Plattform des Jobcenter/Agentur für Arbeit

Liebe Lage,

ich weiß ja nicht aber ich bin digital versiert, betreibe einen eigenen Server, code viel und leiste it Unterstützung für Freund*innen und Familie.

Bei der LDN456 musste ich daher als Master Absolvent(jetzt im bürgergeld) ein wenig stutzen, denn es liegt NICHT an der Digitalkompetenz der Menschen wenn sie mit der Oberfläche des Jobcenters/Agentur für Arbeit überfordert sind.

Ich habe an der Tu Berlin studiert, deren digitale Oberfläche ist auch nicht gut, aber auf das, was das Jobcenter und die Agentur für Arbeit bietet hat mich das nicht vorbereitet. Insbesondere wenn man das Arbeitslosengeld aufstocken muss wird es kompliziert. Ich war zuletzt nicht in der Lage einen Antrag einzureichen und musste anrufen, damit mich ein Mitarbeiter durch das Menü geleitet.

Es ist nicht nur so dass es beispielsweise einen knopf “Mitteilung senden” gibt, die Mitteilungen die man dort übermittelt kommen einfach entweder nirgends an oder werden ignoriert. Interessanterweise ist es also einfacher einen Brief einzuwerfen der dann sortiert und an die richtige stelle weitergeleitet werden muss als online einzureichen.

Weil ich eine Heizkostennachzahlung bekommen habe wollte ich diese gerne einreichen, gibt es online keinen Knopf dafür, geht das nicht (weil “Mitteilung senden” ins nichts führt).

In den meisten Fällen ist die Webseite in Ordnung, aber viel zu oft fehlen einfach Erläuterungen oder eine Hilfestellung dabei den richtigen ort für den upload zu finden. Es ist also aus meiner Perspektive überhaupt nicht die mangelnde Digitalisierung der Menschen sondern vorallem auch die mangelhafte Website der Agentur und des Jobcenters.

Ich hoffe mein kurzer Kommentar kann hier als konstruktives Feedback aufgenommen werden und ein etwas größeres bild dieses Problems zeichnen.

Grüße,

Felix

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Ahoy. Ich habe von außen eine relativ gute Übersicht über den Wandel der eServices der Agentur für Arbeit / Jobcenter in den letzten 13 Jahren, weil ich diese als Coach in SGB III Maßnahmen regelmäßig meinen Kunden nahe bringen muss. Trotz halbwegs modernem UI scheint mir da unter der Haube viel unverändert geblieben zu sein. Sämtliche Dienste der Agentur für Arbeit / Jobcenter basieren meines Wissens nach bis heute auf dem dem 2006 eingeführten System VerBIS. Das bedeutet: Auch wenn sich am UI (für die Kunden) in den letzten Jahren schon Einiges getan hat und es zwei halbwegs brauchbare Verwaltungs-Apps gibt: Die Systemarchitektur als solche wird bald 20 Jahre alt, was Modernisierungen jedweder Art im Live-Betrieb mit Millionen aktiver und inaktiver Konten natürlich alles Andere als trivial macht.

Eine schon etwas ältere aber in meiner Wahrnehmung halbwegs stimmige Zusammenfassung zur Digitalisierung in der Bundesagentur für Arbeit hat anno 2023 das WSI der Hans-Böckler-Stiftung herausgegeben:

Jüngster Stand in diesem Zusammenhang ist übrigens, dass Agentur für Arbeit und Jobcenter seit Anfang Juli 2025 nicht mehr über klassische E-Mail erreichbar sind und somit die digitale Kommunikation nur noch über die Apps oder die Website erfolgen kann. Insofern ist hier auch ein klarer Trend und deutlicher Wille hin zu möglichst vollständig digitalen Prozessen erkennbar (was u.a. gerade dazu führt, dass Bildungsträger inzwischen Maßnahmen finanziert bekommen, die ausschließlich darauf abzielen, Kunden darin zu unterweisen, wie sie sich in den Apps beziehungsweise auf der Website in ihren Konten anmelden und dann die eServices während ihrer weiteren Betreuung bei der Stellensuche nutzen).

Zur Frage, ob man jemals den zentralen deutschen IT-Standard DIN A4 aus dieser Verwaltung und damit auch aus der Kommunikation mit ihr hinaus bekommt, bin ich allerdings skeptisch. Der Zugang zum Dienstleistungsangebot von Agentur für Arbeit und Jobcentern muss von staatlicher Seite ja wirklich absolut für Jeden sicher gestellt sein, was wiederum bedeutet, dass man den Betroffenen zumindest initial keine Hürden aufbauen darf, die sie - ob nun wegen Unvermögen, Krankheit oder Ignoranz - nicht überwinden können. Insofern halte ich auch das aktuelle Opt-in-Verfahren für eine rein digitale Kommunikation absehbar für den richtigen Weg, weil es gesunde Anreize schafft, sich das Leben mit Agentur für Arbeit und Jobcentern deutlich zu vereinfachen, aber gleichzeitig eben auch sicherstellt, das auch diejenigen erreicht werden, die das nicht wollen oder können.

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Guten Morgen, in der Folge vom 20. November geht es um Jobcenter, Agentur für Arbeit usw. Hier möchte ich anmerken, dass keinesfalls nur noch Briefe versendet werden. Das Amt hat eine neue webSite und eine App. Über beide kann ich sämtliche Nachrichten des Amtes abrufen und lesen, seien es Jobvorschläge, Terminansagen, Informationen zum Geld usw. UND: über meine beim Amt hinterlegte Mailadresse bekomme ich in meiner privaten Mailbox einen Hinweis, wenn wieder eine Nachricht vom Amt eingetroffen ist. AUSSERDEM bekomme ich die Einladungen zu Terminen und bestimmte Jobvorschläge zusätzlich als Brief. Es wird sich also nicht lediglich auf den Schriftverkehr per Post verlassen.

Und dann sagtet Ihr, dass es doch einfach sein muss, da mal einfach was “zusammen zu kloppen”. Ich glaube, das sehr Ihr zu einfach. Wenn man da hinter die Kulissen schaut, dann sind die Ämter echt zu bemitleiden: die müssen noch mit Skype arbeiten, obwohl das ja längst abgelöst ist, Und die neue webSite hat wohl noch nie jemand getestet, ob sie ergonomisch, zielorientiert oder wenigstens verständlich ist, denn sie ist es nicht. Das Personal vom Amt weiß leider nicht, wie die Sicht Arbeitssuchender auf die Seite und die Daten ist und ist bemüht aber ratlos, wenn ich nicht weiter weiß. Da würde einer Schulung der Kollegen Abhilfe schaffen. Ich hatte einen Fall, bei dem selbst ein Anruf bei der IT auf ratloses Schulterzucken stiess. Anfragen per Mail bezüglich der webSite bleiben unbeantwortet. Das fühlt sich alles ziemlich traurig an, weil ich mir denke, dass da Geld und damit Leute fehlen. Und wenn ich dann weiterdenke, dass dies das Amt ist, dass mich und viele andere auffangen und wieder in Arbeit bringen soll, dann macht mich das nachdenklich und nimmt mir ein bisschen die Hoffnung.

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Hier mal meine 2 cent dazu:

Ich bin aktuell selbst “Kundin” der AA und wickle alle meine Themen komplett online / über die App ab. Was ich mal sagen muss, bei aller berechtigten Kritik, der Antrag war über die Online Plattform wirklich überraschend einfach. Das Tool ist leicht zu bedienen und ich hatte überhaupt keine Probleme, meine Unterlagen dort hochzuladen. Sobald der Antrag durch ist, bekommt man eine “Kundennummer” mit der man sich dann auch in der Plattform richtig anmelden kann und dann unter Präferenzen ganz normal einstellt, dass die ganze Kommunikation bitte online und über die App laufen soll. Es scheint allerdings Themen zu geben, die aufgrund der nötigen Rechtskräftigkeit per Post kommen müssen, z.B. Vermittlungsvorschläge mit Rechtsfolgehinweis. Hatte ich aber zum Glück bisher nicht.

Was ich schade finde ist, dass man die Sachbearbeiter*innen nicht direkt per Mail oder noch besser per Telefon erreichen kann, um Kleinigkeiten schnell zu klären. Dafür gibt es die Nachrichtenfunktion in der App, die Antwortzeit ist aber bisher aus meiner Sicht zufriedenstellend. Die bearbeiten da ja nicht nur einen Vorgang und wenn man wirklich will, kann man jederzeit die Hotline anrufen, wo auch sehr freundliche und hilfsbereite Personen arbeiten, die dem jeweiligen Sachbearbeiter einen Rückrufwunsch übermitteln können…noch besser, sie können das Problem unkompliziert direkt klären. Wartezeit in der Hotline zuletzt bei mir ca. 15 Minuten…finde ich akzeptabel.

Das schreibe ich jetzt nur, um auch mal die positiven Dinge zu nennen, die es einfach auch gibt!

Ich finde sehr interessant, was @Skizzenbildner dazu ergänzt hat, wie die Architektur im Hintergrund aussieht. Aber eigentlich überrascht es mich nicht. Am Ende des Tages ist auch die Arbeitsagentur eine deutsche Behörde…und das ist aus Nutzersicht auch für mich das größte Problem: ich verstehe manchmal einfach nicht, was ich machen soll und wenn ich etwas Bestimmtes suche, z.B. einen bestimmten Antrag, dann finde ich den nur nach intensiver Recherche; und zwar nicht auf der Seite der AA, sondern üblicherweise bei Google / KI…der Infopool der AA ist so umfangreich und es wird so viel Behördendeutsch vorausgesetzt, dass ich mir schon vorstellen kann, woran viele Menschen einfach scheitern - vor allem, wenn Deutsch z.B. nicht die erste Sprache ist. Das ist jetzt bitte nicht dispektierlich bezüglich der jeweiligen Personengruppen zu verstehen!! Es macht einfach keinen Spaß, dieses Tool zu bedienen, weil man oft nicht das findet, was man sucht…manchmal weiß man aber auch gar nicht genau, was man sucht und dann 3 Wochen auf einen persönlichen Termin zu warten ist schon etwas ermüdend.

Was ich damit sagen will ist, dass es aus meiner Sicht schon eine große Hilfe wäre, wenn die Sprache nicht so kompliziert wäre und nicht ein so umfangreiches Paragraphen- und Verordnungswissen vorausgesetzt würde. Man versteht es manchmal einfach nicht…

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Liebes Lage-Team,

ich hätte eine Ergänzung zu Ulfs Statement, “Stattdessen müssen die Menschen digital kompetent werden und dabei wiederum muss man ihnen helfen.” Da schwingt anschließend auch ein deutliches Plädoyer mit für “Digital Only”, also den Ansatz, dass es ab einem bestimmten Punkt öffentliche Service nur noch online und nicht mehr zusätzlich analog geben soll.

Um ehrlich zu sein, finde ich das in der Praxis problematischer als es in eurem Beitrag klingt. Und ich möchte hier die Gegenseite stark machen, weil diejenigen, die die Digitalisierung in Deutschland voran treiben - was ja an sich gut ist - sich oft einfach nicht vorstellen können, was das mit digital nicht kompetenten Menschen macht, wenn sie an immer mehr öffentliche und private Dienstleistungen nur noch digital kommen. Keine Mailadresse: Kein Arzttermin.

Es gibt einfach viel mehr Menschen als man denkt, die schon mit der Bedienung einer Maus überfordert sind. Da wird “den Menschen helfen” zu einer Herausforderung, die niemals eine Institution wie das Jobcenter eigenständig bewältigt bekommt. Zumal Scham und Ängste, etwas falsch zu machen große Hemmschwellen sind, sich überhaupt damit zu befassen. Da muss man es überhaupt erst mal schaffen, die Leute dafür zu öffnen.

Wenn wir das nicht als große, gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen, wird die Digitalisierung und insbesondere der Ansatz “Digital Only” zu einem massiven Verstärker für soziale Ungleichheit. Denn digital vulnerable Gruppen (als Expertin für dieses Thema empfehle ich Dr. Juliane Stiller von Grenzenlos digital e.V.) sind oftmals die, die auch offline schon benachteiligt sind: Menschen mit Behinderung, Frauen, Menschen in strukturschwachen Regionen, Ältere, Menschen mit geringem Haushaltseinkommen, Menschen mit Migrationshintergrund.

Ich leite ein Projekt zur digitalen Grundbildung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte (https://digi-iq.org/). Wir arbeiten mit ehrenamtlichen Zugewanderten, die wir ausbilden und die dann ihr Wissen niedrigschwellig weitergeben. Da gibt es Einsätze, die funktionieren curricular wie eine Schulstunde. Es gibt aber auch digitale Sprechstunden. Da kommen Leute und bringen ihr Problem mit: Kaputte Laptops, neue Smartphones, die eine Datenübertragung wollen, aber auch ganz viel Kram von Ämtern: vom Jobcenter, von der Ausländerbehörde, von der Schule, vom Sozialamt. Alle digitalisieren ihre Prozesse und die Leute, die mit diesen digitalisierten Prozessen nicht zurechtkommen, sind wirklich verzweifelt.

Auch verfassungsrechtlich würde mich interessieren, inwieweit das überhaupt rechtens ist, öffentliche Daseinsvorsorge ersatzlos zu digitalisieren. Kann ich es bringen, Menschen Wohngeld nur noch auszuzahlen, wenn sie über die digitale Infrastruktur und Kompetenz verfügen, den Antrag online zu stellen?

Von daher wäre meine Haltung: 1. Anerkennen, dass es Menschen gibt, die nicht ohne weiteres digital inkludiert werden können 2. Solange das nicht passiert, eben doch parallele Online-Hilfe-Strukturen zu haben mit echten Menschen 3. Die digitale Teilhabe von allen Menschen als gesamtgesellschaftliche Herausforderung angehen.

Obwohl ich hier mal ausnahmsweise nicht ganz eurer Meinung bin, bin ich froh, dass das Thema zur Sprache kam. Und überhaupt: Danke euch für diesen super Podcast!

Viele Grüße,

Thomas

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Hallo,

zu diesem Thema gibt es auch einen Fachaufsatz von Bernd Eckhardt, “Die Jobcenter App - zwischen Anspruch und Wirklichkeit”, veröffentlicht in https://cdn.website-editor.net/99b9ebaf754545859fe2f4596fb10714/files/uploaded/SJ+11_2025.pdf ab S. 19

Gruß Ditmar

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Ich werde jetzt leicht vom Thema abschweifen, aber ich bin bei der gleichen Stelle in der Folge ins stocken geraten. Allerdings in eine andere Richtung.

Denn bei dem von dir genannten Zitat

Habe ich mir die Frage gestellt, was der Staat von einem mündigen Bürger in der deutschen Demokratie erwarten darf/ muss.
Muss der Staat allein dafür sorgen, dass alle Menschen digital gebildet sind? Kann der Staat nicht eine geweisse Eigenbildung erwarten? Wenn du schreibst, dass Menschen nicht mit einer Maus umgehen können, ist meine persönliche Meinung, dass der Staat nicht dafür verantwortlich ist, ihnen das beizubringen. Wie weit entfernt muss man in 2025 von der Gesellschaft sein, wenn man das nicht kann. (Es gibt natürlich Menschen, die aus gewissen Gründen, medizinisch, Einwanderung, etc. Dinge nicht können, diese meine ich hier nicht). Wenn Menschen sich dem Fortschritt verweigen, ist meine Meinung, dass es nicht die Aufgabe des Staates ist, ihnen hinterherzulaufen.

Finanziell wird der Staat nicht 2 Systeme, offline und online, fahren können. Digitalisierung wird stattfinden müssen. Was kann der Staat also eurer Meinung nach erwarten?

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Was kann der Bürger erwarten?
Der Staat sollte solche Projekte wie von @Thomas_K_aus_B stark fördern und wo es keine privaten Initiativen gibt, selbst einspringen.
Jeder sollte die Möglichkeit haben, niedrigschwellig und kostenlos sich die nötigen Fähigkeiten aneignen zu können. Nur wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann meiner Meinung nach der Staat von seinen Bürgern verlangen, nur noch digitale Wege zu nutzen.
Auch über die rechtliche Seite muss man reden. Wenn ich nun im Amt einen Antrag stelle, können Fragen und Unverständlichkeiten direkt ausgeräumt werden. Beim Online-Formular bleibt nur die Hotline, die man eher ungern nutzt. Ich mache das also nach bestem Wissen und Gewissen mit manchmal einschneidenden Folgen, wenn das Wissen nur unzureichend war.

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Wenn ich nun im Amt einen Antrag stelle, können Fragen und Unverständlichkeiten direkt ausgeräumt werden. Beim Online-Formular bleibt nur die Hotline, die man eher ungern nutzt. Ich mache das also nach bestem Wissen und Gewissen mit manchmal einschneidenden Folgen, wenn das Wissen nur unzureichend war.

Das ist nicht unbedingt ein Argument gegen Digitalisierung. Man kann sich leicht vorstellen, dass man über einen Chat direkt mit Mitarbeitern kommunizieren könnte, um solche Fragen ähnlich schnell zu klären.

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Ich fürchte, beim Thema »Jobcenter via Smpartphone« muss ich euch ausnahmsweise sogar in mehrerer Hinsicht widersprechen. Ich habe das Gefühl, dass hier eine veritable Digital-Blase existiert.

  1. Ich denke, wir tendieren leicht dazu, die Digitalisierung der Gesamtbevölkerung zu überschätzen. Ob nun 5% oder 20% der Bevölkerung kein Smartphone haben oder nutzen, ist fast irrelevant: die Zahl ist in jedem Fall viel zu hoch, um ein Smartphone für Daseinsvorsorge wie Bürgergeld oder Job-Vermittlung zur Voraussetzung zu machen. Lesen und Schreiben vermittelt unser Staat in seinem Schulwesen – bis eine ähnliche Durchdringung im Bezug auf Apps und Smartphones erreicht wird, gehen noch 60 Jahre ins Land. Wer weiß, wie die Welt bis dahin aussieht. Ganz abgesehen von den erheblichen laufenden Kosten, die ein Smartphone mit aktuellem Betriebssystem nebst Mobilvertrag nach sich zieht.

  2. Mich regt enorm auf, wie viele essentielle Lebensbereiche inzwischen eine Smartphone-App zwingend voraussetzen: ob nun Kreditkarte, Girokonto, Packstation oder BahnCard: jeder Mist braucht seine eigene Zwangs-App mit dem unvermeidlichen Zoo an Trackern, die ständig persönliche Daten nach Hause und an Apple und Google ableiten. Es wäre katastrophal, diesen Zustand durch Gesetzgebung zu zementieren, und noch schlimmer, wenn sich diese Situation auch noch auf Sozialleistungen ausweitet.

Auf absehbare Zeit müssen meines Erachtens reine Papier-/Telefon-Möglichkeiten vorbehalten werden, um die gesamte Bevölkerung zu erreichen. Das mag an einigen Stellen Aufwand für »Doppelvorhaltung« verursachen, aber meiner Ansicht nach ist das im Sozialstaat essentiell. Die »Digitale Dividende« muss sich dadurch realisieren, dass die digitalen Wege so gut und so sparsam sind, dass sie für 90% aller Vorgänge genutzt werden – gleichzeitig ergibt sich daraus ein Anreiz für die Behörden, den derzeit unmöglichen Zustand ihrer digitalen Angebote auf ein akzeptables Qualitätsniveau zu bringen.

Mein Appell ist: wenn schon Digital-Zwang, dann dürfen Smartphone-Apps auf keinen Fall der einzige Weg sein. Die Bindung an die Hersteller und Betreiber Apple und Google ist viel zu stark, und Apps haben viel zu viele Möglichkeiten, Personen auf den Smartphones zu tracken.

Stattdessen müssen allgemein zugängliche Webseiten mit 2-Faktor Authentifizierung angeboten werden.

  • Ein FIDO-Stick ist auf Dauer deutlich günstiger als Smartphones, schon alleine, da keine laufenden Kosten entstehen.
  • Die von Webseiten abgesaugten Daten lassen sich außerdem weit besser kontrollieren als von Smartphone-Apps.
  • Die Webseiten müssen so gestaltet sein, dass sie sich auf Smartphones genau so komfortabel bedienen lassen, wie Smartphone-Apps.

Erst wenn diese Mindestanforderungen erfüllt sind, kann man meiner Ansicht nach von einer erfolgreichen »Digitalisierung« sprechen.

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Ganz abgesehen von den erheblichen laufenden Kosten, die ein Smartphone mit aktuellem Betriebssystem nebst Mobilvertrag nach sich zieht.

Sicher, ein Smartphone kostet. Analoge Alternativen aber auch. Ein Drucker bzw. eher die Tinte beispielsweise ist teuer, wenn man alles Mögliche ständig ausdrucken muss. Kostet das genauso viel wie ein Smartphone? Tinte alleine wohl nicht. Aber wer weiß, was da sonst noch so für nicht offensichtliche Kosten dazukommen.

Auf absehbare Zeit müssen meines Erachtens reine Papier-/Telefon-Möglichkeiten vorbehalten werden, um die gesamte Bevölkerung zu erreichen.

Wie lange ist “absehbar“? Ich verstehe natürlich deinen Punkt, aber wenn wir immer analoge Alternativen laufen lassen, warum sollte man sich dann umgewöhnen? Und kann der Staat von uns mündigen Bürgern nicht auch etwas erwarten?

Stattdessen müssen allgemein zugängliche Webseiten mit 2-Faktor Authentifizierung angeboten werden.

Ernst gemeinte Frage: Wo ist das aktuell nicht der Fall? Anscheinend hat die Arbeitsagentur ja auch den Service als Webseite. Generell fällt mir spontan kein Beispiel von einem Service ein, den es nur als App und nicht Webseite gibt. (Ich rede nicht nur von staatlichen, sondern allen möglichen Services.)

Ein FIDO-Stick ist auf Dauer deutlich günstiger als Smartphones, schon alleine, da keine laufenden Kosten entstehen.

Ich sehe deinen Punkt, aber ich glaube, die Realität ist einfach, dass die meisten ein Smartphone haben. Für die allermeisten ist es mit Smartphone deutlich angenehmer als mit so einem Stick.

Die von Webseiten abgesaugten Daten lassen sich außerdem weit besser kontrollieren als von Smartphone-Apps.

Ist dem so? Davon abgesehen sehe ich hier bei Apps für staatliche Services eigentlich kein Problem.

Die Webseiten müssen so gestaltet sein, dass sie sich auf Smartphones genau so komfortabel bedienen lassen, wie Smartphone-Apps.

Bin ich prinzipiell bei dir. Allerdings: Es gibt ja einen Grund, warum es Apps gibt. Theoretisch könnte man ja alles als Webapp entwickeln und dann kann jeder per Browser auch vom Smartphone zugreifen. Warum wird das nicht so gemacht? Weil Apps bessere Kompatibilität mit dem Betriebssystem bieten.

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Der fido Stick liest auch nicht deinen Personalausweis aus. Da wirst du ein Kartenlesegerät brauchen, wenn du kein Smartphone willst.

Insgesamt halte ich es nicht für erfolgversprechend, wenn man die Verwaltungsdigitalisierung am technikskeptischen Datenschutzspezialisten ausrichtet.

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Eine App lässt sich nicht ohne Smartphone nutzen – ein Formular lässt sich einfach mit einem Stift ausfüllen :wink:

Ich denke, die digitalen Alternativen müssen sich durch ihre Vorteile durchsetzen: wie im Podcast beschrieben wäre es super, in einer App den kompletten Überblick über alle Schriftwechsel zu haben, idealerweise mit Sofortzugriff auf sämtliche Urkunden etc. Zusätzlich lässt sich durch digitale Prozesse auch noch riesig Geld einsparen – von all dem verspreche auch ich mir große Verbesserungen!

Aber: selbst wenn die App so praktisch ist, dass 100% der Smartphone-Nutzer sie nutzen, dürfen wir als Gesellschaft doch nicht einfach die übrigen, die das nicht können, unter den Tisch fallen lassen? Gerade die Schwächsten brauchen doch gerade die niedrigsten Barrieren.

Beim Sozialen stellt sich für mich die Frage umgekehrt: was der Staat für die Bürger*innen tun kann, und nicht, was er von ihnen erwarten darf.

In der freien Wirtschaft sind Zwangs-Apps leider inzwischen oft der Fall:

  1. Der größte Aufreger für mich war die BahnCard, die es nur noch mit DB Navigator geben sollte – das ist inzwischen wieder abgemildert, man kann sich einen Papier-QR-Code ausdrucken.
  2. Neue Packstationen haben keinen Scanner mehr und lassen sich nur mit App bedienen.
  3. Viele Girokonten und Kreditkarten bieten 2-Faktor-Authentifizierung nur noch über die App der Bank – weder alternative TOTP-Verfahren noch e-Perso (lol) werden angeboten.

Die große Mehrheit nutzt natürlich die Apps, die ja unbestreitbare Vorteile bieten – aber mich besorgt zutiefst der schleichende Prozess der Normalisierung, dass es nicht mehr anders geht.

Ich habe FIDO-Sticks nur erwähnt, um deutlich zu machen, dass ein Smartphone nicht zwingend notwendig für einen hohen Sicherheitsstandard ist. Wer sein Smartphone dazu nutzt, bitte gerne! Beim Sicherheitsstandard der meisten Apps habe ich allerdings erhebliche Bedenken.

Es ist leider tatsächlich so, dass hoch sensible Datenmegen (Bewegungsdaten, Kommunikationsdaten) auf Smartphones abgeschöpft werden, die von Webseiten nicht ohne weiteres gesammelt werden können. Diese gehen nicht nur an die Ersteller der Apps sowie an Apple und Google, sondern zusätzlich oft auch an die Smartphone-Hersteller, weshalb die Sorge darüber meiner Ansicht nach auch bei staatlichen Apps berechtigt ist. Zudem kann das politische Klima sich auch mal ändern, und dann möchte man vielleicht nicht seinen gesamten Standortverlauf im Direktzugriff der Exekutive wissen.

Es wird nicht gemacht, weil es mehr Entwicklungsaufwand bedeutet, als für Android+iOS direkt zu entwickeln. Aber meiner Ansicht nach mit dem unschätzbaren Mehrwert, dass dabei eine viel offenere und weit zugänglichere Lösung entsteht als beim Smartphone-Duopol.

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Sicher gibt es »technikskeptische Datenschutzspezialisten«, die keine Apps oder Smartphones nutzen möchten, diese verschwindend kleine Minderheit habe ich aber nicht gemeint.

Laut Studien gibt es aber 5% bis 20% der Bevölkerung, die kein Smartphone haben oder keins nutzen können. In bestimmten sozialen Gruppen ist der Anteil möglicherweise noch höher. Diese Minderheit wird bei dieser Diskussion oft vergessen und übergangen, und das finde ich höchst problematisch, wenn es um soziale Themen wie Bürgergeld oder Jobcenter geht.

Ich habe überhaupt nichts gegen Digitalisierung: sie kann für Behörden und Nutzer riesige Vorteile bringen. Aber dürfen wir deswegen den Schwächsten die Lebensleine kappen, die schon mit den bestehenden Barrieren große Mühe haben?

Nein, übergangen werden soll da niemand. Aber ich glaube, da sind wir noch weit von entfernt, dass es “zu digital” zu geht…

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Verwaltung bringt immer Zugangsvoraussetzungen mit sich. Dass Papier-Bürokratie zugänglicher sein soll als digitale, halte ich für ein Gerücht. Sie setzt Lese- und Schreib-Fähigkeiten sowie eine feste Anschrift für den Empfang von Dokumenten und vor allem viel Zeit und Geduld voraus. Auch das kann schwache Menschen in große Schwierigkeiten bringen. Ich habe persönlich einen Fall mitbekommen von einem Menschen, der in einer schwierigen Lebenssituation völlig unnötig unter die Räder geraten ist, weil er vorübergehend keine feste Anschrift hatte. Es dürfte auch unstrittig sein, dass die zum Teil elend langen Lebenszeiträume, die Asylsuchende in langsamen Papiervorgängen feststecken, weder wirtschaftlich noch seelisch gesund sind. Das ist nicht nur für die betroffenen Menschen verheerend, sondern erzeugt auch hohe gesellschaftliche Folgekosten.

Schwache Menschen müssen nicht vor Digitalisierung geschützt, sondern eingebunden werden. Ein eigenes Smartphone ist dafür praktisch und für viele sicherlich eine gute Lösung, aber nicht für alle. Es wird immer Menschen geben, die das nicht können oder wollen. Das ist nicht schlimm. Die Lösung liegt nicht darin, parallel eine umständliche Papier-Verwaltung vorzuhalten. Die Lösung sind Service-Schalter sowie unbetreute und betreute öffentliche Arbeitsplätze, an denen Menschen ihre Verwaltungsvorgänge erledigen können, in Behörden, Bibliotheken, Notunterkünften, Bahnhofsmissionen und so weiter und so fort. Ich kann mir auch ein Amt auf Rädern vorstellen, das mobil Dienstleistungen an wechselnden Standorten anbietet.

Digitale Verwaltung kann auch Hürden der Papier-Bürokratie abbauen: Menschen, die nicht lesen können oder aufgrund von Sehschwäche Dokumente in Miniaturschrift nicht entziffern können, können sich Dokumente vorlesen, in größerer Schrift oder in kontrastreichen Farbschemata anzeigen lassen. Die Menge an Sprachvarianten, die digital angeboten werden können, wären im Ausdruck nicht mal ansatzweise möglich. Dazu gehört auch leichte Sprache. Ich wage zu behaupten, dass gut gemachte digitale Verwaltung inklusiver und weniger gängelnd ist als Papierverwaltung.

Dass wir von gut gemachter Digitalisierung in Deutschland teilweise noch meilenweit entfernt sind, stimmt natürlich. Das bedeutet aber nicht, dass wir weniger Digitalisierung benötigen, sondern mehr. Ich stimme auch zu, dass Digitalisierung nicht mit Smartphone-Zwang einhergehen sollte. Offene Websites und Portale, die auf unterschiedlichen Geräten auch jenseits von Google und Apple nutzbar sind, sollten selbstverständlich sein.

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Definitiv nicht. Eine konsequente Digitalisierung würde es ermöglichen, einiges an Anträgen unnötig zu machen oder zumindest den Umfang massiv reduzieren. Angefangen vom automatischen Abruf von Nachweisen im Antragsprozess Bis hinzu antragsloser Leistungsgewährung.

Mir gefallen deine Ideen und Vorschläge ausgesprochen gut. Vielen Dank für diese Hoffnung machenden Perspektiven. Hoffen wir, dass ein Teil des bei der Digitalisierung eingesparten Personals so eingesetzt werden kann.

Du unterstreichst auch ganz klar die Haltung, dass staatliche Dienste für die Bürger*innen da sein sollen, nicht gegen sie :wink:

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