Persönliche Kriegsbeteiligung (Bezug LdN458)

Ich würde gerne eine Debatte starten über die Frage wann ich kriegsbeteiligt bin.

Im Moment baut meine Firma Arbeitsplätze ab und meiner ist unter Umständen betroffen. Ich bin ohnehin auf der Suche nach einem neuen Job und als Informatiker wären auch Jobs in der Rüstungsindustrie fachlich passend.

Ich schrecke davor zurück Menschen leid anzutun und würde jederzeit verweigern statt zu töten. Weiterhin bin ich der Ansicht, dass alle Menschen frei von Unterdrückung oder Bedrohung aus Nachbarländern leben können sollen (siehe Ukraine).

Bin ich kriegsbeteiligt, wenn ich bei Softwarekomponenten mitentwickle? Macht das nicht einfach jemand anders, wenn ich das nicht mache? Wie guten Gewissens kann man dort einsteigen, wenn man eine friedliche Welt haben will? Das geht jetzt ein wenig in die “ich hab nicht geschossen, sondern nur nachgeladen”-Diskussion.

Als Idee für eine LDN-Folge: Wie ethisch ist es sich als Entwickler für Waffensysteme zu verdingen, GERADE, wenn man eine sicherere Welt möchte? Ich bin da ratlos.

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Spannende Frage(n), aber die Antwort ist ja schon in deiner Frage angelegt: das hängt ganz davon ab, welchen Maßstab man anlegt. Wenn es nur die unmittelbare Beteiligung an Kampfhandlungen geht, bist du nicht „kriegsbeteiligt“, solange du nicht Angehöriger einer Armee bist. Wenn es um jegliche noch so indirekte Verwobenheit in politische oder ökonomische Strukturen geht, die Krieg befördern oder unterstützen, ist zum Beispiel in Deutschland jeder „kriegsbeteiligt“, der nach 2014 Strom, Wärme oder Benzin genutzt hat, die auf Öl- und Gasimporte aus Russland basieren.
Eine zweite - noch viel grundsätzlichere - Frage ist, wie man Krieg definiert. Verstehst du darunter nur völkerrechtswidrige Angriffe wie den Russlands gegen die Ukraine oder auch völkerrechtskonforme Maßnahmen der militärischen Verteidigung gegen solche Angriffe - beispielsweise den Schutz ukrainischer Wohngebäude gegen russische Raketenangriffe. Das Problem dabei ist, dass es nur sehr wenig Technologie und Waffensysteme gibt, die per se nur offensiv oder defensiv genutzt werden können. Aber wenn du also absolut ausschließen willst, dass dein Wissen jemals für völkerrechtswidrige Angriffskriege genutzt werden kann, darfst du vermutlich beispielsweise überhaupt nicht als Softwareentwickler oder Produktdesigner arbeiten.
TL/DR: Auf diese sehr komplexe Frage gibt es sehr viele mögliche Antworten. Dabei spielen individuelle Wahrnehmungen, Gewichtungen und Bewertungen eine entscheidende Rolle. Deshalb wüsste ich nicht, wie die Frage sinnvoll im Format der Lage beantwortet werden soll.

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Das stimmt weitgehend, aber es muss doch irgendwie einen realitätsnahen Mittelweg zwischen ‘alles ist Übel und eigentlich kann man nur in einer Höhle leben’ und ‘alles ist egal und du bist nur deinem eigenen Gewissen verpflichtet’ geben. Leider sind einige Annehmlichkeiten, die du und ich im Leben genießen in Situationen entstanden, in denen ich nicht sein möchte (Kinderarbeit bei Kleidung, moderne Art der Sklaverei beim Zuckerrohranbau,…). Und natürlich möchte ich nicht frieren, habe aber vermutlich mit dem Bezug von Gas zum Heizen direkt Russland finanziert. Jetzt arbeite ich bisher in der Automobilindustrie, die jetzt nicht gerade unverdächtig ist, unseren Planeten mit ruiniert zu haben. Und nu..? :confused:

Ich möchte das als Thematik für eine Lage-Sendung vorschlagen, weil mich eine ethische und vielleicht juristische Einordnung interessiert. “Verpissen” ist offensichtlich keine gute Möglichkeit unsere Freiheit zu erhalten. Aber was wäre ein nicht-verklärte Möglichkeit diese zu bewahren? Also irgendwas zwischen “morgen wird auch Deutschland überfallen und wir müssen alle in den Krieg, ich kann also auch schon jetzt Waffen bauen” und “aaaaach, was soll passieren - Krieg ist immer woanders”.

Ich glaube eigentlich will ich einen Rat, und bin nicht sicher, ob ich hier richtig bin.

Ob du als kriegsbeteiligt giltst, hängt stark davon ab, welche Softwarekomponenten du entwickelst und für wen. Arbeitest du an allgemein nutzbaren Tools wie Curl oder FastAPI, ist das vergleichbar mit einem Schlosser, der Maulschlüssel herstellt, die theoretisch auch im Panzerbau verwendet werden könnten.

Entwickelst du hingegen gezielt die Zielelektronik für autonome Kampfdrohnen, dürfte das aus gegnerischer Sicht wohl anders bewertet werden.

Insgesamt ist das Thema schwer abzugrenzen, da selbst überwiegend zivile Objekte von Kombattanten als Kriegsziele definiert werden können. Ein Kraftwerk, das 10.000 Haushalte versorgt, könnte zum Beispiel auch eine nahegelegene Militärbasis beliefern. Soll diese angegriffen werden, könnte es militärisch auch Sinn ergeben die Energieversorgung der Gegend zu unterbrechen.

Und der Blick nach Russland, Israel oder USA bzw. Venezuela zeigt sehr eindrücklich, dass militärische Zwecke im Zweifel ohnehin sehr frei definiert werden.

Kein einfaches Thema, und relevant, deshalb finde ich es gut, dass Du es hier aufgebracht hast.

Ich schlage allerdings vor, nicht nur mögliche Antworten, sondern auch die Frage zu diskutieren. In einer Welt, in der alle anderen Länder friedliebend und der FDGO verpflichtet sind, wäre es natürlich ein Problem, kriegsbeteiligt zu sein. In so einer Welt leben wir aber nicht, sondern in einer, in der Herrscher über große Mächte militärische Operationen gegen andere Länder durchführen oder androhen. Aktuell wird zwar noch kein offener Krieg gegen Deutschland geführt, aber es ist überhaupt nicht ausgeschlossen, dass das in den nächsten Jahren passiert. Und dann wäre praktisch jeder hier kriegbeteiligt, ob als Soldat, als Mitarbeiter in kriegswichtiger Wirtschaft oder als ziviles Opfer.

Deshalb halte ich die Frage für relevant, was man tun kann, um negative Kriegsfolgen möglichst zu verhindern.

Und da halte ich es aus gegenwärtiger Sicht für richtig, die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands zu stärken. Idealerweise, um Aggressoren von einem Angriff abzuschrecken (si vis pacem para bellum), ansonsten, um im Verteidigungsfall den Schaden zu begrenzen.

Die Welt hat sich ein wenig weitergedreht, ich bin aber immernoch auf Arbeitssuche. Ich danke für die Antworten und glaube meine Frage wurde leicht missverstanden. Ich glaube, ich bin selbst auf der Suche nach einer Orientierung in turbulenten Zeiten und wollte wissen, ob die Mitarbeit in einem Rüstungsbetrieb mich Blut an den Händen haben lässt. Die Frage ist ob und wo es eine Grenze zwischen Pazifismus und Bellizismus (im Sinne der Kriegsbefürwortung, nicht -verherrlichung) gibt. Also wenn ich jemanden erschieße kann man von Pazifismus nicht sprechen, wenn ich Munition oder Waffenteile herstelle auch eher nicht. Aber was ist mit Startups für Aufklärungs- und Abfangdrohnen, Produzenten von Stoffen für Uniformen, für Kevlarplatten, für Schwarzpulver, für MREs, für Stiefel, für….
Mein Problem ist eigentlich, dass niemand, den ich kenne andere Menschen aus unbegründbarem Hass verletzen möchte. Allerdings kenne ich auch niemanden, der sich herumschubsen lassen möchte und sich von fremden Menschen beherrschen lassen will (mich eingeschlossen).

Es gibt schon so viel Leid und Krieg in der Welt und wird diese sicherer, wenn auch ich meine Expertise einem UnmannedIrgendwasSystem-StartUp zur Verfügung stelle?

Ich würde es pragmatisch sehen. Mit einem Arbeitsplatz in der Rüstungsindustrie wärst Du im Ernstfall bei einer Mobilmachung noch nach den Rentnern dran.

Und nach einem eventuellen Krieg würde man Dir die Nicht-Teilnahme an Kampfhandlungen nicht negativ auslegen.