Die Durchfallquoten der theoretischen Führerscheinprüfungen steigt erschreckend an.
Gleichzeitig gehen die schulischen Leistungen und der IQ der Kinder / Jugendlichen wohl seit Jahren zurück.
Auch die individuelle Motivation von Jugendlichen scheint zurück zu gehen.
Ouf. Okay. Wo fange ich da an?
Also erstmal finde ich es höchst gewagt, wenn ein einzelner Psychologe aus Führerscheindurchfallquoten Rückschlüsse über durchschnittliche IQs der Prüflinge ableitet.
Das alleine disqualifiziert ihn schon als ernstzunehmende wissenschaftliche Autorität.
Bei den methodischen Schwächen in einer solchen Ableitung weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich würde das unter „Clickbait Quatsch“ verbuchen und in der Belanglosigkeit verschwinden lassen, in die es gehört.
Die These von einem angeblich fallenden IQ scheint zumindest ziemlich kontrovers diskutiert zu werden in der Wissenschaft und ich würde das nicht als gegebenen Fakt hinnehmen:
Ein Teil der Erklärung wird eine ganz normale Regression zur Mitte sein, denke ich. Viele Stellschrauben, die was mit Wohlstand und Fortschritt zu tun haben, sind weitgehend gedreht (Ernährung, Förderung im Kindesalter etc.). Deswegen gab es auch beim IQ lange einen gewissen Aufwärtstrend. Aber wenn Papa einen IQ irgendwo über 120 hat und Mama bei 130 liegt, ist es ja eher normal, dass die Kinder dann eher darunter liegen werden, denke ich.
Den Befund über sehr spürbar abfallende Leistungen und Leistungsvermögen kann ich anekdotisch von Freunden und Kollegen von Grundschulen bis zu den eher schickeren Privatschulen bestätigen, ohne dass ich ne klar Erklärung dafür hätte. An meiner Schule fehlen häufig ganz fundamentale Fähigkeiten. Da müssen wir Kinder nach 4 Jahren Grundschule teilweise nich alphabetisieren, Schwungübungen machen, Grundrechenarten im Zahlenraum bis 20 nachlernen und so. Und zwar keineswegs nur bei denen mit Migrationshintergrund. Das lässt sich noch reparieren, aber nicht komplett und nicht bei allen. Falls das an vielen Standorten so ist, würde ich mir ziemlich Sorgen machen, wie sich das zukünftig entwickelt.
Die Erklärung „die Jugend ist einfach dumm“ finde ich auch etwas kurzgegriffen und verdächtig nahe an Populismus. Der Autor lässt im letzten Absatz auch interessantes vom Stapel:
Oberstes Ziel sind offenbar jetzt gleiche Ergebnisse für alle – statt einer hohen Durchschnittsleistung.
Aus dem Standard-Artikel verwirrt mich der erste Satz:
In vielen Industrieländern scheinen die durchschnittlichen IQ-Testwerte seit Ende der 1990er-Jahre zu sinken – die Ursachen sind unklar
Da der IQ als relativer Wert zum Durchschnitt definiert ist kann der durchschnittliche IQ-Testwert doch nicht sinken, da dieser per Definition 100 ist? Es macht nur Sinn, wenn man aktuelle Werte mit einem vergangenen Referenzwert vergleicht, wo fraglich ist, ob die Methodik das überhaupt hergibt.
Zur Führerschein-Prüfung ist es viel naheliegender, sich erstmal die Entwicklung der Fragen und des Prüfungsmodus anzuschauen. Ich finde hier kurzerhand keine verlässlichen Quellen, weiß aber sicher, dass heutzutage auch Videos Teil der Prüfung sind, was vor einigen Jahren noch nicht der Fall gewesen ist.
Der Focus-Artikel gibt mir harte ragebait-vibes, wie es die Jugend sagen würde.
Über ein abfallende Leistungsvermögen im Bildungsbereich können wir sprechen, das ist mMn. aber eine ganz andere Story als ein genereller Intelligenzabfall. Da geht es dann um die Auswirkung von Screentime und Umwelt, um sich verschiebende Merkmale von Bildung (wichtiges Wissen heute ist anders als wichtiges Wissen gestern), um unser Bildungssystem, um eine sich verändernde Beziehung zwischen Kind und Eltern usw.
Was, glaube ich, in diesem Diskurs quasi auf Meta-Ebene interessant ist:
Die aktuelle Renaissance von Eugenik, Pro-Natalismus und einer Erzählung von „die falschen kriegen Kinder und verdrängen die intelligenten, wohlhabenden (weißen) Familien“, die wirklich nur eine Haaresbreite von der Great Replacement Theorie der Ultrarechten entfernt ist.
Dieses Händeringen und Perlenfestklammern* über „wir werden biologisch immer immer dümmer (häufig impliziert: weil Einwanderung)“ sehe ich als Symptom genau dieser diskursiven Renaissance, nicht zuletzt weil sie gerade im Silicon Valley und seinen verwandten europäischen Kreisen einen zweiten Frühling erfahren, mit Musk und Vance als zwei prominenten und einflussreichen Vertretern.
*noch kein Kaffee, krank und nicht die geistige Kapazität, um eine gute deutsche Entsprechung für „Pearl Clutching“ zu finden. Vielleicht ist es auch bloß der Verfall meiner kognitiven Fähigkeiten
(Mod.: vielleicht „gespieltes übertriebenes Entsetzen“? „gespielte Empörung“?)
Zum konkreten Thema Führerschein hat auch die Zeit jetzt einen weniger aufgeregten Artikel:
Dort heißt es unter Anderem:
Die hohen Durchfallquoten sind also mitnichten den schlechten Leistungen von Kindern und Jugendlichen zuzuschreiben. Vielmehr würde ich vermuten, dass da viele Leute dabei sind, die vielleicht im Ausland einen Führerschein gemacht haben und vor allem wegen mangelnder Deutschkenntnisse durchfallen. Ist aber auch nur Spekulation.
Die höheren Durchfallquoten bei Führerscheinprüfungen und auch bei Berufsausbildungsprüfungen (darüber hatten wir hier vor Jahren schon Mal an anderer Stelle diskutiert) können viele Gründe haben. Gleiches gilt auch für einen etwaigen Rückgang des IQ, sollte er wirklich existieren.
Aus diesen Korrelationen kann man eine Erklärung herleiten, warum der IQ eher sinkt, wenn keine gesellschaftspolitischen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Wenn man das denn möchte.
Ob das richtig ist? Schwer zu sagen, aber es wäre erklärbar. Was man dagegen tun kann liegt auf der Hand. Spontan fällt mir ein:
„Kinder und Karriere“ darf gerade für Frauen kein Widerspruch sein. Denn das ist vermutlich ein wichtiger Grund, warum die Zahl der Kinder in höheren Bildungsschichten niedriger ist.
Kinder aus benachteiligten Familien müssen stärker gefördert werden. Der IQ mag genetisch beeinflusst sein, aber er ist nicht prädeterminiert. Soziale Einflussfaktoren sind relevant.
Ein weiterer Faktor für einen „sinkenden IQ“ und „höhere Durchfallquoten“ dürfte daran liegen, dass sowohl IQ-Tests als auch vor allem das Prüfungssystem (egal ob Fahrschule oder Berufsausbildung) nicht „culture fair“ sind, daher: beides hängt stark von sprachlichen Kompetenzen ab, die bei Zuwanderern, wie wir sie seit 2015 verstärkt haben, natürlich nicht so stark ausgeprägt sind. Das bedeutet nicht, dass diese Menschen „dümmer“ sind, sondern dass bei Zuwanderern natürlich wegen problematischer Herkunfts- und Fluchtgeschichten häufig Brüche in der Bildungsbiografie zu finden sind oder sie schlicht in einem dysfunktionalen Bildungssystem groß geworden sind. Das hat natürlich auch Folgen für die Durchfallquoten von Prüfungen, an denen diese Menschen nach ein paar Jahren in Deutschland dann auch teilnehmen.
Grundsätzlich ist das Ganze kein Grund zur Sorge und sollte vor allem nicht genutzt werden, um Politik gegen Arme oder Zugewanderte zu betreiben, sondern eher, um diesen benachteiligten Gruppen zu helfen, damit ihre Kinder irgendwann zur „weißen Oberschicht“ aufschließen können. Davon profitieren wir letztlich alle langfristig.
Nur mal so aus Neugier: Welche „Denkverbote“ erwartest du denn bei einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise - wenn du das schon extra so betonst?
Abgesehen davon kommt die Überschrift des Threads daher wie eine Tatsachenfeststellung, die ich aber durch den Eingangspost in keiner Weise belegt sehe. Das einzig Konkrete ist eine These eines individuellen Psychologen von einem vormals renommierten Wochenmagazin, das inzwischen eher zu einem Clickbait-Onlineportal verkommen ist. Und dass beispielweise die in dem Artikel aufgeführten schlechten schulischen Leistungen (Schreiben, Lesen, Mathematik) nur bei sehr wenigen Schülern etwas mit dem IQ zu tun haben, ist in der Bildungswissenschaft weitgehender Konsens. So viel zum Thema „wissenschaftliche Betrachtungsweise“.
Danke für den Hinweis mit dem Titel - habe ein Fragezeichen hinzugefügt.
Es wäre einfach sehr bedenklich, wenn in einem Land das allein durch Bildung und intelligente Menschen, Kreativität etc. wirtschaftlich leistungsfähig sein kann, diese Herausforderungen nicht an geht. Dieser Themenvorschlag geht dahin, dass man eine “schonungslose” Analyse machen sollte, um danach die richtigen Maßnahmen einleiten zu können. Und ich würde mir da sehr gerne Specials anhören, da das Thema nicht nur spannend sondern extrem wichtig ist.
Und die Führerscheinprüfungen sind nur der plakative Aufhänger für das Thema. In Schulen und Unis sind die Niveaus teilweise echt bedenklich.
Zu dem Hinweis ohne Denkverbote vorzugehen ein paar zugespitzte Beispiele:
Insbesondere in den Sozialwissenschaften und linkeren Bubbles gab es länger den Trend sich schwerpunktmäßig mit sozialen Faktoren zu beschäftigen und biologisches wurde eher negiert oder weniger betrachtet.
Auf der extremen Rechten ist natürlich alles biologisch determiniert und nur die “Herrenrassen” können überhaupt positive Attribute in sich tragen (was natürlich absoluter Quatsch ist).
Aber abseits dieser unangenehmen Begriffe wird Intelligenz meines Wissens nach zum Teil auch vererbt.
Also im Grunde in welcher Hinsicht schlagen soziale und inwiefern biologische Faktoren durch.
In der Erziehungswissenschaft gibt es auch Trends nicht die ganz ideologiefrei sind. Wenn man ein gewisses Ziel ausgibt, welche Mischung an elterlicher Erziehung ist da empfehlenswert und können Eltern dem überhaupt gerecht werden? Welche Forderungen muss man eventuell auch an Eltern erheben statt immer mehr Aufgaben der Schule zuzuschieben?
Im Grunde steckt dahinter nur der Wunsch das Thema einerseits ohne Scheuklappen zu betrachten und andererseits denjenigen die Beiträge leisten eine positive Haltung zu unterstellen - auch wenn sie eventuell stark von dem eigenen Weltbild und Wissen abweichen.
Bildung und Erziehung sind einfach auch sehr aufgeladene Themen.
Eben: plakativ und keineswegs „wissenschaftlich“. Was den zweiten Satz angeht (und einiges anderes aus dem Fokus-Artikel) bin ich doch mal wieder geneigt ein schon etwas älteres Zitat eines gewissen Sokrates anzubringen:
Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte.
Was die angeblichen „Denkverbote“ angeht (ich verstehe den Begriff ja generell eher als politischen Kampfbegriff der Neuen Rechten):
was soll falsch daran sein, dass die Sozialwissenschaften schwerpunktmäßig soziale Faktoren in den Blick nehmen? Sind sie nicht genau dadurch definiert bzw. von anderen wissensschaftlichen Disziplinen abgegrenzt? Ganz abgesehen davon, dass es selbstverständlich sehr viele wissenschaftliche Forschungsrichtungen gibt, die sozial-, kultur- und naturwissenschaftliche Betrachtungsweisen miteinander zu verbinden suchen.
Was hat die rechtsextreme Rede von menschlichen „Rassen“ und angeblicher biologischer Determination mit einer „wissenschaftlichen Herangehensweise“ zu tun?
Wie genau definierst du „Ideologiefreiheit“? - Frei nach dem Motto „ideologisch sind immer nur die anderen?“ Ich würde selbstverständlich davon ausgehen, dass Erziehunsgwissenschafter, wie auch andere Sozialwissenschaftler (und auch Naturwissenschaftler) von bestimmten Positionen, mit bestimmten Perspektiven und Interessen sowie mit zahlreichen (oft unbewussten) Vorannahmen agieren. Aber zu unterstellen „die“ Erziehungswissenschaft verfolge eine bestimmte Richtung, die zudem noch „ideologisch“ (also unwissenschaftlich) ist und außerdem Eltern gewissermaßen etwas vorschreibt, klingt für mich ehrlich gesagt auch nicht gerade nach einer „wissenschaftlichen Herangehensweise“.
Ich frage mich, in welche Richtung dieser Thread führen soll.
Was sollen am Ende die Inhalte sein, die im politischen Podcast Lage der Nation besprochen werden sollen?
Über das Bildungssystem und insbesondere die Rolle des Förderalismus sollte unbedingt diskutiert werden, wofür aus wissenschaftlicher Sicht die Politik-, Erziehungs- und Sozialwissenschaften maßgeblich sind.
In jeder Wissenschaft gibt es Trends, die von persönlichen Überzeugungen geleitet werden. Ideologiefreiheit ist ein sinnloser Kampfbegriff, mit dem sich Menschen als „rationale Denker“ überhöhen wollen. Kein Mensch ist frei von Überzeugungen. (Quelle: Ich bin Medizin-Wissenschaftler).
Um inhaltlich noch etwas beizutragen:
Diese Faktoren lassen sich nicht trennen. Der Einfluss von Genetik und Epigenetik auf die Intelligenz ist nicht konstant und wird stark vom Alter und sozioökonomischen Hintergrund beeinflusst. Eine rationale Ableitung von politischen oder gesellschaftlichen Konsequenzen scheint mir unmöglich.
Dann versuche ich mal die dahinter liegenden Fragen besser zu fassen:
Wie stellen wir sicher, dass wir in Zukunft wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft haben?
Neben der Menge der arbeitenden Personen (beeinflussbar über Zuzug, Reduktion von Teilzeit etc.) geht es natürlich auch um die Qualität der Arbeit.
Diese Qualität ist eine Frage der individuellen Leistungsfähigkeit und -willigkeit. Aber auch die Sinnhaftigkeit oder wie interessant eine Job ist, kann mit reinspielen.
Recherchiert man etwas zu Leistungsfähigkeit (wovon Intelligenz, Ausbildung ein Teil sind) und -willigkeit, kann man den Eindruck gewinnen, dass wir vor großen Herausforderungen stehen.
Ein Indiz sind IQ- und Pisaergebnisse oder die Berichte, die jeder hört, der mit Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen zu tun hat oder dort selbst Erfahrungen sammelt.
Und für eine Lösungsfindung ist eine offene Analyse immer gut.
Und KI steht einfach drin, als Frage, ob sie Teil der Lösung sein kann, indem monotone und doofe Jobs wegfallen oder weniger werden. Aber das macht dann Bildung und Intelligenz der Bürger umso wichtiger.
Aber vermutlich hätte ich das Thema hier anders aufziehen müssen, damit es klarer rauskommt.
Unser Schulsystem und die theoretische Führerscheinprüfung haben zwei Dinge gemeinsam.
Sie bevorzugen die, die stupide auswendig lernen können
Sie bauen großen Druck auf. In der Schule durch das Notensystem und die Erwartung, dass die Schlechtesten auch später im Berufsleben am schlechtesten verdienen. In der Führerscheinprüfung, weil der Führerschein mittlerweile richtig teuer geworden ist.
Die größten Hemmnisse von wirtschaftlicher Leistung sind doch nicht die individuelle Intelligenz, sondern strukturelle Hindernisse, welche die Menschen daran hindern, tatsächlich Ergebnisse erzeugen zu können oder zu wollen. Das sind alles Sachen, die sich vermutlich innerhalb von einer Legislaturperiode umsetzen ließen, anders als eine (ebenfalls notwendige) Bildungsreform.
Arbeit und nicht Besitz belohnen. Erbschaftssteuer und Vermögenssteuer hoch, Abgaben auf Arbeit dafür runter. Als Ausgleich könnte man sich mit unbezahlter Arbeit (Pflege, Kindererziehung o.ä.) Rabatte auf die Erbschaftssteuer verdienen. Erträge aus Aktien, Vermietung etc. mit Einkommen aus Arbeit abgabentechnisch gleichstellen
Ergebnisorientierung bei Aufträgen der öffentlichen Hand. Viel zu häufig werden öffentliche Aufträge immer noch danach vergeben, wer auf einer imaginären Checkliste die meisten Boxen abticken kann oder wer auf dem Papier das günstigste Angebot abgeben kann, ohne termingerecht oder überhaupt liefern zu können. Es sollte aber darum gehen, wer tatsächlich termingerecht und mit guter Qualität liefert.
Das selbe bei der Wissenschaftsförderung.
Digitalisierung von Behördenvorgängen
Gute und nachhaltige Infrastruktur durch Investitionsfonds fördern
Förderung von Startups, Abbau von Marktzugangsvoraussetzungen wo möglich
Förderung einer tatsächlichen Kreislaufwirtschaft
Konsequente Betreuungsangebote für Kinder
Das wären so die ersten Sachen, die mir einfallen, was teilweise auch im Lagebuch angesprochen wird.
Oft liegt es nicht an mangelnder Intelligenz, sondern diese vorhandene Intelligenz effizient und sinnvoll auf die Straße zu bekommen.
Erlebe oft das sich ein Haufen sehr intelligenter Menschen sehr exploriert über Stunden in einer Sitzung austauschen kann, und am Ende geht man mit leeren Händen wieder raus, in dem Wissen, das sich nur die Uhrzeit vorwärts bewegt hat.