LdN455 WERO als Beispiel für Digitales Souveränitätswashing

Wero mag durchaus ein interessantes Finanzprodukt für viele Menschen sein, wann immer es aber explizit als digital souverän beworben wird ist sie vielmehr ein gutes Beispiel für Soveränitätswashing. Und zwar ein exemplarisches, denn das selbe Muster gibt es an vielen Stellen zu sehen.

Der versprochene Souveränitätsvorteil von Wero soll dadurch zustande kommen, eine Alternative zu den verbreiteten US-Zahlungsanbietern zu bieten. Diese sind nun aber eben vor allem dadurch problematisch, da sie US-Konzerne sind, US Recht unterliegen (siehe Paypal und Kuba) und im besten Tech-Bro-tum sich aktuell auch noch weiter als gesetzlich gefordert der Trump Administration an den Hals werfen könnten.

Auftritt also Wero, »Made in Europe – Banking ohne Grenzen.« Im Hintergrund setzt das System auf das SEPA System auf, dem Zahlungsabwicklungssystem europäischer Banken.
Nur führt der einzige Weg das System zu nutzen über die Wero App oder die jeweilige Banking App der teilnehmenden Hausbank. Und diese gibt es :drum: ausschließlich im Apple AppStore oder Google Play Store.

Zur Nutzung der voll digital souveränen europäischen Zahlungsart muss eine Kund*in also zwangsläufig den AGB der Firmen Apple oder Google zustimmen. Wero als Entwickler*in wiederum ist vollständig auf die Zusammenarbeit mit den beiden US-Konzernen zum Veröffentlichen und Verbreiten der App angewiesen, dies kann jederzeit unterbunden werden und dann war es das mit dem System.

Disclaimer:
Klar muss irgendwo angefangen werden. Macht ruhig eure Prozesse erstmal autonom und euer Backend tragfähig. Aktuell kann für Akzeptanz eine Präsenz in den Monopolstores auch sinnvoll sein.

Sobald ihr aber irgendwie auf „Europäische Alternative“ oder „Digitale Souveränität“ anspielt, darf dies nicht der einzige Weg sein. Oder wenn doch, dann signalisiert wenigstens dass ihr das Problem seht und es zeitnah angehen werdet.
Banken die Wero in ihre Smartphone App integriert haben, bieten ja auch allesamt weiterhin Onlinebanking im Browser an. Nur fehlt dort die Integration von Wero. Nach allem was ich weiß, macht keine der teilnehmenden Banken Wero im Browser verfügbar, für meine eigene Genossenschaftsbank und alle auf die Atruvia setzenden Banken kann ich dies sicher sagen.
So verkommt die angebliche Souveränität zum reinen Marketingbegriff.

Das darüber hinaus noch ein paar Tracking-Bibliotheken US-amerikanischer Anbieter in der Wero App verbaut sind, ist da nur noch Kleinkram. Und ob zu digitaler Souveränität nicht auch immer Open Source Software gehören muss, ist noch mal eine ganz andere Debatte.

Das gleiche Problem hat offenbar auch die iKFZ-App des Kraftfahrtbundesamts – der digitale Fahrzeugschein – die eben auch nur auf vom US Konzern Google zertifizierten Geräten laufen soll.

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Sowohl die Wero-App, als auch die Banking Apps könnten aber auf Android zum Sideloading und auf iOS in einem alternativen App-Store angeboten werden.

Ich finde den Kritikpunkt aber insofern seltsam, weil es sich ja um eine App handelt, die auf iOS und Android Smartphones zum Einsatz kommen soll. Entsprechend muss ein Nutzer unabhängig von der Quelle der Apps ein Geschäftsverhältnis mit Apple und/oder Google eingehen.

“Digitale Souveränität” im Kontext von Smartphones ist ein richtig dickes Brett, dass außerhalb der USA bisher vermutlich nur China einigermaßen im Griff hat. “Homegrown” Apps für essentielle Dienstleistungen sind darum denke ich ein sehr guter erster Schritt.

Für Menschen, die sich von US-amerikanischen Konzernen unabhängig machen wollen gibt es natürlich auch eine gute Alternative: Die Überweisung per Online-Banking am eigenen (Linux-)Computer :wink:

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Damit hast Du dann die Anzahl der möglichen Nutzer auf nah 0 gesetzt. So leid es mir tut, aber das ist die realität (sagt ein Linux Nutzer und jemand, der Banking ausschliesslich auf seinem PC zu Hause macht).

Mit lineage-os gibt es ja eine Alternative zu Google. Mit F-Droid gäbe es einen weit verbreiteten App-Store. Das Problem ist, dass banking-apps da in der Regel nicht kompatibel sind, da auf die Sicherheitsmechanismen von Google aufgebaut wird. Das ist also eine durchaus zu kritisierende Design-Entscheidung - die angesichts der Gefahren von Sicherheitslücken verständlich ist, aber verantwortlich für die Abhängigkeit von US-Unternehmen.

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Das ist ja eben einer meiner Kritikpunkte, zumindest für die (angeblich) verbesserten Benutzererfahrung von Wero gibt es diese Option im Onlinebanking am Laptop eben nicht – weil Wero im Browser-Onlinebanking nicht angeboten wird. Auch als Zahlungsmittel in Onlineshops ist es aktuell dadurch dort nicht nutzbar.

Für Apple gilt das leider tatsächlich uneingeschränkt, und das ist für digitale Souveränität ein massives Problem. Dieses hat die EU zwar mit dem DMA versucht anzugehen, IMHO aber mit dem falschen Mittel der Marktlogik und alternativen Stores, statt ein Recht, eigene Software auf dem eigenen Gerät installieren zu können, zu garantieren.
Android wiederum ist (noch) Open Source und es gibt diverse Derivate davon. Sei es von Herstellern wie Huawei, die von Google nicht zertifiziert werden, oder seien es Versionen die aus Gründen der Privatsphäre die Verquickungen mit Google reduzieren, wie /e/OS oder GrapheneOS.
Und selbst bei einem 0815 Android Telefon mit offiziellem Betriebssystem besteht weiterhin die Möglichkeit, bei der ersten Nutzung eben kein Google Konto zu verwenden und sich Apps eben aus anderen Quellen zu ziehen. Somit muss zumindest einem großen Teil der kontospezifischen AGBs nicht zugestimmt und viele weit reichenden Rechte nicht gewährt werden.

Klar, das aktuelle Smartphone-Duopol ist ein wirklich dickes Brett, das Wero nicht alleine lösen soll. Aber eben weil der Dienst eben ausschließlich über die beiden gatekeeper nutzbar ist und trotz souveränem Backend dadurch jederzeit gestoppt werden kann, erwarte ich von Wero, dies zumindest auf dem Schirm zu haben und zu berücksichtigen, indem mind. 1 der folgenden Dinge angeboten wird:

  1. side loading oder eigene alternative Softwarequelle
  2. Webapp/ andere Zugangswege
  3. offene API

Ebenjene Firma die also mit Digitaler Souveränität wirbt ignoriert das Problem also oder versteht es nicht einmal.

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Also, wer sich auch „aus den Fängen“ von Apple oder Google befreien und trotzdem noch Apps nutzen will, muss ganz auf Smartphones von Apple und Google verzichten. Der Umstieg auf WERO (oder auf jede anderen App auf der jeweiligen Plattform) wird dabei nichts nützen.

Wer aber nicht möchte, dass US-Firmen wie Mastercard, Visa oder Paypal (a) das eigene Ausgabeverhalten auswertet und diese Daten vermarktet (und wohl dabei gegen europäisches Datenschutzrecht verstoßen) und (b) unsere Händler (egal ob Laden um die Ecke oder der europäische Onlinehändler) teuer für die Transaktion mit der jeweiligen Zahlungsart zahlt (und die Preise entsprechend anpasst), für den ist WERO einfach eine europäische Alternative. Ja, es stehen kommerzielle Banken dahinter mit Gewinnerzielungsabsicht (igitt!). Aber diese unterliegen dem europäischen Datenschutz und es gibt regele Chancen, dass Verbraucher(verbände) deren Einhaltung durchsetzen können.

D.h., es geht nicht so sehr um die Emanzipation von US-Unternehmen, des geht um Durchsetzbarkeit von den Datenschutzregeln, die wir uns gegebenen haben.

Über WERO beim Online-Einkauf und - mittels Smartphone - an der Ladenkasse zu bezahlen ist deshalb m.E. ein Vorteil für Verbraucher und Einzelhandel: Mehr Datensouveränität und geringere Kosten.

P.S.: Ich habe übrigens auch kein gutes Gefühl dabei, dem europäischen Paypal-Wettbewerber KLARNA diese Daten zur Verfügung zu stellen. Da ist es mir lieber, dass nur meine Bank die Transaktionsdaten kennt, die diese ohnehin über mein Girokonto oder meine Kreditkarte dort bekommen.

P.P.S: Ich persönlich vertraue Apple und sehe keinen Anlass, mich von Apple unabhängig zu machen. Das muss aber jeder für sich entscheiden. Bitte kein Apple-vs.Google-De-rail-ing …

Ich hatte das so verstanden: Wenn der Nutzer im Checkout des Onlineshops WEO als Zahlungsart wählt, wird er zur Banking‑ bzw. Wero‑App geleitet wird und gibt dort mit starke Authentifizierung (z.B. Face ID, PIN, TAN) die Zahlung frei. Der Betrag wird sofort per Sofortüberweisung vom Girokonto des Käufers auf das Girokonter des Online-Händler überwiesen. Ja, der Bezahlvorgang geht nicht über das Web-basierte Onlinebanking der europäischen Bank, sondern über eine App, die über einen US-amerikanischen Appstore verteilt wird.

Du hast insoweit Recht, dass die Transaktionsdaten selbst besser geschützt sind.
Durch Schaffung eines weit verbreiteten Angebots dass ausschließlich über Google und Apple Kanäle verwendbar ist, schlägt man natürlich aber noch mehr Pflöcke in den Boden die einen potenziellen Wechsel zu unabhängigeren Smartphones erschweren, weil nicht mehr nutzbar.

Sowohl Apple als auch Google haben beide die App „ICE Block“ bzw. Äquivalente aus ihren Stores genommen, nachdem die Regierung dies gefordert hatte – ohne dass klar ist ob es eine Rechtsgrundlage gab.