Liebes Lage-Team,
Ihr habt in dieser Folge das Thema Ehegattensplitting wieder auf die Agenda gehoben und postuliert, dass es ein ungerechtes Konzept sein, aus der Zeit gefallen ist und Frauen benachteiligt. Außerdem hätte die Bertelsmannstiftung belegt, dass es die Wirtschaftsleistung stärkt, wenn mehr Frauen arbeiten würden.
Eure Darstellung möchte ich nicht unwidersprochen lassen. Sie wird aus meiner Sicht nicht richtiger, wenn man sie ständig wiederholt. Aus meiner Sicht wird gerade von Herrn Klingbeil und euch der Weg für eine Steuererhöhung insbesondere für Familien bereitet.
Zunächst müssen wir meines Erachtens festhalten, dass die Thematik Ehegattensplitting ausschließlich dem Umstand geschuldet ist, dass es progressive Steuertarife gibt. Gäbe es die nicht, wäre die Diskussion an dieser Stelle bereits beendet.
Zur Erinnerung: Im Bundestagswahlkampf 2005 hatte Paul Kirchhof (ehem. Richter am Bundesverfassungsgericht) ein Konzept für lineare Tarife vorgestellt. Leider ohne Erfolg.
Zurück zur Studie der Bertelsmannstiftung.
In meiner Wahrnehmung ist ein Ergebnis der Studie, dass ohne Ehegattensplitting Frauen mehr arbeiten würden - weil sie dann arbeiten müssen, um das Niveau des Familieneinkommens zu sichern! Hier wird Druck auf Frauen aufgebaut, möglichst in Vollzeit zu arbeiten, sonst wird am Ende des Monats das Geld knapp. Das halte ich nicht für den richtigen Weg.
Zumal aus meiner Sicht ein paar Aspekte in der Studie gar nicht beleuchtet wurden. (Aus der Erinnerung:) ca. 50% der befragten Frauen arbeiten nicht (in Vollzeit) aus gesundheitlichen Gründen. Daran ändert auch ein Ehegattensplitting nichts. Im Gegenteil. Diese Familien wäre dann finanziell gekniffen, da die „Abmilderung“ über den Partner fehlt.
Von den verbleibenden 50% sind ca. 30% der Meinung es lohne sich finanziell nicht zu arbeiten. Wir diskutieren also um ca. 1/6 der befragten Frauen, auf welche wir durch den Wegfall des Ehegattensplitting den Druck zu arbeiten erhöhen wollen.
Was in der Studie gar nicht zur Sprache kommt, sind die Gründe für die Aussage „es lohnt sich finanziell nicht“. Meine These ist die, dass der Zusammenhang zwischen Steuerklasse (3/5 oder 4/4) und Ehegattensplitting nicht klar ist. Die Steuerkasse 3/5 ist im Grunde ein monatlich vorgezogenes Splitting. Daher hat diejenige Partnerin mit Klasse 5 weniger netto. Das fühlt sich doof an und es fühlt sich daher danach an, dass es sich nicht lohnt (mehr) zu arbeiten.
Aus meiner Sicht könnte es schon helfen, wenn die Steuerklassen 3/5 abgeschafft werden und nur 4/4 angewandt wird. Dann haben alle das gleiche Gefühl, dass vom Geld mehr hängen bleibt und am Jahresende bekommt man eine schöne Rückerstattung.
Leider wird genau das vor Politikern (wie Herrn Klingbeil) entweder selbst nicht verstanden oder ganz bewusst irreführend erzählt, damit später alle die Steuererhöhung wegen Wegfall des Splitting super finden - bis sie ihre Steuererklärung gemacht haben.
Mein Fazit
Ich finde es gut und richtig, mehr Frauen in Arbeit zu bringen (Stichwort Altersarmut, Equal-Pay, Wirtschaftsleistung, uvm.). Ich finde es aber grotesk dies mit einem Mechanismus zu tun, der finanziellen Zwang ausübt, um das Familieneinkommen zu sichern und am Ende eine Steuererhöhung darstellt.
Zugleich hat die Ausgestaltung von Minijobs sicherlich ebenfalls einen maßgeblichen Einfluss und sie sollte überdacht werden. Die Abschaffung des Ehegattensplitting (= Steuererhöhung) erkenne ich jedoch nicht als das Instrument, welches hier hilfreich ist.