Spotify und der rechtsfreie Raum der Musikbranche

Hi zusammen!

In der vorletzten Lage-Ausgabe habt ihr das Thema „KI-Musik bei Spotify“ angeschnitten. Ich bin selbst Künstler/Musikproduzent und möchte hier dringend eine Vertiefung benachbarter Themen anregen und dazu ein paar Impulse geben. Die gegenwärtigen Zustände dürfen nicht weiter nur intern in der Musikbranche diskutiert werden, sondern gehören an die breite Öffentlichkeit. Vielleicht könntet ihr sogar einmal recherchieren, wie manche Umstände (siehe unten) mit deutschem und europäischem Recht vereinbar sind und warum es keinerlei politischen Willen zu geben scheint, beim Schutz von Werken und Künstler:innen sowie deren Identitäten nachzubessern.

Zum Einstieg empfehle ich dringend dieses toll gemachte und hervorragend recherchierte Video eurer Aufmerksamkeit (die 40 Minuten sind eine absolut lohnende Investition!): https://www.youtube.com/watch?v=plleJ0Zv0Ww

Der Knackpunkt extrem grob zusammengefasst: Aktuell kann sich jede:r frei als beliebiger Musik-Act ausgeben und in dessen Namen nahezu kostenfrei „Musik“ veröffentlichen. Es findet keine Überprüfung der Identität statt. Wird das falsch zugeordnete Material später als KI-generiert geflaggt, so kann das ganze Profil gesperrt werden. Dagegen vorgehen kann man als Künstler:in nur sehr eingeschränkt, Interventionen seitens Spotify und Konsorten finden wenn überhaupt erst nach langer Zeit statt. Das kann ganze Karrieren ins Stocken bringen oder zerstören. Venus Theory exerziert das im Video anhand erschreckender Beispiele durch und ordnet alles fundiert ein.

Ich habe bei meinem Distributor (einem kleinen deutschen Unternehmen) nachgefragt, was er zum Schutz von Werk und Künstler:in unternimmt. In der Antwort wird schlicht darauf verwiesen, dass „die Musikbranche eines der dreckigsten Geschäfte der Welt“ (O-Ton!) sei. Weiter heißt es: „[B]ei 150.000 neuen Tracks pro Tag weltweit haben die Vertriebe keine Chance, irgendwas zu checken oder zu prüfen. darum entbinden sie sich auch dieser Verantwortung in ihren AGBs.“

Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. In so ziemlich jeder anderen Branche gibt es so etwas wie Zwei-Faktor-Authentifizierung und andere Verfahren zur Identitätsprüfung. Aber in der Musikbranche kann ich quasi für lau etablierte Künstler:innen als Urheber oder Kollaborationspartner:innen für einen Song eintragen, von deren Bekanntheit profitieren und ihnen Einnahmen abgreifen, ohne dass es überprüft wird? Finde ich eine Band nervig, so kann ich theoretisch deren Profil mit KI-generiertem Müll überfluten und so ggf. eine Profilsperrung auslösen. Ich übertreibe hier nicht, genau das passiert. Tagtäglich.

Weitere Stichpunkte zum rechtsfreien Raum der Musikbranche in aller Kürze:

  • Spotify zahlt unterhalb von 1000 monatlichen Streams NICHTS. Und das, obwohl man zahlen muss, damit die Musik überhaupt dort bereitgestellt wird.

  • Spotify zahlt keinen einheitlichen Festbetrag pro Stream. Alle Abo-Einnahmen fließen in einen großen Topf, aus dem Major-Labels dank entsprechender Verträge den Löwenanteil erhalten. Der geringfügige Rest wird zwischen allen anderen aufgeteilt und durch „KI-Musik“, Podcasts und Hörbücher weiter verdünnt.

  • Manche Streamingdienste (z. B. Amazon Music) drohen damit, Musik von ihren Servern zu entfernen, die nicht oft genug gestreamt wird. Auch hier gilt wieder: Künstler:innen bezahlen dafür, dass die Musik dort verfügbar ist!

  • Distributoren wiederum zahlen Streaming-Einnahmen erst ab einem gewissen Mindestbetrag aus, unterhalb dessen erhält man wiederum NICHTS.

  • Eine kleine Rechnung zur Veranschaulichung: Wenn jemand für einen Euro eine Single von mir bei Bandcamp kauft, verdiene ich mit diesem einen Kauf nach Abzug aller Gebühren immer noch mehr als ich in acht Jahren und mit mehreren Alben über Streaming verdient habe.

  • Im Ergebnis wird echter Independent-/Underground-Musik die Existenzgrundlage zerstört.

Musik und andere Kunstformen sind harte Arbeit. Alle wollen gute Musik hören, aber niemand will dafür bezahlen oder Verantwortung übernehmen. Das kann so nicht weitergehen. Gerade in politisch heiklen Zeiten wie diesen sind die Stimmen von Kulturschaffenden umso wichtiger. Warum gibt es hier keinerlei gesellschaftlichen und politischen Rückhalt?

2 „Gefällt mir“

Detail am Rande, weil es da völlig falsche Vorstellungen gibt: Wir bekommen für hunderttausende Streams pro Woche von Spotify … nichts, nada.

D.h. wir leben tatsächlich von den Menschen, die die Lage als Mitglied unterstützen („Lage plus“).

Aber immerhin nehmen wir bei Spotify niemandem was weg :wink:

2 „Gefällt mir“

Vielen Dank für den wichtigen Hinweis! Weißt du, ob das bei Podcasts generell so ist? Da stoßen meine Kenntnisse an ihre Grenzen.

In der Tat gibt es in Bezug auf Spotify, Streaming allgemein und die Prozesse hinter Musik-, Podcast- und anderen Produktionen viele falsche Vorstellungen – ganz besonders offenbar die, dass man sich das alles in ein paar Minuten komfortabel zusammenklicken und damit dann ohne echte Arbeit auskömmlich Geld verdienen könne. Das ist in Zeiten von KI abwegiger denn je.

Also: Lage direkt unterstützen und Musik, die euch gefällt, am besten direkt bei den Künstler:innen/Labels kaufen (z. B. über Bandcamp)! :wink: Das Gefühl, ehrliche und hochwertige Arbeit unmittelbar honoriert zu haben, lässt sich ohnehin durch nichts ersetzen.

1 „Gefällt mir“