LdN 463: bitte keine Rants, denn wir hören Euch für den Journalismus

Lieber Philip, lieber Ulf,

erstmal möchte ich mein Mitgefühl ausdrücken. Eure Erfahrung mit den angezeigten, aber nicht fahrenden Zügen klang wirklich sehr frustrierend. Dazu noch all die Versuche, zum Bahnhof zu gehen, dort lange zu warten, um dann doch keinen Zug zu bekommen. Ich kann verstehen, dass die Wut dann hoch kocht, aber ich kann nicht verstehen, dass ihr diese Wut dann im Podcast herauslasst und nicht wie andere Bahn-Opfer bei Freunden oder Verwandten oder der Bahn-Hotline.

Zum Inhalt des Rants möchte ich die Frage aufwerfen, wieviel Weltwissen wir als Gesellschaft von Bahnnutzer verlangen wollen. Ist es in Ordnung, dass Bahn-Nutzer nur “die Bahn” als Konzept im Kopf haben und nicht wissen, dass es verschiedene Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVUs) gibt? Man kann das analog zu anderen Lebensbereichen sehen: ist es okay, wenn jemand sagt “das Internet geht nicht” und selbst nicht versteht, dass sein Internet aus seinem heimischen WLAN besteht, dann seinem ISP (Zugangsprovider wie T-Online, Vodafone, usw), dann der Suchmaschine (die man meistens zunächst benutzt) und schließlich den einzelnen Webseiten. Würdet ihr es in Ordnung findet, wenn jemand über “das Internet” einen Rant ablässt, obwohl sein Zugriffsproblem z.B. durch eine Browser-Extension verursacht ist, die er selbst installiert hat?

Ich möchte Euch bitten, zumindest ein kleines Update zum Thema zu machen und ein paar Tipps zu teilen, wie man mit Bahnstörungen als Fahrgast umgehen kann. Den ersten Tipp hierfür habt ihr schon richtig gegeben: unbedingt mehrere Informationsquellen nutzen! Fast immer liegt zumindest eine Quelle richtig und wenn man diese als solche identifiziert hat, weiß man Bescheid!

Es gibt nicht “die Bahn” genauso wenig wie es “das Internet” gibt. Im Regionalverkehr sollte man zumindest in der eigenen Heimatregion wissen: wer fährt die Züge (in Berlin z.B. neben DB Regio, auch ODEG und NEB; in Hamburg u.a. der Metronom) und wer plant und bestellt die Züge (in Berlin wäre das der VBB, im Umland von Hamburg nah.sh). Das mag umständlich und kompliziert klingen, aber moderne Menschen verstehen doch auch den Unterschied zwischen Internet-Provider, Streaming-Dienst, WLAN-Router, Suchmaschine, usw.

Und drittens: bei widersprüchlichen Informationen könnte man vielleicht doch mal von einem Mitarbeiter eine Erklärung einholen, damit man damit den Widerspruch auflösen kann. Oft gibt es eine einfache Erklärung, die man sich auch für’s nächste Mal merken kann. (Z.B. das Bahnunternehmen XY veröffentlicht seine Meldungen nur über xy-bahn.de und die DB Apps oder Bahnsteig-Anzeigen.)

Liebe Grüße aus Berlin,
Robert Will

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Mal ganz davon abgesehen, dass dieser Rant ja letztlich auch nichts anderes war als in einer Zeitung oder der Tagesschau ein Kommentar und damit durchaus auch Teil des Journalismus, finde ich geht deine Ausführung ja an der Kritik der Lage vorbei.

Die Kritik der Lage war ja vor allem auf die Informationspolitik und die teils widersprüchlichen Informationen zwischen verschiedenen Plattformen. Hier spielen dann aber ja die unterschiedlichen Betreiber keine Rolle mehr wenn eine Strecke gesperrt wird. Denn wenn die Strecke gesperrt ist, dann fährt da auch kein Zug, egal ob durch DB, DB Regio, oder wer auch immer.

Es wäre also ein leichtes diese Informationen auch auf Bahnsteiganzeigen, Anzeigetafeln, Apps etc. zu kommunizieren.

Die Planung der Fahrten funktioniert aber dennoch Zentral. Denn für die Sicherheit der Bahn ist es essentiell, dass klar ist welcher Zug wo ist und was er macht. Auch wann der nächste Zug starten darf, egal von welchem Betreiber wird da zentral freigeben und deshalb auch erfasst wenn Züge stehen, z.B. wegen eines Defekt.

Auf diese Daten müsste man ja eigentlich für den Informationsfluss mit dem Kunden zurückgreifen können. Und wie gesagt. Bei Streckensperrung gilt das für alle Betreiber, egal was die woanders veröffentlichen. Da gibt es kein Fahren auf eigenes Risiko.

Dann bekommst du entweder eine weitere Information die wieder anders ist als die anderen oder ein „schauen Sie in die App, da wird alles kommuniziert“.

Als ich mal wegen einer Fliegerbombe nicht nach Hause fahren konnte wurde mir zudem sowohl von der App als auch von einem Bahnmitarbeiter gesagt, dass ich durch Umstieg auf die andere Linie (es gab zwei Linien links und rechts eines Flusses und die Fliegerbombe war im Fluss. Ich selbst war irritiert, weil beide Linien in der Evakuierten Zone lagen, vertraute hier aber der Bahn. Ende vom Lied war, dass ich auf halber Strecke strandete.

Alle Züge, sowohl link, als auch rechts des Flusses wurden von der zuständigen DB Regio betrieben. Also auch hier kann man keineswegs sagen, das Problem wäre an unterschiedlichen Informationsflüssen je nach Betreiber gelegen.

Das Problem war einzig und allein, dass zuerst nur der RE auf einer Seite in der App als Ausfall kommuniziert wurde, dann auch die auf dieser Seite verkehrenden RBs und zu keinem Zeitpunkt die auf der anderen Seite verkehrenden Züge, obwohl auch die von Anfang an gleichermaßen betroffen waren, da beide Strecken zeitgleich gesperrt wurden.

Was die Kommunikation in solchen Situationen angeht gibt es in meinen Augen schlicht und ergreifend keine Argumente mit der sich die Bahn verteidigen kann. Das läuft einfach gewaltig schief.

Und jeder den ich kenne der regelmäßig Bahn fährt kann von einer, meist aber mehreren solchen Situation berichten wo trotz klarer Lage (Streckensperrung) unterschiedliche Informationen vorlagen.

Anders sieht es natürlich aus, wenn ein privater Betreiber einen Ausfall nicht kommuniziert, aber hier würden wohl die wenigsten die Bahn verantwortlich machen.

Bitte doch gelegentlich Rants mit persönlichen, anekdotischen Erfahrungen aus Bereichen, die die meisten von uns nur zu gut kennen und erleiden. Denn klare und angemessene Kritik durch grundsätzlich dem Leistungsangebot des Unternehmens grundsätzlich zugeneigten Hosts in einem Podcast mit einer halben Millionen regelmäßiger Hörer sollte auch in der Vorstandsetage ankommen und dort sehr ernst genommen werden: Ein PR-Desaster!

Außerdem zaubern solche Rants einem ein Schmunzeln über das Gesicht, nach dem Motto: „Das kenne ich so gut ….!“

Wem das in einem kostenlosen Angebot zu viel ist, möge bitte den Vorspulknopf bemühen oder zum nächsten Kapitel springen oder mit einem Plus-Abo die Kurzversion hören.

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Okay, meinetwegen ranted halt, aber bei einem Punkt, auf den bisher keine Antwort eingegangen ist, möchte ich um Besserung bitten: Bitte nicht über “Die Bahn” (DB) lästern oder “Das Internet” oder “Den Staat”. Ihr erwartet ja auch von den Hörern, dass sie ein elementares Verständnis vom Unterschied Bund/Land/Gemeinde haben (wie sollen sie sonst richtig wählen…) und ihr kennt auch den Unterschied zwischen Browser, Suchmaschine, Internetprovider. Da kann es nicht so schwer sein, auch zwischen der DB InfraGo (quasi das Equivalent von Autobahn GmbH und TollCollect) und den Bahnverkehrsunternehmen (quasi dem Equivalent von Spediteuren, FlixBus, etc) zu unterscheiden. Dann gibt es noch die Verkehrsverbünde … und damit hat man schon ein Grundvokabular, um zumindest etwas konstruktiver ranten zu können.

Die Kritik ist glaube ich allgemein eher daran, dass die ganzen Akteure, die in diesem Bereich tätig sind, nicht so kooperieren, wie es im 21sten Jahrhundert technisch möglich wäre.

Ganz im Ernst: Mir als Nutzer der Bahn-Infrastruktur ist es völlig egal, ob daran ein, zwei oder 50 Unternehmen beteiligt sind. Ich will einfach nur, dass es funktioniert. Ebenso wie wir über „die Verwaltung“ klagen, obwohl es sich genau betrachtet natürlich um dutzende verschiedene Behörden handelt, oder auf Kommunalebene auch Tausende.

Kritik an „der Bahn“ ist daher gerade das: Unternehmesübergreifend. Es ist Kritik an der Infrastruktur, daher auch an den systematischen Bedingungen und Problemen. Was wir als Kunden daher fordern ist gerade, dass wir uns nicht fragen müssen: „Ist für diese schreckliche Informationspolitik jetzt die DB InfraGo, der Betreiber des Zuges oder sonst wer verantwortlich“, sondern diese ganzen Unternehmen sich zusammen setzen und Lösungen für das Problem erarbeiten.

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Als Nutzer ist das ja auch eine völlig legitime Haltung. Aber hier ging es ja um das Podcastformat und um die Frage, welchen Mehrwert es hat, sich eine solche Haltung - etwa in Form eines Rants - in derselben Form anzuhören, wie man sie auch im privaten Umfeld haben kann. Auch hier würde ich (wie bei anderen ähnlich Diskussionen hier im Forum) sagen, dass das Lage-Team natürlich frei entscheiden kann, was es wie thematisieren will. Aber ich persönlich höre die Lage in erster Linie, um journalistische und zum Teil auch fachliche Analysen oder zumindest eine „Draufsicht“ aus einer politischen Perspektive zu hören, nicht persönlichen Befindlichkeiten der Hosts - dafür gibt es in der Podcastwelt nun wahrlich genügend andere Formate. In diesem Sinne habe ich auch den Eröffnungspost gelesen. Zur inhaltlichen Diskussion gibt es ja schon mindestens einen anderen Thread: https://talk.lagedernation.org/t/ldn-463-erfahrungsbericht-bahn/