Noch mehr Kürzungsvorschläge: Diesmal Kinder- und Jugendhilfe & Inklusion

Wenn (!) ich dich richtig verstehe, muss ich ausdrücklich widersprechen.

Ich verstehe deine Aussage, dass nach deiner Erfahrung kein Kind mit Fördergutachten auf eine gesonderte Förderschule angewiesen ist.

Ich bin Fachkraft für FAS und arbeite seit Jahren mit Familien, in denen FAS-Kinder leben. Mit wenigen Ausnahmen machen ich in der überwiegenden Zahl der Fälle die Erfahrung, wie extrem gut ihnen der Besuch einer Förderschule tut. Sehr kleine Gruppengrößen, hoher Personalschlüssel, dank Snoozleräumen und anderen Möglichkeiten zur “Aussteigen” gibt es immer wieder die Einladung, sich bei Überforderung zu regulieren.
Insbesondere die Klassengröße ist eine Wohltat, eine Reduzierung diverser Reize geht damit i. d. R. einher.

Klar, in meiner Utopie einer echten Inklusion könnte sowas auch an Regelschulen gestemmt werden. Aber das ist derzeit eben das: Reine Utopie.

Ich bin der Überzeugung, dass bei echter Inklusion so viele Synergien sich ergeben würden, für alle Beteiligten. Aber in der Realität sind wir meilenweit davon entfernt. Und in dieser Realität erlebe ich viele Kinder, die durch den Besuch einer Förderschule aufblühen - teils auch, nachdem sie an der Regelschule absolut untergingen…

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Ich sage, dass die Förderschulen für praktisch kein Kind etwas anbieten, was Regelschulen nicht auch anbieten könnten.

Erstmal: das freut mich sehr für diese Kinder.

Ganz grundsätzlich: ich möchte, dass alle Kinder die Lernbedingungen vorfinden, die sie zur Entfaltung ihres individuellen Potenzials brauchen. In meiner Erfahrung ist die Schulform dafür kein guter Indikator. Vor allem weil man zwar “Förderschule”, “Gymnasium”, “Walldorfschule” oder sonstwas an das Klingelschild schreiben kann, die Umsetzung des jeweiligen Konzepts aber zu 100% von der Fähigkeit und dem Willen der beteiligten Personen abhängig ist.

Es gibt keinen Objektiven Grund, warum eine Regelschule keine “kleinen Gruppengrößen, hoher Personalschlüssel, dank Snoozleräumen und anderen Möglichkeiten zur Aussteigen” anbieten kann. Viele Kinder an Regelschulen, die nie im Leben ein Fördergutachten bekommen werden, würden von diesen Maßnahmen extrem profitieren und in der Folge eine erfolgreichere Schullaufbahn haben.

Das ist auch keine “Reine Utopie”. Unsere Grundschule vor Ort ist eine Regel(Schwerpunkt-)schule. Die haben den selben Personalschlüssel wie alle andere Regelschulen. Der Schulträger ist nicht großzügiger als bei anderen Schulen.

Trotzdem kriegen die es hin, meinen nonverbalen, stark entwicklungsverzögerten, epileptischen, motorisch eingeschränkten, die ersten drei Schuljahre inkontinenten und leicht zu überfordernden Sohn dort in den Unterricht zu integrieren. Genauso wie sie es hinkriegen, Kinder mit Autismus und Kinder mit sozial-emotionalen Störungen zu integrieren.

Wäre das mit mehr Personal für alle Beteiligten netter? Absolut, das wäre sogar dringend nötig! Und jeder Politiker der sagt “das ist zu teuer” gehört aus dem Amt gejagt, weil er/sie offenbar nicht an einer guten Zukunft für die Gesellschaft interessiert ist.

Gerade sozial-emotionale Störungen sind extrem herausfordernd im Alltag. Was ich aus der lokal zuständigen Förderschule und der weiterführenden Schwerpunktschule mitbekomme (ich sitze im Schulträgerausschuss und Behindertenbeirat) erzeugt bei mir aber nicht den Eindruck, dass der Zusatz “Förder-”Schule da in irgendeiner Form eine Lösung darstellt.

Am Ende kommt es meinem Eindruck nach zu 100% auf die Bereitschaft der beteiligten Menschen an, sich den jeweiligen Herausforderungen zu stellen und Lösungen zu finden. Wenn eine Regelschule nicht in der Lage ist, ein Kind mit Behinderung zu integrieren, dann ist das eine aktive Entscheidung der Verantwortlichen gegen Inklusion, und nicht höhere Gewalt, an der man nichts ändern kann. Das muss man meiner Ansicht nach auch so benennen.

Mein Sohn wird kommendes Jahr auch auf eine Förderschule gehen, weil hier im Landkreis keine weiterführende Regelschule ein angemessenes inklusives Konzept hat. Und ich bleibe mit der Frage zurück, wie wir jemals erreichen wollen, das unsere Gesellschaft in der Breite inklusive denkt und handelt, wenn wir Menschen mit Behinderung und besonderen Bedürfnissen schon im Kindesalter in ein separates System aussortieren und damit aus dem Alltag eben genau jener Gesellschaft entfernen.

Inklusion als “Utopie” abzutun wird weder dem Problem, noch der offensichtlichen Lösbarkeit gerecht.

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Das ist eben nicht nur Utopie, sondern geltendes Recht - etwa in Form der UN-Behindertenrechtskonvention. Dass dieses jetzt schon so mit Füßen getreten wird, ist m. E. ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, sollte aber keineswegs als Grund dafür herhalten, den Status quo zu akzeptieren. Dass Menschenrechte zukünftig noch viel stärker finanziellen Erwägungen untergeordnet werden sollen, macht die Sache ja nicht besser, sondern schlimmer.

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Geltendes Recht hin oder her - es ist völlig unrealistisch, dass das in absehbarer Zukunft umgesetzt wird - eher wird das Gegenteil eintreten.
Ich sage nicht, dass es nicht wert ist, dafür zu kämpfen. Aber meine Erwartungshaltung ist an das geknüpft, was mein Alltag in diesem System ist.

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Wie ich weiter untem zu einem anderen Kommentar mich verhielt, möchte ich es hier ebenfalls halten.
Ist es wert, für eine faire Gesellschaft, einen fairen Umgang mit Kindern zu kämpfen? Natürlich ist es wert, für echte Inklusion zu kämpfen, wie auch immer der individuelle Kampf aussehen mag. Aber erwarte ich, dass in den nächsten Jahren sich etwas so stark bewegt, dass wir von echter Inklusion sprechen? Nein. Das zu erwarten, bedeutet, etwas Utopisches zu erwarten. Du beschreibst es ja selbst an deinem Beispiel…

Deine Frage, wie wir Menschen, die von unseren gegebenen Strukturen behindert werden, in unsere Gesellschaft integrieren, darf man auch umdrehen. Wie schade, dass so viele Kinder auf Regelschulen die Erfahrung verpassen, die viele Kinder an Förderschulen machen dürfen: Freundschaften, Akzeptanz, Toleranz, Wertschätzung - auch, wenn du “anders” bist.

Ich hab’ vor ca. 20 Jahren ein Praktikum in einem integrativen Kindergarten gemacht. Die Erzieherinnen dort erklärten mir, dass hier im Grunde alle Kinder integrativ sind - auch, wenn pro Gruppe nur wenige Kinder den offiziellen Status haben. Aber alle Kinder lernen und leben hier gemeinsam. Ich fand den Gedanken wirklich gut.
Und nun, 20 Jahre später, soll im sozialen Sektor ganz besonders gespart werden.

Die Erwartung, dass echte Inklusion in naher Zukunft Realität wird, ist Utopie. Aber es lohnt sich, Pionierarbeit zu leisten. Ich hoffe, dass zukünftige Generationen darauf aufbauen können.

Das Aussortieren an eine Förderschule und später in Behindertenwerkstätten sagt genau das Gegenteil: Du bist eben nciht gleichwertig. Du bist so anders, dass wir dich segregieren müssen.

Das Ziel muss sein, an Regelschulen für alle Wertschätzung und Begleitung für alle Kinder in ihren Besonderheiten zu leben. Das geht nicht in dem bisherigen System mit dem Gymnasium der Privilegierten und den anderen Schulen für den Rest. In einer Schule für alle mit ausreichend Personal und einer angepassten Raumsituation wäre es aber möglich. Inklusion ist das Ziel. Förderschulen sind das Gegenteil von Inklusion.

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Eine Utopie ist definiert (und wird allgemein verstanden) als ein Zustand, der nicht existiert und objektiv auch nicht (zeitnah) realisierbar ist. Was ich beschreibe existiert an einigen Orten bereits und wäre zeitnah realisierbar, ist also keine Utopie. Ich wehre mich gegen den Begriff, weil er faktisch nicht zutrifft und davon ablenkt, dass einzig politische Entscheidungen einer Realisierung entgegenstehen, nicht praktische Umstände.

Das zeigt doch, dass Inklusion alles andere als eine “Utopie” ist. Sie wird seit Jahrzehnten in vielen Projekten, Einrichtungen, Organisationen und Familien aktiv und erfolgreich gelebt. Dass sie sich gesamtgesellschaftlich nicht durchgesetzt hat ist aber genau dieser zweifelnden Haltung zuzuschreiben: Ist ja schön im Kleinen, im Großen aber auf keinen Fall möglich.

Wie schade, dass genau diese Kinder diese tolle Erfahrung ausschließlich innerhalb stark abgegrenzter Bereiche machen dürfen. Wie schade, dass ganz viele andere Kinder, die auch “anders” sind, aber aus irgendeinem Grund nicht in das Schubladensystem der Fördergutachten passen oder niemanden haben, der den damit zusammenhängenden bürokratischen Mammutakt bewältigen kann oder will, diese tolle Erfahrung nie machen werden.

Ich unterstütze jede:n, der sich für die Belange von Menschen mit Behinderung und/oder Förderbedarf einsetzt. Ich weiß engagierte Förderschulen (wie alle engagierten pädagogischen Einrichtungen und Menschen) sehr zu schätzen und bin sehr froh, dass unser Sohn (dank extrem vorausschauendem Management der Förder-Bürokratie unsererseits) genau so eine besuchen kann. Aber eine Förderschule kann noch so toll sein: sie wird weder den Kindern mit Behinderung, noch den “Regelkindern” auf den anderen Schulen jemals vermitteln können, dass Erstere vollwertige Mitglieder der Gesellschaft sind, die Akzeptanz, Freundschaft, Toleranz und Wertschätzung verdienen. Die bloße Existenz der Förderschule an sich demonstriert, dass all dies nicht gewünscht und nach vorherrschender gesellschaftlicher Meinung nicht notwendig ist.

Förderschulen sind ein Hindernis, ohne dessen Überwindung eine inklusive Gesellschaft nie möglich sein wird. Dass diese “Überwindung” nie zu Lasten der betroffenen Kinder gehen darf, sondern durch eine Anpassung der Regelschulen an die Bedürfnisse der Inklusion umgesetzt werden muss, versteht sich von selbst. Aber Förderschulen sind (im Bezug auf das gesellschaftliche Ziel der Inklusion) klar Teil des Problems und nicht der Lösung.

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Ich würde sagen es ist beides. Denn wäre ein politischer und gesellschaftlicher Wille dazu da, dann wäre das auch in der Fläche umsetzbar. Eine zeitnahe großflächige Umsetzung ist bei der aktuellen politischen wie auch gesellschaftlichen Stimmung aber dann eben doch sehr fraglich, und das wird hier dann halt als Utopie bezeichnet.

Weite Teile der Wähler und Politiker bekommen ja schon Panikattacken wenn jemand veraltete Strukturen inkl. Hausaufgaben, Noten, 45-Minuten Schulstunden, etc. in Frage stellt.

Das finde ich so dann auch nicht richtig, außer ich verstehe hier nur nicht richtig auf was du hinaus willst.

Denn eine heutige Grundschulklasse mit 25 Kindern, von denen viele, eigentlich alle auch einen gewissen Förderbedarf haben, mit 10 Kindern die schlecht Deutsch sprechen, 2 Kindern mit ADHS, 10 Kindern die ohne erlernte Strukturen in die ersten Klasse kamen, 5 Kinder die keine Schuhe binden können, etc., ist natürlich ein Raum in der Lehrer*Innen schon heute massive Abwägungen zugunsten der einen oder anderen Schüler machen müssen. Hier auch noch ein weiteres Kind mit sehr starkem Integrationsbedarf in die Struktur passend zu integrieren sehe ich auch als quasi unmöglich an. Jetzt kann man natürlich einfach mit einer Integrationskraft ein Kind mit in den Unterricht setzen, aber für mich ist das keine Inklusion, sondern Kinder werden einfach nur in Regelklassen geparkt.

Sehe ich mir die Klasse meiner Tochter an, dann sehe ich da eine sehr engagierte Lehrkraft die vorbildlich verschiedene Lernmethoden einsetzt, Schülern die Möglichkeit gibt schneller oder langsamer zu arbeiten, starke Schüler bei der Förderung schwacher Schüler einbindet wenn diese von sich aus diesen Willen gezeigt haben (sie werden nicht verpflichtet schwächeren Schülern zu helfen), es gibt eine Ecke zum Ruhen, etc. Und gerade hier sehe ich nicht wie man zusätzlich zu der enormen Bandbreite an Kindern auch noch weitere Kinder integrieren können soll ohne die Schule grundsätzlich anders aufzuziehen. Das ist dann aber meist nicht mehr in der Entscheidungskompetenz der Schule und schon gar nicht der Lehrkraft, sondern müsste vom Träger, z.B. Schulamt umgesetzt werden. Dies passiert aber eben auch wegen der Vorgaben aus den Kultusministerien meist nur in wenigen Projektschulen.

Aber vielleicht meinst du ja genau diese politische Ebene und nicht die Schule selbt.

Weil ich auch in meinem Umfeld Kinder die sehr von der Förderung an spezialisierten Schulen profitiert habe kenne, würde ich das auch als zu hart sehen. Entfernen wir einfach die Förderschulen, dann ergibt das ja noch lange keine Förderung an Regelschulen.

Letztlich müsste eine Überführung der Kompetenzen an Regelschulen ja auch Schrittweise erfolgen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich klappt morgen alle Förderschulen zuzumachen und übermorgen gehen die Schüler alle an Regelschulen. Ich glaube auch nicht, dass es sinnvoll sein wird, dass jedes Kind an jede Regelschule gehen sollte, sondern dass es durchaus auch Sinn macht verschiedenen Schulen verschiedene Förderschwerpunkte zu geben. Ob dann ein Kind im Einzelfall an die benachbarte Regelschule geht oder an eine Schule mit Förderschwerpunkt (in der Großstadt nur etwas weiter, am Land vielleicht in der Nachbarstadt) kann dann ja eine individuelle Entscheidung sein, aber Spezialisierung halte ich da nicht grundsätzlich für schlecht.

Ersetz’ mal “Förderschulen” mit “Regelschulen” - und vice versa ;).

Ich geh’ bei der Definition von Utopie übrigens nach dem Duden. Wir haben keine echte Grundlage. Du sprichst von Initiativen und Projekten, das ist alles schön und gut.
Aber großflächig? So, dass man allgemein davon reden kann, dass Inklusion gelebt wird? Bleibt Utopie.
Wer sagt, dass das realistisch und jetzt direkt (oder in ganz naher Zeit) umsetzbar ist, bräuchte Antworten auf die folgenden (und viele weitere) Fragen:

  • Wie erreichen wir die doppelte/dreifache Anzahl an Lehrkräften, die gleichzeitig sonderpädagogisch geschult werden (d.h. die bestehen erhalten Schulung, die Lehr- bzw. Studienpläne müssen erweitert werden)?
  • Wie erreichen wir einen massiven Zuwachs an Räumlichkeiten in sämtlichen Schulen?
  • Wie finanzieren wir diese Umbau- und Umschulungsmaßnahmen?
  • Wie erreichen wir einen massiven Ausbau der Schulsozialarbeit?
  • Wie erreichen wir eine verbesserte Gesundheitssituation für Lehrkräfte?
  • Wie finanzieren wir den Zuwachs an Arbeitskräften, die Lehrkräfte bei Tätigkeiten entlasten, die nichts mit dem Lehrauftrag zu tun haben?

…Und, und, und. Ja, es gibt gute Antworten auf diese und weitere Fragen. Das weiß ich. Aber ist das realistisch, dass in naher Zukunft die deutsche Regierung irgendwie in eine diesbezüglich nennenswerte Richtung geht?

Wir haben ‘ne neue Regierung seit etwas über ‘nem Jahr. Kannst du mir sagen, inwiefern sich die Inklusionsumstände durch die Regierungsarbeit signifikant verbessert haben?

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Der Besuch einer Förderschule bedeutet ja nicht die folgende Tätigkeit in einer Behindertenwerkstatt. Ich bin in der nächsten Woche wieder in einer Förderschule, die ihre Kids unterstützt, den Haupt- oder Realabschluss zu erreichen, einen Ausbildungsplatz zu finden oder sogar höhere Bildung anzustreben.

Ich die von dir empfundene Aussage zu Förderschulen so nicht. Ich erlebe es eher als ein “Viele andere Schulen sind nicht fair zu dir. Bei uns erlebst du Fairness.” Ich sehe darin Wertschätzung.

Natürlich wünsche ich mir, dass sich das ändert, aber rechne ich in naher Zukunft damit? Nein.

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Grundsätzlich ist es in RLP (und ich vermute in allen anderen Bundesländern auch) so, dass mit einem Kind mit Fördergutachten auch zusätzliche (Förder-)Lehrerstunden an eine Schule kommen. Dem Mehrbedarf wird bei der Personalisierung entsprechend grundsätzlich (aber wie bei allem was mit Schule zu tun hat nicht ausreichend) Rechnung getragen. Lehrermangel gibt es aber auch an Förderschulen (bzw. gerade dort). Ein Separierung von Kindern führt darum nicht automatisch zu einem besseren Betreuungsverhältnis, nur zu einer Verlagerung des Problems.

Das stimmt nicht. Keine Schule ist gezwungen, ihre Kinder im “traditionellen” Klassenverbund im Frontalunterricht und jahrgangsgetrennt zu unterrichten. Die Kollegien und Schulleitungen haben erstaunlich viel Gestaltungsfreiheit, wenn sie das denn nutzen wollen. Wie das bei uns an der Grundschule mit Jahrgangsgemischten großen Klassenteams stattdessen gemacht wird, hatte ich ja schon beschrieben. Hier ein Beispiel eines Gymnasiums, das ein ähnliches (aber in Details anderes) Konzept verfolgt: Lernen - NOV 25 - Gymnasium Mainz-Mombach

Der erste Schritt zu mehr Inklusion ist (da liegst du völlig richtig), die Strukturen des Lernens und der Schule auf den Prüfstand zu stellen. Und das hat für sich noch keinerlei in irgendeiner Form negativen Konsequenzen für “Regelschüler”, eher im Gegenteil (hat Inklusion insgesamt auch nicht, das ist hinlänglich belegt). Das weiß jeder Pädagoge und trotzdem macht es praktisch keiner. Darum sage ich, dass ein Mangel an Inklusion eine aktive Entscheidung gegen Inklusion ist.

Entsprechend habe ich ja auch mehrfach betont, dass mein Fokus auf der Ermöglichung von Inklusion an Regelschulen und nicht der Abschaffung von Förderschulen liegt. Aber am Ende darf es keine getrennten Strukturen mehr geben, wenn wir es mit Inklusion wirklich ernst meinen.

Ein Kind mit Fördergutachten braucht an einer Regelschule nicht mehr Förderlehrkräfte als an einer Förderschule. Natürlich sind auch die Förderschulen personell unternbesetzt, genau wie die Regelschulen. Wir brauchen insgesamt mehr Lehrkräfte. Aber die Betreuung an Förderschulen ist nicht besser, weil sie Förderschulen sind. Und das Personal verschwindet nicht, nur weil man eine Förderschule dicht machen würde.

Rechnerisch kommt in Deutschland auf jede Schulklasse ein Kind mit Fördergutachten. Und wir könnten die Förderschulen in integrierte Regelschulen umwandeln. Wir haben hier Förderschulen im Landkreis, die aus allen Nähten platzen, während einige Regelschulen halb lehr stehen. Das Raumproblem hat genauso wie das Personalproblem erstmal nichts mit Inklusion zu tun.

Mit Steuergeld. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Der Staat hat Steuereinnahmen. Die Aufgaben, die politisch als wichtig eingestuft werden, bekommen dieses Geld auch. Und wenn nicht genug Steuergeld da ist, dann werden halt Schulden aufgenommen. Klappt in anderen Bereichen auch. Der Tankrabatt 2022 hat 3,2 Milliarden Euro pro Quartal gekostet. Davon hätte man auch 160 exzellente Schulen pro Quartal neu bauen können. Alles nur eine Frage des Willens nicht des Könnens.

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Das brauchen wir insbesondere für die Kinder ohne Fördergutachten. Ist ebenfalls relativ simpel: wir geben Geld für mehr Schulsozialarbeit aus.

Das einfachste von allen: Wir stellen mehr Lehrkräfte ein, was wir ja ohnehin tun müssen. Das kriegen wir sozusagen umsonst :slight_smile: .

Wir nehmen mehr Steuern ein oder machen Schulden. Das ist wirklich alles keine Raketenwissenschaft und wenn es hier nicht um Kinder mit Behinderung, sondern um selbstständige Hotelbetreiber gehen würde, dann wäre das alles auch schon längst passiert.

Die meisten dieser Dinge sind nicht Sache der Bundesregierung, sonder der Landesregierungen, kommunaler Schulträger, Schulleitungen und Kollegien. Überall könnte sich täglich jemand für Inklusion statt dagegen entscheiden. Sobald das jemand tut (wie z.B. das Kollegium unserer Grundschule vor ca. 15 Jahren oder die Elterninitiative, die vor ca. 50 Jahren die Kita gegründet hat, die mein Sohn besucht hat), dann klappt das auch. Macht aber kaum jemand, deshalb geht es auch nicht vorwärts. Mit “Utopie” hat das rein gar nichts zu tun. Genauso könnte ich sagen, dass ein Tempolimit auf Autobahnen “utopisch” ist. Das ist einfach ein extrem wenig hilfreiches Framing der Herausforderungen.

Also erstmal ist Klassengebundener Unterricht nicht zwangsweise Frontalunterricht, das sehe ich bei meiner Tochter.

Aber in Bayern ist es laut Grundschullehrern aus meinem Umfeld eben nicht so, dass man einfach Klassenverbände auflösen kann (Ging um die Möglichkeit der Umsetzung des Churer Modells). Das Bedarf wohl einer Genehmigung des Schulamts und die gibt es wohl nicht so einfach sondern ist einerseits Dorfschulen mit entsprechend kleiner Schülerzahl oder Projektschulen vorbehalten. Zumindest wenn das nicht nur eine Ausrede der Schulleiter ist um aus dem Kollegium angeregte Veränderungen abzuschmettern.

Und dann wird es schon schwierig hier passende Rahmen zu schaffen in denen wirkliche Inklusion sinnvoll möglich ist.

Aber zumindest zu Expertise vor Ort.

Wie gesagt halte ich das auch nicht für Richtig, aber ich glaube nicht, dass in den aktuellen Strukturen die ich aus Bayern kenne (mag für andere Bundesländer natürlich anders sein) wirklich eine ausreichende Betreuung vor Ort gewährleistet wird, solange es keine Reform im Allgemeinen gibt.

Daher finde ich es nicht angemessen ausgerechnet die Lehrer als letztes Glied in der Kette vorwiegend für die Missstände (wollen keine Inklusion betreiben) mit in Haftung zu nehmen.

Das ist das Problem.

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Da könnten sich deine Bekannten vielleicht noch mal genauer informieren. Es gibt jahrgangsgemischte Grundschulen in Bayern, z.B. Kombiklassen - Stethaimer Grundschule

Grundlage kann sowohl die mangelnde Schülerzahl, als auch ein pädagogisches Konzept sein. Jahrgangsgemischter Unterricht scheint auch in der bayerischen Mittelschule durchaus möglich zu sein: Jahrgangskombinierte Klasse (GS) [Amtliche Schulverwaltung - Dokumentation]

Diese Expertise ist beweglich. Förderlehrer von Förderschulen werden bei uns regelmäßig für mehrere Jahre an Regelschulen abgeordnet, wenn dort Bedarf besteht. Und wenn eine Regelschule Inklusion ernst nimmt, dann wird natürlich auch dort Expertise aufgebaut. Der Umgang und Unterricht mit behinderten Menschen ist keine schwarze Hexerei. Menschen mit pädagogischem Interesse sind durchaus in der Lage, das zu erlernen, wenn sie denn wollen.

Jedes Glied der Kette muss seinen Beitrag dazu leisten. Das fängt bei den Eltern an und geht über Schulleitungen, Politiker und Verwaltungen und schließt selbstverständlich auch Lehrer:innen mit ein. Ich kann anerkennen, dass viele Lehrer:innen im Umgang mit Regelkindern sehr engagiert sind und oft unter (gelinde gesagt) suboptimalen Bedingungen arbeiten und gleichzeitig einfordern, dass sich ihr Engagement auch auf Kinder mit Behinderung erstrecken sollte, denn das sind eben auch Kinder.

Inklusion ist eine gesellschaftliche Aufgabe, entsprechend sollten sich bei Problemen auch alle Mitglieder dieser Gesellschaft zuständig fühlen. “Ich mache nichts, bevor nicht jemand anderes erstmal alle seine Probleme löst” war noch nie ein überzeugender Standpunkt.

Das wissen die natürlich auch. Erfahrungen in der Dorfschule waren es ja auch, warum die eine das gerne auch in ihrer größeren Schule umsetzen wollte. Und wer sich in Schulentwicklung engagiert macht das in der Regel nicht ohne Interesse am Thema und nicht mit dem Ziel den Status Quo zu erhalten.

Das was du hier verlinkt hast ist genau das was die erzählen. Nur wird eben das aus pädagogischen Gründen sehr eng gefasst und vom Schulamt im Normalfall nicht genehmigt weil es heißt das wäre nur für Projektschulen und solche seien dort nicht geplant. Mag natürlich sein, dass das in einem anderen Zuständigkeitsbereich schon wieder anders aussieht.

Die Aussage war wohl, dass man ja mal im Rahmen von Projektwochen sowas z.B. auf zwei Wochen limitiert umsetzen könnte.

Ich kenne eher den umgekehrten Fall, dass Leute ohne Expertise an Förderschulen kommen als umgekehrt.

Ich sage auch nicht, dass das Hexerei wäre, sondern nur, dass das ohne ein von oben gesteuertes Vorgehen in der Fläche nicht so umgesetzt werden kann, dass wirklich alle davon profitieren. Das mag an einzelnen besonders engagierten Schulen erfolgreich verlaufen, an anderen aber im Desaster für alle enden.

Denn ohne Abstimmung mit Schulamt und Co. werden nicht einfach Förderlehrer an Regelschulen versetzt.

Das habe ich auch nicht in Frage gestellt. Ich stelle in Frage ob das von den Lehrern her gedacht werden muss. Von einem Lehrer der ohnehin schon mit seinen Ressourcen nicht mal annähernd den Bedarf an Förderung seiner Klasse decken kann zu fordern von sich aus auch noch mehr Förderbedarf in die Klasse zu bringen geht doch völlig an der Realität vorbei. Auch wenn sich viele über Lehrer lustig machen, ich sehe bei meinem Bekanntenkreis sehr gut wie fordernd der Beruf ist und wie sich viele, insbesondere die an Grundschulen mit Abschluss des Studiums und Eintritt in das Schulleben verändern. Bei Treffen erkenne ich auch ohne Kalender sehr schnell ob wir kurz vor den nächsten Ferien sind oder nicht. Da finde ich es absolut legitim, dass die erstmal neue Strukturen fordern bevor ihnen zusätzliche Herausforderungen zugemutet werden.

Ich verstehe nicht wie du das meinst. Sollten also Lehrer ganz gezielt Kinder mit Förderbedarf in ihre Klassen holen, in dem Wissen, dass sie weder diese Kinder ausreichend fördern können, noch den Rest der Klasse in dieser Konstellation? Nur um von unten her die Förderschulen auszutrocknen?

Ich habe z.B. selbst einen guten Bekannten der an der Mittelschule gerade 2 Kinder mit attestierten Förderbedarf in seiner Klasse hat (einmal nur starke Lernschwäche, einmal Verhaltensauffällig). Die Eltern kümmern sich weder um Förderung noch um Förderschule. Es gibt daher keine zusätzliche Unterstützung. Die Aussage, dass Kinder mit Förderbedarf in der Klasse zu haben direkt in zusätzlicher Unterstützung mündet kann also zumindest für Bayern schonmal nicht stimmen. Was bringt es in diesem Fall? Ist diese Form der Umsetzung dann wirklich gelebte Inklusion oder nicht doch eher fehlende Förderung? Ich sage es ist ganz klar letzteres. Auf Kosten des Lehrers, der gerade ziemlich fertig ist, weil vor allem der Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten die Klasse oft vom Lernen abhält und Phasenweise schon die Aufmerksamkeit der Klasse zu bekommen vollen Einsatz bedeutet. Von Lernfortschritt den diese Klasse dringend nötig hätte weil schon mit großen Lücken übergeben ganz zu schweigen.

Ich bleibe daher dabei. Wir müssen viel stärker fordern die nötigen Strukturen seitens des Kultusministeriums und der Schulämter zu schaffen um die Inklusion in Regelschulen in der Praxis umzusetzen und nicht die Lehrer die ohnehin schon am Limit sind hier im Regen stehen lassen.

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“attestiert” heißt dann vermutlich, dass die Lehrer das festgestellt, aber die Eltern kein Fördergutachten beantragt haben. Ohne Gutachten gibt’s dann auch keine Ressourcen. Das ist definitiv eine eklatante Schwachstelle im deutschen Bildungssystem: vieles hängt am Ende an den Eltern und zwar in jedem Sinne. An ihnen vorbei geht (im Bezug auf das individuelle Kind) wenig, aber es wird ihnen auch wenig abgenommen.

Das Beispiel demonstriert aber trotzdem sehr gut, warum Schulen unbedingt selbst Strukturen für bessere Inklusion aufbauen müssen. Die Grundlagen dafür kann ein Kollegium schrittweise auch ohne Kooperation von außen aufbauen, auch wenn dann natürlich alles schwerer ist und die möglichen Erfolge per Definition eingeschränkt werden. Das kann dann Teil eines Schulentwicklungsprozesses sein und wenn eine Schule sowas nicht hat (bzw. nie Fortschritte präsentiert), dann sollte das bei den Eltern große Fragezeichen aufwerfen, nicht nur im Bezug auf Inklusion.

Jede Schule, die heute für gute Inklusionsarbeit gelobt wird, hat einfach mal irgendwann angefangen. Keine ist fertig aus dem Boden gestampft worden. Kleine Schritte bringen da schon was.

Vielleicht klärt man einfach mal, welche Kinder mit Behinderung in den nächsten Jahren eingeschult werden und schaut, ob man nicht für ein paar dieser Kinder mit entsprechendem Vorlauf und in enger Abstimmung mit den Familien die Voraussetzungen für eine inklusive Beschulung schaffen kann. Oder man lädt mal Schulkinder mit Behinderung und ihre Eltern ein, die eigentlich Anspruch auf den Besuch der lokalen Regelschule hätten und erkundet, warum das keine Option war.

Mit Inklusion ist es wie mit dem Kinderkriegen: Wer auf den optimalen Zeitpunkt wartet, der tut es nie.

Ich stecke jede Woche mehrere Stunden Arbeit in den Schulentwicklungsprozess unserer Grundschule. Mir sind die Herausforderungen sehr gut bewusst. Und natürlich liegen wesentliche Teile der Verantwortung bei Verwaltung und Politik (habe ich ja auch schon mehrfach betont).

Ich glaube auch gerne, dass die bayerische Schulpolitik restriktiver und inflexibler ist als anderswo. Aber zum einen ist nicht überall Bayern (auch wenn wir uns irgendwie alle von Söder vollquatschend lassen müssen) und zum anderen gibt es mit Sicherheit auch in Bayern Ansätze und Möglichkeiten, die persönliche Schule ein wenig besser aufzustellen. Und wenn alles nicht hilft, dann kann man ja vielleicht mal in die Sprechstunde des örtlichen Landtagsabgeordneten gehen und mal aus Lehrersicht ein paar Worte über die Notwendigkeit von Inklusion verlieren. Wäre ja auch schon super.

Was mir wirklich gegen den Strich geht ist die “geht halt nicht” Einstellung. Es ist bei Inklusion wie mit den meisten strukturellen Gerechtigkeitsproblemen: am Ende wird man feststellen, dass die angeblich “wichtigeren” Probleme nicht gelöst werden können, wenn fundamentale Ungerechtigkeiten im System nicht gleichzeitig oder sogar zuerst beseitigt werden.

Solange eine ganze Gruppe Kinder systematisch aus der regulären Schule ausgegrenzt wird, werden auch wesentliche Teile der restlichen Kinder in diesen regulären Schulen nicht gut aufgehoben sein. Ein Schulsystem, dass keine Inklusion leisten kann, kann auch keine Integration leisten, die Hochbegabten nicht angemessen fördern oder die Bedürfnisse von Mädchen, Jungen und allen, die an einer anderen Stelle des Spektrums liegen adäquat abbilden. Inklusion ist kein “nice to have”, sie ist der (ein) Kanarienvogel des modernen Schulsystems, gerade weil es anspruchsvoll ist, sie gut zu machen.

Nichts, das ist ja der Punkt - Ich sagte ja ausdrücklich, dass es gute Antworten auf diese und weitere Fragen gibt. Die kenne ich.

Aber gib’ mir bitte mal die Ansätze der letzten 12 Monate, die klar belegen, dass sich Deutschland mit ordentlichen Schritten in Richtung echter Inklusion entwickelt.
Ich halte als krasse Entwicklung in die falsche Richtung dagegen, dass mit der jüngsten Überarbeitung des BGG Deutschland sich in puncto Inklusion massiv verschlechtert.

Auch, wenn Schule Ländersache ist, kommt doch der Druck der Bundesregierung direkt dort an. Sozialarbeit ist Kinder- und Jugendhilfe. Und leider keine Verpflichtung, sondern eine freiwillige Leistung. Kürzt der Bund also Ressourcen, hat das natürlich am Ende direkt in der Kommune Auswirkungen.

Auch in puncto Finanzierung ist der Bund ja bei vielen Projekten stark involviert, zieht sich aber zuweilen stark zurück.

Die Sparmaßnahmen haben einen indirekten sowie direkten Einfluss auf die Möglichkeit zur Inklusion. Wir erleben vonseiten der Regierung im Bund eine Verschlechterung der Inklusionschancen. Und unter diesen Bedingungen (rechtliche Verschlechterung für Menschen mit Behinderung plus Rückzug von Finanzierungen) ist das Projekt echter Inklusion eine Utopie. Es rückt weiter in die Ferne. Nicht zuletzt ist in Deutschland eine Partei derzeit umfragetechnisch am stärksten, die Inklusion ablehnt.

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