LDN454 Attraktivität des Dienen bei der Bundeswehr

Liebes Lage-Team,
ihr habt in der letzten Lage das Thema Bundeswehr aufgegriffen und darauf verwiesen, dass das hier im Forum schon ein großes Thema ist/war. In den Reaktionen auf die Folge gibt es ja auch wieder eine Vielzahl an Themen in Reaktion.
In eurer Anmoderation zum Thema habt ihr auch angekündigt darüber reden zu wollen, wie der Dienst in der BW attraktiv werden kann. Erwähnt habt ihr dann nur, dass die Bezahlung angehoben wird.
Etwas später kommt ihr zu dem Schluss, dass Freiwilligkeit nicht reicht und es halt darauf ankommt bis die Jusos einlenken und die Wehrpflicht kommt. - Da fehlt doch ein Schritt, den wir bei jedem anderen Beruf bei dem es Mangel gibt diskutieren. Welche Faktoren am Arbeitsgeber Bundeswehr (außer dem Gehalt) könnten denn angepasst werden, welche davon sind für junge Menschen wichtig?

(Bitte hier keine neue Diskussion ob die Wehrpflicht kommt/nicht kommt oder richtig/falsch etc. ist, sondern wirklich zum Thema “Wie kann die BW ein attraktiver Arbeitgeber sein”)

Ich würde das tatsächlich ein wenig mehr spezifizieren. Gehalt ist eine Sache, aber es schlawienert ja auch noch die Idee mit dem Führerscheinzuschuss herum, und irgendwo habe ich noch was mit kostenlosem Deutschlandticket gehört.

Das mag sich zwar für einige Leute irgendwie sinnvoll anhören. In meinen Augen ist aber JEGLICHER finanzieller Anreiz eine ziemliche Sauerei. Wenn man auf der einen Seite auf Freiwilligkeit setzt und auf der anderen Seite gezielt junge Menschen wirbt, die sich die vollständigen Kosten eines Führerscheins oder eines Deutschlandtickets nicht leisten können, ist ja ganz klar, welche Zielgruppe da ins Auge genommen wird und da wären wir nicht viel weiter als die USA anfang der 60er Jahre.

Ich war selbst nicht beim Bund und würde es auch meinen Kindern nicht raten. Aber was da, meiner Meinung nach, sinnvoll wäre, wäre eine Art integrative Ausbildung. Also z. B. 12 Monate beim Bund, und davon 9 Monate als eine Art Einstiegsausbildung in einen IT, oder Mechatronikberuf (oder was es da halt sonst so gibt), welche dann auf eine Ausbildung oder ein Studium angerechnet wird. Das würde zumindest den Zeitverlust kompensieren, wenn man sich für die Bundeswehr entscheiden würde. Das muss natürlich mit einer entsprechenden Qualität verbunden werden. Wenn ich beim Bund den Beruf des Systemadministrators mit Windows 3.11 auf einem 486er erlerne bringt mir das halt herzlich wenig. Aber bis solche Strukturen in Deutschland aufgebaut sind, können wir uns gegen Russland auch mit Photonentorpedos, Phasern und Trikobaltvorrichtungen verteidigen.

Daher, fällt mir tatsächlich nix Brauchbares ein :slight_smile:

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Die Idee mit Teilqualifizierungen oder speziellen Qualifikationen, die man im (freiwilligen) Wehrdienst erwerben kann, find ich sinnvoll.
Eine Fremdsprache (kann die Bundeswehr gut), eine Programmiersprache (Win 2000 gibt wohl schon :wink:), einen Staplerschein, Schweisserlehrgang, MS Office, andere Führerscheine, alles was also beruflich vorteilhaft ist, hat ja einen Mehrwert.
Deswegen muss man ja immer noch nicht mit der Waffe in der Hand ins Ausland.
Gleiches liesse sich auch im Zivildienst einbringen mit spezifischen Qualifikationen.
Wäre mehr als nur Geld.
Und warum nicht Menschen fördern und bessere Startchancen ermöglichen, die sonst diese Chancen nicht hätten?

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Die Bundeswehr hat in der Attraktivität grundsätzliche fette Minuspunkt den man nicht so einfach mit Geld oder ähnlichen kompensieren kann.

Das ist zum einen das Thema “Militär” im allgemeinen. Die Bundeswehr ist eben kein normaler Arbeitgeber mit dem typischen 9 to 5 Job. Es gibt klare Hierarchien. Es gilt das Prinzip von Befehl und Gehorsam. Das Militär kann nicht ohne funktionieren, es passt aber nicht mehr in eine moderne Arbeitswelt. Das ist auch der Grund wieso viele früh abbrechen.

Dazu kommt noch die lange Abwesenheit von zu Hause. Das kann man, wenn man sich bspw. Die Marine anschaut, nicht wegdiskutieren. Und die Marine hat in den Bundeswehr Teilstreitkräften die größte Fachkräfte Lücke.

Es brauch also zum einen gut ausgebildete und zweiten Menschen die sich auf diesen Beruf einlassen wollen. Das ist keine leichte Aufgabe.

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Im Einsatzfall gebe ich dir Recht, dass da Befehle ausgeführt werden müssen, ohne alles zu hinterfragen, einfach weil die Zeit fehlt, alles zu erklären. Umso wichtiger fände ich es aber, dass bei der Bundeswehr weiter an Konzepten wie damals die „Menschenführung 2000“ gearbeitet und diese konsequent umgesetzt werden. Denn in Friedenszeiten und vor allem während der Ausbildung gilt gerade das nicht: Eine sinnvolle Ausbildung funktioniert am Besten, wenn die Auszubildenen Dinge hinterfragen dürfen und nicht „einfach machen, was ihnen aufgetragen wird“. Generell muss es in Friedenszeiten erlaubt sein, Dinge auszudiskutieren, damit wir uns darauf verlassen können, dass im Ernstfall keine Diskussionen mehr nötig sind, weil man die „best practices“ gefunden hat. Nichts ist schlimmer, als Soldaten in Friedenszeiten dazu zu bringen, einfach stumpf Befehle zu befolgen (was sie tun, weil es für sie um nichts geht…) nur um dann herauszufinden, dass sie im Ernstfall, wenn es um ihr Leben geht, dazu nicht bereit sind. Die Bundeswehr muss hier eine Balance finden zwischen dem im Ernstfall nötigen Kommando-Ton und dem in Friedenszeiten respektvollen, konstruktiven Miteinander. Dieses pauschale „Im Militär muss nunmal immer unbedingter Befehl und Gehorsam gelten“ halte ich für eines der Grundprobleme, warum das Militär auch in Friedenszeiten ein unbefriedigender Arbeitgeber (für alle, die nicht Offizier oder zumindest Feldwebel sind…) ist.

Das kann man in der Tat nicht ändern, gerade in der Marine (aber auch im Heer nur bedingt). Das clasht leider sehr stark mit dem modernen Familienbild, in dem beide Elternteile einen Job haben, also nicht der Rest der Familie einfach dem Vater hinterherziehen kann, wenn er mal wieder an einen neuen Standort versetzt wird. Schwierig zu lösendes Problem, bei der Marine sogar teilweise unmöglich zu lösen. Daher müssen Gegengewichte zu diesen Nachteilen gefunden werden, das kann natürlich auch die Bezahlung sein. Also eine Kompensation mit Geld ist zumindest teilweise möglich.

Die gute Ausbildung sollte die Bundeswehr schon selbst weitestgehend übernehmen können. Dass Menschen aus dem Zivilleben mit den passenden Fähigkeiten für die Bundeswehr gewonnen werden können ist eher die Ausnahme, gerade weil diese Qualifikationen mit entsprechender Berufserfahrung im Zivilleben in aller Regel zu größeren Löhnen führen, ohne dass die oben genannten Nachteile eintreffen. Der Bundeswehr kann ich daher nur das Gleiche an’s Herz legen, wie den Handwerkern, die jammern, dass der Nachwuchs fehlt: Es muss mehr Bereitschaft da sein, auch die suboptimalen Kandidaten auszubilden. Denn um die idealen Kandidaten schlagen sich alle: Universitäten, Arbeitgeber, öffentlicher Dienst, Bundeswehr… Jeder will die besten 50% eines Jahrgangs einstellen, was fehlt, sind Arbeitgeber, die den anderen 50% eine Chance geben und bereit sind, etwaige Defizite bei diesen auszugleichen. Das können Unternehmen, die in starkem Wettbewerb stehen, tatsächlich teilweise nicht leisten, weil sie sonst im Wettbewerb den kürzeren ziehen. Die Bundeswehr kann sich das leisten - und muss es meines Erachtens auch tun. Aber die Voraussetzungen, unter denen die Bundeswehr Menschen als „geeignet“ qualifiziert, sind einfach so hoch, dass sie nur auf diejenigen zutreffen, die unzählige andere, teils bessere Angebote haben. Das muss sich ändern.

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Wie ja schon beschrieben ist die Bundeswehr ein „spezieller“ Arbeitgeber.
Die genannten Berufsrisiken fordern schon gewisse Fähigkeiten und Voraussetzungen, um die gewünschten Aufgaben erfüllen zu können.
Sicher gibt es Nischen wie Schreibstuben oder Instandsetzungseinheiten, die u.a. Weniger hohe körperliche oder teils intellektuelle Anforderungen haben.
Doch grundsätzlich liegt die Messlatte hier aus guten Gründen ähnlich hoch wie bei Polizei oder Berufsfeuerwehr.
Allzu weit „Entgegenkommen“ bei den Eingangsvoraussetzungen kann auch die Bundeswehr nicht.

Grundsätzlich sollte natürlich jedes Unternehmen auch den unteren 50% eine Chance geben, oder? :wink:

Das IW hat sich auch dahingehend geäußert, dass es um einen attraktiven Dienst gehen muss:
„Es ist jedoch niemandem geholfen, wenn viele Menschen durch ein System geschleust werden, das später weder Soldaten auf Zeit noch Reservisten hervorbringt. Es muss deshalb darum gehen, über den Wehrdienst diejenigen zu finden, die ihre militärischen Fähigkeiten dauerhaft aufrechterhalten und das Land im Ernstfall verteidigen wollen.“

Dabei geht es weniger um Geld. In den Jahresberichten der Wehrbeauftragten finden sich unzählige Anekdoten, wie sich die Bundeswehr selbst im Weg steht und vor lauter Bürokratie kaum handlungsfähig ist. Man muss in der Kaserne schon was sinnvolles machen, damit man das auch als sinnstiftend sehen kann. Viele Berichte von innerhalb klingen anders. Vor allem das muss sich ändern.

Sehr erhellend ist dazu dieses Interview mit einem ehemaligen Oberst: Wehrdienstreform: "Freiwilligkeit hat noch nie funktioniert" | DIE ZEIT
Hier ein paar Zitate

  • „Viele junge Leute kommen in marode Kasernen, veraltete Strukturen und haben kaum Gestaltungsspielraum.“
  • „Die eigentliche Motivation entstünde aber woanders, durch Sinn, Verantwortung, Entwicklungsmöglichkeiten. Davon bietet die Bundeswehr zu wenig.“
  • „Die Soldaten erleben einen Mangel an allem, Munition, Waffensystemen, moderner Kommunikation. Das ist kein Arbeitsplatz, der stolz macht.“
  • „Verteidigung ist die Aufgabe aller, das muss wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein rücken.“

Und vermutlich brauchen wir auch mehr Patriotismus, vielleicht mehr in einem europäisch-freiheitlich-demokratischen Sinne.

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genau das fehlt mir in der Debatte - da frage ich mich doch, warum die Bundeswehr Geld in aufwändige Werbekampagnen steckt und nicht hier neue Konzepte präsentiert - gibt es da im politischen Wettbewerb irgendwelche Initiativen die Vorschläge haben, die an diesen Themen ansetzen?

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Es kam der richtige Hinweis, dass die Diskussion um Wehrpflicht oder nicht verengt ist. Warum nicht ein Einsatzjahr für alle, das außer dem Dienst in der Bundeswehr auch andere Einsatzmöglichkeiten vorsieht: Zivildienst in sozialen Einrichtungen, der Ökologie, der Gemeinde, dem Katastrophenschutz oder wer auch immer als Anbieter auftritt? Dieser Einsatz, man könnte ihn zB Deutschlandjahr nennen, wäre verpflichtend, sowohl für junge Männer wie für junge Frauen und damit auch fair und gerecht - definitiv gerechter als ein Losverfahren nach dem Zufallsprinzip. Dann wäre vermutlich auch das Kontingent, das die Bundeswehr entsprechend Kapazitäten und Bedrohungslage gesichert, denn viele würden sicher, wenn sie ohnehin zu irgendeinem Einsatz verpflichtet sind, zum Bund gehen, der vielleicht attraktive Konditionen anbietet. Doch in diesem Modell geht es nicht darum, die junge Generation zwangsweise zum Militärdienst zu ziehen, sondern ihr die Möglichkeit zu geben, sich an einem Einsatz zu beteiligen, der dem Land, der Gesellschafrt, den Sozialsystemen, der Umwelt, der Gemeinde vor Ort, etc. zugutekommt. Ich denke, dass es auch das Verhältnis junger Menschen gegenüber dem Gemeinwesen positiv beeinflusst, wenn der “Staat” nicht nur als Dienstleister wahrgenommen wird, an dem man rummeckern kann, um dann an der Urne dessen Feinde zu wählen, sondern als sinnvolles Betätigungsfeld, auf dem man der Gesellschaft auch mal etwas zurückgeben kann, gegen Bezahlung, versteht sich, aber nicht des Geldes willen. Dieses verpflichtende Jahr für alle sollte doch eigentlich besonders den Vorstellungen der Sozialdemokratie entsprechen, denn niemand, auch keine Betuchten, Privilegierten, kann sich ihm entziehen, außer aus triftigen, nachweispflichtigen Gründen.

wie glaube ich schon mehrfach geschrieben wurde: es ist jetzt schon möglich einer möglichen Wehrpflicht mit einem Dienst im Katastrophenschutz (THW, Feuerwehr etc…) oder bspw. Medizinischen Bereich zu entgehen. Das wäre nichts neues. Eine Dienstpflicht wäre nach Grundgesetz im Prinzip möglich, weil ja schon eine Wehrpflicht bzw. Ersatzdienst vorgesehen sind. Nur, dass man auch Frauen verpflichten könnte (Wehrdienst oder allgemeiner Dienst hin oder her), dazu müsste man, meiner Meinung nach, mindestens das Grundgesetz ändern/anpassen.

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Bitte verlagert die Diskussion um andere Zwänge die den Dienst bei der BW attraktiv machen indem die Alternative “selber entscheiden was nach dem Abi kommt” in die anderen Threads zum Thema
Die Frage hier ist explizit: was macht die Bundeswehr gerade unattraktiv / was müsste sich ändern damit sie attraktiv wird? (Vielleicht sogar so als Hörer*innenfrage stellen @vieuxrenard )

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Vielleicht ist ein Faktor die sehr hierarchische Struktur? In Zeiten wo man eher nach flachen Führungsstrukturen schaut, eventuell eher abschreckend.
Dazu könnte eine eher wohnortnahe Stationierung attraktiv sein.
Ich hab es damals als sehr belastend empfunden durch die halbe Republik zu pendeln.

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Da wäre tatsächlich mal die Sicht derer interessant, die davon direkt betroffen sind jenseits populistischer Podcaster a la „ich will nicht für mein Land sterben“

Grundsätzlich ging die Frage in der letzten Lage ja auch ein bisschen in die Richtung: „würdet ihr euch verpflichten lassen? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?“ (irgendwie so ähnlich habe ich das in Erinnerung)

Die Bundeswehr ist für meine Familie aus vielen Gründen kein attraktiver Arbeitgeber:

  • Wer introvertiert, hochsensibel und/oder Autist ist, schreckt davor zurück, sich von Vorgesetzten anbrüllen zu lassen, neben Panzern durch den Schlamm robben zu müssen, mitten in der Nacht geweckt zu werden, um mit Gasmaske 10 km marschieren zu müssen,…
  • Freunde und Verwandte haben uns von vielen Mobbing-Fällen berichtet
  • marode Kasernen, Toiletten, Sportstätten,…
  • Rassismus
  • Sexismus führt dazu, dass sich Frauen bestimmt nicht freiwillig melden werden. Solange bei Rassismus und Sexismus nicht die strukturellen Probleme erkannt und behoben werden, sondern als Einzelfälle abgetan werden, kann die BW noch so viel Geld, Führerscheine etc. anbieten, keine Chance.

Moderne Kriege werden mit modernen Waffen gekämpft, deren Entwicklung und Abwehr könnten spannende Aufgabenfelder sein, sowohl für 18-jährige Männer als auch Frauen jeden Alters. Hier würde ich ansetzen und ungenutzte Potentiale nutzen. Aber dafür müsste man die oben aufgezählten Probleme beseitigen.