Danke für die ausführliche Antwort. Ich glaube, wir reden an ein paar Stellen über unterschiedliche Ebenen (Deskriptiv vs. normativ) und über unterschiedliche Instrumente.
- Eigentum / Vermögen / Erbe
Ja, du hast auf progressive Vermögens- und Erbschaftsbesteuerung verwiesen und genau da sind wir gar nicht weit auseinander. Mein Punkt „Eigentum muss berücksichtigt werden“ zielte darauf, dass Verteilungs- und Belastungsfragen nicht sinnvoll nur über Einkommen diskutiert werden können, weil Vermögen (insbesondere geerbtes oder bereits vorhandenes Wohneigentum) die laufenden Lebenshaltungskosten massiv verändert. Ob die Konsequenz dann Vermögenssteuer, Erbschaftsteuer, stärkere Grund-/Immobilienbesteuerung oder Kombinationen sind, ist eine separate Frage. Aber die Richtung ist: Eigentum ist ein entscheidender Teil der Gleichung.
- Hohe Einkommen und „Leistung“
Du hast recht, dass Herkunft, Geschlecht oder familiäre Situation statistisch einen Einfluss auf Einkommen und Vermögensaufbau haben können. Das ist empirisch gut belegt. Gleichzeitig taugen diese Faktoren weder als pauschale Erklärung noch als Ausrede auf individueller Ebene, insbesondere nicht in jüngeren Generationen, in tarifgebundenen Bereichen und bei vergleichbarer Qualifikation.
Gerade in Deutschland wirken Tarifverträge, formalisierte Entgeltstrukturen und Fördermaßnahmen so stark nivellierend, dass etwa Geschlechterunterschiede oder migrationsbedingte Einkommensunterschiede bei gleicher Tätigkeit vielfach gering oder gar nicht mehr messbar sind. Wo Unterschiede fortbestehen, entstehen sie vor allem durch Berufs‑, Branchen‑ und Positionszugang und nicht durch systematisch geringere Bezahlung für gleiche Arbeit.
Mein Punkt war daher kein moralischer, sondern ein systemischer: Wenn zusätzliche Lasten verteilt werden sollen, ist es politisch und gesellschaftlich heikel, immer weiter an der Einkommensteuer anzusetzen, weil sie direkt an Erwerbsarbeit geknüpft ist und bereits stark progressiv wirkt. Das gilt unabhängig davon, ob Einkommen im Einzelfall stärker durch Leistung, Herkunft oder glückliche Umstände geprägt ist.
Genau deshalb halte ich es für konsequent, parallel sehr viel stärker dort anzusetzen, wo Einkommen und Wohlstand eben nicht an aktuelle Erwerbsleistung gebunden sind, nämlich bei Vermögen, Erben sowie Boden‑ und Immobilienwerten. Diese Faktoren wirken dauerhaft, generationenübergreifend und weitgehend losgelöst von individueller Arbeitsanstrengung.
- Mehrwertsteuer „fairer“ – was genau ist gemeint?
Ich behaupte nicht, dass Mehrwertsteuer-Erhöhungen der Vergangenheit automatisch „gerechter“ gemacht hätten. Da bin ich sogar bei dir: Eine Steuererhöhung allein ist kein Indikator für gerechte Ergebnisse. Mein Punkt war enger: Wenn man kurzfristig ein breites Finanzierungsinstrument sucht, wirkt eine Konsumsteuer technisch breit, ist schwer zu umgehen und koppelt Zahlung stärker an Konsum als an Erwerb. Aber: Ohne Ausgleichsmechanismen ist Mehrwertsteuer regressiv und trifft niedrige Einkommen relativ stärker. Deshalb habe ich immer die Bedingung genannt: Grundbedarf niedrig besteuern (bzw. entlasten) und im Gegenzug sehr hohe Vermögen und große Erbschaften konsequenter erfassen.
- Worauf ich hinaus will
Ich sehe das nicht als „entweder Mehrwertsteuer oder progressive Gesamtbesteuerung“. Ich halte eine konsequent progressive Besteuerung von Vermögen/Erbe/Eigentum für den logischsten Hebel gegen verfestigte Ungleichheit genau weil Herkunft so prägend ist. Gleichzeitig bin ich skeptisch, ob die Lösung primär darin liegt, die Einkommensteuer immer weiter zu erhöhen, weil sie bereits progressiv ist und am sichtbarsten auf Erwerbsleistung wirkt, während die großen, leistungsfreien Vermögenseffekte oft weniger konsequent adressiert werden.
Unterm Strich: Deine Diagnose zur Rolle von Herkunft und Vermögen teile ich weitgehend. Meine Priorität ist, dass zusätzliche Lasten zuerst dort ansetzen, wo sie leistungsunabhängig entstehen (Erbe, Vermögen, Boden-/Immobilienwerte), und dass man bei Konsumsteuern nur mit klaren Schutzmechanismen für Grundbedarf und niedrige Einkommen arbeitet.