LdN 474: Impuls zur Dezentralen Reservekraftwerke über bestehende Biogasanlagen

Parallel zu eurer Folge 474 ist mir der Windbrief Südwestfalen Nr. 124 (April 2026) in die Hände gefallen.

Dort wird darauf hingewiesen dass bereits viele Biogasanlagen existieren, die zum Teil seit 20 Jahren am Stromnetz sind und nun aus der EEG-Vergütung fallen und abgeschaltet würden. Durch Umrüstung könnten diese Anlagen an das Gasnetz angeschlossen werden. Im Normalbetrieb speisen die Biogasanlagen gereinigtes Biogas in das Gasnetz ein und bei Dunkelflaute ziehen sie aus den Speichern des Gasnetzes. Durch die vorherige Einspeisung sind die Anlagen klimaneutral. Durch Dezentralität ausfallsicherer als einige Großkraftwerke.

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Warum würden sie das? Weil sie ohne Subvention nicht wirtschaftlich wären. Kein Betreiber wird gezwungen, abzuschalten.

Die Umrüstung kostet schnell ein paar Millionen € und lohnt sich für kleinere Anlagen daher nicht.
Ebenso kostet der Gasnetzanschluss je nach Verfügbarkeit auch schnell mehrere Millionen €, die zum Großteil aktuell die Allgemeinheit über Netzgebühren zahlen muss.

Biomethan ist leider nicht klimaneutral. Bei der Produktion wird viel Strom und Diesel verbraucht. Ebenso gibt es immer Methanverluste, die in die Atmosphäre gelangen.

Ich finde Biogas flexibel zu Strom (und Wärme) zu verbrennen oder auch Biomethan für die langfristige Speicherung und vielfältige Nutzung prinzipiell interessant und nicht schlecht.
Die Kosten pro kWh Biomethan oder pro kWh Strom sind aber im Vergleich zu Wind und Solar deutlich höher.
Man muss schon sehr genau schauen, welche Anlagen groß genug sind, dass sich die Investitionen lohnen.
Dann muss das Strom- / Gasnetz am besten schon vorhanden sein und genug Kapazitäten haben.
Und letztendlich muss der Betreiber einen Anreiz haben, auch flexibel und netzdienlich einzuspeisen.
Aktuell ruft die Biogaslobby nur nach neuen Subventionen, da die alte so langsam ausläuft. Noch heute speisen alte Biogasanlagen 24/7 und auch zur Mittagszeit bei Sonnenschein Strom ins Netz und kassieren dafür noch viel Geld.

Ich glaube in den meisten Fällen wäre das Geld besser in Wind-, Solar- und Batterieprojekten und in den Stromnetzausbau investiert.
Da wo sich schon heute Biomethanprojekte lohnen, werden sie auch umgesetzt

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Ungefähr nur die Hälfte aller Biogasanlagen nutzt Reststoffe wie Gülle oder Bioabfall.

Die andere Hälfte baut extra Energiepflanzen an. Diese Anlagen sollte man aufgrund des schlechten Wirkungsgrades in keinem Fall mehr fördern.

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Dem würde ich mich erstmal anschließen - Biogas für sich war bisher nicht sehr überzeugend

Eine Berechtigung hätte Biogas meiner Meinung nach als Edel-Rohstoff der Energiewende, weil es sich halt gut speichern lässt usw. → wie schon in Mal eine gute Nachricht diskutiert gibt es Vorschläge Biogas-Anlagen zu nutzen um Wasserstoff zu produzieren und somit die Sektorenkopplung voranzubringen, damit könnte man sich dann potenziell die neuen Gaskraftwerke sparen, wenn man sie mit diesen aufgerüsteten Biogasanlagen ersetzt… dann wären auch die benötigten Subventionen kein Problem mehr

Die Anlagen können sich ja auf dem Kapazitätsmarkt bewerben?

Entwurf eines Gesetzes zur Sicherung der Versorgungssicherheit Strom und zur Bereitstellung neuer Kapazitäten | BMWE

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die aktuelle Studienlage verweisen:

1. „Flexibilität statt fossiles Gas“ vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH im Auftrag von Greenpeace[1]

Die Autoren sprechen sich unter anderem für den Weiterbetrieb und Ausbau von flexiblen Biogasanlagen aus:

Die flexiblen Backup-Kraftwerke sollten vorrangig in Form von flexiblen Biogas-
Kraftwerken unter Nutzung vorhandener Biogasanlagen bereitgestellt werden.

Dafür sei die umfassende Überbauung von BGAs notwendig (große Gasspeicher und Zubau von mehrern Generatoren um bei Bedarf sehr viel Strom auf einmal zur Verfügung zu stellen). Dadurch sind BGAs in der Lage auch bei längeren Dunkelflauten die Stromversorgung sicher zu stellen und sind ökonomisch sogar im Vorteil gegenüber neu gebauten (fossilen) Gaskraftwerken:

Im Vergleich zu Wasserstoffkraftwerken mit Einsatz grünem Wasserstoff kommt
eine Studie (Elhaus et al., 2024)) zu deutlich geringeren Kosten der Biogas-
Überbauung. Dabei wurde eine Speicherkapazität für 160 Stunden, also eine
annähernd siebentägige ‚Dunkelflaute‘, zugrundegelegt.

Biogas-BHKW können ihren flexiblen Teil der Leistung gezielt in Zeiten positiver Residuallast steigern und damit zu ihrer Deckung beitragen. […] Die erreichbare Dauer ist keine technische, sondern eine wirtschaftliche Frage, für welche Kapazität und Dauer die Biogas- und Wärmespeicher ausgelegt werden können. Wie in Abbildung K1 bzw. 2 dargestellt, schätzen wir einen Beitrag zur Deckung hoher positiver Residuallast über bis zu 5 Tage als wirtschaftlich denkbar ein.

Als Alternativen, […] kommen aus technischer Sicht grundsätzlich in Frage […] zusätzliche Biomasseüberbauung (s.o.) mit großen Biogasspeichern, die auch bis zu 10 Tage lange ‚Dunkelflauten‘ überbrücken können

Zusätzlich bieten BGAs Möglichkeiten bei der Regelleistung, Spannungshaltung beim Redispatch und sind zur Not schwarzstartfähig.

Greenpeace dürfte ja ausreichend unverdächtig sein, die Interessen der Agrarlobby zu vertreten :wink:

2. „Hochflexible Biogas-Speicherkraftwerke“ von der FAU Erlangen-Nürnberg im Auftrag der Kampagne „Biogas ist Zukunft“[2]

Die Autoren verweisen auf die hohe Abhängigkeit von Importen fossiler Energien:

Die Energiekrise infolge des Ukrainekriegs sowie die aktuellen geopolitischen Spannungen rund um die Straße von Hormuz verdeutlichen die hohe Vulnerabilität der europäischen Energieversorgung gegenüber fossilen Importabhängigkeiten. Allein die gestiegenen Erdgaspreise verursachten in den Krisenjahren 2022 bis 2025 volkswirtschaftliche Schäden in Höhe von 75 bis 235 Mrd. €.

Den Einsatz von Biomethan sehen sie vor allem in industriellen Prozessen und zur Stromversorgung. Die Nutzung im Verkehr wird als nachrangig betrachtet:

Biomethan wird daher künftig vor allem in schwer elektrifizierbaren Bereichen wie Nahwärmenetzen, der industriellen Prozesswärmeversorgung oder dem Schwerlastverkehr relevant bleiben. Die Nutzung im Verkehrssektor ist zwar wirtschaftlich attraktiv, sollte jedoch gegenüber der Strom- und Wärmeversorgung nachrangig behandelt werden.

Zur Absicherung von Dunkelflauten schlagen sie die Förderung von BGAs durch einen „Speicherkapazitätszuschlag“ vor:

Die Speicherkapazitätszulage sollte daher für Anlagen gewährt werden, die mit ihren vorhandenen Speichern eine Stromerzeugung von mindestens 80 und idealerweise 160 Stunden unter Volllast ermöglichen.

Durch den Auftraggeber „Biogas ist Zukunft“ ist bei dieser Studie eine deutliche Nähe zu Biogas-Branche anzunehmen. Trotzdem ist eine grundsätzliche Übereinstimmung der Ergebnisse mit der Greenpeace-Studie erkennbar.

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  2. ↩︎

3. " Die Zukunft von Landnutzung und Ernährung in Deutschland" von Agora Agrar

Auch Agora Agrar sieht die Notwendigkeit flexible BGAs zur Versorgungssicherheit zu betreiben:

Eine Biogaspolitik, die nachhaltige Substrate und flexible Energiebereitstellung fördert, verbindet Versorgungssicherheit mit Umweltschutz.

Die Autoren betrachten die Förderung von Biogas im Verbund mit der Förderung nachhaltiger Landnutzung (bspw. Paludikulturen, Biodiversitätsflächen oder extensivierung von Grünland):

Wenn diese energie- und agrarumweltpolitischen Zielstellungen strategisch zusammen gedacht werden, kann die ohnehin erforderliche Förderung nachhaltiger Landnutzungssysteme gleichzeitig zur Bereitstellung von günstigen Substraten für die Biogasproduktion beitragen. Wir beschreiben hierfür politische Handlungsoptionen, die den Ausbau der Reservekapazitäten für eine flexibilisierte Energieeinspeisung in der Residuallast mit einer gezielten Honorierung von Umweltleistungen multifunktionaler Biogassubstrate verbinden.

Agora Agrar prognostiziert für 2045 eine Verfügbarkeit von 42 TWh Biogas, wobei das theoretische Potenzial für nachhaltiges Biogas auf 109 TWh geschätzt wird. Zum Vergleich: Der Gesamtverbrauch Deutschlands lag 2025 bei 864 TWh.[1]

Dem geneigten Höhrer ist Agora Agrar bereits durch das Interview mit Christine Chemnitz (LDN 443) bekannt. Eine Nähe zu landwirtschaftlichen Lobby-Interessen dürfte hier ebenfalls nicht bestehen.

4. Noch ein paar eigene Aspekte

  • Bei Biogas befindet sich praktisch die gesamte Wertschöpfungkette in Deutschland. Die BHKWs werden hier hergestellt, ebenso wie die landwirtschaftlichen Maschinen für die Bewirtschaftung der Ackerflächen und der Verwertung des Substrats. Da hängen auch ein paar gute Industriejobs dran. Bei fossilem Gas ist das Geld am Ende aus Deutschland weg.
  • BGAs stehen by Design selten in Städten, sondern bringen Wertschöpfung in den ländlichen Raum.
  • BGAs können verschiedene Reststoffe aus Tierhaltung, Ackerbau (Stroh, Rübenschnitzel…), Grünland ohne Tierhaltung oder Bioabfälle aus Privathaushalten verwerten.
  • Aus landwirtschaftlicher Perspektive ist die Ausweitung von Fruchtfolgen durch Maisanbau grundsätzlich zu befürworten. Außerhalb der Regionen mit intensivem Kartoffel- oder Zuckerrübenanbau stehen wirtschaftlich tragfähige Sommerkulturen ansonsten selten zur Verfügung. Problematisch ist lediglich Mais in permanenter Selbsfolge, was allerdings durch die letzte GAP deutlich eingeschränkt wurde (GLÖZ 7 Fruchtfolge).
  • Die Dezentralisierung durch BGAs bietet einen strategischen Vorteil. Falls Putin oder irgend ein anderer Diktator tatsächlich mal einen Angriff auf Deutschland starten sollte, sind 20 Gaskraftwerke deutlich leichter zu zerstören als 9.909 BGAs (Stand 2023).

Zusammenfassend
Biogas ist sicher kein Allheilmittel. Aber so lange wir keine umfangreiche Wasserstoffwirtschaft auf Basis von PV und Wind haben sind BGAs unsere beste Möglichkeit unsere Versorgungssicherheit halbwegs ökologisch und ökonomisch zu gewähleisten und uns zeitgleich weiter von den Petrostaaten unabhängig zu machen.

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  1. ↩︎