#Rasterpsychotherapie - fragwürdiger Lösungsansatz zur Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung

Liebes Lage-Team,

schon seit geraumer Zeit höre ich euren Podcast und finde das Format sowie eure Transparenz und Werteorientierung einmalig und sehr wertvoll.

Ich bin psychologischer Psychotherapeut und möchte euch gern auf eine aktuelle, politische Entwicklung in diesem Bereich aufmerksam machen. Vielleicht findet sie euer Interesse und ihr beleuchtet das mal kritisch in einer eurer Sendungen:

Die Entwicklung: „Gesundheitspolitik gegen psychisch kranke Menschen“

Die Meinung der Bundespsychotherapeutenkammer: Keine Raster-Behandlung in der Psychotherapie - BPTK

Entwicklung ist vor diesem Hintergrund zu bewerten:

Viel mehr Hintergrund: Zur Weiterentwicklung des Gutachterverfahren in der ambulanten Psychotherapie - ein Diskussionsvorschlag: dgvt-bv.de

Twitter-Hashtag: #Rasterpsychotherapie

Das ganze findet vor dem Hintergrund der Behebungsversuche der Versorgungsengpässe in der ambulanten Psychotherapie statt. Es riecht aber auch sehr nach Kostenoptimierung und als Vorbild scheint das Vergütungs- und Qualitätssicherungssystem der stationären Gesundheitsversorgung zu dienen. Das ist sehr fragwürdig, wenn man bedenkt, dass Psychotherapie im Vergleich medizinischer Maßnahmen ein vergleichsweise effektives und kosteneffizientes Verfahren darstellt.

Ich würde mich freuen, wenn das Thema euer Interesse findet.

Viele Grüße

Fabian

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Das klingt wie die Einführung von Fallpauschalen in der Psychotherapie … Ohne Worte …

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Super, dass du diesen Beitrag geteilt hast, Fabian. Ich poste hier gleich noch meine Mail an LdN dazu.

Liebes Team der Lage der Nation,

als zuverlässige Hörerin zunächst ein riesen Dankeschön an euch alle für diesen wunderbaren Podcast. Ich sende euch heute einen Themenvorschlag (und werde diesen auch im Forum posten), der mich persönlich und privat beschäftigt. Als approbierte Psychotherapeutin beobachte ich mit großer Sorge die Spahn-Gesundheitspolitik im Bereich Psychotherapie. Diskutierte Rationierung von ambulanter psychotherapeutischer Leistungen und Vorschläge zu breit angelegter Raster-Psychotherapie sind schockierend - und nach einem Jahr Pandemie, mit hohen psychischen und emotionalen Kosten auf breiter gesellschaftlicher Ebene, umso mehr.

Zur Sache:

  • GVWG-Änderungsantrags 49: Der Gesundheitsausschuss tagte am 19.05.21 über die Begrenzung und Vereinheitlichung von Therapiedauer
  • Die Anzahl von Psychotherapiesitzungen soll allein anhand von Diagnosen festgelegt werden, d.h. individuelle Aspekte von Patient*innen oder der Erkrankung (Chronifizierung, Persönlichkeitseigenschaften, persönliche Ressourcen und Lebensumstände, somatische oder psychische Komorbidität, Außen- und Begleitumstände, psychosoziale Belastungen, etc. pp.) treten dabei in den Hintergrund. Nur die für die jeweilige Diagnose vorgegebene Schablone ist relevant.
  • Eingriff in die Therapiehoheit: Behandlerinnen können die komplexen Lebensumstände und persönlichen Ressourcen nicht mehr in den Therapieverlauf miteinbeziehen. Therapie besteht aus Entwicklungsprozessen und komplexen Zusammenhängen. Wenn es Behandlerinnen nicht mehr möglich ist, die Dauer der Behandlung individuell anzupassen, um möglichst nachhaltige und rückfallprophylaktische Maßnahmen zu ergreifen, wird zum einen der Erfolg der Therapie unmittelbar (i.e. Druck bei Patientinnen und Behandlerinnen, „Brände lösche“ = Symptome bekämpfen, keine Ursachen behandeln, Überfokussierung der Arbeitsfähigkeit statt der persönlichen Gesundheit) und auch langfristig (i.e. erhöhte Rückfallgefahr, frustrierende Therapieerfahrungen, offene, nicht bearbeitete Themen zum Ende der Therapie) massiv gefährdet.
  • Psychotherapie wird zum Luxusgut: Bereits vor der Corona-Pandemie war der Therapiebedarf enorm hoch und die Wartelisten lang. Die bereits prekäre Situation hat sich im letzten Jahr massiv zugespitzt. Psychische Langzeitfolgen aus dem letzten Jahr der Corona-Pandemie sind zu erwarten, der Bedarf wird weiter steigen. Und nun eine Rationierung von Psychotherapie! Die zeitliche Begrenzung von Psychotherapie nach sturen Schablonen setzt den langfristigen Behandlungserfolg und das Patient*innenwohl mehr als in den Hintergrund. Was darüber hinaus nötig wäre, muss privat gezahlt werden (Aktuell je 50 Minuten Therapie 100€). Hier wird sich die soziale Unterechtigkeit massiv verstärken.
  • Die Gesetzeslage wird mehr und mehr auf die Bedürfnisse der Krankenversicherungen zugeschnitten: Die Bedarfsplanung für die Kassenzulassung von Psychotherapeutinnen ist katastrophale 20 Jahre alt. Während Patientinnen bis zu einem Jahr auf der Warteliste stehen, bekommen zahlreiche Psychotherapeutinnen aufgrund der (falschen) Deckelung keine Kassenzulassung und müssen auf Privatpatientinnen und Selbstzahler*innen umsatteln. Der 2019 gutachterlich festgestellte Bedarf von ca. 2400 neuen Kassensitzen wurde lediglich zu einem Drittel umgesetzt.
  • Großes Gefahrenpotenzial: Die Änderung im GVWG wäre für Psychotherapeutinnen und vor allem Patientinnen fatal. Auch wenn die Wartelisten nicht adäquat reguliert werden können und keine bessere Therapiebedingungen geschaffen werden, könnte das gefährliche gesundheitliche Konsequenzen für Betroffene haben: Verhärtung und Erschwernis der Erkrankung, Chronifizierung und letztlich Suizid,…

Persönliche Einschätzung als approbierte Psychotherapeutin:
Zum einen weiß ich, dass meine Praxiskollegin seit mehr als 13 Monaten versucht, einen Kassensitz zu bekommen (siehe Folge LdN#232), was mit absurd hohen Kosten und einem korruptem System verbunden ist. Zum anderen wird die psychische Gesundheit unserer Berufsgruppe - die ebenso von der Corona-Pandemie betroffen ist - völlig außer Acht gelassen. Je mehr „schwierige“ Behandlungsfälle wir ambulant bekommen, desto weniger Patientinnen können wir wöchentlich betreuen, da wird langfristig sehr auf Psychohygiene und Selbstfürsorge achten müssen. Zudem wird im gesetztlichen Kassensystem eine deutlich schwierigere Behandlung nicht höher vergütet als „leichtere“ Fälle. Insgesamt ist die Situation, welche sowieso schon angespannt war, mit der Corona-Pandemie regelrecht eskaliert. Eine weitere Einschränkung und Entwürdigung unserer Arbeit und der psychischen Gesundheit durch fragwürdige politische Forderungen stellen meine Kolleginnen und mich vor große Verwunderung.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr dieses Thema in gewohnter Qualität aufgreifen und meine Berufsgruppe und alle Patient*innen damit unterstützen könntet.

Vielen Dank für eure wertvolle Arbeit,
liebe Grüße!


Quellen:
Pressemitteilung der Bundespsychotherapeut*innenkammer:

Pressemitteilung eines breiten Bündnisses psychotherapeutischer Verbände:

Berufsverband Deutscher Psycholog*innen:
https://www.bdp-verband.de/presse/pm/2021/kritik-an-geplanten-einschnitten-bei-der-behandlung-psychisch-erkrankter.html

Deutschlandfunk:

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