Reden über digitale Souveränität und trotzdem geht Bayern in die Microsoft Cloud?

Wie kann es angehen, das einerseits digitale Souveränität gefordert wird und gleichzeitig Herr Söder großmundig verkündet bis Ende des Jahres einen Vertrag mit Microsoft zu schließen um die Bayrischen Ministerien und Behörden in die Microsoft Cloud zu bringen. Und andere Bundesländer planen das gleiche. Dabei stellen die Landesdatenschutzbeauftragen immer wieder fest, das ein DSGVO konformer Betrieb nur mit hohem Aufwand möglich ist, die Schweizer Datenschutzbeauftragten beschlossen vor 3 Tagen, das die Nutzung nur unter starken Einschränkungen erlaubt sei und das der US Cloud Act die Zulässigkeit der Nutzung sehr fragwürdig macht.

Vor allem finde ich auch, das es diskussionswürdig ist, ob die immensen daraus erwachsenden Kosten und der Vendor Lock-in, der in Verbindung mit der schneckenartigen Geschwindigkeit öffentlicher Digitalprojekte nicht ein starkes Gegenargument sein sollten, vor allem da der Bund selbst mit dem Projekt openDesk des Zentrums für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung einen anderen Weg aufzeigt.

3 „Gefällt mir“

Das Ganze wird noch abstruser, wenn man bedenkt, dass ZenDiS gegründet wurde, um das Projekt Digitalisierung der Verwaltungen mit quell-offenen Programmen voranzubringen. Statt das Geld dort sinnvoll einzusetzen und von den Pionieren unter den Verwaltungen zu lernen, wird enorm viel Geld an BigTech gezahlt.

Vom Thema der Ungleichheit und der Steuer-Vermeidung der BigTech noch nicht einmal zu sprechen, die uns jährlich Milliarden Euro kosten… Diesbezüglich verweise ich aufs Netzwerk Steuer-Gerechtigkeit:

2 „Gefällt mir“

Zwiespältiges Thema, das meines Erachtens oft zu einseitig beleuchtet wird. Meine Meinung:

  • Microsoft hat gegenüber unabhängigen europäischen Lösungen locker zehn Jahre Vorsprung. Der Abstand kann nicht in wenigen Jahren aufgeholt werden, auch nicht mit viel Geld. Wir haben die Wahl zwischen: technisch abgehängt oder politisch abhängig. Unschöne Zwickmühle.
  • Microsoft hat einen Standort in Bayern. Es ist nicht so, als kämen Aufträge nur dem Mutterkonzern in den Vereinigten Staaten zugute. Auch die deutsche Wirtschaft profitiert davon.
  • Was mich verblüfft: Bayern plant offenbar, die konventionelle Microsoft-Cloud zu buchen, die über Microsofts eigene Server betrieben wird und dem Cloud Act unterliegt. Das ist mit Blick auf Datenschutz und Abhängigkeit hochproblematisch. Wir haben gesehen, was geschieht, wenn die Vereinigten Staaten Strafmaßnahmen verhängen: Von einem auf den anderen Tag stehen hochrangige Persönlichkeiten ohne E-Mail-Postfach und andere Dienste da.
  • Unklar bleibt für mich, aus welchem Grund Bayern nicht die Sovereign Cloud von Microsoft anstrebt, die unabhängig betrieben wird und vollständig von Microsofts Servern abgekoppelt ist. Sie wäre die Antwort auf die Probleme der konventionellen Cloud. Wobei immer noch zu prüfen wäre, wie viel die gegebenen Versprechen wirklich wert sind. Dauert es zu lange, bis dieses noch junge Angebot einsatzbereit ist?
  • Ich glaube, wir müssen eine Doppelstrategie fahren: Übergangsweise werden wir die Platzhirsche brauchen, wenn wir nicht den Anschluss verpassen wollen. Parallel müssen wir eigene, konkurrenzfähige Lösungen entwickeln, auf die wir schrittweise umsteigen.
2 „Gefällt mir“

Eine Antwort hierzu ist der Preis, man zahlt deutlich mehr für die Sovereign Cloud. Bei der zweiten Antwort kann man sich nicht so sicher sein, ich denke aber dass Microsoft da ordentlich Lobbyarbeit reingesteckt hat, denn auch die haben nicht unendlich Resourcen zum Aufbau der lokalen Cloud, für die ist es super bequem einfach große Kunden in die normale Cloud zu migrieren.

Mag stimmen, hält aber andere Bundesländer nicht davon ab auf andere (Open Source) Produkte zu setzen, man sehe sich Schleswig-Holstein an.

1 „Gefällt mir“

Wenn Schleswig-Holstein anders vorgeht als Bayern, heißt das nicht, dass Schleswig-Holstein klug vorgeht. Und umgekehrt.

1 „Gefällt mir“

Worin genau liegt der Vorsprung? Und wir holt man ihn auf, wenn man sowohl kaum in eigene Lösungen investiert als auch langfristig auf MS setzt?

2 „Gefällt mir“

Ich kenne die Anforderungen des Landes Bayern nicht und kann nur von eigenen Projekten berichten, die wahrscheinlich ein paar Etagen niedriger angesiedelt sind. Auf dem Papier sieht es immer so aus, als wären alternative Lösungen auf Augenhöhe. In der Praxis tauchen zahllose Einschränkungen auf, die teilweise so weit gehen, dass viele Vorgänge gar nicht möglich sind. Es lief immer aufs Selbe hinaus: Viele Tests, Anforderungen nicht oder nur teilweise erfüllt und am Ende doch wieder bei Microsoft gelandet.

Das ist kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Es sollte uns Ansporn sein, endlich selbst in die Vollen zu gehen. Niemand sagt, dass langfristig auf Microsoft gesetzt werden soll. Eher im Gegenteil. Ich weiß, dass es bei der Einführung von Produkten Gewöhnungseffekte gibt, die beim Umstieg hemmend wirken können. Das können wir aber auch als Chance begreifen. Wir müssen ohnehin agiler werden und nicht immer an einmal eingeführten Lösungen kleben. Diese Mentalität hat uns schon vor Microsoft in die Bredouille gebracht, zum Beispiel bei der guten, alten Papier-Verwaltung oder dem Fax-Gerät.

Ich frage noch mal, weil ich es verstehen will: was genau? Musst ja nicht alles sagen, aber 1-2 Beispiele wären schön.

MS365 wird ja kontinuierlich weiterentwickelt. Die Chance ist groß, dass es vor X Monaten/Jahren diese Funktion auch nicht hatte und die Welt deswegen nicht untergegangen ist.

Geht es darum, dass im Spreadsheet per Formel die Einbindung von CoPilot möglich sein muss oder können die verstrichenen Wochentage seit Termin X nicht berechnet werden?

1 „Gefällt mir“

Und vor allem, welche Funktionen werden benötigt. Dass Powerpoint-Präsentationen durch KI hübscher werden kann ja wohl kaum ein Argument sein.

Unabhängig davon wäre die Investition in “lokale” Cloudlösungen auch Wirtschaftsförderung bei der die Milliarden sinnvoll eingesetzt werden und nicht über den Teich verschwinden. Und solange wir auf US-Lösungen setzen sind wir erpressbar.

1 „Gefällt mir“

Eine Kostprobe aus einem Projekt, bei dem die Arbeit mit Videos wichtig war. Auf dem Papier konnte das sowohl Microsoft als auch die quelloffene Lösung. Bei Tests stellte sich heraus, dass die quelloffene Lösung gravierende Lücken aufwies:

  • Kein Streaming in verschiedenen Qualitäten (und damit bei langsamen Verbindungen oder auf Smartphones unbrauchbar)
  • Keine automatische Transkription
  • Keine verschiedensprachigen Untertitel
  • Keine verschiedenen Audio-Spuren
  • Keine Kapitelmarken
  • Keine Interaktivität oder Sprungmarken

Genau genommen konnte die quelloffene Lösung Videos nur hoch- und herunterladen, also wie alle anderen Dateien ablegen. Anstellen ließ sich mit den Videos rein gar nichts.

Bei einem anderen Projekt ging es um eine einfache Lösung zur Automatisierung von Terminbuchungen. Auch hier hatten die quelloffenen Lösungen deutliche Nachteile: keine Integration mit Kalendern, keine Warteliste für Nachrückende (die bei Stornierungen automatisch aufrücken) und eine Bedienoberfläche, die für die Buchenden wahrscheinlich ziemlich verwirrend gewesen wäre.

Solche Mängellisten könnte ich seitenlang schreiben. Teilweise lässt sich mit externen Modulen nachbessern. Oft führt das aber dazu, dass am Ende zehn Benutzerkonten statt einem nötig sind und trotzdem weniger geht. Auch die modulübergreifende Freigabe wird dann eine riesige Herausforderung, die nicht nur Arbeitszeit frisst, sondern auch fehleranfällig und sogar sicherheitsrelevant werden kann.

Ich nehme an, dass für Bayern und Schleswig-Holstein andere Aspekte im Vordergrund stehen. Ich will auch nicht sagen, dass Bayern es richtig macht und Schleswig-Holstein auf dem Holzweg ist. Ich versuche nur, darauf hinzuweisen, dass nicht jede Entscheidung gegen quelloffene Lösungen ein Anfall von Wahnsinn sein muss. Manchmal gibt es Gründe. Die Lösung liegt nicht darin, die Anforderungen herunterzuschrauben, sondern quelloffene Lösungen weiterzuentwickeln und vielleicht sogar einmal die Platzhirsche mit besseren Funktionen herauszufordern. Das wäre doch mal was.

Zu Wirtschaftsförderung und Abhängigkeit: siehe oben. Auch in Deutschland schafft Microsoft viele Arbeitsplätze.

2 „Gefällt mir“

Was hat sich denn in den letzten Jahren getan bei den Microsoft-Produkten? Ich sehe bei der meisten Software nur noch Polierarbeiten, unsere eigene eingeschlossen. Da wird die GUI verfeinert, schicker gemacht, und die Nutzerführung intuitiver. Gut und wichtig, aber die eigentliche Funktionalität ändert sich nur noch marginal.

Mal abgesehen von KI-Integration, die einem vorgaukelt, dass man jetzt den Co-Piloten übernehmen lassen kann. Was ich ohne Kapitän sehr fragwürdig sehe: Oft sind die Vorschläge nach meiner Erfahrung totaler Unsinn.

Trotzdem wird bei uns in der Firma auf Microsoft gesetzt, weil man sich ja mit Kunden austauschen muss und die halt die Microsoft-Produkte haben.

1 „Gefällt mir“

Ok aber ist das wirklich ein so relevanter Use Case für Behörden?

Das ist vermutlich schon eher ein Use Case. Aber hier wäre die Frage, warum tut man sich nicht als Bundesländer zusammen und investiert einmal in eine Lösung. Ja, das kostet Geld, aber Microsoft bietet seine Services auch nicht kostenlos an.

Und man muss ja auch nicht immer mit der eierlegenden Wollmilchsau anfangen. Irgendwie ist doch sowieso das ein Problem in Deutschland mit der Digitalisierung, wenn nicht alles von Anfang an sofort perfekt funktioniert fangen wir erst gar nicht an.

2 „Gefällt mir“

Und man muss ja auch nicht immer mit der eierlegenden Wollmilchsau anfangen. Irgendwie ist doch sowieso das ein Problem in Deutschland mit der Digitalisierung, wenn nicht alles von Anfang an sofort perfekt funktioniert fangen wir erst gar nicht an.

Da gebe ich dir voll recht. Ein anderes Problem an deutscher Digitalisierung ist aber auch, dass wir hier immer alles neu erfinden wollen. Warum nicht das nutzen, was sich bereits in der Praxis bewährt hat?

Gerade bei einer Office-Suite würde ich schon sagen, dass von Anfang an alles dabei sein sollte. Einfach weil es anderswo bereits diese Funktionen gibt. Müssen wir wirklich immer alles extra für uns entwickeln?

Weil wir uns weniger abhängig von den USA machen sollten und nicht noch weiter in mehr Abhängigkeit gehen sollten.

Wir könnten hier natürlich auch auf eine europäische Initiative setzen. Oder wir entwickeln es und machen es Open Source, sodass die anderen europäischen Länder davon profitieren.

1 „Gefällt mir“

Wenn die einzige Alternative auf dem Markt der Verwaltung die Software sperren kann, wenn der US Präsident fiese Verstöße gegen die Meinungsfreiheit vermutet, dann ja. Dann müssen wir es neu bauen.

Aber gerade bei Office Programmen wird ja nicht alles neu programmiert, sondern man greift Open Source Projekte mit viel Vorarbeiten zurück.

Aber gerade bei Office Programmen wird ja nicht alles neu programmiert, sondern man greift Open Source Projekte mit viel Vorarbeiten zurück.

Aber das ist ja gerade das Komplexe. Ob man Word oder OpenOffice nimmt, macht wohl keinen großen Unterschied. Die Verflechtung aller Microsoft-Services ist das, was so attraktiv ist. Und das, was am komplexesten zu entwickeln sein wird.

Was hat sich denn in den letzten Jahren getan bei den Microsoft-Produkten? Ich sehe bei der meisten Software nur noch Polierarbeiten, unsere eigene eingeschlossen. Da wird die GUI verfeinert, schicker gemacht, und die Nutzerführung intuitiver.

Welche Software ist das? Es geht ja nicht nur um Word oder PowerPoint. Das können Alternativen alle. Es geht um die ganze Verflechtung der einzelnen Microsoft-Services, die Office so attraktiv machen. Außer der Google-Workspace fällt mein kein Service an, der ähnlich umfangreich ist. (Wobei ich mir hab sagen lassen, dass selbst der Google-Workspace Office in einigem hinterherhinkt.)

Wir könnten hier natürlich auch auf eine europäische Initiative setzen.

Genau das können wir nicht. Was wenn in ein paar Jahren die Orbans nicht mehr in der Minderheit in der EU sind? Müssen wir dann auch Angst davor haben, dass die EU uns die Software abstellt? Würde man das konsequent durchdenken, müsste jedes Land seine eigene Software bauen/betreiben. Wollen wir das wirklich?

Man würde europäische Software natürlich so auslegen, dass es nicht möglich ist, einzelne Staaten auszuschließen. Es sollen gemeinsame Projekte werden, jedes daran beteiligte Land erwirbt die vollen Rechte an der Software (und könnte sie dann theoretisch auch auf nationalen Servern betreiben)

2 „Gefällt mir“

Die Sprünge sind gewaltig. Ob es eine Rolle spielt, kommt auf das individuelle Szenario an. Viele Menschen denken zuerst an klassische Office-Anwendungen wie Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationen.

Für Unternehmen und Behörden sind vielleicht ganz andere Werkzeuge wichtig, wie beispielsweise SharePoint. Cloud-Lösungen sind mehr als nur Office-Anwendungen mit ein paar Dateien im Internet. Es sind umfangreiche Umgebungen zur nahtlosen und sicheren Zusammenarbeit großer Mengen an Menschen. Ich wage zu bezweifeln, dass Bayern wegen Word bei Microsoft gelandet ist.

Videos spielen in der internen Kommunikation und Weiterbildung eine immer größere Rolle. Mit Stream (so heißt die Video-Plattform von Microsoft) lässt sich sehr einfach ein internes YouTube aufbauen, komplett mit Kommentarbereich. So finden Mitarbeitende schnell und einfach immer genau die Hilfe, die sie benötigen. Transkription und mehrsprachige Untertitel sind wichtig für Zugänglichkeit und Barrierefreiheit. Ob das für Bayern relevant ist, weiß ich nicht. Es soll nur ein Beispiel sein. Solche Mängellisten könnte ich für so ziemlich jeden Bereich erstellen.

Ich bin auch kein Freund davon, immer nur das Nötigste bereitzustellen. Das Nötigste kann schnell zu wenig sein, wie wir zu Beginn der Pandemie gesehen haben. Wenn wir technisch und wirtschaftlich nicht den Anschluss verlieren wollen, sollten wir Möglichkeiten schaffen, statt uns einzureden, dass wir das alles gar nicht brauchen. Diese Denke führt genau dazu, dass quelloffene Alternativen hinterherhinken, statt die Platzhirsche herauszufordern.

Nicht immer ist von Vornherein klar, dass eine große, maßgeschneiderte Lösung benötigt wird. Manchmal kommt in einer Abteilung ungeplant ein Bedarf auf, vielleicht nur für interne Zwecke. Dann braucht es eine Standardlösung, die schnell zur Hand ist und sich nahtlos integriert.

Ich glaube, Bayern ist nicht auf der Suche nach der besten Textverarbeitung bei Microsoft gelandet. Es geht um Cloud-Szenarien. Ich gehe davon aus, dass Anwendungen zur Erstellung von Dokumenten mit fortschreitender Digitalisierung ohnehin an Bedeutung verlieren werden, schlicht weil Dokumente an Bedeutung verlieren werden. Anders gesagt: Bevor Writer Word den Rang abläuft, wird wahrscheinlich beides überflüssig werden, zumindest in der Verwaltung.

Da sehe ich übrigens eine große Chance für unabhängige Lösungen. Das ist ein Paradigmenwechsel, bei dem sie sich ins Spiel bringen können, ohne gegen die Beharrungskräfte alter Lösungen aus dem Dokumenten-Zeitalter anstrampeln zu müssen.