Spitzensteuersatz vs. tatsächlicher Steuersatz

Ich höre gerade die aktuelle Folge, in der ihr das aktuelle Entlastungspaket der Bundesregierung vorstellt. Hier verwendet ihr ein Argument mit einem Denkfehler, den ich auch lange gemacht habe:

Der Spitzensteuersatz ist eine rein kalkulatorische Zwischengröße auf dem Weg zur Errechnung des tatsächlichen Steuersatzes, den man bezahlt (Durchschnittssteuersatz). Da der erste Euro anders besteuert wird als der letzte, liegen Durchschnittssteuersätze typischerweise in den dreißiger Prozentwerten. Bei sehr hohen Einkommen, nähern sie sich dem Spitzensatz, können ihn aber nie erreichen.

Als Argument begegnet ist mir die falsche Argumentation zuerst im Finanzdienstleistungsbereich - nach dem Motto: „Wenn Sie dieses Investment machen, sparen Sie den Spitzensteuersatz“. Irgendwann erzählte mir eine Steuerberaterin, dass sie sich darüber wundert, da dies fachlich schlicht falsch ist: Selbst Spitzenverdiener*innen können nicht mehr einsparen als ihren Durchschnittssatz.

Ich will gar nicht bestreiten, dass steuerliche Förderkonstrukte Besserverdiener bevorzugen. Mir geht es allein um das Argument „Spitzensteuersatz“ - dadurch wird die Ungleichbehandlung überzeichnet. Der Vorteil beträgt in Wahrheit ein paar Prozentpunkte. Kritikwürdig genug, aber Ihr solltet eure Argumentation nicht auf dem Niveau windiger Finanzvermittler führen.

Davon abgesehen aber wieder mal Respekt für die gelungene Folge!

So allgemein würde ich das nicht unterschreiben.
Nehmen wir das Extrembeispiel 300.000 € zu versteuernde Einkünfte und die Möglichkeit, das durch die neue Pendlerpauschale um 2.000 € zu reduzieren.
Da die Person weiter über der Grenze des Spitzensteuersatzes von 278.000 € liegt, wird die Steuerlast genau um 45% von 2.000 € sinken.
Gleiches gilt für den Bereich 58.500 - 278.000 € und 42%.

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Ähm - das wiederholt doch jetzt nur den Fehler, den ich beschrieben habe, oder übersehe ich etwas?

Das Finanzamt bekommt nur eine einzige Zahlung - den Durchschnittssatz auf das gesamte Einkommen. In keiner Gehaltsklasse ist dieser Wert 45%, weil alle steuerfreien und niedrig besteuerten Gehaltsteile dagegen laufen.

Oder hast du irgendein Beispiel, wo der effektiv gezahlte Durchschnittswert 45% niedriger wird? Ich lasse mich gern eines Besseren belehren, aber m.E. ist das ganz schlichte Mathematik und kann nicht aufgehen. Auch an der effektiven Steuerlast im Steuerbescheid lässt sich ganz einfach ablesen, dass der eingesparte Spitzensatz wegen der Durchschnittsbildung nur verwässert im effektiven Satz ankommt.

…und damit geb ich ab an die Fachnerds. :slight_smile:

Es stellt fest, dass der Fehler bei dir liegt. :wink:

Korrekt. Aber darum geht es nicht.

Genauso wie du beschrieben hast, dass der erste Euro niedrig und der letzte hoch versteuert wird, kannst du in die andere Richtung rechnen:
Wenn du den letzten Euro (brutto) nicht verdienst, zahlst du darauf eben auch den hohen Steuersatz nicht. Also verlierst du bei 1€ weniger brutto nur 55 Cent netto.

Genau das ist es, was der Investment-Berater dir verkauft. Es geht nicht darum, wie viel deine Gesamtsteuerlast sinkt, sondern darum, dass das Geld, dass du investierst, nur teilweise von deinem Nettoeinkommen runter geht. (Deshalb kannst du die 100€, die du hier investiert, nicht mit den 100€ vergleichen, die du in der Kneipe lässt.)

Natürlich nicht, sonst wäre er ja negativ. :wink:

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Du machst einen Denkfehler. Auf das gesamte Einkommen gerechnet, ist der Steuersatz der Durchschnitts-Steuersatz. Bis zur Grenze, ab der Spitzensteuersatz greift, werden die einzelnen Euros aber mit unterschiedlichen („Grenz“-)Steuersätzen belastet. Ab der Grenze, bei der Spitzen-Steuersatz greift, ist der Grenzsteuersatz (also der Steuersatz, mit dem jeder weitere Euro versteuert wird) der Spitzen-Steuersatz.
Ergo sparst Du auch entsprechend diesem Satz Steuern ein, wenn Du das zu versteuernde Einkommen senkst, ohne die Grenze zu unterschreiten, an der dann der Steuersatz wieder sinkt.

Ein Satz ergänzt

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Ich füge den zwei Antworten noch eine dazu, weil ich denke, dass es dann am klarsten wird.
Lohn- und Einkommensteuerrechner:Einkommensteuer - Berechnung (bmf-steuerrechner.de)
Das Finanzministerium stellt einen Rechner zur Verfügung inklusive Berechnungsformel.
Beim Spitzensteuersatz (Alleinverdiener) ist das:
ab 277.826 Euro: ESt = 0,45 * zvE - 17.602,28
Ab 277.826 € wird das Einkommen immer mit 45% multipliziert. Danach werden 17.602,28 € abgezogen. So wird der niedrigere Steuersatz des Einkommens bis 277.825 € ausgeglichen.

Wir sollten aber auch noch ein paar Steuern nicht vergessen….

+Inflation 5-7%

+MwSt. 19% (ja es gibt Produkte, bei denen wir etwas weniger zahlen, aber dafür auch einige, bei denen es deutlich mehr sind)

Schließlich müssen wir diese Steuern auch bezahlen bevor wir nur 1 Cent verkonsumiert oder investiert haben.

Was hat das mit der Pendlerpauschale zu tun?

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Die Pendlerpauschale wird, wie von mir oben beschrieben, vom zu versteuernden Bruttoeinkommen abgezogen. Sie ist für Angestellte häufig der einzige und größte Posten, den sie überhaupt absetzen können (im beruflichen Kontext, andere Einkommen/Steuern lasse ich mal außen vor). Das gilt insbesondere für Angestellte, die keinen Bürojob haben, für den sie vielleicht IT-Equipment oder Arbeitszimmer absetzen können.

Wenn du also aufgrund deiner Entfernung zur Arbeitsstätte 2000€ Pendlerpauschale geltend machst, zahlst du auf diese 2000€ keine Einkommenssteuer. Das sind bei hohem Einkommen (Grenzsteuersatz 42%) also 840€ mehr netto am Jahresende.*
Das Geld wird vom Finanzamt also so behandelt, als hättest du es gar nicht verdient. Hast du auch nicht, denn du hast dieses Geld (und wenn du mit dem Auto fährst noch mehr) ausgegeben, um überhaupt zur Arbeit zu kommen.
(* Bei sowas überlege ich immer, wie die Sozialabgaben hier rein spielen. Egal, anderes Thema.)

Der Punkt in der Lage war: Wenn dein Grenzsteuersatz eben nur bei 20% liegt, kriegst du bei der gleichen Strecke nur 400€ mehr netto raus.
Das ist eben die Krux der progressiven Besteuerung bei allen steuerlich absetzbaren Kosten: Die Steuerersparnis ist dann eben vor allem bei hohen Einkommen höher als bei niedrigen.

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@Martino das war auf

bezogen.
Aber da du die Kosten ansprichst, meint er vielleicht die steigende Belastung.
Was ja nur bestätigt, dass die Kritik berechtigt ist.

Achso, sorry. :slight_smile: Den Beitrag hatte ich einfach ignoriert.

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Wenn du dir eine Wohnung näher an der Arbeitsstätte suchst und mit dem Fahrrad in die Arbeit fährst bekommt man keine Pendlerpauschale und zahlt höhere Miete. Mag ökologisch Sinnvoll sein aber politisch nicht gewollt da dies zur Gentrifizierung führen würde.

Aussagen die das Wort Gerechtigkeit und Wahrheit beinhalten sollte man verbieten.

Was auch immer du damit mitteilen möchtest, einen Bezug zu den bisherigen Beiträgen hat es nicht.

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