzuschätzen.

Da wird die Gebühr nur bedingt Abhilfe schaffen.

Und bessergestellte (=PKV Versicherte) betrifft das eh nicht. Den gleichen Facharzttermin zeigt mit Doctolib bei Auswahl PKV für übermorgen als frei an. Und an jedem Werktag in den nächsten 2 Wochen. Immerhin, Doctolib schafft an der Stelle Transparenz. Auch wenn man in der Praxis niemanden mehr telefonisch erreichen kann, was in vielen Fällen, insbesondere bei älteren Menschen, ein echtes neues Problem schafft.

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