mir ist aufgefallen, dass es in der Folge gesagt wird, dass Soldaten auf der russischen Seite ausschließlich die Menschen sind, die einen Vertrag mit der russischen Armee unterschrieben haben und somit selber ausgesucht haben, gegen die Ukraine zu kämpfen. Das stimmt so nicht.
2022 gab es in Russland eine große Mobilmachung, wo mehrere Menschen gegen ihr Willen eingezogen wurden. Sie wurden seitdem nicht erlöst und haben aktuell keine Möglichkeit, zurück nach Hause zu gehen, da es Gesetze eingeführt wurden, die das illegal machen.
Als eine Person, die aus Russland kommt, fände ich es sehr wichtig, dass das erwähnt wird und im Hinterkopf behalten wird, wenn man von der russischen Armee spricht.
Kannst du noch etwas über das angebliche Ende der Mobilisierung und den aktuellen Stand schreiben?
Anscheinend gab es dazu kein Dekret, und die (Teil-)Mobilisierung läuft weiter:
Mich hat auch überrascht, dass laut Wikipedia-Artikel Moskau und St. Petersburg wohl im Fokus standen (laut Meduza, deren Wahrheitsgehalt ich nicht beurteilen kann); ich hatte im Hinterkopf, dass Soldaten v.a. aus dem Wolga-Kama-Gebiet und Sibirien eingezogen wurden.
Es wäre spannend, mehr darüber zu erfahren, wo die russischen Truppen rekrutiert werden und wie die Minoritätsvölker Russlands den Krieg gegen die Ukraine sehen.
Und nach den Wahlen zur Staatsduma im September soll es wohl eine neue Rekrutierungswelle geben?
Ja die Aussage finde ich auch gelinde gesagt auch sehr schwierig. Wenn ich vor die Wahl gestellt werde, ob ich mein Leben weiter unter menschenunwürdigen Bedingungen im Knast verbringe oder an die Front gehe, wenn Soldaten gar nicht darüber aufgeklärt werden, was konkret ihr Arbeitsauftrag sein wird und wenn man sich ansieht was mit Soldaten passiert, die diesen Auftrag dann verweigern, dann hat das mit Freiwilligkeit nicht mehr viel zu tun.
Das stimmt tatsächlich, dass es kein Dekret zum Ende der Mobilisierung gab. Das ist genau der Grund, warum eingezogene Soldaten ihre Dienst nicht beenden dürfen.
Aus meiner Sicht kann man Meduza als eine vertraute Quelle betrachten. Leider habe ich keine Informationen dazu, wie viele Menschen in Moskau und St. Petersburg und anderen Regionen eingezogen wurden, aber von meinen Freunden weiß ich, dass man in Moskau in der Zeit sehr vorsichtig sein musste - Menschen wurden zum Beispiel an den U-Bahn-Stationen unfreiwillig rekrutiert.
Soweit ich weiß, gibt es keine öffentliche Statistiken dazu, wo die russischen Truppen rekrutiert werden. Ich würde auch vermuten, dass es unter Minoritätsvölker unterschiedliche Meinungen zum Krieg gibt. Diese Umfrage zeigt aber, dass die Mehrheit der Bevölkerung (81% der Befragten) dafür wäre, den Krieg schon morgen zu beenden: Социологическое исследование: ЗЕРКАЛО РОССИИ, 10 волна — IKAR Think Tank) (die Quelle ist leider nur auf Russisch verfügbar).
Genau, es gibt Informationen, dass es nach den Wahlen eine neue Rekrutierungswelle geben wird. Höchstwahrscheinlich wird man die Mobilmachung aber anders gestalten als 2022 - das wird eher von Region zu Region passieren. Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=-fztZmaYODg&t=1903s (es gibt eine englische Übersetzung).
Ich habe den Artikel von DeepL übersetzen lassen (ich kann zwar einigermaßen Russisch, bin aber langsam und muss viel nachschlagen) und durch ChatGPT zusammenfassen lassen. Hier das Ergebnis:
Die im Mai 2026 durchgeführte IKAR-Umfrage unter 1.600 Russen zeigt eine wachsende Kriegsmüdigkeit und einen zunehmenden Wunsch nach einem schnellen Kriegsende. Der Krieg ist mit 33 % wieder das wichtigste gesellschaftliche Problem, vor niedrigen Löhnen und hohen Preisen. 58 % sehen sowohl den erfolgreichen Abschluss des Krieges als auch die Verbesserung der finanziellen Lage als wichtigste Prioritäten.
Gleichzeitig nehmen wirtschaftliche Sorgen und Pessimismus zu: 94 % haben Preissteigerungen bemerkt, 62 % erwarten eine Verschlechterung ihrer Kaufkraft. Nur noch 47 % meinen, Russland habe seine militärischen Ziele zumindest teilweise erreicht.
Der Wunsch nach einem Ende des Krieges ist deutlich gestiegen: 46 % wünschen ein Ende innerhalb von sechs Monaten, 81 % würden sogar ein sofortiges Kriegsende befürworten. Nur 9 % wollen den Krieg ohne zeitliche Begrenzung bis zu einem vollständigen Sieg fortsetzen. Zugleich sind immer mehr Russen persönlich vom Krieg betroffen: 31 % haben ein eingezogenes Familienmitglied, 21 % haben einen Verwandten und 22 % einen Freund im Krieg verloren.
Eine neue Zwangsmobilisierung lehnen 73 % ab. Auch gegenüber NATO und staatlichen Eingriffen ins Internet zeigt sich Skepsis: 54 % sehen keine NATO-Angriffsgefahr, 67 % lehnen die Einschränkungen von Telegram ab und 55 % lehnen sogenannte Internet-„Whitelists“ ab.
Kernaussage: Die Umfrage zeichnet das Bild einer russischen Bevölkerung, die zunehmend unmittelbar vom Krieg betroffen ist, wirtschaftlich unter Druck steht und immer stärker ein schnelles Ende des Krieges wünscht, während sie zugleich staatliche Einschränkungen im digitalen Alltag mehrheitlich ablehnt.
Wenn wir bei einem US-Soldaten davon sprechen, dass er eine gewisse Wahlfreiheit hat, z.B. an einem der völkerrechtswidrigen Angriffskriege teilzunehmen, die die USA bereits geführt hat, dann kann ich das verstehen.
Bei Russland wird das allein durch die Struktur innerhalb von Staat, Gesellschaft und Militär schwierig. Selbst wenn es da auf dem Papier einen Vertrag gibt, dürfte allein die Tatsache, dass russische Soldaten zu einem großen Teil vollkommen rücksichtslos als Kanonenfutter zum Einsatz kommen, dafür sprechen, dass hier wahlweise bzw. gleichzeitig
Menschen in Notsituation ausgenutzt werden (z.B. Menschen in existenziellen finanziellen Notlagen oder Gefangene)
Nicht transparent über den Einsatz aufgeklärt wird
brutalste Methoden zur Einschüchterung bei Befehlsverweigerung angewendet werden
die Rekrutierung doch nicht ganz so freiwillig erfolgte
Und die o.g. Zahlen stützen das ja eger. Wenn man dann zusätzlich die systematische Brutalisierung innerhalb des russischen Militärs berücksichtigt, wird schnell klar, dass es den meisten russischen Soldaten in so einem Einsatz weniger darum gehen dürfte, für eine - nach dem eigenen Gewissen - guten Sache zu kämpfen, als schlicht, die nächsten Tage irgendwie zu überleben.
Das macht dann auch den Einsatz von Pazifismus schwierig, denn - die Grenzen sind da fließend, aber tendenziell braucht es beim russischen Militär gar keine Kriegserfahrungen, um brutalisiert zu werden, denn das ist bereits in Rahmen der Grundausbildung passiert.
Da gibt es auf individueller Ebene sicher Gegenbeispiele aber in der Tendenz sehe ich da einen ganz massiven Unterschied in der „Freiheit“ der eigenen Entscheidung eines Soldaten in einem System mit und ohne Rechtsstaat.
Möglicherweise. Es wird von der ukrainischen Seite behauptet und unter russischen Bloggern diskutiert. Es könnte passieren, aber könnte auch (ukrainische) Propaganda sein.
So ist es. Es gibt viele die sich aufgrund der enormen finanziellen Anreize freiwillig melden, aber viele werden auch auf die eine oder andere Weise dazu gezwungen oder gedrängt einen Vertrag zu unterschreiben (z.B. als Ersatz für eine Freiheitsstrafe, als Möglichkeit der Entschuldung etc), manche ausländischen Arbeiter in Russland wurden auch durch Täuschung in die Armee gezwungen. Und selbst wenn in dem Vertrag ein Einsatz an der Front als Sturmsoldat ausgeschlossen wird, werden diese dann häufig trotzdem dahin versetzt. Teilweise auch als Strafmaßnahme oder als Druckmittel für Erpressung durch Offiziere.
Es ist also nicht so einfach, dass alle Russischen Soldaten freiwillig an dem Krieg teilnehmen und die systematische Gewalt innerhalb der Armee, die Korruption in Russland und der fragliche Rechtstaat machen es schwer rauszukommen. Teilweise werden Soldaten nicht aus ihren Verträgen entlassen, auch wenn diese eigentlich ausgelaufen sind.
Und ja, in der Ukraine werden viele Soldaten zwangsrekrutiert und es gibt viele Soldaten die nicht rotiert oder entlassen wurden. Die Situation ist anders, aber auch nicht gut.
Von der Freiwilligkeit bzw. dem Zwang bei der Rekrutierung kann man sich anhand verschiedener Beobachtungen ein Bild machen.
Von tatsächlichen Fällen von Zwangsrekrutierungen gibt es vielleicht einige hundert dokumentierte Fälle. Das ist signifikant aber im Vergleich der absoluten Zahlen an Rekruten nicht viel. Im Ausland gibt es einige 100.000 Wehrpflichtiger Ukrainer, die ganz offensichtlich kein Interesse daran haben ihr Land mit der Waffe zu verteidigen. Den wesentlichsten Punkt sehe ich aber darin, dass es keinen Weg einer Kriegsdienstverweigerung für ukrainische Wehrdienstpflichtige mehr gibt.
Menschenrechtsorganisationen sehen darin mal mindestens ein Dilemma (in das natürlich viele existenziell durch einen Angriff bedrohte Nationen laufen würden). Die Gefahr, dass durch eine russische Eroberung Ukrainer vieler ihrer Menschenrechte beraubt würden, lässt sich aktuell nur noch dadurch verhindern, dass viele (Wehrpflichtiger) Ukrainer gegen ihren Willen zum Dienst an der Waffe gezwungen werden. Letzteres ist zwar keine international anerkannte Menschenrechtsverletzung aber in Deutschland wäre es z.B. eine Grundrechtsverletzung.
Daraus lässt sich (noch) nicht ableiten, dass die meisten Ukrainer sich lieber besetzten ließen, als dagegen aktiv zu kämpfen. Es lässt sich aber - und das ist der Punkt - auch das Gegenteil nicht zeigen.
Und genau dieses Dilemma wird mir gerade von der Lage viel zu wenig thematisiert. Es ist eben gar nicht so trivial festzustellen, ob „die Ukraine“ weiterhin bereit ist für ihre Freiheit zu kämpfen. Man kann durchaus zu der Erkenntnis kommen, dass es unter Kenntnis aller Informationen sinnvoller ist, sie weiter zu unterstützen (so würde auch ich aktuell das noch weiterhin sehen). Man sollte sich dann aber im klaren sein, dass man damit aber auch die eben genannten Mechanismen zum „Zwangsdienst“ an der Waffe tausendfach unterstützt und sich eben nicht wirklich sicher sein kann, ob man damit nicht mehr Leid anrichtet als verhindert. Das gehört zu einer differenzierten Betrachtung einfach dazu.
Das würde ich sehr anders bewerten. Je besser die Armee ausgerüstet ist, umso weniger Soldaten braucht sie für die gleichen Ergebnisse. Und es gibt keinerlei Grund, anzunehmen, dass die Ukraine kapituliert, wenn der Westen seine Unterstützung einstellt. Mindestens ebenso wahrscheinlich kommt es dann zu einem endlos langen low-intensity-war mit Partisanen etc.
Wirklich sicher sein, kann man sich natürlich nie bei irgendwas, das in der Zukunft liegt und von den Entscheidungen anderer abhängt. Aber deswegen ist diese Überlegung am Ende auch unerheblich, weil sie immer gilt.