Er ist kein Migrationsforscher. Er leitet einen programmatischen Think Tank.
Seit Jahren versucht er die immer gleichen Lösungsansätze zu verkaufen und verzerrt dafür massiv die Darstellung der Umstände und der rechtlichen Lage. So hatte sein vermeintlicher Beitrag zu dem vielschichtigen EU-Türkei Deal 2016 – nämlich Ankommende abzuschieben und dafür andere aufzunehmen – überhaupt keinen Effekt und hat auch nicht geklappt. Kurz vor dem russischen Überfall 2022 wollte er noch Asylsuchende, die über Belarus gekommen waren, in die Ukraine abschieben – nicht nur rechtswidrig, sondern auch in Unkenntnis der Umstände (während andere schon vor der Flucht aus der Ukraine warnten).
Er verstärkt das Bild, wie auch von euch angesprochen, das Problem der Migration – die rechtspopulistische Ablehnung richtet sich aber gar nicht nur gegen irreguläre Migration, sondern etwa auch gegen reguläre Migration aus Süd-Osteuropa, wenn nicht gegen Migration überhaupt. Die Idee, man könne die AfD mit einem Stopp von Asylsuchenden stoppen, ist tatsächlich absurd. Und die Einstellung der Bevölkerung ist nicht in Stein gemeißelt, wie wir in den letzten 10 Jahren gesehen haben.
Es gibt so viele gute, interessante und wirkliche Migrationsforscher*innen verschiedener Disziplinen, die sich soviel besser auskennen und keine Wundermittel verkaufen wollen: Judith Kohlenberger, Birgit Glorios, Petra Bendel, Maximilian Pichl, Hannes Schammann, Marcus Engler, Frank Düvel… Bittet ladet zu dem Thema mal andere (vielleicht auch Frauen?) ein ….
Ich wollte gerade auch dazu schreiben. Aber im Positiven. Ich höre die Lage seit Episode 5 oder so, und ich empfand die Lage Interviews mit Politik”wissenschaftlern” und Policy Ratschlägen in der Vergangenheit oft als extrem einseitig, oft den Moderatoren genehm. Bravo Lage, dass ihr das mal anders macht. Ohne jetzt zu insinuieren, dass ihr dem Knaus recht gebt. Das will ich nicht implizieren. Aber in einer Blase in der vielen selbst der Lanz zu Rechts ist, fand ich das mal erfrischend. Bitte weiter so, gerne mit anschließender Einordnung wie ihr das seht, falls ihr nicht zustimmt.
Und ja, ich schrieb “Wissenschaftler“, da es nie ganz wertfrei ist wenn es um Handlungsratschläge für die Politik geht. Kaum einer dieser “Wissenschaftler” muss sich an ein Vorhersagen messen lassen wie ein Naturwissenschaftler, da immer andere Faktoren angeführt werden können. Der Cambridge Entwicklungsökonom Ha Joon Chang hat as mal schön gesagt, damals in Bezug auf den IMF “It’s never the policy”. Was er damit meinte, wenn die Policy nicht funktioniert, dann wird’s auf die lokale Kultur geschoben etc. Ausreden gibt es immer, bis die nächste Studie kommt.
Phantastische Ausführungen von Gerald Knaus und seine ausgezeichneten Antworten auf die wichtigen gesellschaftlichen Fragen. Auch bin ganz klar für das Recht auf Asyl, aber strikt gegen irreguläre Migration! Warum sollten wir Rechtsverstöße mit einem Aufenthaltsrecht belohnen?
Betreiben wir doch lieber eine aktive, ehrliche und positiv konotierte Einwanderungspolitik - und erklären diese (ganz wichtig). Auch dafür hatte er die richtigen Worte und Ideen. Danke für diese wertvollen Gedanken.
Ich war bei diesem Interview auch etwas zwiegespalten. Zum einen regt mich die Aussage auf, dass ja 80% der Leute weniger Migration wollen. Ich frage mich ernsthaft ob das so ist, wenn gleichzeitig die Zahl von 400.000 Leuten Netto-Migration im Raum steht die wir täglich brauchen um unseren Status Quo aufrecht zu erhalten. Sind es wirklich 80% die hier ein informiertes Urteil abgeben oder sind es 80% von populistischen Kampagnen manipulierte Menschen. An der Stelle fällt mir Walter Scheel wieder ein:
Es kann nicht die Aufgabe eines Politikers sein, die öffentliche Meinung abzuklopfen und dann das Populäre zu tun. Aufgabe des Politikers ist es, das Richtige zu tun und es populär zu machen.
Ich hatte mal eine Diskussion mit jemandem der sich über zu viel Migration beklagte. Als ich nachfragte, welches Problem diese Person tatsächlich mit Migranten hat kamen nur noch die üblichen Hetzphrasen von der “Messerzuwanderung” etc.
Das zweite was mich beim Interview sauer aufgestoßen hat war das Schubladendenken, ich hatte den Eindruck, dass “irreguläre Migration” einfach alles ist, was in einem Boot übers Mittelmeer kommt. Und wer sich brav beim Mitgrationszuentrum meldet und einen Antrag dort stellt ist “reguläre Migration”. Nur, manche die übers Mittelmeer kommen sind auf der Flucht, und da weigert sich mein Wertesystem diese Menschen als “irreguläre Migranten “ zu bezeichnen.
Ich sage seit zwanzig Jahren, dass ein gerechtes Asylsystem ermöglichen muss, den Antrag im Heimatland zu stellen. Dann hat man auch das Problem irregulärer Migration nicht. Denn wer kommt, ohne einen Antrag gestellt zu haben, ist wohl dazu nicht berechtigt. Das wurde so ähnlich auch im Interview gesagt. Die Wahrheit ist halt, dass diese Hürden bewusst gesetzt werden: wer Angst haben muss, durch Menschenfänger in Arbeitslagern oder Prostitution zu verschwinden oder im Mittelmeer zu ertrinken, überlegt sich das vielleicht noch mal, ob die Repressionen wirklich so schlimm sind.
Die sog. “irreguläre Migration” ist ein vermeidliches Probelem, dass wir (Europa im weiteren Sinne) überhaupt erst dadurch erzeugen, indem wir Menschen als “illegal” bezeichnen und problematisieren. Wir haben diese Grenzen aufgebaut und wir profitieren davon, dass andere Weltregion relativ gesehen ärmer bleiben, beuten sie aus, diktieren ihnen die Handlungsbeziehungen usw.
Sehr richtig! Fand ich auch Schade, dass Ulf und Phillip da nicht zwischengegangen ist. Herr Knaus verkauft seine Beratungsleistungen an die Politik und wirbt mit Lösungen, die den Politiker:innen versprechen, die Fordeungen nach “Begrenzung der Migration” “schonend” umzusetzen. Dabei gesteht er zwar ein, dass man nicht einfach den Unmenschen von AfD, Reform & Co nach dem Mund reden darf, aber seine Quadratur des Kreises geht hinten und vorne nicht auf. Selbstverständlich wäre es am praktischsten & einfachsten, Geld einfach hier vor Ort in dei hand zu nehmen, Integration zu fördern, Gängeleien abzubauen und so zu invertieren, dass von vorn herein klar ist, dass es ein Aufstiegsversprechen für alle gibt, auch die Eutochtonen, die sich vermeidlich "zu 80&” (Quelle Bauchgefühl) für eine Begrenzung der Migration aussprechen.
In der Tat wäre eine Quelle hilfreich gewesen, aber abwegig sind die Zahlen nicht. Hier ein Auszug von Statista (leider ist die vollständige Umfrage hinter einer Paywall).
„Im Rahmen einer Umfrage aus dem September 2024 forderten 77 Prozent der Befragten eine Wende in der Migrations- und Asylpolitik, um die (illegale) Migration einzuschränken.“
Ich persönlich fand das Interview angenehm balanciert - klare Aussagen zu unsinnigen Maßnahmen wie Grenzschliessungen und kein Zweifel daran, dass das Recht auf Asyl nicht zur Debatte steht. Aber gleichzeitig auch der Hinweis das es innerhalb des Asylrechts Gestaltungsmöglichkeiten gibt (sichere Drittstaaten) und dass es zur Bewältigung des demographischen Wandels Sinn macht, nicht jeden aufzunehmen sondern Anreize zu schaffen, um die geeignetsten Zuwanderer anzuziehen. Wäre schön, wenn die öffentliche Debatte überall so unideologisch geführt würde
Die Rechnungen gehen halt alle nicht auf. Wieso soll ein Drittstaat für uns die Asylbewerber aufnehmen und unsere Standards dabei anwenden?
Das lassen sie sich gut bezahlen und kommt uns nicht günstiger als sie selbst zu integrieren. Denn integrierte Asylbewerber kosten uns nichts. Asylbewerber im Drittland kosten aber auch integriert so lange die Bedrohung besteht, denn das Drittland droht sonst mit sofortiger Abschiebung.
Dazu kommt, dass die Bevölkerung dort womöglich die gleichen Ressentiments gegen Ausländer hat, wie unsere Bevölkerungen, die Regierung also ein großes Risiko eingeht, vor allem, wenn die eigene Bevölkerung weit hinter unseren Standards zurückbleibt. Am Ende geht es den Flüchtlingen, versorgt nach europäischen Standards, besser, als der eigenen Bevölkerung. Bisher waren nur Ruanda und Tunesien bereit. Lybien fängt außerdem für uns Flüchtlinge im Mittelmeer ab.
Alle drei sind, was unsere Standards betrifft, eher nicht als Beispiele geeignet.
Klar, wenn man europäische Standards anlegt, stimmt das. Aber woraus leitet sich das ab? Asyl soll Schutz vor Verfolgung bieten aber es besteht doch kein Anspruch, dass das auf europäischem Niveau passiert. Solange ein menschenwürdiges Leben sichergestellt werden kann, ist dieser Anspruch doch erfüllt
Er legt aber auch den Finger in die Wunde. Wenn man sich ehrlich macht, der erste Teil unseres Asylverfahrens heißt: überlebe den Weg. Zusätzlich gibt es Belastungen die traumatisch sein können, was im Endeffekt zu einer Vorauswahl derer führt, die es her schaffen und überleben. Auch wer sich heute auf der guten Seite wähnt, das Urteil der späteren Generation über diese Unmenschlichkeit wird kommen.
Dann sollte man ehrlich kommunizieren, dass man unsere Standards abschmelzen möchte und ok findet, wenn Flüchtlinge in der Wüste ausgesetzt, in Lagern verhungern oder von Wärter vergewaltigt werden. Die Wahrheit ist, dass wir die Probleme abschieben wollen und uns weiterhin auf unserer moralischen Überlegenheit ausruhen wollen. Das wird aber nicht mehr lange gut gehen.
Vor allem werden wir damit konfrontiert werden von anderer Staaten Seite. Wenn Europa demnächst meint, andere Staaten kritisieren zu müssen, werden uns die Argumente ausgehen, wenn die Frage nach unserem Verhalten gestellt wird. Und abhängig machen wir uns auch, wie der Türkei-Deal damals gezeigt hat. Der lybische Machthaber unterdrückt Minderheiten? Solange er unsere Flüchtlinge abfängt, fällt ernsthafte Kritik schwer.
Ich kann mir vorstellen, dass der Besuch einer Botschaft oder eines Konsulats für den Asylantrag im Heimatland lebensgefährlich werden kann. Es ist für die Machthaber leicht, den Eingang beobachten zu lassen und die Betroffenen anschließend festzunehmen oder verschwinden zu lassen. Das Asylrecht wendet sich ja an besonders gefährdete Personen.
Ja, das wird da immer angeführt. Aber die Ausreise ist nicht weniger gefährlich. Wir müssten den Antragsberechtigten Schutz bieten und Regelungen schaffen, die Anträge innerhalb kurzer Zeit zu prüfen. Momentan bieten wir ihnen keinen Schutz, lagern die Gefahr der Reise auf sie aus und erschweren sie sogar, indem wir Fluchtrouten blockieren.
Im Heimatland lässt sich wahrscheinlich kein Asylverfahren rechtsstaatlich sicher abwickeln, wenn es eine Diktatur oder ein Kriegs- und Krisenstaat ist. Ich denke, Gerald Knaus blickt hier auf Nachbarländer mit guten rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen, siehe Ruanda.
Nein, er hat explizit gesagt, dass es nicht reicht, Zentralen in einzelne Länder zu setzen und die Flüchtlinge zu nötigen dort hinzureisen.
Und wir haben mit den Botschaften europäischen Grund in jedem Land. Die ecuadoranische Botschaft in London hat GB, den USA und der Welt gezeigt, dass sie sich auf den Kopf stellen können und es nichts ändert.