LdN 465: Selbstwirksamkeit

Liebes Lage-Team,

ich fand die Lage sehr informativ und sie beleuchtete eine Seite des Unternehmertums, dass mir lange fremd blieb.

Kurz zu meinem Hintergrund, der Kontext zu meiner Haltung liefert (erklärt, nicht entschuldigt):
als Arbeiterkind, lange Zeit Angestellter in einer toxischen Firma mit wirklich menschenverachtender Führung und leider ökonomischen Zwängen unterworfen, die mich meine Arbeitskraft deutlich unter Wert haben verkaufen lassen, war das Thema Selbstwirksamkeit lange eines, dass ich vernachlässigt habe. Die dadurch entstehende Unzufriedenheit und - ja der sich aufbauende Frust und Hass - haben sich bei mir in einer Depression niedergeschlagen, die sich in Richtung Suizidalität bewegte.

Ich habe mir Hilfe gesucht und mich im Rahmen von Therapie mit Selbstwirksamkeit beschäftigt, weil ich mich so viel besser fühlte, als ich in die Aktion ging. Meine politische Haltung war und ist stets eher links und freiheitlich und doch sehnte ich mich lange Zeit nach einem starken Staat. Ich sah - und sehe ihn teilweise noch - als Bastion gegen Turbo-Kapitalismus, Ausbeutung und Demokratie.

Höre ich einen Unternehme wie Marco, dann kann ich in seiner Haltung und auch seinem Streben viel Gutes abgewinnen und ich würde mir wünschen, wenn ein Staat hier eben nicht entgegensteht. Andererseits habe ich zu oft erlebt, wie einzig Arbeitsrecht und Gesetze meinem ehemaligen Arbeitgeber Grenzen in der Ausbeutung von Menschen gesetzt haben.

Bei mehr Freiheiten in Verwaltung sehe ich - leider - auch die Gefahr, dass sich reiche Menschen von Verpflichtungen frei kaufen können, wie wir es in den USA derzeit zuhauf sehen. Gleichzeitig bemerke ich im privaten wie (neuem) beruflichen Umfeld mehr und mehr, wie die Gängelung und Willkür durch Sachbearbeiter im öffentlichen Dienst sowie Beamte Verbesserungen in diesem Land aktiv verhindern.

Ich habe an mir selbst gelernt, dass fehlende Selbstwirksamkeit in Frust und Wut umschlägt und ich glaube, dass dies etwas ist, was wir flächendeckend in der Wählerschaft in Europa bemerken und ich glaube, dass wir die Demokratie nur dann stärken können, wenn die Menschen selbstwirksam werden können. Dann hören vielleicht auch einige Reiche Menschen auf, rechte Parteien zu unterstützen.

Und Selbstwirksamkeit hilft auch gegen diktatorische und faschistische Systeme, IMHO.

TL;DR:
Selbstwirksamkeit ist in meinen Augen der Schlüssel zur Demokratiestabilität. Für Unternehmer, Sachbearbeiter und generell jeden. Haben Menschen das Gefühl, ihr Leben und ihre Umwelt gestalten zu können, wendet sich ihr Frust nicht in destruktive (rechte/antidemokratische) Bahnen und wir kommen wieder voran in diesem Land.

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Du sprichst mir aus der Seele! Deshalb beteilige ich mich in unserem 3.500-Seelen-Dorf an der Gründung einer Bürger-Energie-Genossenschaft für erneuerbare Energien. Auch wenn das gar nicht so einfach ist, lenkt es Wut und Frust in eine konstruktive Richtung. Die extreme Rechte fördert Wut und Frust in eine zerstörerische Richtung. Dem kann man gut mit genossenschaftlichen Projekten entgegenwirken, ob Energie, ob Wohnen, ob Dorfläden etc

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