LDN208 - Schlussfolgerungen zu Corona-Regeln

Lieber Philip, lieber Ulf,

Ich höre LdN seit der ersten Folge, aber einige eurer Aussagen in Folge 208 haben mich so verstört, dass ich sie nicht unkommentiert lassen möchte.
Das harmlose zuerst:
Ihr erwähntet beiläufig zu Beginn der Folge, dass mit dem Beherbergungsverbot die Herbstferien „de-facto abgeschafft“ werden (ca. bei 0:15:40). In meiner Kindheit (vor 30 Jahren) war es völlig normal, dass man nur einmal im Jahr in den Urlaub fährt und wir haben die Herbstferien immer daheim verbracht. Ich glaube, dass das auch heute noch für viele in Deutschland gilt. Ich denke, dass der Zirkelschluss Ferien=Reise nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung gilt und daher verströmt eure Aussage für mich doch ein klein wenig Standesdünkel. Ein ausgefallener Herbsturlaub (zusätzlich zu einem Sommer- und/oder Winterurlaub) ist aus meiner Sicht grundrechtlich nicht mit einem Demonstrationsverbot vergleichbar. Auch den Umsatzausfall der Urlaubsregionen zu bemängeln ohne das ins Verhältnis zu den Umsatzeinbußen der Gastronomie durch die Sperrstunde zu setzen (die ihr wiederum gut findet), fand ich sehr einseitig.

Corona: Reisebeschränkungen
Bei diesem Thema habt ihr mich schockiert.
Aussagen wie „bei 50 pos. Infektionen pro 100.000 Einwohner, das bedeutet, 950.000 Einwohner wurden nicht positiv getestet“ (ab ca. 0:17:10) hätte ich nicht von euch erwartet. Nach dieser Argumentationslogik sollten wir gar nicht testen, denn dann sind sogar 100.000 von 100.000 nicht-positiv getestet.
Das Hauptproblem der Verwendung der absoluten Zahl von 50 positiven Tests liegt doch darin, dass wir nicht wissen auf welcher Gesamtanzahl von Tests das Ergebnis basiert. 50 positive von 100 Tests sind logischerweise viel schwerwiegender als 50 positive von 10.000 Tests. Meines Wissens basiert die Zahl 50/100.000 auf der Maximalanzahl von Fällen, die mit den aktuellen Kapazitäten in den jeweiligen Gesundheitsämtern noch nachverfolgbar sind.
Wenn man aber annimmt, dass die Dunkelziffer ähnlich hoch ist, wie in der ersten Welle im Frühling (20 bis 30 Mal mehr Infizierte als positiv Getestete), dann könnten die 50 positiven pro 100.000 Einwohner in Wirklichkeit 1.000-1.500 positiven Fällen pro 100.000 Einwohner entsprechen. Vor diesem Hintergrund zu sagen, es ist ausreichend, nur die 50 zu isolieren und die restlichen 950-1.450 theoretisch positiven zu ignorieren, halte ich für sehr fahrlässig.

Corona: Erstmal die bestehenden Maßnahmen besser umsetzen
Auch hier fand ich eure Argumentation etwas zu polemisch. Ihr selbst habt in diversen Episoden vor Corona den Personalmangel in der Verwaltung und Polizei (insbesondere in Berlin) angeprangert. Einer meiner Freunde ist Polizist in Berlin und dort wurden im Frühjahr/Sommer 12-Stundenschichten gefahren, um dem coronabedingten Mehraufwand gerecht zu werden. Das ist aber kein Mittel für alle Verwaltungen. Wo sollen denn die Kontrolleure herkommen, um zusätzlich tausende Kneipen und Restaurants sowie den gesamten ÖPNV flächendeckend zu überwachen?
Die einzige Reserve an Staatsbediensteten, die mir einfiele, wären Bundeswehrsoldaten. Aber niemand sollte sich in einer Demokratie wünschen, dass Soldaten die Einhaltung von Maskenpflicht und Sperrstunde kontrollieren! Insbesondere vor dem Hintergrund des Verbots des Einsatzes der Bundeswehr im Inneren.
Daher ist die Forderung nach einer besseren Kontrolle bestehender Maßnahmen bei unverändertem Personalaufkommen im öffentlichen Dienst doch recht illusorisch.
Im allgemeinen ist unser gesamtes Verwaltungssystem doch nie für einen solchen Pandemiefall gebaut bzw. entworfen worden. Daher sollten wir alle doch uns hinterfragen, ob unsere Handlungen im Rahmen einer sich exponentiell ausbreitenden Pandemie angemessen sind, oder ob wir uns nicht lieber selber zurücknehmen sollten, um erst gar nicht diesen Druck auf ein eh schon überfordertes Verwaltungssystem aufkommen zu lassen.

Abschließend möchte ich euch aber trotz meiner Kritikpunkte für die vielen Stunden LdN danken und ich hoffe, dass noch viele weitere folgen.

Die Aussage ist mir auch aufgefallen und ich habe sie als Versprecher ignoriert. Es sind doch 50 positive Infektionen pro 100.000 Einwohner. Heißt es sind nicht positiven Tests geteilt durch die Tests insgesamt, sondern geteilt durch die Anzahl an Einwohnern. Die negativen Tests spielen bei diesem Wert überhaupt keine Rolle.

Blockquote
In meiner Kindheit (vor 30 Jahren) war es völlig normal, dass man nur einmal im Jahr in den Urlaub fährt und wir haben die Herbstferien immer daheim verbracht. Ich glaube, dass das auch heute noch für viele in Deutschland gilt. Ich denke, dass der Zirkelschluss Ferien=Reise nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung gilt und daher verströmt eure Aussage für mich doch ein klein wenig Standesdünkel. Ein ausgefallener Herbsturlaub (zusätzlich zu einem Sommer- und/oder Winterurlaub) ist aus meiner Sicht grundrechtlich nicht mit einem Demonstrationsverbot vergleichbar.

Ich bin in meiner Kindheit vor 15-30 auch nur maximal einmal im Jahr in den Familienurlaub gefahren. Es gibt aber durchaus Familien, die den einmaligen Jahresurlaub in den Herbstferien veranstalten. Von daher würde ich nicht automatisch Standesdünkel unterstellen, wenn man den Wegfall des Herbsturlaubs bedauert. Im Herbst gibt es auch oftmals günstigere Angebote als zur Hochsaison, so dass Menschen mit weniger Geld sich möglicherweise eher im Herbst zum Wegfahren entschließen. Dieses Jahr kommt noch dazu, dass manchen Menschen vielleicht das Phänomen der zweiten Welle nicht bewusst war und sie Urlaub daher lieber für den Herbst als für den Sommer buchen wollten.

Diese 1-2% der Bevölkerung als Maßstab zu nehmen um die steile These, dass Reiseeinschränkungen in den Herbstferien diese „faktisch abschaffen“ würden, zu untermauern, bleibt dennoch eine ziemlich gewagte Position. Für die meisten Schulkinder, die ich kenne, bedeutet „Ferien“ nicht in erster Linie „Reisen“, sondern „keine Schule“ - und das ist weiterhin gegeben. Für die meisten Familien mit Schulkindern, die ich kenne, bedeutet „Ferien“ auch nicht in erster Linie „Reisen“, sondern „die Kinder sind zuhause und müssen da irgendwie betreut/bespaßt werden, während die Eltern weiterhin arbeiten“. Dass man eine Reise mit Übernachtungen macht, ist die Ausnahme, nicht die Regel (meist, aber nicht immer, in den Sommerferien), die Regel sind maximal Tagesausflüge oder Dinge wie ein Wochenende lang weiter weg wohnende Verwandte besuchen.

Es ist und bleibt eine Übertreibung, von „faktischer Abschaffung“ zu sprechen. Ich bin auch kein Fan der Beherbergungsverbote, aber nicht, weil diese irgendwelche Herbstferien abschaffen würden, sondern weil sie wenig zur Eingrenzung der Pandemie beitragen und die Akzeptanz für Maßnahmen, die sehr viel besser an den aktuell problematischen Stellen ansetzen, massiv beschädigen. Beispielsweise zu nennen wären rigorosere Einschränkungen für private Feierlichkeiten samt gnadenloser Durchsetzung dieser - plakativ gesprochen: ich will Brautpaare in Social Media rumheulen sehen, deren ausladende 200-Personen-Feiern von einem Trupp Polizisten aufgelöst wurden, und ich will, dass die Resonanz darauf nicht „och, die armen Leute, sind Opfer des bösen Staatsapparats geworden“ ist, sondern „selbst schuld, es war kein Geheimnis, dass Großfeierlichkeiten diesen Herbst/Winter ein No-Go sein würden“!

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Wenn man aber annimmt, dass die Dunkelziffer ähnlich hoch ist, wie in der ersten Welle im Frühling (20 bis 30 Mal mehr Infizierte als positiv Getestete), dann könnten die 50 positiven pro 100.000 Einwohner in Wirklichkeit 1.000-1.500 positiven Fällen pro 100.000 Einwohner entsprechen.

Im aktuellen UKW-Corona-Podcast (UKW038 wird auf das Blog DunkelzifferRadar-Covid19 (https://covid19.dunkelzifferradar.de/) verwiesen, um die Größenordnung der Dunkelziffer zu bewerten.
Dort im Podcast wurden folgende Zahlen genannt:
erste Welle: Dunkelziffer 5-7 mal so hoch wie erfasste Werte
jetzt: Dunkelziffer 2-3 mal so hoch wie erfasste Werte.

Damit möchte ich meine Aussagen aus dem Startpost korrigieren. Aber auch bei diesen Werten würde ich die restliche Argumentation–wenn auch in jetzt abgeschwächter Version–beibehalten. Dennoch können wir froh sein, dass es weniger schlimm ist, als ich hier zuerst befürchtete.