Es ist in diesem Konflikt grundsätzlich schwierig, die historische Schuld zu benennen. Es ist nicht umsonst eine Gewaltspirale. Dass diese Spirale mit den jetzigen Angriffen der Hamas einen neuen Tiefpunkt erreicht hat, steht außer Frage.
Die Schuld an dieser Eskalation liegt grundsätzlich bei beiden Seiten. Nehmen wir eines der emotionalsten Themen: Kindersterblichkeit. Diese liegt z.B. in Palästina mit 1,6% (normaler Wert für Schwellenländer) vier Mal so hoch wie in Israel mit 0,4% (normaler Wert für Industrieländer). Letztlich kann man das auf den ganzen Human Development Index ausgleichen. Wenn zwei Länder - teilweise zwei Teile eines Landes - derart unterschiedliche Lebensrealitäten aufweisen sind immer weitere Eskalationen absolut vorhersehbar. Aus Sicht der Terroristen der Hamas tötet Israel indirekt deren Kinder - nicht durch Waffen und Gewalt, sondern durch Armut und Mangel.
Wie immer gilt hier aber natürlich, dass das keine Rechtfertigung für Terrorismus und das Abschlachten von Zivilisten sein darf. Dennoch gehört es dazu, diese Sichtweise zu verstehen, gerade wenn man die Situation vor Ort bewerten will.
Israel ist, was diese Angelegenheit betrifft, in einer Zwickmühle: Progressive Politiker würden gerne den Palästinensern helfen, eine ähnlich gute Lebensqualität wie in Israel zu erreichen - aber gleichzeitig weiß man, dass jeder wirtschaftliche Aufschwung der Palästinenser bedeutet, dass die Hamas mehr Waffen kaufen kann, jede Tonne Beton, die geliefert wird, um Krankenhäuser zu bauen, läuft Gefahr, in einer Bunkeranlage verwendet zu werden.
Ich bin mir sicher, dass ein Anheben der Lebensqualität der Palästinenser langfristig Extremisten wie die Hamas schwächen würde, denn Extremismus blüht eben vor allem dort, wo viel Armut und Leid einen fruchtbaren Boden bereitet. Aber kurz- und mittelfristig würde es die Hamas stärken, vor allem, wenn es in Reaktion auf einen Angriff der Hamas erfolgt, sodass die Hamas es noch als Erfolg für sich verkaufen kann.
Dennoch, wenn es bleibt, wie es ist, und Israel zudem noch immer weitere Siedlungen baut, wird dieser Konflikt auch immer extremere Ausmaße annehmen. Es ist kein Zufall, dass es zu dieser massiven Eskalation gekommen ist, während Israel die rechteste, siedlerfreundlichste Regierung seit seiner Gründung hat. Nochmal: Das rechtfertigt keinen Terrorismus, es erklärt aber das Erstarken von noch extremeren Terrorismus.
Was ich damit sagen will, ist eigentlich nur:
Es ist ein Fehler, immer nur auf die neusten, extremsten Aktionen zu schauen und diese in einem Vakuum zu bewerten, weil „deren Qualität eine andere ist“ als der ganz normale Wahnsinn der letzten Jahrzehnte. Der Konflikt im heutigen Israel geht letztlich mindestens 100 Jahre zurück und wer in diesem Konflikt Opfer und Täter war hat sich mehrfach gedreht (Die Irgun, deren letzter Oberkommandeur später israelischer Premierminister war, ist hier ein schönes Beispiel).