Pick-up statt PKW: Wenn Lifestylefahrzeuge rechtlich zu LKWs werden

In den vergangenen Jahren ist auf deutschen und europäischen Straßen eine deutliche Zunahme großformatiger US-amerikanischer Pick-up-Fahrzeuge, insbesondere Modelle wie der Dodge RAM oder der Ford F-150, zu verzeichnen. Diese Fahrzeugtypen entsprechen in der Regel nicht den geltenden europäischen Sicherheits- und Umweltstandards. Um deren Import und Nutzung dennoch zu ermöglichen, greifen Importeure auf das sogenannte Individual Vehicle Approval (IVA)-Verfahren zurück.
Bei der IVA handelt es sich um ein Zulassungsverfahren, das ursprünglich für den Einzelfall, etwa bei historischen Fahrzeugen oder baulich abweichenden Nutzfahrzeugen, konzipiert wurde. Das Verfahren erlaubt Ausnahmen von bestimmten europäischen Vorschriften, sofern eine Einhaltung aus technischen Gründen nicht möglich ist.
Zusätzlich wird bei zahlreichen dieser Fahrzeuge eine Zulassung als leichter Geländewagenmit Nutzfahrzeugstatus (N1G) beantragt. Diese Einstufung führt dazu, dass die betreffenden Fahrzeuge nicht nach den üblichen Vorgaben für Personenkraftwagen behandelt werden, sondern unter die Regelungen für leicht Nutzfahrzeuge fallen. Infolge dieser Einstufung ergeben sich evtl. folgende Vorteile für die Fahrzeughalter.

  • Befreiung von spezifischen Emissions- und Verbrauchsnormen.
  • Ausnahmeregelung hinsichtlich der maximal zulässigen Fahrzeugfrontgestaltung zum Schutz von Fußgängerinnen und Fußgängern
  • Eine im Vergleich zu regulären Pkw in vielen Fällen deutlich reduzierte steuerliche Belastung.

Darüber hinaus werden die CO₂-Emissionen dieser Fahrzeuge evtl. in der statistischen Erfassung im Rahmen der EU-Flottenzielvorgabe keine Berücksichtigung finden.

Vor diesem Hintergrund stellen sich verschiedene Fragestellungen, welche man mit den entsprechenden Expertinnen und Experten diskutieren könnte.

  • Welche Maßnahmen wurden auf nationaler und europäischer Ebene bislang ergriffen, um bestehende gesetzliche Lücken zu schließen
  • In welchen Umfang ergeben sich steuerliche Vorteile im Vergleich zu regulär zugelassenen Pkws
  • Inwieweit stellen diese Fahrzeuge ein erhöhtes Risiko für ungeschützte Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer dar
  • Gib es weitere Vorteile, welche eine N1G Zulassung verkehrsrechtlich mit sich bringt? z.B. was die Klasse der Umweltplakette betrifft oder das Befahren einer Umweltzone

https://www.kba.de/EN/Themen_en/Typgenehmigung_en/Typgenehmigungserteilung_en/Spezielle_Genehmigungen_en/EU_Fz_Einzelgenehmigungen/eu_Fz_Einzelgenehmigungen_node.html

https://etsc.eu/concerns-over-loopholes-allowing-american-pickup-trucks-to-bypass-safety-and-environmental-regulations/

https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-10-2025-000757_EN.html

https://efahrer.chip.de/news/immer-mehr-monstroese-us-autos-in-europa-so-gefaehrden-sie-mensch-und-umwelt_1015628

https://www.agrarheute.com/technik/pickup-trucks-usa-deutschland-risiko-strassenverkehr-615099

https://www.handelsblatt.com/mobilitaet/motor/importierte-pick-ups-aus-den-usa-drei-bis-neun-mal-hoeherer-co2-ausstoss-als-normale-neuwagen/100050736.html

https://www.pickuptrucks.de/forum/19-plauderecke/20634-pkw-auf-pickup-umschluesseln

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Gibt es da Zulassungszahlen, die das auch widerspiegeln oder ist das nur ein Gefühl?
Aber als ich das gelesen habe, dachte ich „Ja stimmt echt, ist mir auch aufgefallen“. Und jedes Mal, wenn ich so ein Auto im Stadtverkehr sehe, habe ich kein Verständnis dafür. Außer derjenige ist zufällig Förster, aber das ist wahrscheinlich eher die Ausnahme.
Die Autos sind unnötig laut, groß und spritverschwendend. Dazu wahrscheinlich deutlich gefährlicher für andere Verkehrsteilnehmer und Fußgänger.

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Ich selbst habe keine Zahlen recherchiert.

In der verlinkten Quelle mit dem offenen Brief an die EU-Kommison wird folgendes behauptet.
The use of IVA for so-called ‘off-road’ vehicles (N1G) has more than doubled since
2019, rising from 2,900 new registrations in that year to 6,800 in 2022, with Dodge Ram pick-up trucks accounting for approx 60% of IVAs in this category over these four years, 2019 to 2022.

Reden wir hier wirklich von 6800 Fahrzeugen bei einer Zulassungszahl von ~12 Millionen Fahrzeugen in Europa? ~0,06%?

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Selbst wenn es 6.800 Zulassungen in Deutschland waren. Im Jahr 2024 wurden 9.664 Porsche 911, 9.645 Porsche Cayenne oder 6.828 Porsche Macan zugelassen.

Wobei ich sagen muss, dass alle Leute die ich kenne die im erweiterten Umfeld sowas fahren dieses auch in einem nicht unerheblichen Maße als Nutzfahrzeug nutzen, als:

  • Baustellenfahrzeug
  • Zugfahrzeug und Transportfahrzeug auf Pferdehof
  • Zug- und Transportfahrzeug im Bereich der Bühnen- und Veranstaltungstechnik
  • Zug- und Transportfahrzeug im Gartenbau

Wenn man so unterwegs ist sieht man Dodge Ram auch immer wieder als Baustellenfahrzeug oder auf Pferdehöfen, so ganz ohne erkennbare Nutzung im gewerblichen Bereich sieht man sie eher selten.

Die Frage ob es nicht auch mit anderen Fahrzeugen ginge, sei es klassische Transporter als Kasten oder mit Pritsche, kleine LKW oder was auch immer wäre zwar weiterhin berechtigt, aber hinsichtlich der Einstufung passt da Nutzfahrzeug in vielen Fällen wo schon.

Dementsprechend dürfte die Frage sein ob für die wenigen Fahrzeuge wo eine Nutzung in solchem Sinne nicht stattfindet wirklich eine gesonderte Regelung den Aufwand wert ist. Wir sprechen da sicher nur mehr über eine Zahl im dreistelligen Bereich.

Hier muss man halt wieder aufpassen um nicht am Ende für eine Hand voll von Fällen wo diese Regelung missbraucht wird das Leben für diejenigen schwer zu machen, die z.B. diese Regelung nutzen um Spezialfahrzeuge zu importieren.

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Bei uns steht täglich einer auf dem Pendlerparkplatz. Ich weiß nicht, was der am Wochenende macht, aber unter der Woche täte es ein Smart wohl auch und würde nicht zwei Parkplätze belegen.

Etwas, was man auch der CDU/CSU/FDP/AFD beim Thema Bürgergeldempfänger ins Stammbuch schreiben sollte. Das sind diese Sonderfälle, die man sich als Demokratie einfach leisten muss, nur im Auge behalten, dass das nicht ausartet wie beim Dienstwagen und dann rechtzeitig einschreiten.

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Danke erst mal an alle für das Feedback! Ich versuche mal, auf eure Argumente der Reihe nach einzugehen.
@HansHans: Pick-ups wie der Dodge Ram haben – wie schon erwähnt – keine serienmäßige Zulassung in Deutschland bzw. der EU, weil sie bisher nicht unseren technischen Anforderungen entsprechen. Es ist daher wenig überraschend, dass der Anteil an Neuzulassungen solcher Fahrzeuge ohne Serienzulassung nur im Promillebereich liegt.
Der Porsche-Vergleich von David ist da schon treffender. Allerdings handelt es sich auch hier um Fahrzeuge mit regulärer Zulassung, die die europäischen Standards für Technik und Sicherheit erfüllen. Wirklich vergleichbar wären Modelle, die ebenfalls keine Serienzulassung haben – vielleicht hat da jemand ein konkretes Beispiel?
Grundsätzlich ist mein Hauptkritikpunkt aber nicht die Anzahl per se, sondern die Umgehung bzw. Ausnutzung von Gesetzeslücken für bestimmte Modelle dieser Fahrzeugklasse gegenüber anderen Modellen und PKWs im Allgemeinen. Wenn die Fahrzeuge den EU-Vorgaben entsprechen und – wie andere Pkw auch – fair besteuert werden, habe ich weniger ein Problem damit. Ich bin zwar kein Fan dieser Fahrzeugklasse, aber wie pbf85 schon geschrieben hat, sehe ich natürlich auch ihren Nutzen für einzelne Halterinnen und Halter.
Trotzdem würde ich argumentieren, dass es ja Pick-ups von Toyota, VW, Nissan oder Mitsubishi gibt, die technisch problemlos zugelassen sind. Was diese Fahrzeuge im Vergleich zu einem Dodge Ram & Co. allerdings nicht mitbringen, ist der emotionale Faktor: Man fährt eben nicht den größten, höchsten, lautesten und durstigsten Pick-up – sondern nur irgendeinen.
Ich bezweifle, dass alle Nutzer dieser Fahrzeuge die 10 cm höhere Front wirklich aus praktischen Gründen benötigen – vor allem nicht im Arbeitsalltag.

Mehr kann ich zu dem Thema nicht beitragen. Ich danke für euer feedback und würde mich freuen wenn das Thema in der Lage mal behandelt wird.

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