Auf die Gefahr hin, zu de-railen (@Margarete - vielleicht unter „ESG-bewusstes anlegen?“ ausgründen):
Ich glaube nicht, dass ein ESG-bewusstes Anlegerverhalten Einfluss darauf nimmt, dass sich die Dinge zum besseren wenden. Man darf dabei nie vergessen:
Wer Aktien kauf, kauft bereits emittierte Aktien, d.h. „after the fact“: Die Finanzierung der Rüstungs- oder IT-Unternehmen ist damit bereits erfolgt, man selbst hat dazu nichts mehr beigetragen (erst wenn der Aktienmarkt an sich abgeschafft wird, können sich solche - aber auch alle anderen - Unternehmen nicht mehr finanzieren).
Das Gleiche gilt für den Verkauf von Aktien: Auch davon haben die jeweiligen Unternehmen kein Vorteil.
Wer glaubt, durch ethisches investieren etwas zum Bessere zu bewenden, irrt. Ist es denn das gute Gefühl, kein „Kriegsgewinnler“ zu sein, es wert, auf eine angemessene Alterssicherung zu verzichten?
Ja, es ist richtig, dass der Aktienkurs im Sekundärmarkt die Kosten des Eigenkapitals und damit die künftige Finanzierungsmöglichkeiten eines Unternehmens beeinflusst. Übertragen auf kontroverse Branchen: Wenn ausreichend viele Investoren Waffenproduzenten, Kohleförderer oder bestimmte IT-Geschäftsmodelle systematisch meiden, steigen deren Kapitalkosten relativ zu Alternativen. Das ist kein „moralischer Symbolakt“, sondern ein Preissignal, das Investitionsentscheidungen beeinflusst. Ich bezweifle jedoch, das die kleine Schar Wackerer, die das tun, große genug dafür sind.
Viel wesentlicher ist, dass die Einführung der ESG-Kriterien doch etwas bewirkt: Starke ESG-Präferenzen großer globaler Investoren verschieben die Verteilung der Kapitalkosten entlang der ESG-Dimension messbar verschieben – Unternehmen mit besseren ESG-Profilen bekommen Kapital tendenziell günstiger (Quelle).
Damit will ich übrigens auch nicht sagen, dass ESG-Aktien nicht performen. Im Gegenteil: Die wissenschaftliche Evidenz kommt zum Schluss, dass ESG-Aktien nicht schlechter performen. Auf Portfolio-/Investitionsebene liefern ESG-Strategien im Schnitt ähnliche Renditen wie konventionelle Strategien; 65% der Studien zeigen positive oder neutrale, nur 13–14% negative Ergebnis (Quelle).
Die effektivste und effizientes Anlagemethode ist und bleibt die möglichst breit diversifiziert Anlage. Anekdotisches Beispiel: Der breiteste verfügbare Aktienindex, der MSCI All Country World Investable Market (ACWI IMI), hat seit dem Angriff der USA und Israel auf den Iran am 28.2. lediglich 1-2% verloren und liegt daher YDT (also seit Jahresanfang) bei einer Performance von 1,8%. Ich bin bei einer Bank in einem passiv gemanagten ETF-Portfolio investierte, dass noch mal sehr viel breiter investiert ist. Mein YTD liegt bei 2%.
Wer da versucht, in Richtung ESG zu optimieren, schränkt seine Auswahl arg ein.