Hallo, ich fand die Erklärung zu der Zahl “20,8% Erneuerbar” sehr gut herausgearbeitet. Dass Frau Reiche mit dieser Zahl lügen würde, finde ich etwas zu hart. Sie versucht allenfalls, Wähler und deren Vertreter, die Abgeordneten für blöd zu verkaufen. Tatsächlich wird die Zahl 20% auch von Energiewendebefürwortern, z.B. Herrn Quaschnig, gerne angeführt, um damit zu suggerieren, wie viel Arbeit noch vor uns liegt, und wir deshalb mehr aufs Tempo drücken müssen. Die Wirtschaftsweise V. Grimm, die oft in der Szene gedisst wird, hat auf die Frage, wie weit wir in der Energiewende gekommen sind, vor drei Jahren richtiger geantwortet, wir hätten schon etwa 40% geschafft. Das entspricht dann genau dem Faktor 2,5, den ihr genannt hattet.
Was die mögliche Rolle der Batteriespeicher angeht, überschätzt ihr deren derzeitige Möglichkeiten etwas. Batteriespeicher sind nach derzeitigem Stand nur wirtschaftlich zu betreiben, wenn sie 200 Vollzyklen/Jahr gefahren werden, d.h. jeden Tag etwa zur Hälfte be- und wieder entladen werden. Das Problem der Dunkelflaute ist aber, dass es alle paar Jahre mehrwöchige Phasen gibt, in denen die durchschnittliche Erneuerbaren-Stromproduktion auch im geplanten Endausbau nur 50% des benötigten Stroms liefern würden. Die anderen 50% können dann nicht aus Batteriespeichern kommen, denn Batteriespeicher vorzuhalten, die nur alle paar Jahre gebraucht würden, können wir uns bisher nicht leisten. Auch wenn man dieses “Sonst-nicht-gebraucht-werden” auf alle (täglich) benötigten Batteriespeicher verteilen würde, würde dies die Wirtschaftlichkeit nach heutigen Preisen zu sehr beeinträchtigen. (Kurze Rechnung zur Erläuterung: Wir haben einen täglichen Strombedarf von 1,5TWh. Für den untertägigen Ausgleich rechnet man mit einem Bedarf von maximal 0,5TWh Batteriespeichern. Um 35 Tage (also 5 Wochen) 0,75TWh (also die Hälfte des Tagesbedarfs) zu liefern, bräuchte man aber 26TWh, also das 52-fache.)
Dennoch brauchen wir die Reicheschen Gaskraftwerke nicht. Bis zu den für 2030 angestrebten 80% Erneuerbaren im Stromsektor kommen wir locker mit wirtschaftlich zu betreibenden, weil fast täglich benötigten Batteriespeichern und den langsam kleiner werden Resten des fossilen Kraftwerkparks aus. Ob das Gas- oder Kohlekraftwerke sind, ist unerheblich. Auch Kohlekraftwerke können die sowieso vorhandenen Batteriespeicher nutzen, um ihre kurzfristig schlecht modulierbare Kraftwerksleistung an die benötigte Residuallast anzupassen. Bis 2030 sind Batterispeicher wieder so viel billiger geworden, dass sich die Grenze von 80% noch etwas weiter nach oben schieben lässt. Bis dahin sollte man außerdem die anderen Möglichkeiten (Demand-Side-Management, Austausch mit dem Ausland, neue Speicher-Technologien, Wasserstoff) so weit weiterentwickelt haben, dass die nächsten 10 Jahre Richtung 100%, also bis 2040, gesichert sind. Wasserstoff ist dabei die teuerste heute denkbare Möglichkeit und wird leider wegen des schlechten Wirkungsgrads den Primärenergiebedarf wieder steigern. Ich vermute, dass er letztlich bei der Bewältigung des mehrwöchigen Dunkelflaute-Problems in der 100%-Welt eine Bedeutung von unter 5% des Strombedarfs spielen wird.