Das kommt darauf an, wie das chinesische Regime “gewinnen” definiert. Das können wir alle nicht so genau beurteilen, aber mal als Szenario:
Meine Annahme ist, dass das chinesische Regime vor allem ideologisch motiviert ist und das Wohlergehen und der Wohlstand der eigenen Bevölkerung in politischen Entscheidungen nur insofern eine Rolle spielt, dass man eine Gefährdung des Regimes durch Proteste verhindern will.
Zudem hat die chinesische Führung eine langfristige Vision für Chinas Rolle in der Welt. Man bezieht sich auf Jahrtausende chinesische Kultur und leitet daraus einen Führungsanspruch ab. Für die Realisierung strategischer Ziele werden auch Rückschläge in anderen Bereichen akzeptiert, selbst wenn deren Korrektur Jahrzehnte dauern werden.
Die Eroberung Taiwans ist ein Kernstück der chinesischen Ideologie. Darauf arbeiten die Chinesen seit dem Ende des 2. Weltkriegs hin. Ich gehe persönlich davon aus, dass die chinesische Regierung die Wiedereingliederung Taiwans auch dann vollziehen würde, wenn es das Land ansonsten wirtschaftlich um 50 Jahre zurückwerfen würde. Das gilt umso mehr für die Wirtschaft und Gesellschaft Taiwans. China würde auch die Eroberung eines völlig zerstörten Taiwans politisch als Erfolg werten. Die Konsequenzen für den Rest der Welt sind völlig unerheblich.x
Begrenzt wird diese Ambition nur durch die Gefahr, die ein Scheitern eines militärischen Abenteuers für den Machtanspruch des Regimes bedeuten würde. Wichtiger als die Herrschaft über Taiwan ist die Macht der Elite der kommunistischen Partei.
Da kommt der US-Iran-Krieg ins Spiel. Wenn die chinesische Führung aus dem Ausgang des Irankriegs ableitet, dass die USA Taiwan nicht schützen können oder werden, dann erhöht das aus meiner Sicht die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich auf ein militärisches Abenteuer in Taiwan einlassen werden. Dann spielt nämlich nur noch eine Rolle, ob die chinesische Führung das Gefühl hat, dass sie sich gegen Taiwan militärisch durchsetzen kann.
Für Länder wie die USA oder Deutschland wäre es eine politische Katastrophe, jeden Monat zwei Handelsschiffe zu verlieren. Die Chinesen würden ohne mit der Wimper zu zucken 500.000 gefallene Soldaten und eine 20-jährige Wirtschaftskrise in Kauf nehmen, wenn sie dadurch die Kontrolle über Taiwan bekommen, solange sie sich sicher sind, dass das Regime selbst an der Macht bleiben kann.
Ich gehe aber nicht davon aus, dass China die Eroberung Taiwans völlig überraschend vornehmen wird. Die Streitkräfte Chinas haben seit Jahrzehnten keinen größeren konventionellen Konflikt mehr ausgetragen. Es wird vor einem Abenteuer in Taiwan eine Erprobung geben.
China wird einen kleineren Konflikt mit Vietnam, Indien den Philippinen oder Japan vom Zaun brechen, um die eigenen militärischen Fähigkeiten und die Reaktion der USA zu testen. Dann wird es vielleicht einen Vorwand finden, Kinmen, Penghu und/oder andere Inseln im Chinesischen Meer zu besetzen, um amphibische Landungen unter realistischen Bedingungen zu üben und die eigene strategische Position zu verbessern.
Die Absichtserklärung Taiwan mit Gewalt zu besetzen gibt es längst. Die militärischen Vorbereitungen auch. Die “Kanarienvögel” für eine weitere Eskalation sind für mich konkrete militärische Tests. Und wenn diese zeitnah nach dem US-Iran-Krieg stattfinden, dann wissen wir, dass die chinesische Führung diesen Krieg als positives Signal für die eigenen Ambitionen gewertet hat.