LdN204 Antisemitismus

Ich höre gerade die aktuelle Lage und muss jetzt einfach mal einen Kommentar schreiben weil ich eines nicht verstehe.
Ich habe total nichts gegen Juden, ich möchte nur die Gründe verstehen.
Es wurde erwähnt das es bewaffnete Wachen vor den jüdischen Schulen gibt. Aber warum geht ein jüdisches Kind nicht auf eine ganz normale Schule? Warum muss es eine jüdische Schule sein? Wäre es nicht hilfreich für die Integration und die Akzeptanz wenn ich als Kind schon im Schulalltag mit jüdischen Mitschülern in Kontakt komme?
Ich meine, es würde mir auch seltsam vorkommen wenn auf einmal alle Moslems sagen sie gehen nur noch in entsprechend eigene Schulen. Oder wenn die christliche Kirche jetzt anfängt und alle Christen nur noch in christliche Schulen gehen dürfen.

Also das Wachen vor Schulen stehen müssen geht gar nicht. Egal vor welcher Schule.
Ich frage mich einfach, wie oben erwähnt, ob es nicht weniger Feindlichkeit gegen Juden geben würde wenn die Kinder bereits in jungen Jahren merken „das die auch ganz normal sind“, mal salopp gesagt.

Vielen Dank fürs aufschlauen.

2 „Gefällt mir“

Hallo,

über das Berliner Moses-Mendelssohn-Gymnasium wurde in den letzten Jahren schon sehr viel berichtet. Nach Aussagen vieler Schüler, bleibt eine dezidiert jüdische Schule dann als einziger Rückzugsraum, wenn man von anderen Schulen weggemobbt wurde. Wenn man im Wedding oder Neukölln schon mit Kippa auf dem Kopf seines Lebens nicht sicher sein kann, wird ein Schulbesuch dort auch keinen Spaß mehr machen.

Daher würde ich die Zahl von Kindern, die auf eine jüdische Schule geschickt werden, um den gröbsten Problemen aus dem Weg zu gehen, nicht unterschätzen.

1 „Gefällt mir“

Die Argumentation über die Kontakt Hypothese, Akzeptanz und Integration durch „normale Teilnahme an der Massengesellschaft“ etwas schwierig. Zum einen basiert das Konzept auf einer Art sichtbarmachung und Kontakt. Nur wie Roland hier schon beschreibt führt die Sichtbarmachung eben schon zu Gewalt und Ausgrenzung. Daher gibt es auch die Empfehlung öffentlich keine jüdischen Symboliken (wie Kippas) zu tragen.
Zum anderen ist der Begriff der Integration in dem Sinne etwas Problematisch, da dieser selbst, wenn man diesen nicht gleichsetzt mit Assimilation (dies ist oft der Fall), zumindest eine Offenheit für die Kultur der Massengesellschaft fordert. Dies würde jedoch Juden unterstellen sie müssten dies tun. Nur sind Juden längst teil der gesamten deutschen Gesellschaft und waren es schon immer. Die meisten Juden hier sind Deutsche seit mehren Generationen. Das Problem ist hier der virulente Antisemitismus der sich durch die gesamte deutsche Kultur zieht seit Jahrhunderten. Die Bringschuld liegt beim Rest.

und wie Roland schon anmerkt, sind Antisemitische Aussagen an Schulen Alltag. Dem muss man sich schlicht nicht aussetzen. Es sind natürlich auch nicht alle Juden an jüdischen Schulen. Jüdische Schulen sind keine Segregation sondern ein notwendiger Safespace.

Eine andere Sache im Bezug auf die Schulen ist auch inwiefern diese auch Möglichkeiten bieten über jüdische Kultur und Religion zu lernen. Das weiß ich jedoch schlichtweg nicht.
Vielleicht hat da jemand hier Ahnung von ?

Zum Vergleich mit anderen Religionen, Christen sind die Massengesellschaft und im Bezug auf die Debatte, um das Kreuz in bayrischen Schulen, könnte man wohl eher argumentieren, dass deustche Schulen zumindest in der tendenz christlichen Schulen sind, gerade auch im Bezug auf die Lehre anderer Religionen. Ich will hier die islamphobie und den Rassismus nicht kleinreden, jedoch gab es die Debatte um die Kreuze erst im Bezug auf Muslime und nie im Bezug auf Juden.

Für einen gemeinsamen Unterricht müssten sich die nicht-jüdsichen Schulen bewegen. Entsprechend Hilfen für betroffene anbieten, Schulungen zu Antisemitismus und exkursionen mit Bezug zur jüdischen Kultur (jenseits der Shoa).
Dabei könnte man auch grundsätzlich integrativere Konzepte anbieten. Es gibt ganz gute Studien zum interreligiösen Unterricht bspw.

und noch eine grundsätzliche Kritik zur Kontakt Hypothese. Es ist durchaus nicht selten, dass Menschen unterscheiden zwischen „guten“ Repräsentanten der Feindbildgruppe und „schlechten“ die Frage ist jedoch ob man als Person in die Ambiguitäten innerhalb einer Gruppierung einordnen kann in dem man diese auch als Individuen begreift. Ohne diese grundsätzliche Perspektive hilft Kontakt nicht zwangsläufig dabei Antisemitismus oder Rassismus abzubauen.

3 „Gefällt mir“

Tolles Interview mit Ronen Steinke.

Daran, dass jüdische Einrichtungen bewacht werden müssen, dürfen wir uns wirklich nie gewöhnen.

Schade nur, dass dabei von Philip behauptet, wird ein Staatsanwalt in Berlin hätte bei einem Verfahren „buddy, buddy“ mit einem (rechtsextremen) Tatverdächtigen gemacht

Denn nach entsprechender Überprüfung sieht die Berliner Generalstaatsanwältin keine Anhaltspunkte für eine Befangenheit von Staatsanwälten in diesem Zusammenhang (Tagesspiegel vom 19.08.2020).

Es wäre schön, wenn das richtigstellt wird. Es erzeugt ein falsches Bild.

Grüße Fitz

2 „Gefällt mir“

Thema Neuköln-Komplex und (angeblich) Befangene Staatsanwaltschaft

Das ist nicht wahr, er spricht von „angeblich“. Und das ist ja korrekt: direkt link zur Stelle LdN204 1:02:05

Ich fände es gut wenn man Artikel auf die man sich bezieht auch verlinkt. Ich nehme jetzt mal nur Tagesspiegel, erstmal die Vorgeschichte zur Dokumentation und Einordnung:

ich darf nur zwei Links daher so

www. tagesspiegel punkt de/berlin/polizei-justiz/der-neukoelln-komplex-koppers-greift-gegen-oberstaatsanwalt-f-durch-was-ist-da-los/26073874.html

www. tagesspiegel punkt de/berlin/polizei-justiz/rechtsextremistische-anschlaege-in-neukoelln-drueckte-der-staatsanwalt-wegen-afd-sympathien-ein-auge-zu/26069882.html

" [E]s gebe bislang keine Beweise für den Verdacht, es handle sich bislang nur um eine These. Die beiden Beamten seien angehört worden. […] Sie [,die Generalstaatsanwältin ,] habe deshalb zum Schutz der Staatsanwälte und der Ermittlungen sowie aus Rücksicht auf die Opfer das Verfahren an sich gezogen, erklärte Koppers. Allein der Verdacht, dass die Behörde nicht neutral ermittle, wiege so schwer. Nach Informationen des Tagesspiegel soll einer der Staatsanwälte um Versetzung gebeten haben, der andere in eine andere Abteilung umgesetzt werden."

Ich vermute mal das das hier der Artikel ist den du (nehme ich mal an) im Print gelesen hast:

„Koppers hatte beide vor knapp zwei Wochen versetzt und das Verfahren an sich gezogen. Inzwischen erklärte sie, es gebe *keine Anhaltspunkte für eine Befangenheit der beiden.“

Meiner Meinung nach ist das eine Schutzbehauptung. Man zieht nicht Ermittlungen an Sich wenn Vorwürfe abstrus sind, auch nicht auf Bitte von einem der Staatsanwälte. Warum sollte der Angeklagte in einem Abgehörten Telefonat lügen? Vielleicht um anzugeben vor der Person mit der er telefoniert hat, das wäre plausibel. Aber ein Anhaltspunkt ist das schon.

Die These, dass die Exekutive und Judikative eher Autoritär und Konservativ als Liberal und Progressiv sind ist schon plausibel.

Wow, ich hätte das nicht so schlimm erwartet. Also ich bin in Essen geboren und aufgewachsen und da gibt es auch eine große Synagoge die ich als Schüler auch einmal besichtigt habe. Echt toll dort. Ich kann mich auch nicht erinnern das dort je Wachen standen oder jemand beschützt werden musste. Wenn das in Berlin so krass ist dann bin ich echt erstaunt über meine Mitmenschen die dort leben.
Sollte man das unbekannte nicht eher neugierig als abweisend angehen?

Ich bin voll dafür den klassischen Religionsunterricht nicht zu christlich zu halten sondern wirklich als Unterricht allgemein über Religionen dieser Welt. Da schließe ich auch keine aus. Da könnte man auch aktuelle religiöse Debatten oder Ereignisse neutral analysieren.
Ich bin aber auch damals aus dem Religionsunterricht ausgetreten sobald ich das durfte, das war mir einfach zu christlich missionierend, zumindest an meiner Schule damals.

Ich weiß auch nicht was die besste Lösung wäre, aber ich hätte erwartet das ein freundliches und offenes Miteinander in einer gemeinsamen Schule mit einem gemeinsamen Unterricht über Religion da doch eher positiv wirkt. Kann ich denn hassen was ich verstehe?
Ich muss nicht jede Religion als toll empfinden, aber zumindest versuche ich bei allen Religionen zu verstehen was die jeweiligen Beweggründe sind. Und meiner Erfahrung nach (hatte bisher nur Gespräche mit Moslems oder Buddhisten, bin selber Christlich erzogen worden damals) waren alle immer freundlich und haben mir die jeweiligen Schriften oder Auszüge aus den jeweiligen heiligen Werken gezeigt oder drüber gesprochen.
Was die Kippa angeht. Manchen steht sie, manchen nicht. Aber jeder darf seinen Kopf doch bedecken womit er möchte. Ich verstehe den Hass in den Köpfen mancher Menschen einfach nicht.
Vielleicht bin ich einfach eine zu friedliche Natur, wer weiß.

1 „Gefällt mir“

Ich fand das Interview gut. Ich habe mich allerdings erschreckt, als Herr Ronen Steinke von Massenmigration sprach und damit einen durch Rechte gepflegten Begriff relativ unreflektiert benutzt.

Thema Antisemitismus und Stunde Null

Vor allem direkt nach dem zweiten Weltkrieg war die These der „Stunde Null“ beliebt. Kurzgefasst: Nach der Befreiung durch die Alliierten war der Faschismus vorbei. Alle die das Reich gestützt haben waren entweder selber Opfer der Umstände oder wurden abgeurteilt und sind jetzt weg. Die Bundesrepublik ist frei von Faschismus und konnte bei neu anfangen. Eine neue Zeitrechnung fing an, eben eine Stunde Null.

Ich bin Jahrgang 90, nicht mehr ganz jung, aber definitiv zu jung um die Diskussion in den 50er und 60er Jahren mitbekommen zu haben. Aber über die Jahre habe ich dann doch immer wieder Fälle mitbekommen, die für mich Kontinuitäten darstellen:

Ich habe auch keinerlei Erinnerungen daran in meinem Leistungskurs Geschichte die offenbar unzureichenden Versuche der Entnazifizierung der Judikative oder Exikutive behandelt zu haben.

Von der Filbinger Affäre habe ich trotz Schulbesuch in Baden-Württemberg erst im Zuge dessen erfahren, das Günther Öttinger bei der Grabrede Geschichtsklitterung betreiben wollte. Filbinger (Marinerichter und später Ministerpräsident von BW) hatte noch 4 Todesurteile unterschrieben als das Reich schon im Niedergang war und darüber gelogen. Öttinger hat Filbinger im „geistigen Widerstand“ verortet.

@vieuxrenard das wäre vielleicht ein Thema für ein Spezial. Wie hat man das den mit der Entnanzifizierung der Judikative versucht? Und wie kann man das vielleicht in Zukunft bei ähnlichen Anlässen besser machen?
Mir ist klar, das Juristen nicht auf Bäumen wachsen, also einfach alle raus schmeißen die sich an der Unrechtsjustiz beteiligt haben war wohl nicht möglich. Hier etwas der Bundeszentrale für politische Bildung zur (gescheiterten) Entnazifizierung der Judikative.

Noch heute heißen juristische Standardwerke nach Nazis und es existiert offenbar nicht genug Druck um das zu ändern. (Artikel dazu)

Bei Kasernennamen u.Ä. das selbe Problem mit Ehrengedenken an Nationalsozialisten.

Während der Faschist Höcke offenbar im Schuldienst verbleiben kann, musste sich ein antifaschistischer Lehrer durch die Instanzen klagen um einem Berufsverbot zu entgehen.

Ein Polizeianwärter gibt 2018 auf weil er nicht mehr mit Rechtsradikalen lernen will. Er war offenbar damit in der Minderheit und Opfer von Mobbing.

„Sieg Heil“ schallte es auch nach 45 aus deutschen Polizeischulen, zuletzt im Januar

Wir haben einen Innenminister der HIV-Positive in Lagern konzentrieren wollte , der eine Spitze des Verfassungschutz stützte, der die SPD für Linksextrem kontrolliert hält.

Der NSU und NSU 2.0 , Brandstiftung an einer Synagoge ist Israelkritik laut Gericht, überhaupt Isrealkritik steht im Duden…

Die Liste könnte noch viel weiter gehen. Mein Punkt ist, es entsteht bei mir ganz persönlich der Eindruck: Beim Thema „Antisemitismus“ kann man sich auf den Deutschen Staat im Zweifelsfall nicht verlassen. Ich bin es satt, dass wenn Sorgen ernst genommen werden von Politiker*innen es in aller Regel darum geht Rassismus u.Ä. als legitimes politisches Anliegen zu framen. Sorgen wie meine (und vermutlich vielen Leuten hier) dagegen gefühlt ausgesessen werden. Herrn Steinkes Buch scheint ein ähnliches Fazit zu haben, es kommt auf meine Leseliste.

Auch von mir Danke für das Interview, es ist wirklich gut eine Innensicht zu hören. Detail was mir gefehlt hat: Die Gemeinde in Halle hat um Polizeischutz gebeten und ihn nicht bekommen. Im Interview könnte der Einruck entstehen, dass wenigstens Polizeischutz für Synagogen und jüdische Schulen die Regel ist in Deutschland.

Rechtsextremer vs. Islamistischer Antisemitismus

Herr Steinke schildert eindrücklich die Aspekte und Auswirkungen von Antisemitismus in Deutschland. In seiner Analyse und in seinen Beispielen beschränkt er sich dabei weitestgehend auf rechtsextremistische Motive.

Im Gegensatz zur Polizeilichen PKS, deren politischen Zuordnungspraxis kontrovers diskutiert wird, deuten mehrere Erhebungen und Befragungen der letzten Jahre auf einen hohen Anteil islamistisch motivierter Vorfälle und Angriffe hin.

https://uni-bielefeld.de/ikg/daten/JuPe_Bericht_April2017.pdf

oder

Die Ursachen und Hintergründe von rechtsextremistischem und islamistischem Antisemitismus dürften sich in zentralen Aspekten voneinander unterscheiden. Demnach werden auch unterschiedliche Lösungsansätze und Gegenmaßnahmen für beide „Tätergruppen“ notwendig sein.

Ist es daher zielführend, eine Seite des Problems so auszublenden? Oder ist das nur im Interview geschehen und beide Aspekte werden im Buch ausführlicher beleuchtet?

Ich finde die Innenperspektive sehr interessant, ich bin davon sehr weit weg. Aus der Entfernung scheint sich der leidvolle Narrativ einer derart langen Historie von Opferzuweisungen in das Selbstbewusstsein der Gemeinden eingebrannt zu haben.

In der öffentlichen Diskussion finden sich zum größten Teil negative Meldungen, es geht um Antisemitismus. Daraufhin muss dem etwas entgegen gesetzt werden. Es ist ein anti gegen ein bereits vorhandenes anti. Diese Reaktion – deren moralischen und inhaltlichen Charakter ich mit ganzem Herzen unterstütze – befeuert den destruktiven Kreislauf.
Wie kann ein positives Bild wachsen?
Dem notwendigen Abbau einer alten Vorstellung (Antisemitismus bekämpfen) muss doch nun ein konstruktiver Part folgen, oder nicht? Es braucht eine schöpferische Phase, um Erinnerungen und Bilder zu schaffen, die ein intuitiv positive oder neutrale Reaktion gegenüber Juden weckt. Das würde wohl eine langfristige Stabilität schaffen.

Zum Polizeischutz: im Interview schildert Ronan Steinke beide Polizeiszenarien als sehr negativ, sowohl fehlender Schutz als auch die Präsenz als stark unangenehm. Mich würde interessieren ob es gut funktionierende Gesprächsforen zwischen Gemeinde und Polizei gibt, um dort praktikable und passende Lösungen zu finden?

1 „Gefällt mir“

Blick ins Inhaltsverzeichnis des Buches hilft direkt: Es gibt ein Kapitel Kulturrabatt Terror von muslimischen Antisemiten S. 83 folgende.

Die Fokusierung auf das größere und aktivere Täterfeld würde ich nicht als ausblenden sehen. Man kann in einer Lage nicht über alle Aspekte reden. Es findet eben eine Journalistische Auswahl statt.

Dein erster Absatz klingt sehr unglücklich. Ein wenig so als sei die Angst der Gemeinden relativ zu den Übergriffen zu hoch. Gerade der Begriff Selbstbewusstsein impliziert stark eine Art von Mangel im Selbstbild. Im Kontrast basieren die Sicherheitsvorkehrungen jedoch auf Risikoabschätzungen, welche nicht zuletzt auch daher strengere Sicherheitsvorkehrungen vorsehen, da Übergriffe insbesondere konkrete Attentate zugenommen haben.

gerade hier in Dresden haben sich die jüdischen Gemeinden erst private Sicherheitsfirmen geholt als die Übergriffe im Zuge der Pegida Märsche zunahmen.

Weil es auch in einem anderen Thread zu Demonstrationen angemerkt wurde, mal grundsätzlich zu der Vorstellung die „reine“ Kritik und eine positive Alternative würde sich ausschließen. Beides gehört zusammen, ein positives ist ein Produkt der Kritik. Zu mal man immer wieder beobachten kann, dass die Kritik noch nicht weit genug geht. Es herrscht sehr wenig Verständis dafür was Antisemitismus jenseits des Holocauts ist. Das verdeutlichte nicht zuletzt die FR mit ihrer Überschrift: „Der ewige Netanyahu“.

Zum anderen positive Erinnerungen, Bilder oder Reaktionen zu schaffen wird den Antisemitismus höchstwahrscheinlich nicht auflösen. Antisemitismus ist kein Rassismus oder Kulturkonflikt. Gerade der moderne Antisemitismus hängt eng zusammen mit Vergesellschaftung im Kapitalismus. Es entsteht der Versuch abstrakte gesellschaftliche Prozesse als konkretes weltüberspannendes Machtverhältnis zu fassen. Daher hängen Verschwörungsideologien auch so eng mit Antisemitismus zusammen. Dabei entsteht ein abstraktes Bild von „dem Juden“. Die konkrete jeweilige jüdische Kultur ist irrelevant für das abstrakte Feindbild.
Dies bedeutet jedoch nicht wie ich oben bereits geschrieben habe, dass interkultureller und religiöser Austausch sinnlos wären, nur muss die Kritik und der Kampf dagegen aufrecht erhalten werden.

Ich versuche mal, es so zu erklären, wie es mir vorkommt.
Korrigiert oder ergänzt gern, wenn Ihr möchtet!

Menschen, die keine Verantwortung für ihr eigenes Handeln tragen oder ihr Leben nicht selbst in die Hand nehmen wollen, suchen gern Sündenböcke. Da sind alle, die „anders“ sind (wg. Religion, Geschlecht, sex. Identität und Orientierung, Herkunft etc.) immer gern genommen. So kann man sich mit allen verbünden, die auch „normal“ sind und somit eine Mehrheit bilden. Dass sie damit ihre eigentlichen Probleme gar nicht lösen, sehen sie nicht.

Dazu kommt die Angst vor allem, was anders/neu/ungewohnt ist, denn Menschen ordnen ihre Umgebung gern in einfache Schubladen: z.B. es gibt Männer und Frauen, Männer tragen nur kurze Haare, nur Frauen tragen Kleider, rosa ist eine Mädchenfarbe, Jungen spielen nicht mit Puppen, man ist katholisch oder evangelisch, aber alle feiern Weihnachten, es gibt Deutsche und Ausländer (=Menschen, die nicht von hier sind und die eigentlich woanders hingehören) usw.
Wenn jetzt jemand „aus der Reihe tanzt“ und etwas ganz anders macht, braucht man schon ein gewisses Selbstvertrauen, um zu sagen: „Aha, so kann man das auch machen, interessant! Ich mache es auf meine Weise, aber die Leute da machen das anders und das ist alles okay.“ Wer nur mit simplen Schubladen erzogen wurde, hat Angst, dass seine Weise, Dinge zu tun, gar nicht „die richtige“ ist oder dass diese Weise sogar verboten werden könnte, sobald man das andere zulässt. Wir kennen doch diese Sprüche, dass wir jetzt alle schwul werden müssen, nur weil es jetzt die Ehe für alle gibt. :roll_eyes:

Letztendlich gibt es noch Vorurteile, die sich hartnäckiger halten als jede andere Information, vor allem wenn sie als „lustiger Spruch“ („Frau am Steuer, ungeheuer“) daher kommen, in Kinderliedern (10 kleine Ihr-wisst-schon-wer) besungen werden, in Märchen erzählt werden (Stiefmütter sind immer böse) usw. Solche Dinge prägen in der Kindheit unser Unterbewusstsein und später unser Denken. Um dagegen anzukommen, muss man schon sehr reflektiert sein und drüber reden. Aber das wollen viele Leute nicht, vor allem, wenn sie dadurch ihre eigenen Denkmuster hinterfragen müssen und zugeben müssen, dass sie bisher etwas falsch gedacht haben.

1 „Gefällt mir“

Mir hat das Interview auch sehr gefallen.
Vor allem hab ich endlich mal den Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus verstanden. Vielen Dank!

Vorurteile, Xenophobie und Abgrenzung spielen mit rein sind jedoch nicht das selbe wie Rassismus oder Antisemitismus. Hinter ersterem liegt eine dezidierte Machtstruktur, welche diesen auch zu einer ökonomischen Kategorie macht und auf Herrschaft abzielt. In diesem Sinne sind die Vorurteile zwischen Deutschen und Franzosen (oder, wenn man den Akzent imitiert) kein Rassismus.
Zweiteres ist die Absonderung und Vernichtung dessen was Antisemiten für zersetzend halten.
Beides sind abstrakte Kategorien und nicht identisch.

Beide haben historische und kulturelle Komponenten die sehr weit zurückreichen und die sich anpassen.
Nicht zuletzt: Juden waren nicht anders und häufig gar nicht als diese zu erkennen. Wie Adorno selbst beschreibt er wurde durch die Nazis zum Juden gemacht. Obwohl Marx selbst Konflikte mit jüdischen Religion hatte und teilweise Antisemitische Stereotype bediente, wurde er von Bakunin zum Juden gemacht. Hier geht es nicht um Assimilation contra Pluralität. Der Antisemit hält Juden für eine kulturzersetzende Rasse außerhalb der Rassen.

Im Rassismus sind die niederen Rassen nicht einfach anders sie sind schlicht unfähig dazu Kultur zu produzieren. In den Augen des Rassisten kann man niedere Rassen domestizieren aber nicht integrieren.
In dem Sinne geht es hier nicht um Andersartigkeit. Denn diese wird konstruiert und verabsolutiert. Es wird entscheiden welche Unterscheidungen relevant sind welche nicht - mit anderen Worten gewisse Merkmale (Hautfarbe etc) werden signifikant.

1 „Gefällt mir“

Danke!

Mir scheint, es geht hier um zwei Dinge, die ineinander übergehen.
Zum Einen sind da Rassisten und Antisemiten, die ganz bewusst ein Feindbild aufbauen, um Macht zu gewinnen.
Zum Anderen geht es um die Grundhaltung von Menschen, die etwas Neuem begegnen, das sie noch nicht kennen. Und je nachdem, wie sie in ihrer Kindheit geprägt wurden, sind sie offen und neugierig oder abwehrend und abwertend, egal ob es nun um Religion, Hautfarbe oder sex. Orientierung geht.

Aber vielleicht liege ich da auch falsch, denn mich irritiert, dass es z.B. queere Leute gibt, die Rassisten sind und dass Menschen, die selbst von Rassismus betroffen sind, antisemitisch sein können. Ich hab sogar schon queere Menschen erlebt, die sich klar sexistisch äußern. Ich verstehe das nicht. Wahrscheinlich denke ich da zu eindimensional.

Da würde ich dir zustimmen Prägung bzw. Sozialisation und die daraus resultierende Offenheit sind wichtige Stellschrauben. Interessant ist hier auch die Einordnung neuer Erfahrungen im Bezug auf das bereits erlernte und inwiefern man hier in der Lage ist differenzieren zu können. Dazu ist eine gewisse Ambiguitätstoleranz enorm wichtig gerade, wenn man neue Erfahrungen macht. der Dlf hat das ganz gut aufgearbeitet: https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=797223

ich würde zur Unterscheidung zwischen bewusster Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und der Offenheit jedoch noch die unbewusste hinzufügen.
Eeben weil Rassismus und Antisemittismus fester Teil unserer Geschichte und Kultur sind wird man auch entsprechend sozialisiert. Die Frage ist hier inwiefern man es reflektieren und dazu bereit ist dies zu hinterfragen.
ich als Cis-Mann kann gar nicht negieren, dass ich sexistisch sozialisiert wurde (natürlich in unterschiedlichen Graden). Ob überkommende Geschlechtsbilder in der Familie, die frühe Sexualisierung durch die Medien oder der männliche Konkurrenzkampf auf den Schulhöfen, ob subtil oder explizit, man kann nicht alles immer sofort erkennen und nimmt es auf.
Entsprechend kann man es auch nicht einfach loswerden in dem man sich Wertmaßstäben verpflichtet, einen Workshop zu kritischer Männlichkeit macht und nur oft genug betont man sei Feminist. Ein dummer witz, eine nett gemeinte Aussage hier, ein überbordender Sexualtrieb da. Auch, wenn man meisten darauf achtet die Sozialisation kommt meistens irgendwann wieder hoch (wenn auch unterbewusst), wie das gammlige Essen von gestern abend.
Das unter Kontrolle zu bringen ist ein ständiger Reflexionsprozess bei dem man nicht davor zurückschrecken sollte sich die eigene Prägung zugestehen und sich bei Fehlverhalten einfach zu entschuldigen.
Hierbei besteht auch, wenig Gefahr die meisten Menschen sind tolerant und begrüßen die eigne Reflexion. Daher muss man hier auch nicht unsicher sein.

Zu Homonationalisten, dies zeigt wie stark der kulturelle Einfluss ist, wenn man scheinbar gegen seine eigenen Interessen handelt.
Mal eine völlig unbelegte These dazu: Vielleicht ist es eine gewisse Unsscherheit mit der eigenen Sexualität und Geschlechtsbild. Die rechtsextremen setzen sich sehr stark für eine Sexualität und Geschlechtlichkeit ein die im Privaten stattfindet, dies läuft den Debatten um Sichtbarkeit und Anerkennung stark entgegen. Eine gewisse „Unsicherheit“ in der Bewertung der eigenen Sexualität, verstärkt durch die kulturelle Konnotation der starken und unnatürlichen Devianz, könnte eine gewisse Freiheit im Privaten versprechen. Nicht zuletzt durch die stark Dethematisierung devianter Sexualität muss man sich auch weniger mit sich selbst beschäftigen.
Daher gibt es auch homosexuelle in rechtsextremen Kreisen (NPD, Kameradschaften etc.) obwohl diese meist mit Pädophilen gleichgesetzt werden.

Kleine Annekdote: Es gab mal einen kleinen Kulturkampf in der deutschen rechten Szene, um die Bewertung von Homosexualität. Ein homsexueller rechter wollte es positiv besetzen, in dem er über die Herabsetzung der Frau als schwaches Geschlecht herleitete, dass Homosexualität die entgültige Befreiung vom schwachen hin zum Starken (männlichen) sei. Wurde natürlich nichts.

1 „Gefällt mir“

Ich bin seit ein paar Jahren etwas entspannter im Umgang mit meinen eigenen rassistischen, sexistischen und sonstwie diskriminierenden Impulsen. Ich betrachte es als Lernprozess. Jemand sagte mal, eine rassistische Bemerkung ist wie eine offene Hose. Wenn Dich jemand darauf aufmerksam macht, dann mach die Hose halt zu und sag kurz: „Ups, wie peinlich. Sorry.“ Da regt man sich ja auch nicht darüber auf, dass man ja gar nichts mehr anziehen dürfe oder rennt gar nur noch mit offener Hose rum. Man achtet halt in Zukunft besser drauf, diese Hose nicht mehr offen zu lassen. Leider hat man meist mehr als eine Hose im Schrank. :wink:

Die Anekdote kenne ich umgekehrt auch: Männliche Homosexualität sei der Gipfel der Frauenfeindlichkeit, weil diese Männer sich ja gar nicht für die Frauen und ihre Belange interessieren. War mal ein Comic von Ralf König.

3 „Gefällt mir“

Unsere Gesellschaft besteht fortwährend aus Gruppen, die sich verschieden abbilden. Dies lässt sich aus soziologischer Sicht meines Wissens nicht verhindern. Unser Hirn scheint es zu mögen Menschen in Gruppen aufzuteilen. Ich finde es ist unsere Aufgabe uns von den vermeintlichen eindeutigen Zuschreibungen für diese Gruppen loszulösen und jeden Mensch als freien einzigartigen Mensch zu betrachten. Ich finde dies selbst oft nicht einfach.

2 „Gefällt mir“

Interessantes Interview. Schade, dass der Begriff Massenzuwanderung fallen musste.

1 „Gefällt mir“