Leiter der ZDF-Umwelt-Redaktion nimmt IPCC Bericht zum Anlass um für den Export neuer Kohlekraftwerke zu werben

Der Titel sagt eigentlich schon alles. Der Beitrag lässt mich relativ fassungslos zurück. Mir fehlen die Worte, daher einfach die Original-Quelle damit sich jeder selbst überzeugen kann das dies so passiert ist: https://www.zdf.de/nachrichten/heute-19-uhr/expertengespraech-weltklimarat-video-100.html

Nochmal zur Wiederholung: Es ist 2021, gefühlt die halbe Welt wird von Dürre, Waldbränden, oder Flutkatastrophen heimgesucht, der IPCC stellt den neuesten Bericht vor der nochmal bestätigt was schon lange bekannt ist, und Volker Angres, Leiter der ZDF-Umwelt-Redaktion empfiehlt den Export neuer, ach so effizienter Kohle Kraftwerke in die, ach so rückständigen Schwellenländer (Deutschland ist ja bekanntlich Klimavorreiter) um das Klima zu retten. Zu allem Überfluss stellt er das ganze noch so dar als wäre es eine Empfehlung des IPCC Berichts (oder zumindest eine Logische Folge aus diesem). Ich denke ich bin im falschem Film.

Wozu finanziert die Gesellschaft einen unabhängigen öffentlich rechtlichen Rundfunk (und ich war schon immer dafür das wir das tun), wenn sich deren Umweltredakteure wie die letzten Kohlelobbyisten aufführen? Von der selbstgefälligem Überlegenheitsgebahren gegenüber Schwellenländern mal ganz abgesehen. Fügt sich leider auch recht Nahtlos in meinen Gesamteindruck zur Berichterstattung der öffentlich rechtlichen ein, die Wochenlang aufgeregt über schlechten Zitierstil der einzigen Spitzenkandidatin im Wahlkampf berichten und nach drei Tagen das Interesse am IPCC Bericht wieder verlieren.

Hier noch der Twitter Thread von Parents for Future zu obigem Video: https://twitter.com/parents4future/status/1425029301595000839?s=20

Hier der Telepolis Artikel durch den ich auf das ganze gestoßen bin (schaue und lese selber regelmäßig ARD, aber selten ZDF): Umweltjournalismus geht anders | Telepolis

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Sorry, aber das sehe ich ganz anders. Der Redakteur argumentiert hier ganz klar, warum das vordergründige Paradoxon Sinn macht: Wenn ich vor der der Wahl stehe, völlig ineffiziente Kraftwerke noch Jahre weiter laufen zu lassen oder durch Hocheffiziente zu ersetzen (und erneuerbaren Energien dort nicht zum Zuge kommen können), dann beiße ich lieber in den sauren Apfel, als moralinsauer auf dem Prinzip zu bestehen und das Klima stehenden Auges noch sehr viel stärker zu schädigen.

Dies nun zum Anlass zu nehmen, auf dem ÖR herumzuhacken (was ja erschreckender Weisen immer mehr und rasant in Mode kommt) … :kopfschütteln:

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Ich verstehe nicht wie man ohne Not so eine Aussage machen kann. Zu dem Thema gibt es doch bestimmt wichtigere Aussagen zu treffen.
Was mich aber weit mehr stört ist der Subtext der vermittelt wird nämlich „bei uns ist alles gut, sollen die andern was machen“.

Das Argument war evtl. vor 30 Jahren irgendwie plausibel, wobei es auch historisch, eher in Bezug auf die etwas effizienteren und flexibleren Gaskraftwerke vorkam, und eher von der Fossilen Brennstoff Lobby als von Umweltjournalisten. Kohle ist die Klima-schädlichste Möglichkeit Strom zu erzeugen. Planung und Bau eines „effizienten“ Deutschen Kohlekraftwerks braucht gerne mal 10 Jahre (siehe Beispiel). Laut UN und bestem Stand der Wissenschaft müssen die Klima Emission innerhalb von 4 Jahren ihren Höhepunkt erreicht haben und dann sehr schnell und kontinuierlich auf Null fallen (zumindest in der Stromerzeugung wo dies technisch noch am einfachsten zu realisieren ist). Zu guter letzt ist Kohle inzwischen auch noch deutlich teurer je Kilowattstunde als die erneuerbaren alternativen. Vor diesem Hintergrund ist die „Analyse“ des Leiters der ZDF-Umwelt-Redaktion blanker Irrsinn und als Umweltredakteur kann er sich wohl kaum mit Unwissen herausreden.

Nachdem es sich hier nicht nur um irgendeinen Journalisten oder befragten Experten, sondern um den Leiter der ZDF-Umwelt-Redaktion handelt, hat das ZDF hier nicht nur ein individuelles sondern offensichtlich auch ein Institutionelles Problem, eines das sich in meiner Persönlichen Erfahrung der Berichterstattung der öffentlich rechtlichen widerspiegelt. Ich bin für gut finanzierte, hochwertige öffentlich rechtliche Nachrichten Sender, aber kritisieren darf ich sie. Insbesondere wenn das was ihr leitender Umweltredakteur sagt hart an Realitätsverweigerung grenzt.

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Und dann noch ausgerechnet in Indien und Südafrika. Die solare Einstrahlung in Weiten Teilen Indiens ist doppelt so hoch wie in D. Dementsprechend sind die Anlagen wirtschaftlich unschlagbar günstig. Planungsdauer und Bauzeit benötigen einen winzigen Bruchteil im Vgl. zu Kohle Kraftwerken. Und dann das Argument, es gäbe ja noch Vorräte für 10.000 Jahre.
Der Mann ist untragbar und das ZDF sollte die Konsequenzen ziehen.

100% Zustimmung, beschreibt auch mein aktuelles Problem mit dem ÖRR perfekt.
Ich bin bereit für unabhängigen und kritischen Journalismus zu bezahlen. Meinetwegen auch mehr als für Netflix, Disney und Prime zusammen.
Wo bei mir die Toleranz sehr schnell ihre Grenzen findet ist, wenn Meinungen verbreitet werden, die Wissenschaftlich keineswegs tragbar sind bis hin zu direkten FakeNews. Das ist hier genau so ein Fall, ich kann auch noch genug weitere nennen.

Ich selbst komme aus der Automobilbranche und arbeite bei einem deutschen Hersteller in der Elektromobilitätsentwicklung. Ich würde behaupten mich in dem Themengebiet auszukennen.
Es macht mich mittlerweile wirklich Wahnsinnig sauer wenn ich sehe, wie viele Bullshit-Bingo-Berichte ich zu dem Thema im ÖRR so sehe. Von veralteten Studien als Basis über glasklare Lobbypublikationen bis hin zu astreinen Lügen/Fakenews wird da alles verbreitet. Ich schaue mir das meist gar nicht an, kann aber am Wochenende mit mindestens einer Person wieder darüber diskutieren, was er/sie letzten im ÖRR gehen hat und was ich da für nen Müll entwickle.

Ich dachte der ÖRR hat einen „Bildungsauftrag“? Ich dachte da wird detailliert recherchiert, bevor man einen Beitrag dreht. Ich dachte man macht bei Interviewpartner einen Background-Check bevor die ihre kruden Vorstellungen in die Kamera spinnen dürfen.
Das kann ich so sagen und bestätigen, weil ich mich in dem Bereich auskenne. Ich möchte gar nicht wissen in wie vielen Bereichen sowas noch passiert, in denen ich nicht mitreden kann/nicht über Fachwissen verfüge (und somit auch nicht Fehler erkenne und dem gleichen Problem zum Opfer falle wie diejenigen, die mich wegen E-Mobility vollquatschen).

Mit sowas macht man sich angreifbar. Nicht gut in Zeiten, in denen sowieso schon viel auf dem ÖRR rumgehackt wird, wie z.B. auch prominent durch die WELT. Das stimmt schon, wie @TRq das sagt.

Ich möchte mit diesem Kommentar auch nicht herumhacken, sondern sachlich kritisieren, um einen noch besseren ÖRR zu bekommen.

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Die ÖRR-Bashing-Kampagne von AfD, FDP, Teilen von CDU/CSU, den Konzernmedien usw. wirkt eben. Um ja nicht als „linksgrün“ dargestellt werden zu können, wird da immer mehr rechter Mist und False-Balance-Quatsch zur Primetime untergebracht, und die wirklich relevanten Politikmagazine werden zusammengestrichen und/oder in die Nachtstunden verschoben.

Hinzu kommen dann fischige Personalien, wie Christine Strobl, Tochter von Wolfgang Schäuble und Ehefrau des CDU-Innenministers von Baden-Württemberg, als ARD-Programmchefin u.ä.

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Nur so als update, zu diesem Beitrag gingen beim ZDF wohl zahlreiche Programmbeschwerden ein. Dazu hat das ZDF nun Stellung bezogen. Von Einsicht, Realitätsbezug, oder wirklich stichhaltiger Argumentation fehlt in der Stellungnahme jede Spur (meine Wertung). Damit sich niemand auf meine Wertung verlassen muss: https://www.zdf.de/assets/zdf-fernsehrat-foermliche-programmbeschwerde-104~original

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