LdN 475 Raffineriekapazitäten und Produktmix, z.B. Kerosin

Eine Umstellung von Diesel auf Kerosin scheint mir schon deshalb wenig zielführend, weil die Kapazitäten auch für Diesel/Heizöl recht begrenzt ist. Bei Benzin ist wohl die inländische/europäische Kapazität höher. Das hat man ganz deutlich daran gesehen, dass Diesel vor der Krise deutlich billiger war als Superbenzine, und nun ist es umgekehrt. Es wurde von Dieseltankern berichtet, die auf dem Atlantik vom Kurs auf Europa abgedreht haben, weil andere Weltregionen (noch) mehr zahlen wollen. Diesel ist für unsere heutige straßenlastige Logistik mindestens so wichtig wie Luftfracht, und lässt sich schwerer ersetzen.

Eine andere Frage von mir bei diesem Thema ist folgende:
Wie viel Energie wenden wir auf um das Benzin erstmal herzustellen und zu transportieren, bevor es genutzt wird?
Brauchen wir bereits 1 Gaskraftwerk an Energie, um überhaupt Benzin verfügbar zu haben?

Mein Kenntnisstand sind ca. 1,1kW pro 1 Liter Benzinproduktion.

Mal ins Unreine gerechnet (ohne Anspruch auf Richtigkeit):
PCK Schwedt verarbeitet ca. 11-12 Mio. Tonnen Rohöl.
Typischerweise verbraucht eine große Raffinerie ca. 50-100kWh pro Tonne Rohöl.
Das wären dann, grob überschlagen, 50-100GWh pro Monat oder 600-1.200GWh pro Jahr.

Ein klassisches Gaskraftwerk in Deutschland liegt bei 400-900 MW elektrisch und 3000-5000 Vollaststunden pro Jahr. Das ergibt eine Jahresproduktion von grob 1500-4500 kWh pro Jahr.

Theoretisch können Gaskraftwerke wie Irsching 4/5 in Bayern bei Dauerbetrieb mehr produzieren als das. Reel kommt dieser Dauerbetrieb aber nie vor.

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Deutschland verbrauchte 2023 wohl ca. 23 Milliarden Liter Benzin.

Mit deiner Zahl wären das dann ca 25.3 Mrd. kWh. oder 25.3TWh

2023 hatte Deutschland einen Bruttostromverbrauch von ca 520 TWh
Allein die Herstellung von Benzin verbraucht also ca. 5% der gesamten Energie in Deutschland. Und damit ist das Benzin noch nicht beim Kunden und die dazu unterstützende Infrastruktur noch nicht erhalten.
Hinzu kommt der schlechte Wirkungsgrad in Form von Abwärme.

Wir betreiben im Schnitt also mehrere Kraftwerke, um einen ineffizienten Kraftstoff herzustellen, der dann ineffizient verbrannt wird.

Wahnsinn, wenn man sich das einmal vorrechnet.

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Diese Überlegung hat mich erst mal geschockt und ungläubig zurückgelassen.

Ich habe das dann mal nachrecherchieren lassen (Quelle: Perplexity.ai):

„Die Kernaussage ist trotzdem richtig
Der Well-to-Tank-Wirkungsgrad für Benzin liegt bei nur ca. 82% in Deutschland – also gehen bereits 18% der Primärenergie verloren, bevor der Treibstoff überhaupt im Tank ist. Zusammen mit dem schlechten Tank-to-Wheel-Wirkungsgrad des Verbrennungsmotors (20–30%) ergibt sich Well-to-Wheel-Wirkungsgrad unter 25% für Benzin-PKW. Das Argument, mehrere Kraftwerke für einen ineffizienten Kraftstoff zu betreiben, der dann ineffizient verbrannt wird, ist systemisch korrekt – die Größenordnung (5% des Stromverbrauchs) ist aber um den Faktor 6 zu hoch, weil Strom und Wärme vermischt werden._“

  • Der tatsächliche Netzstromanteil für deutschen Benzin (23,4 Mrd. Liter ) beträgt: ca. 4 TWh/Jahr – also ~0,8% des Bruttostromverbrauchs (nicht 5%)
  • Die Gesamtenergie (thermisch + elektrisch) für die Well-to-Tank-Kette beträgt hingegen ~82 TWh/Jahr – das sind ca. 16% des deutschen Bruttostromverbrauchs (aber dieser Vergleich ist eben unsauber, weil Wärmeenergie und Strom verglichen werden)

Wer es genau wissen oder (gern!) überprüfen will:

https://www.perplexity.ai/search/ist-das-folgende-plausibel-wie-7WSJFZAvR4SPRgmnU_2kKw

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Was mir auch ein Anliegen ist, da ich selber in einer Raffinerie arbeite.

Grundsätzlich wird Rohöl im Rektifikationskolonnen in Fraktionen aufgeteilt (Benzin, Kerosin, Diesel, Heizöl). Diese Fraktionen kann ich zum Teil verschieben, aber auch nur im begrenzten Umfang, sonst leiden die Qualitäten. Dass könnte tatsächlich direkt innerhalb weniger Stunden umgesetzt werden. Grundsätzlich ist aber die Ausbeute der Produkte von meinem Rohölmix abhängig. Einige Rohöle sind schwerer und Diesellastiger, einige sind leichter und enthalten mehr Benzin und Kerosin.

Als Nächstes muss betrachtet werden ob die nachfolgenden Anlagen überhaupt die Kapazität haben das Mehr an Kerosin zu verarbeiten. Das lässt sich nur durch Erweiterung der Kapazität umsetzten. Was unter Umständen Monate oder Jahre dauert.

Dann wäre es noch möglich die schwereren Produkte wie zb Vakuumgasöl zu cracken in Hydrocrackern. Die haben Katalysatoren und erzeugen aus schweren Produkten saubere Kraftstoffe. Diese Katalysatoren sind aber auf die Erzeugung bestimmter Produkte ausgelegt und können nicht mal eben innerhalb einer Woche geändert werden. Ein Kat Wechsel braucht teilweise Jahre in der Vorbereitung und dann Wochen bis Monate in der Umsetzung.

Auch muss immer betrachtet werden: Priorisiere ich ein Produkt, zb mehr Kerosin, dann fehlt es mir an einem anderen Produkt. zb weniger Diesel.

Die Darstellung im Podcast, dass die Raffinerien einfach nicht wollen ist also nicht richtig.

Auch die Aussage das die Raffinerien einen hohen Kerosinpreis halten wollen halte ich für nicht richtig. Wenn sie es könnten, würden diese mehr Produzieren um mehr Gewinn zu erwirtschaften.

Die Anlagen werden täglich dahingehend optimiert die Produkte mit der Höchsten Marge zu produzieren. Das geht aber eben nur im begrenzten Maße.

Eine Änderung der Ausbeute ist also komplex und langwierig. Nur weil jetzt für ein halbes Jahr Kerosin knapp wird, stellt keine Raffinerie der Welt ihre funktionierende Produktion um. Kurzfristig können nur der Rohölmix und die Ausbeuten verschoben werden. Dies aber nur im kleinen Rahmen.

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Magst du auch noch unsere Rechnung zu den Energiebedarfen korrigieren? Du bist anscheinend vom Fach und kannst die Bedarfe an Thermischer, Chemischer und Elektrischer Energie besser für uns differenzieren. Danke!

Dass die Herstellung und Verbrennung fossiler Kraftstoffe im Vergleich zur direkten Verstromung ineffizient ist, steht außer Frage. Die Raffinerien versuchen schon so gut es geht Abwärmeverluste zu reduzieren um effizienter zu werden.

Aber belastbare Zahlen zu dem Thema kenne ich leider nicht.

Ich fahre die Anlagen und kann aus meiner Praxiserfahrung berichten.

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