Pflegekassenleistungen vs. Pflegekosten

Hallo Lage-Team, hallo Lage-Forum,

Meine Mutter ist Lehrerin (in der DDR und später in Sachsen) gewesen und hat diesen Beruf ihr Leben lang ausgeführt, sie bekommt derzeit eine Rente von fast 2000 €. Inzwischen ist sie Rentnerin und an Demenz erkrankt, deshalb wurde ihr die Pflegestufe 4 zugeteilt. Sie braucht ein Pflegeheim, was mit Demenz umgehen kann. Nun ist es aber so, dass der Pflegeheimplatz ≈ 5000 € kostet, die Pflegekasse übernimmt nur 1855,00 € davon. Den Rest ≈ 3100 € muss meine Mutter selbst zahlen. Da ihre Rente nicht ausreicht um das zu begleichen, muss sie Sozialhilfe beantragen. Eine ehemalige Lehrerin wird durch systematisch zu geringe Pflegekassenleistungen in Altersarmut getrieben, muss sich ähnlich wie bei Hartz IV blank machen, schonungslos & kleinlich darlegen was sie nicht hat.

Das zuständige Sozialamt wiederum sagt, dass es Bearbeitungszeiten von 9 Monaten und mehr hat. Da meine Mutter nur ein sehr geringes Vermögen hat, kann sie keine 9 Monate lang oder länger warten, bis das Amt ihr bescheinigt, dass sie Unterstützung bekommt, soll aber 9 Monate oder länger mit monatlich ≈ 1100 € in Vorleistung gehen um den Pflegeheimplatz zu finanzieren.

Abgesehen von diesem absurden Widerspruch, den ich hoffentlich mit einer entgegenkommenden Vereinbarung mit dem Pflegeheim lösen kann, steht für mich die riesengroße Frage im Raum, wieso die Leistungen der Pflegekasse bei weitem nicht ausreichen, um Pflegekosten für Menschen in einer Pflegebedürftigkeit zu begleichen, wieso Menschen in Altersarmut gebracht werden, nur weil sie Pflege brauchen. Für mich ein eklatanter, systematischer Fehler.

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Ich fürchte, dass geht allen Menschen ohne höheres Einkommen und Vermögen so…

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Im Gegensatz zur Krankenversicherung ist die Pflegeversicherung keine Vollversicherung. Das ist schon einmal der entscheidende oder zumindest ein Unterschied. Man kann das glaube ich freiwillig privat versichern, wobei ich nicht verstehe, ob / wie sich das für einen selbst finanziell lohnt…
Interessant wäre, wie hoch die Pflegeversicherungsbeträge sein müssten, damit das anders wäre. Und wäre es dadurch besser / gerechter oder wäre die Belastung für viele zu hoch? :thinking:
Zumindest könnte man so auf dem ersten Blick verhindern, dass wohlhabende Menschen ihr Vermögen rechtzeitig in Sicherheit bringen oder an ihre Kinder geben, sodass dann auch der Staat einspringen muss. Das ist denke ich auch ein Aspekt, den man bei dem Thema Aufmerksamkeit schenken kann

Für mich ist eher die Frage, warum das so teuer ist.

Wenn das Pflegeheim 5.000 Euro kostet, dann kann ich davon eine Pflegekraft für mich persönlich in Vollzeit anstellen und habe immer noch genug für die Miete übrig. Mir ist schon klar, dass die Rechnung nicht so einfach ist. Aber gemessen an dem, was ich so als Leistung in entsprechenden Pflegeheimen wahrnehme, empfinde ich eine gewisse Distanz zwischen Kosten und Leistung.

Ich habe selbst mehr Erfahrung mit einer anderen Pflegekonstellation. Mein Sohn ist schwer Mehrfachbehindert und Pflegegrad 4. Wir beziehen nur eine überschaubare Palette an Pflegeleistungen, weil wir das meiste in der häuslichen Pflege abfangen. Aber das, was wir gestellt bekommen ist für die Kasse schon fast absurd teuer. Die Haushaltshilfe, die über die Pflegekasse finanziert wird, kostet die Kasse etwa das doppelte, was eine privat bezahlte Haushaltshilfe kosten würde. Das iPad, dass wir mit einer speziellen App als Kommunikationshilfe nutzen hat die Kasse einen deutlich vierstelligen Betrag gekostet – ich hätte das selbst für ca. 600 Euro zu damaligen Preisen für Hard- und Software anschaffen können.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass insbesondere bei der Pflege (aber auch bei der Krankenversorgung?) ein großer Teil der Kosten durch das zwischen Kasse und Leistungsempfänger aufgebaute System verursacht wird.

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Das ist ein guter Punkt. Es kann natürlich gut sein, dass das Geld auch nicht gerade sehr effizient ausgegeben wird. Würde mich jetzt leider nicht groß überraschen

Im Pflegeheim ist aber 24/7 jemand im Dienst. Das bekommst du nicht für 5.000 €. Gut möglich, dass die Pflegeheimbetreiber sich eine goldene Nase verdienen. Aber günstiger als im Pflegeheim ist die private Organisation einer 24/7-Pflege in Deutschland sicher nicht.

Was ich auch immer wieder höre, ist, dass das System ineffizient ist. Pflegefachkräfte sollen eigentlich vor allem medizinisch und organisatorisch arbeiten oder Hilfskräfte bei ihren Routineaufgaben anleiten. Praktisch waschen die Fachkräfte dann aber doch oder ziehen an und kümmern sich gut 2 Stunden am Tag um Dokumentationspflichten. Dank fehlender technischer Ausstattung müssen sie dafür ständig zwischen Bewohner und Computer hin und her rennen, denn selbst Kleinigkeiten müssen dokumentiert werden. Je nach Stationsgröße sparen sich meine Bekannten das Fitnessstudio. 15-20 km Laufwege zeigt die Fitnessuhr bei allen mir bekannten Pflegefachkräften an. Mit Dienstübergabe geht unter Umständen eine weitere Stunde am Tag unproduktiv ins Land.

Weil die Hilfskräfte außerdem stark fluktuieren, müssen neue Kräfte auch ständig neu eingearbeitet werden. Effizienzsteigerung durch Erfahrungsaufbau kann bei Hilfskräften also kaum stattfinden.

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Zumindest nicht unter Einhaltung des Arbeitsrechts. Leider gibt es da einen großen grauen Markt mit Arbeitskräften aus z.B. Polen, die dann bei den zu Pflegenden wohnen und effektiv 24 Stunden am Tag arbeiten / bereit stehen, auf dem Papier aber natürlich das Arbeitsrecht eingehalten wird.

Ist immer die Frage des Verhältnismaßstabes. Hab mir gerade mal im Bundesanzeiger ein paar Bilanzen von z.B. Belia Seniorenheimen angeschaut, die Umsatzrendite kann sich schon blicken lassen. Also vermutlich könnte man die Leistung auch mit 10% weniger anbieten und würde dennoch genug Gewinn für Reinvestitionen machen, aber wir reden hier natürlich tatsächlich über gewinnorientierte Unternehmen in Form einer GmbH…

Da ich selbst als Bilanzbuchhalter bei einem privatwirtschaftlichen Jugendhilfeträger tätig war stellt sich für mich bei der Altenpflege die gleiche Frage wie bei der Jugendhilfe:

Ich bin tatsächlich überrascht von der massiven Umsatzrendite, aber dann denke ich mir: Wenn die gGmbHs oder die freien Träger (Caritas, Diakonie) sowie die städtischen Einrichtungen deutlich günstiger arbeiten könnten als die gewinnorientierten GmbHs, könnten diese GmbHs ihre Tagessätze nicht durchsetzen. Bei den GmbHs fließen die Gewinne an die Unternehmer und Investoren, bei Caritas und Diakonie gibt es vermutlich eine Querfinanzierung weniger gewinnträchtiger Unternehmungen, bei den Städten fließt das Geld vermutlich in die Stadtkasse.

Natürlich könnte man jetzt die Tagessätze in der Pflege oder Jugendhilfe um 10% senken und damit die Gewinne schmälern. Problem wäre dann aber, dass die freien religiösen Träger weniger Mittel für andere karitative Zwecke hätten, in den Kommunen ein Finanzierungsloch entstehen würde und weniger Privatunternehmer in dem (ohnehin stark angespannten) Bereich aktiv würden, der Bedarf an Altenpflege / Jugendhilfe damit möglicherweise nicht mehr gedeckt werden könnte.

Kurzum: Es gibt Gründe, warum dort eine gewisse Gewinnmarge notwendig ist.

Bei Pflegeheimen habe ich keinen guten Einblick. Aber bei den Pflegeleistungen für meinen Sohn glaube ich nicht, dass zwingend ein irgendwo ausgeschütteter Gewinn das Hauptproblem ist. Eher bei die Strukturen.

Über das iPad habe ich ja schon geschrieben. Da wird das doppelt oder dreifache der tatsächlichen Beschaffungskosten ausgegeben. Nicht, weil irgendwer von der Differenz einen Porsche kauft. Sondern weil die Beschaffung zum Beispiel nur durch einen zertifizierten Hilfsmittelbetrieb stattfinden kann. Die müssen wiederum die Anschaffung dokumentieren, das Gerät einrichten (was trivial ist, aber auch Zeit braucht) und mir eine Beratungsleistung anbieten. Tatsächlich wird das Gerät aber natürlich mit der Therapeutin zusammen eingerichtet und in die Nutzung eingeführt. Als wir irgendwann eine andere Software nutzen wollten, die ich auch in 10 Minuten von zuhause aus installieren könnte, müsste das iPad zum Versorger geschickt und dort geupdatet werden.

Die Leistungen durch den Versorger werden also erbracht und dort entstehen entsprechende Personal- und Sachkosten (es gibt dafür scheinbar nur eine Handvoll Versorger in Deutschland mit entsprechend langen Reisezeiten), tragen aber rein gar nichts zur Qualität der Pflege bei.

Ähnlich bei einer schon mehrere Jahre zurückliegenden Versorgung mit einem speziellen Gerät zur Laufunterstützung. Das hat ebenfalls einen vierstelligen Betrag gekostet und wir mussten ein sehr aufwändiges Verfahren zum Nachweis der Notwendigkeit mit diversen Gutachten usw. durchlaufen. Die Begleitung durch den Versorgungsbetrieb war da schon eher sinnvoll, weil diese Geräte nicht “einfach so” gekauft werden können und natürlich professionell eingerichtet werden müssen.

Danach hat sich bei der Pflegekasse nie wieder jemand darum gekümmert, obwohl klar war, dass unser Sohn innerhalb von ein paar Jahren aus dem Ding rauswächst und wir das Gerät formal nur von der Pflegekasse leihen. Als wir das nächste mal umgezogen sind, haben wir bei der Pflegekasse gefragt, ob die das inzwischen nicht mehr benötigte Gerät zurückhaben wollen. Die Sachbearbeiterin war etwas überfordert, als ob ihr so ein Fall noch nie untergekommen sei. Nach einigem Hin und Her sollten wir das Gerät an den Versorgungsbetrieb zurückgeben – den gab es aber wegen Geschäftsaufgabe nicht mehr. Daraufhin wollte die Kasse das Ding dann gar nicht mehr haben. Wir haben es dann der integrativen Kita gespendet. Für den nächsten Antragsteller wird dann wohl wieder ein neues Gerät angeschafft.

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Das erinnert mich an Rollstühle und Treppenlifte, die bezahlt werden, “geliehen” sind und nie zurückgegeben werden müssen.

Nachvollziehbar, wenn es um 25€ Krücken geht. Bei anderen Kosten nicht so richtig verständlich…

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