Plattform des Jobcenter/Agentur für Arbeit

Liebe Lage,

ich weiß ja nicht aber ich bin digital versiert, betreibe einen eigenen Server, code viel und leiste it Unterstützung für Freund*innen und Familie.

Bei der LDN456 musste ich daher als Master Absolvent(jetzt im bürgergeld) ein wenig stutzen, denn es liegt NICHT an der Digitalkompetenz der Menschen wenn sie mit der Oberfläche des Jobcenters/Agentur für Arbeit überfordert sind.

Ich habe an der Tu Berlin studiert, deren digitale Oberfläche ist auch nicht gut, aber auf das, was das Jobcenter und die Agentur für Arbeit bietet hat mich das nicht vorbereitet. Insbesondere wenn man das Arbeitslosengeld aufstocken muss wird es kompliziert. Ich war zuletzt nicht in der Lage einen Antrag einzureichen und musste anrufen, damit mich ein Mitarbeiter durch das Menü geleitet.

Es ist nicht nur so dass es beispielsweise einen knopf “Mitteilung senden” gibt, die Mitteilungen die man dort übermittelt kommen einfach entweder nirgends an oder werden ignoriert. Interessanterweise ist es also einfacher einen Brief einzuwerfen der dann sortiert und an die richtige stelle weitergeleitet werden muss als online einzureichen.

Weil ich eine Heizkostennachzahlung bekommen habe wollte ich diese gerne einreichen, gibt es online keinen Knopf dafür, geht das nicht (weil “Mitteilung senden” ins nichts führt).

In den meisten Fällen ist die Webseite in Ordnung, aber viel zu oft fehlen einfach Erläuterungen oder eine Hilfestellung dabei den richtigen ort für den upload zu finden. Es ist also aus meiner Perspektive überhaupt nicht die mangelnde Digitalisierung der Menschen sondern vorallem auch die mangelhafte Website der Agentur und des Jobcenters.

Ich hoffe mein kurzer Kommentar kann hier als konstruktives Feedback aufgenommen werden und ein etwas größeres bild dieses Problems zeichnen.

Grüße,

Felix

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Ahoy. Ich habe von außen eine relativ gute Übersicht über den Wandel der eServices der Agentur für Arbeit / Jobcenter in den letzten 13 Jahren, weil ich diese als Coach in SGB III Maßnahmen regelmäßig meinen Kunden nahe bringen muss. Trotz halbwegs modernem UI scheint mir da unter der Haube viel unverändert geblieben zu sein. Sämtliche Dienste der Agentur für Arbeit / Jobcenter basieren meines Wissens nach bis heute auf dem dem 2006 eingeführten System VerBIS. Das bedeutet: Auch wenn sich am UI (für die Kunden) in den letzten Jahren schon Einiges getan hat und es zwei halbwegs brauchbare Verwaltungs-Apps gibt: Die Systemarchitektur als solche wird bald 20 Jahre alt, was Modernisierungen jedweder Art im Live-Betrieb mit Millionen aktiver und inaktiver Konten natürlich alles Andere als trivial macht.

Eine schon etwas ältere aber in meiner Wahrnehmung halbwegs stimmige Zusammenfassung zur Digitalisierung in der Bundesagentur für Arbeit hat anno 2023 das WSI der Hans-Böckler-Stiftung herausgegeben:

Jüngster Stand in diesem Zusammenhang ist übrigens, dass Agentur für Arbeit und Jobcenter seit Anfang Juli 2025 nicht mehr über klassische E-Mail erreichbar sind und somit die digitale Kommunikation nur noch über die Apps oder die Website erfolgen kann. Insofern ist hier auch ein klarer Trend und deutlicher Wille hin zu möglichst vollständig digitalen Prozessen erkennbar (was u.a. gerade dazu führt, dass Bildungsträger inzwischen Maßnahmen finanziert bekommen, die ausschließlich darauf abzielen, Kunden darin zu unterweisen, wie sie sich in den Apps beziehungsweise auf der Website in ihren Konten anmelden und dann die eServices während ihrer weiteren Betreuung bei der Stellensuche nutzen).

Zur Frage, ob man jemals den zentralen deutschen IT-Standard DIN A4 aus dieser Verwaltung und damit auch aus der Kommunikation mit ihr hinaus bekommt, bin ich allerdings skeptisch. Der Zugang zum Dienstleistungsangebot von Agentur für Arbeit und Jobcentern muss von staatlicher Seite ja wirklich absolut für Jeden sicher gestellt sein, was wiederum bedeutet, dass man den Betroffenen zumindest initial keine Hürden aufbauen darf, die sie - ob nun wegen Unvermögen, Krankheit oder Ignoranz - nicht überwinden können. Insofern halte ich auch das aktuelle Opt-in-Verfahren für eine rein digitale Kommunikation absehbar für den richtigen Weg, weil es gesunde Anreize schafft, sich das Leben mit Agentur für Arbeit und Jobcentern deutlich zu vereinfachen, aber gleichzeitig eben auch sicherstellt, das auch diejenigen erreicht werden, die das nicht wollen oder können.

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Guten Morgen, in der Folge vom 20. November geht es um Jobcenter, Agentur für Arbeit usw. Hier möchte ich anmerken, dass keinesfalls nur noch Briefe versendet werden. Das Amt hat eine neue webSite und eine App. Über beide kann ich sämtliche Nachrichten des Amtes abrufen und lesen, seien es Jobvorschläge, Terminansagen, Informationen zum Geld usw. UND: über meine beim Amt hinterlegte Mailadresse bekomme ich in meiner privaten Mailbox einen Hinweis, wenn wieder eine Nachricht vom Amt eingetroffen ist. AUSSERDEM bekomme ich die Einladungen zu Terminen und bestimmte Jobvorschläge zusätzlich als Brief. Es wird sich also nicht lediglich auf den Schriftverkehr per Post verlassen.

Und dann sagtet Ihr, dass es doch einfach sein muss, da mal einfach was “zusammen zu kloppen”. Ich glaube, das sehr Ihr zu einfach. Wenn man da hinter die Kulissen schaut, dann sind die Ämter echt zu bemitleiden: die müssen noch mit Skype arbeiten, obwohl das ja längst abgelöst ist, Und die neue webSite hat wohl noch nie jemand getestet, ob sie ergonomisch, zielorientiert oder wenigstens verständlich ist, denn sie ist es nicht. Das Personal vom Amt weiß leider nicht, wie die Sicht Arbeitssuchender auf die Seite und die Daten ist und ist bemüht aber ratlos, wenn ich nicht weiter weiß. Da würde einer Schulung der Kollegen Abhilfe schaffen. Ich hatte einen Fall, bei dem selbst ein Anruf bei der IT auf ratloses Schulterzucken stiess. Anfragen per Mail bezüglich der webSite bleiben unbeantwortet. Das fühlt sich alles ziemlich traurig an, weil ich mir denke, dass da Geld und damit Leute fehlen. Und wenn ich dann weiterdenke, dass dies das Amt ist, dass mich und viele andere auffangen und wieder in Arbeit bringen soll, dann macht mich das nachdenklich und nimmt mir ein bisschen die Hoffnung.

Hier mal meine 2 cent dazu:

Ich bin aktuell selbst “Kundin” der AA und wickle alle meine Themen komplett online / über die App ab. Was ich mal sagen muss, bei aller berechtigten Kritik, der Antrag war über die Online Plattform wirklich überraschend einfach. Das Tool ist leicht zu bedienen und ich hatte überhaupt keine Probleme, meine Unterlagen dort hochzuladen. Sobald der Antrag durch ist, bekommt man eine “Kundennummer” mit der man sich dann auch in der Plattform richtig anmelden kann und dann unter Präferenzen ganz normal einstellt, dass die ganze Kommunikation bitte online und über die App laufen soll. Es scheint allerdings Themen zu geben, die aufgrund der nötigen Rechtskräftigkeit per Post kommen müssen, z.B. Vermittlungsvorschläge mit Rechtsfolgehinweis. Hatte ich aber zum Glück bisher nicht.

Was ich schade finde ist, dass man die Sachbearbeiter*innen nicht direkt per Mail oder noch besser per Telefon erreichen kann, um Kleinigkeiten schnell zu klären. Dafür gibt es die Nachrichtenfunktion in der App, die Antwortzeit ist aber bisher aus meiner Sicht zufriedenstellend. Die bearbeiten da ja nicht nur einen Vorgang und wenn man wirklich will, kann man jederzeit die Hotline anrufen, wo auch sehr freundliche und hilfsbereite Personen arbeiten, die dem jeweiligen Sachbearbeiter einen Rückrufwunsch übermitteln können…noch besser, sie können das Problem unkompliziert direkt klären. Wartezeit in der Hotline zuletzt bei mir ca. 15 Minuten…finde ich akzeptabel.

Das schreibe ich jetzt nur, um auch mal die positiven Dinge zu nennen, die es einfach auch gibt!

Ich finde sehr interessant, was @Skizzenbildner dazu ergänzt hat, wie die Architektur im Hintergrund aussieht. Aber eigentlich überrascht es mich nicht. Am Ende des Tages ist auch die Arbeitsagentur eine deutsche Behörde…und das ist aus Nutzersicht auch für mich das größte Problem: ich verstehe manchmal einfach nicht, was ich machen soll und wenn ich etwas Bestimmtes suche, z.B. einen bestimmten Antrag, dann finde ich den nur nach intensiver Recherche; und zwar nicht auf der Seite der AA, sondern üblicherweise bei Google / KI…der Infopool der AA ist so umfangreich und es wird so viel Behördendeutsch vorausgesetzt, dass ich mir schon vorstellen kann, woran viele Menschen einfach scheitern - vor allem, wenn Deutsch z.B. nicht die erste Sprache ist. Das ist jetzt bitte nicht dispektierlich bezüglich der jeweiligen Personengruppen zu verstehen!! Es macht einfach keinen Spaß, dieses Tool zu bedienen, weil man oft nicht das findet, was man sucht…manchmal weiß man aber auch gar nicht genau, was man sucht und dann 3 Wochen auf einen persönlichen Termin zu warten ist schon etwas ermüdend.

Was ich damit sagen will ist, dass es aus meiner Sicht schon eine große Hilfe wäre, wenn die Sprache nicht so kompliziert wäre und nicht ein so umfangreiches Paragraphen- und Verordnungswissen vorausgesetzt würde. Man versteht es manchmal einfach nicht…

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Liebes Lage-Team,

ich hätte eine Ergänzung zu Ulfs Statement, “Stattdessen müssen die Menschen digital kompetent werden und dabei wiederum muss man ihnen helfen.” Da schwingt anschließend auch ein deutliches Plädoyer mit für “Digital Only”, also den Ansatz, dass es ab einem bestimmten Punkt öffentliche Service nur noch online und nicht mehr zusätzlich analog geben soll.

Um ehrlich zu sein, finde ich das in der Praxis problematischer als es in eurem Beitrag klingt. Und ich möchte hier die Gegenseite stark machen, weil diejenigen, die die Digitalisierung in Deutschland voran treiben - was ja an sich gut ist - sich oft einfach nicht vorstellen können, was das mit digital nicht kompetenten Menschen macht, wenn sie an immer mehr öffentliche und private Dienstleistungen nur noch digital kommen. Keine Mailadresse: Kein Arzttermin.

Es gibt einfach viel mehr Menschen als man denkt, die schon mit der Bedienung einer Maus überfordert sind. Da wird “den Menschen helfen” zu einer Herausforderung, die niemals eine Institution wie das Jobcenter eigenständig bewältigt bekommt. Zumal Scham und Ängste, etwas falsch zu machen große Hemmschwellen sind, sich überhaupt damit zu befassen. Da muss man es überhaupt erst mal schaffen, die Leute dafür zu öffnen.

Wenn wir das nicht als große, gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen, wird die Digitalisierung und insbesondere der Ansatz “Digital Only” zu einem massiven Verstärker für soziale Ungleichheit. Denn digital vulnerable Gruppen (als Expertin für dieses Thema empfehle ich Dr. Juliane Stiller von Grenzenlos digital e.V.) sind oftmals die, die auch offline schon benachteiligt sind: Menschen mit Behinderung, Frauen, Menschen in strukturschwachen Regionen, Ältere, Menschen mit geringem Haushaltseinkommen, Menschen mit Migrationshintergrund.

Ich leite ein Projekt zur digitalen Grundbildung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte (https://digi-iq.org/). Wir arbeiten mit ehrenamtlichen Zugewanderten, die wir ausbilden und die dann ihr Wissen niedrigschwellig weitergeben. Da gibt es Einsätze, die funktionieren curricular wie eine Schulstunde. Es gibt aber auch digitale Sprechstunden. Da kommen Leute und bringen ihr Problem mit: Kaputte Laptops, neue Smartphones, die eine Datenübertragung wollen, aber auch ganz viel Kram von Ämtern: vom Jobcenter, von der Ausländerbehörde, von der Schule, vom Sozialamt. Alle digitalisieren ihre Prozesse und die Leute, die mit diesen digitalisierten Prozessen nicht zurechtkommen, sind wirklich verzweifelt.

Auch verfassungsrechtlich würde mich interessieren, inwieweit das überhaupt rechtens ist, öffentliche Daseinsvorsorge ersatzlos zu digitalisieren. Kann ich es bringen, Menschen Wohngeld nur noch auszuzahlen, wenn sie über die digitale Infrastruktur und Kompetenz verfügen, den Antrag online zu stellen?

Von daher wäre meine Haltung: 1. Anerkennen, dass es Menschen gibt, die nicht ohne weiteres digital inkludiert werden können 2. Solange das nicht passiert, eben doch parallele Online-Hilfe-Strukturen zu haben mit echten Menschen 3. Die digitale Teilhabe von allen Menschen als gesamtgesellschaftliche Herausforderung angehen.

Obwohl ich hier mal ausnahmsweise nicht ganz eurer Meinung bin, bin ich froh, dass das Thema zur Sprache kam. Und überhaupt: Danke euch für diesen super Podcast!

Viele Grüße,

Thomas

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