Migration und Kriminalität – Warum die Polizeiliche Kriminalstatistik die Debatte verzerrt (und das Jahr für Jahr)


Migration und Kriminalität – Warum die PKS die Debatte verzerrt

Immer wieder wird behauptet, die Kriminalität steige im Zusammenhang mit Migration. Als Beleg dient fast immer die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Doch sie ist methodisch ungeeignet, um solche Kausalzusammenhänge herzustellen. Dadurch wird die Debatte über Migration oft einseitig und verzerrt geführt.

Uni Köln: Kriminalität im Kontext von Migration:

Eine kritische Analyse: Von Prof’in Dr. Gina Wollinger und Dr. Nicole Bögelein: https://kriminologie.uni-koeln.de/sites/kriminologie/UzK_2015/dokumente/publikationen/Wollinger_Boegelein_2025_Kriminalitaet_im_Kontext_von_Migration.pdf

Der Podcast „15 Minuten Tagesschau“ als Beispiel

In der ARD-Folge (02.10.2025) Migration und Kriminalität heißt es: Menschen ohne deutschen Pass begehen drei- bis viermal so häufig Straftaten wie Deutsche. Grundlage sind Daten der PKS. Zwar wird darauf hingewiesen, dass auch soziale Faktoren eine Rolle spielen, doch im Gesamteindruck bleibt: „Mehr Migration = mehr Kriminalität“. Schon der Titel verknüpft beide Themen, ohne ihre statistische Trennung zu klären.


Die PKS ist keine Kriminalitätsstatistik

Die PKS ist eine Arbeitsstatistik der Polizei, keine Abbildung realer Kriminalität. Sie zeigt nur das sogenannte Hellfeld, also Fälle, die der Polizei bekannt werden. Das tatsächliche Dunkelfeld bleibt unsichtbar und hängt stark vom Anzeigeverhalten und der polizeilichen Kontrollintensität ab. Sie misst somit eher polizeiliche Aktivität als tatsächliche Kriminalität.



Warum die PKS keine Kausalität beweist

Aus der PKS lässt sich nicht ableiten, dass Migration Kriminalität verursacht. Sie erhebt keine Daten zu Bildung, Einkommen, sozialer Lage oder Diskriminierung – also zu jenen Faktoren, die für Kriminalität entscheidend sind. Wenn in Vierteln mit hoher Polizeipräsenz mehr Anzeigen gegen Nichtdeutsche entstehen, sagt das mehr über Überwachung als über tatsächliches Verhalten aus.

Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik 2024


Strukturelle Schwächen der PKS

Quelle: Dezim- Institut: Polizeiliche Kriminalstatistik 2024

Diese strukturellen Verzerrungen führen dazu, dass eine differenzierte Betrachtung von Kriminalität, Migration und sozialer Realität kaum möglich ist.


Medien und politische Instrumentalisierung

Jährlich werden PKS-Zahlen von Medien verkürzt dargestellt. Schlagzeilen wie „Ausländerkriminalität steigt“ erzeugen Aufmerksamkeit und Angst – und werden von rechten Akteuren gezielt genutzt, um Migration zu problematisieren. Die strukturellen Schwächen der PKS werden dabei selten offengelegt.

Auch der erwähnte Podcast reproduziert diesen Effekt: Einschränkungen werden zwar genannt, aber in ihrer Bedeutung relativiert. So bleibt bei vielen Hörer*innen ein falscher Eindruck zurück.

https://www-mdr-de.cdn.ampproject.org/v/s/www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/polizeiliche-kriminalstatistik-auslaender-kriminell-104\~amp.html?amp_gsa=1&amp_js_v=a9&usqp=mq331AQGsAEggAID#amp_tf=Von%20%251%24s&aoh=17437451004120&csi=0&referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com&ampshare=https%3A%2F%2Fwww.mdr.de%2Fnachrichten%2Fdeutschland%2Fgesellschaft%2Fpolizeiliche-kriminalstatistik-auslaender-kriminell-104.html


Forschungslage: Keine Zunahme durch Migration

Studien wie die desifo-Instituts München (2022)zeigen: Ein höherer Anteil von Migrantinnen führtnichtzu mehr Kriminalität. Entscheidend sind soziale Bedingungen – Armut, Diskriminierung, fehlende Perspektiven. Kriminologinnen wie Christian Walburg (Universität Münster) betonen: „Kriminalität ist kein kulturelles, sondern ein soziales Phänomen.“

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/studie-auslaender-kriminalitaet-kein-anstieg-ifo-102\~amp.html


Fazit

Die PKS kann und darf nicht als Beweis dienen, dass Migration Kriminalität verursacht. Sie zeigt nur polizeiliche Erfassung, keine gesellschaftliche Realität.

Eine seriöse Debatte über Kriminalität und Integration muss soziale Ursachen, institutionelle Diskriminierung und staatliches Versagen mit einbeziehen – statt auf verkürzte Zahlen zu setzen.

Migration ist kein Sicherheitsrisiko, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe.

Wie wir über sie sprechen, entscheidet darüber, ob Integration gelingt oder scheitert.


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Die Recherchen zur ARD-Podcastfolge wurden in einer WDR-Dokumentation zusammengetragen. Da ergibt sich ein ähnliches Bild: https://youtu.be/JoDn4oAHD0Y?si=nJEcjniNvyNFj5BI

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Hier gibt es auch eine sehr gute Darstellung der Problematik, in einem etwas anderen Format:

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Das Problem ist schon lange bekannt und wird von den seriösen Medien auch immer angesprochen. Dennoch widerstehen auch genau dieselben Journalist:innen nicht der Versuchung, jährlich über die PKS zu berichten und deren Ergebnisse zu zitieren. Die PKS hat durch die vermeintlichen Fakten einfach eine zu hohe Verführungskraft, selbst auf ihre Kritiker:innen. Und damit wird Druck auf die Regierung aufgebaut, die so oft zitierte Zahlen nicht ignorieren kann.

Der einzige Ausweg wäre, die PKS bei ihrem Erscheinen komplett zu ignorieren. Doch das traut sich anscheinend kein Medium.

Dasselbe sagen Kabarettisten wie Hagen Rether schon seit Jahren über Terrorismus.

Terrorismus ist kein Problem. Unser Umgang damit macht es zum Problem.

Dass dasselbe jetzt mit Migration passiert, nach dem Motto Abschottung, Grenzen dich, alle kriminell und der ganze Unsinn, ist wirklich ein Armutszeugnis für unsere Debattenkultur. Man könnte ja meinen, dass die Gesellschaft aus Fehlern lernt.

Irgendwie führen wir dieselben Diskussionen immer und immer wieder. Woran das liegt, würde mich mal interessieren.

(Sorry, wollte nicht vom eigentlich Thema Migration ablenken.)

Deshalb ist Hagen Rether auch ein Kabarettist und niemand mit einer Verantwortung gegenüber seinen Bürgern.

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Verantwortungsvoll gegenüber seinen Bürgern zu sein, schließt für mich ein, dass man aus Fehlern in falsch geführten Debatten lernt.

Auch jetzt geht es viel zu häufig darum, wie man Migration verhindern kann, statt das Augenmerk auf Fluchtursachen und Integration zu legen.

Mir ging es darum, dass genau diese Parallele auch bei der Terrorismus-Debatte zu sehen war.

Migration wäre kaum ein Problem, wenn man es nicht so künstlich hochjazzen würde und es nüchtern als eine Aufgabe wie jede andere abarbeiten würde. Rechtspopulistische Politiker haben aber offenbar kein Interesse daran.