Putins mögliche Motivation / Rational die östlichen Nato-Staaten anzugreifen

Aus militärischen, globalstrategischen, innenpolitischen und ideologischen Gründen.
Militärisch: Der Zugang zur Ostsee im Allgemeinen und zu Kaliningrad im Besonderen sind aktuell relativ prekär. Das würde sich mit einem russischen Baltikum ändern. Die NATO könnte in den Staaten keine Truppen, insbesondere keine umfassende Luftverteidigung und Raketenabwehr stationieren. In ähnlicher Weise gilt das auch für den Luftraum über der Ostsee, der für die russische Luftwaffe leichter und weniger beobachtbar zugänglich werden könnte.
Globalstrategisch: Die baltischen Staaten vertreten (aus Gründen) eine russlandkritische bis -feindliche Position insbesondere in EU und NATO, aber auch bilateral in Gesprächen mit für Russland wichtigen Staaten wie Deutschland oder den USA und erschweren damit die Interaktionen Russlands mit diesen Ländern. Zudem gäbe es neben einer tatsächlich riskanten Vollinvasion einen verlockenden Zwischenschritt: Russland könnte eine kleine Stadt wie Narva oder einen schmalen Streifen Land endlang der Grenze besetzen und mit einiger Hoffnung erwarten, dass die westlichen Demokratien deswegen keinen Krieg führen werden. Damit wäre die NATO als Schutzmacht mutmaßlich erledigt und mangels glaubwürdiger, wirksamer Schutzmacht die Tür für Russland sperrangelweit offen, sich die Kontrolle über Osteuropa Schritt für Schritt unter den Nagel zu reißen.
Innenpolitisch: Die Macht Putins und seiner Kleptokratie ist (aus Gründen) latent durch Unzufriedenheit bedroht. Aber auf die Größe Russlands, auf Nationalstolz und ähnliche Ideen können sich viele Russen scheinbar einigen. Deswegen war die aktive Zustimmung zu Putin nie so hoch, wie in der Zeit nach der Krim-Annexion. Da gab es nicht nur resignierte bis grummelnde Passivität sondern so etwas wie eine nationale Begeisterung. Die Besatzung war allerdings extrem teuer, sie löste keine Ursachen für Unzufriedenheit im russsichen Alltag und so war diese Begeisterung wenig nachhaltig. Das allein war sicher nicht der Grund für den Angriff aber ein Faktor in der Entscheidung. Unter Verweis auf den Krieg war es möglich, die Gesellschaft autoritärer bis in den Grenzbereich zum Totalitarismus unter Kontrolle zu bekommen. Falls der Krieg in der Ukraine endet (annähernd unabhängig vom Ergebnis), werden die realen Kosten dieser Entscheidung eher früher als später in Russland einschlagen und die sind bei weitem höher, als die Kosten für die Besatzung der Krim. Dann wird es neue „außenpolitische Erfolge“ brauchen, um die Leute hinter sich oder unter dem eigenen Stiefel zu sammeln.
Ideologisch: Putin ist da konsistent und mit seiner Wahnvorstellung russischer Größe nicht alleine. Er will das alte Imperium zurück. Er bezeichnete das Baltikum wiederholt wie wahrheitswidrig als historisch russisches Gebiet. Er bezeichnete die Auflösung der UdSSR und des Ostblocks als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts (nicht WK1 oder 2). Die könnte er damit ein Stück weit heilen. Es geht dabei immer auch um die Leugnung von Realitäten: Russland hat nicht die materiellen und personellen Ressourcen um eine Weltmacht zu sein, aber es hält sich für eine und will auch so behandelt werden. Der russische Chauvinismus spielt in dem Zusammenhang eine zentrale Rolle (vgl. dazu „Die chauvinistische Bedrohung“ von Sabine Fischer)

Die Prämisse gilt nur, solange man von einem offenen Krieg gegen die NATO ausgeht. Das hätte mehrere Voraussetzungen: Es müsste einen offenen Großangriff geben, auf den müssten die NATO-Staaten mit einem Gegenangriff reagieren können und wollen. Russland muss aber (s.o.) nicht in einem großen Angriff das gesamte Baltikum besetzen, um der institutionellen Integrität der NATO einen schweren, wenn nicht entscheidenden Schlag zu versetzen. Und für Art. 5 bräuchte es Einstimmigkeit. Das würde bedeuten, dass von Orban, Fico, Melloni, Trump, Erdogan und Sanchez bis zu möglicherweise Le Pen, Farage, Wilders, Weidel alle NATO-Regierungen zustimmen. Und zwar alle zusammen. Keiner dürfte sich weigern. Alle müssten auch militärisch mitziehen. Trotz erwartbarer Drohungen aus Moskau und Protesten aus der Bevölkerung. Wie sicher kann man sich da in Europa sein? Wie sicher ist man sich da in Russland? Wieviele von denen hat man selbst finanziert und anderweitig unterstützt oder kann sie erpressen? Gut möglich, dass man in Moskau relativ sicher ist, dass bei einem kleineren Übergriff auf NATO-Gebiet eine massive Antwort ausbleibt und die NATO im Streit darüber in Auflösung gerät.

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