LdN479 - "AfD tendenziell schlechter in Umfragen"

Bezüglich der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt sagt ihr bei Minute 5:50, dass die AfD in Umfragen „tendenziell unterschätzt“ würde und begründet das mit einem „confirmation bias“, da manche Wähler immer noch ungern angäben, die AfD zu wählen.

Zunächst scheint mir der Confirmation Bias hier nicht das richtige Phänomen zu sein. Der Confirmation Bias beschreibt gemeinhin die menschliche Neigung, bei der Suche nach sowie der Bewertung oder Interpretation von neuen Informationen, durch die eigenen bisherigen Erfahrungen, Meinungen und Überzeugungen beeinflusst zu werden.

Was Ulf hier wohl eher meinte, ist der „Shy Voter“-Effekt, der das beschriebene Handeln erklärt bzw. thematisiert. Das dieser sich auch auf die AfD auswirkt, ist nachweislich korrekt. Auch korrekt ist, dass die Meinungsforschungsinstitute versuchen, diesem Effekt entgegenzuwirken.

Allerdings ergeben die Umfragen unmittelbar vor den letzten Wahlen die beschriebene Tendenz m. E. n. nicht.

Bei der BTW 2021 stand die AfD bei Forsa bei 10%, bei Infratest dimap bei 11%, Ergebnis: 10,3%
Bei der LTW 2024 in Sachsen bei INSA 32%, Forschungsgruppe Wahlen 30%, Infratest dimap 30%, Ergebnis: 30,6%
Bei der LTW 2024 in Thüringen bei allen bei 30%, Ergebnis: 32,8%
Bei der LTW 2024 in Brandenburg bei Infratest dimap 27%, bei der Forschungsgruppe Wahlen 29%, Ergebnis: 29,2%

Es gibt also durchaus Wahlen, bei denen die AfD leicht unterschätzt wurde. Ebenso wurde sie bei anderen aber auch leicht überschätzt. Zu beobachten ist vor allem, dass sich die Ergebnisse im Wahlkampfverlauf bei der AfD besonders deutlich verändern. Die Abweichungen liegen aber in allen Fällen innerhalb der umfragetypischen Fehlertoleranz von 3%.

Das mag ein kleines Detail sein, ist mir aber ins Auge gefallen, weil ich es wichtig finde, das Ganze nicht noch größer zu reden, als es eh schon ist.

Ansonsten wie immer eine sehr gut gelungene Folge :slight_smile:

7 „Gefällt mir“

Ich glaube auch, dass der Shy Voter-Effekt sich mittlerweile leider überlebt hat. Dafür ist die AfD vor allem im Osten mittlerweile zu salontauglich geworden. Die meisten AfD-Wähler lassen es im Gegenteil zu keiner Gelegenheit aus, anzumerken, dass sie die AfD unterstützen.

Möglicherweise müssen wir hier aber regional differenzieren. Es sit gut möglich, dass die Tabuisierung des AfD-Wählens in Westdeutschland und vor allem Norddeutschland (Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen) noch deutlich stärker ist als in Ostdeutschland, sodass dort der Shy-Voter-Effekt vielleicht noch einen Einfluss hat.

Andererseits gibst du völlig korrekt zu bedenken, dass die Meinungsforschungsinstitute den Effekt auch bei ihren Berechnungen berücksichtigen. Hier muss man immer daran denken, dass die Wahlprognosen gerade keine reinen Wiedergaben der Zahlen sind (dh. gerade nicht „Von 2000 befragten haben 400 angegeben, die AfD zu wählen, daher AfD 20%“), sondern zahlreiche Faktoren beinhalten, u.a. eben die soziale Erwünschtheit bestimmter Antworten. So ist es auch möglich, dass bei einigen Umfrageinstituten eine „Überkorrektur“ des Effektes der sozialen Erwünschtheit stattfindet und somit die AfD in der Prognose stärker erscheint, als sie tatsächlich ist.

5 „Gefällt mir“

Ich glaube, es ist auch so, das Nichtwähler nicht berücksichtigt werden. Beispiel: 300 wollen AFD wählen, 500 haben gesagt, sie haben sich noch nicht entschieden oder gehen nicht wählen.

Dann sind 300 auch 20%. Der Anteil der unentschiedenen Wähler wird nicht ausgewiesen.

Letzte Bundestagswahl (2025):

AfD: 20,8 %

Letzte Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) vor der Wahl:

AfD: 21 %

Letzte Umfrage von Infratest Dimap (ARD) vor der Wahl:

AfD: 21 %

Letzte Umfrage von Forsa vor der Wahl:

AfD: 21 %

Drei Punktlandungen.

Alle Effekte eingepreist.

Zumindest wird ein solcher Effekt in Projektionen wohl nicht (hinreichend) kompensiert, was dazu führt, dass die rechtsradikale AfD in Umfragen weit jenseits von Wahlterminen in den Umfragen tendenziell überschätzt wird.

1 „Gefällt mir“

Jedenfalls scheint mir die Ursprungsaussage von Ulf in der Tendenz eher nicht zuzutreffen. Deine Überlegungen dazu scheinen im Wesentlichen schlüssig zu sein.

1 „Gefällt mir“

Das ist auch mein Eindruck, gerade zu Wahlkampfbeginn scheint mir das besonders häufig vorzukommen.

Deshalb hatte mich die Aussage im Podcast auch irritiert.

1 „Gefällt mir“