LdN288 Energiepreise deckeln oder Hilfen zahlen

Fratzscher: „Eigentlich will ich als Ökonom, dass der Preis die Knappheiten widerspiegelt.“
Das ist aber gerade nicht der Fall, Russland erfüllt bislang sämtliche Lieferzusagen. Es gibt aktuell keine Knappheit (jüngste Entwicklungen Polen und Bulgarien mal außen vorgelassen). Nein, es ist wie mit der Putin-Täuschung, der Markt führt eben nicht zu einem optimalen Preis. Ich weiß, die Börsen reagieren psychologisch, preisen die Angst vor einer Verknappung ein. Aber das verstellt auch nur den Blick auf die aktuelle Problematik und rechtfertigt nicht.
Ich finde es geradezu irrwitzig, was momentan läuft: alle Staaten Europas nehmen die wahnsinnig gestiegenen Energiepreise ohne Widerstand hin, so als fielen sie vom Himmel. Und gleichzeitig versuchen die Staaten mit Steuergeldern, die Preiserhöhungen abzumildern, also mit Geld, das wir bezahlen und das dann woanders fehlt. Es ist diesmal eben nicht mehr wegzudiskutieren, dass die Energiekonzerne sich abstimmen oder auch nur abgucken und kräftigst zulangen. Es sind Kriegsgewinnler der perfidesten Art. Und bis das Kartellamt zum Zuge kommt, wird die Bevölkerung um Milliarden geprellt. Ein kurzfristig und befristet, in ganz Europa geregelter Markt wird nicht dazu führen, dass Konzerne pleite gehen, weil sie nicht mehr konkurrenzfähig wären. (Im übrigen, konkurrenzfähig mit wem? China, die USA? Dort sind die Energiepreise eh viel niedriger.)
Und außerdem, der Druck zur Energiewende ist inzwischen groß genug. Diesen durch die Gier der Konzerne zu erhöhen ist auch nicht gerade ein nettes Vorgehen.
Je länger die Kriegsgewinnler am Zuge sind, desto mehr springen auf.
Liege ich mit diesen Einschätzungen so falsch?

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So richtig logisch argumentiert Herr Fratscher nicht… Zum einen meint er, es sei eine gute Idee, jedem Beschäftigten 300 Euro zu zahlen für seinen Energieaufwand zur Mobilität. Diese 300 Euro müssen dann besteuert werden. Andererseits ist er dafür, dass sich Arbeit wieder lohnen soll. Das widerspricht sich. Insgesamt erschreckend kurzsichtige Argumentation dieses Sachverständigen aus meiner Sicht. Genau wie die Forderung nach höherer Erbschaftsteuer. Besitzt man Immobilie in teuren Ballungsräumen, muss sie beim vererben verkauft werden, da auch jetzt schon zu hohe Erbschaftssteuer anfällt. Wer kauft es? Ein Investor, der saniert Luxus und die Mieten steigen um das doppelte. Konkretes Beispiel im Bekanntenkreis gerade gehabt.

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WIeso?

Verstehe auch diese Kritik nicht.

Und zuletzt: Was hat das mit der Kritik im Ausgangspost zu tun?

Warum? Wenn die Immobilie einen Wert hat, kann sie beliehen und die Erbschaftsteuer über die Mieteinnahmen abbezahlt werden.
Wird sie nicht vermietet, sondern selbst genutzt, ist die Immobilie aus dem Erbbetrag herauszurechnen und steuerfrei.

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Tut es nicht. Das eine ist eine Forderung, die Steuern auf Arbeit (Einkommenssteuer) zu senken. Das andere ist die Forderung, staatliche Zuwendungen, die zunächst mit der Gießkanne verteilt werden, in das (niedriger) zu versteuernde Einkommen einzurechnen.

So profitieren Geringverdiener stärker von der Zuwendung als Vielverdiener, sodass der Staat nicht unnötig Geld verliert, indem Vielverdiener gefördert werden. Dass beide unter’m Strich weniger Steuern zahlen als heute, ändert daran nichts.
Es sind zwei Konzepte für zwei Probleme, die sich wunderbar ergänzen.

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Hallo Martino, danke für diene Antwort. zu meinem Gedankengang: „Vielverdiener“ was ist das? Mit 3200€ netto im Monat ist man also Vielverdiener (man zahlt für die letzten Euro des Gehalts den Spitzensteuersatz) , das sind für einen Tag frei nehmen und auf Gehalt verzichten 130€ netto also ca. 17 Euro Stundenlohn (so viel wie schwarz arbeitende Putzfrauen in Großstädten locker verlangen). Wenn die zusätzlichen 300 Euro noch zusätzlich versteuert werden müssen, bleibt davon ca. die Hälfte über. Daraus folgt für mich: Für was noch viel arbeiten? Leistung lohnt sich nicht. Eher weniger arbeiten, das wirkt sich monetär kaum aus. Es ist Gleichmachung der Mittelgutverdiener (ca. 3000€ Netto) mit den weniger Verdienern (2000€ netto). Die These Arbeit lohnt sich nicht trifft m.E. voll zu für die „Mittelgutverdiener“ . Die Großverdiener (>5000€ netto Monat) interessieren die 300€ sowieso nicht.
was ich sagen will: Die Mitte wird zu stark belastet und ist dadurch wenig motiviert; Die Reichen finden Schlupflöcher und zahlen wenig steuern. Aber insgesamt schwierig eine gerechte Lösung zu finden… Vielleicht so eine?: jeder, und wirklich jeder ohne Ausnahme zahlt 15% Steuern aber dann ist eine ganzer Berufszweig arbeitslos…die Steuerberater.

Hallo Matti,
nur klappt die Beleihung für Mietwohnungen in den Immoblienblasenregionen nicht, denn die Preise pro qm (10000-20000€) korrelieren nicht mit den Mieteinnahmen (rendite 0,5%). Die Folge ist wie beschrieben: Der Erbe muss verkaufen (er hat dann genug Geld klar und er meckert auch nicht). Nur es geht der billige Wohnraum verloren (denn es gibt noch anständige Vermieter, die nichts dafür können dass die immobilienpreise so gestiegen sind und trotzdem die Miete nicht haifischmäßig erhöhen) . Im Gegensatz dazu der Investor, der Luxus saniert und die Miete verdoppelt.

Fazit: das Grundübel ist die laxe Geldpolitik (Schuldenpolitik) => Nullzins => Immoblase und Börsenhype + Rente nix mehr wert; der Kleinsparer kalt enteignet…

Wird nicht bei Mietgrundstücken das Ertragswertverfahren zu Grunde gelegt? Wenn aber die Erbschaftsteuer sich am Mietertrag bemisst, müsste dieser auch ausreichen, das Darlehen zurückzuzahlen.

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Und was ist das für ein Naturgesetz, nach dem Erben teurer Mietwohnungen in München grundsätzlich niemals Luxussanierungen machen um dann die Miete verdoppeln zu können, während „Investoren“ das immer tun?

Was ist überhaupt ein „Investor“ in dem Zusammenhang? Jemand, der nicht selbst in der Immobilie wohnt sondern damit Mietrendite erzielen will? Dann ist der typische Erbe ziemlich wahrscheinlich auch ein Investor.

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Quizfrage: Was ist der Unterschied zwischen einer legalen Vollzeitstelle und einer illegalen, selbstständigen Tätigkeit?

Wie von mir beschrieben, war es das ausdrücklich im Interview erwähnte Ziel, dass sich (a) Leistung und längeres Arbeiten mehr lohnt und (b) bei Leuten mit hohem Einkommen (und dazu zähle ich einen Single mit 3200€ netto) von den 300€ nicht so viel übrig bleibt.

Beim 1.5-fachen Nettoeinkommen von Gleichmachung zu sprechen, ist aber auch schon stark.

Und der Staat pleite, zumindest wenn du nicht die im Interview erwähnten Vermögenssteuern (oder andere Steuern) erhöhst.

Mal zurück zum eigentlichen Thema des Threads:

Ist es nicht eher so, dass gerade jeder, der kann, Gas hortet, und damit die Nachfrage unnatürlich hoch ist? Zudem scheinen die Lieferzusagen Russlands keiner Preisbindung zu unterliegen, oder wieso verdient Russland an den gestiegenen Energiepreisen?
Oder laufen die Verträge (also die Lieferzusagen) sogar demnächst teilweise aus?

Das sehe ich ganz anders, der Druck ist noch viel zu gering. Ich beobachte jedenfalls nicht, dass irgendwer weniger Auto fährt und kenne Fälle, die noch über eine neue Gasheizung nachdenken.
Dazu der Lobbyismus aus der Industrie, die erklärt, wieso sie besonders wichtig ist und das knappe Gas dringender braucht als die Haushalte. Dazu eine FDP, die den Druck mit Steuersenkungen abmildert.

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Auch wenn es ebenfalls nur Beobachtungen sind, kenne ich doch genug Personen, die jetzt darüber nachdenken auf Wärmepumpen umzustellen. Zum Teil sogar Menschen, die noch vor ein bis zwei Jahren gesagt haben, dass sie nicht von Gas weg wechseln wollen, weil es nun mal günstiger war. Da kommt also etwas Bewegung rein. Wenn man die Wärmepumpenbranche hört, dann sind die auch von steigender Nachfrage betroffen (Große Nachfrage nach Wärmepumpen: Warten statt heizen - taz.de). Klar ist da noch nichts gebaut aber ich gehe doch davon aus, dass sich etwas mehr tun wird. Außerdem fehlt es an Fachkräften und wie überall auch an Rohstoffen für Komponenten.

Kurzfristig passiert aber wenig, weil man eben nicht mal eben so umstellen kann. Das gilt ja auch für Öl. Klar kann man da auch sparsamer fahren, aber die meisten Fahrten müssen erst mal irgendwie gemacht werden. Könnte mir sogar vorstellen, dass das Ende der “Homeofficepflicht” sich da negativ auswirken wird.

Die Verträge unterliegen auf jeden Fall einer Preisbindung. Aber bei langfristigen Verträgen, wie es bei Take or Buy Verträgen in der Gaswirtschaft der Fall ist, liegt diese oft an irgendwelche Indizes gebunden vor. In der Praxis ist es deutlich komplizierter, aber vereinfacht dargestellt ist es in etwa so: Geht die Inflation allgemein oder ein spezieller Index (Ölpreis, da gibt es auch historisch eine Ölpreisbindung von Gas) nach oben oder unten, dann wird der Gaspreis entsprechend angepasst. Da die Preise aktuell alle nur eine Richtung kennen profitiert Russland eben auch bei den Langfristverträgen von steigenden Preisen.

Frage zum Verständnis an alle Ökonom*innen und Sachkundigen: wenn ich es richtig verstanden habe, spricht sich Marcel Fratzscher ja für Transferzahlungen und gegen die Deckelung von Preisen (speziell im Bereich Energie/Kraftstoffe/Mobilität) aus. In einem weiteren Themenblock im Interview wird er dann auch zu seiner Inflationsprognose befragt, und gibt zu Protokoll, dass er eine hohe Inflation für die nächsten Jahre für wahrscheinlich hält.

Mir drängt sich dann hier die Frage auf, ob die Transferzahlungen nicht auch weiteren Inflationsdruck erzeugen? Mehr Geld in den Taschen der Leute würde ja auch mehr Konsum begünstigen und die Preise weiter treiben, oder? Oder sind solche Transferzahlungen im big picture der Faktoren die die Inflation beeinflussen zu vernachlässigen? Würde mich sehr interessieren, was eure Meinungen und Expertisen dazu sind. Danke!

So wie ich es verstehe möchte er gerne zeitgleich aus Vermögen abziehen, besonders durch eine echte Erbschaftssteuer. Damit würde ein Ausgleich geschaffen der absolut notwendig wäre.

Der Grund warum Herr Fratzscher für Transfers anstelle von Subventionen oder Preisdeckelungen wirbt, ist dass Transfers Ergebnissoffen sind. Wenn der Staat Benzin subventioniert, dann bringt mir das nur was, wenn ich Benzin kaufe, d.h. damit regt der Staat die Nachfrage spezifisch nach Benzin an und das wollen wir ja eigentlich nicht. Im Falle eines Transfers kann der Konsument selbst entscheiden für was er das Geld investiert, also statt Benzin könnte man auch in ein neues E-Bike investieren, was ja genau das ist was wir wollen. Natürlich können Transfers auch einen Inflationären Effekt haben, weil sie den Konsum anregen und zusätzlich Cash in den Wirtschaftkreislauf pumpen, das könnte der Staat aber z.B. durch Interventionen an anderer Stelle (z.B. Steuererhöhungen) wieder regulieren, wenn er denn wollte.

  1. Wenn von einer Deckelung der Energiepreise die Rede ist reded ja niemand von einer echten Deckelung sondern von einer Steuersenkung/Subventionen und die haben relativ eindeutige Nachteile.
  2. Eine echte Deckelung i.e. „Der Maximale Preis für einen Liter Benzin ist 1,50. Wer mehr verlangt wird verhaftet“ würde natürlich nicht zu einer Insolvenz irgendwelcher Energiekonzerene führen, sondern einfach dazu, dass diese Ihre Produkte dort verkaufen wo sie mehr dafür bekommen, also z.B. in die USA oder nach Asien. Dann hätten wir halt eine Rationierung von Benzin, hätte ich persönlich kein Problem mit, denn ich fahre Fahrrad, aber man sollte sich schon bewusst sein, was man fordert.