LdN 458 "Dann verpisse ich mich"

Hallo Lage,

Danke für die Darstellung des Themas Bundeswerhr/Wehrdienst!

100%ig meine Haltung!

Dazu ein kleiner Rant aus persönlicher Perspektive:

  • Rant Anfang -

Ich fühle mich verraten. Ich habe mich nämlich nicht verpisst, ich habe ab dem 01.10.1989 12 Monate Wehrdienst geleistet. Die geneigte Leserin weiß hoffentlich, was das für eine Zeit war: Bürgerinnenrechtsbewegung in der DDR, Montagsdemonstrationen. Wie wackelig und gefährlich das war, war mir in dem Moment gar nicht klar. Das wurde mir erst klar, als später im Jahr 1990 ein Vorgesetzter zu uns meinte: „Männer, wenn das da in der DDR schief gegangen wäre, wir wären nicht gemütlich in unseren Kasernen geblieben! Wir haben gelobt das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes zu verteidigen!“ Er hatte sowas von Recht! Deutsches Volk gibt es schließlich auch in Ostdeutschland. Was wäre gewesen, wenn die Lage eskaliert wäre? Wenn Sowjetarmee oder NVA auf die Menschen in der DDR geschossen hätten? Hätten Bundeswehr und NATO sich das einfach gefallen lassen? Kann sein, kann aber auch nicht sein. Aus heutiger Perspektive kaum denkbar, aber damals hätte die Lage in der DDR außer Kontrolle geraten können und tatsächlich zum Krieg führen können. Ich wäre mittendrin gewesen - als Wehrpflichtiger! Ich habe meinen Arsch riskiert für dieses Land! Mich macht das wütend, das andere dazu nicht bereit sind und sich da irgendwie pseudointellektuell ´rausreden wollen. Diese Leute werden von mir nicht freundlich behandelt und ich wünsche Ihnen alles nur erdenklich Schlechte beim „Verpissen“: z.b. französische Polizeischlagstöcke (der dann herrschenden Rechtsregierung) an der Grenze, australische Internierungslager oder ungemütliche neuseeländische Abschiebeflüge. Wer die Solidarität aufkündigt, bekommt von mir auch keine Solidarität mehr zurück.

  • Rant Ende -
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Puh, also ich muss schon sagen, dass mich die Einspieler zu Beginn des Abschnitts schon direkt auf 180 gebracht haben. Als dann der Schauspielkollege anfing, höchst philosophisch seine Ablehnung kund zu tun, war’s vorbei.

Wie naiv kann man eigentlich sein?

Wenn es so weit kommt, dass deutsche Bürger zum Verteidigungsfall einberufen werden, wird es keinen friedlichen Fluchtort auf der Welt mehr geben. Wie stellen sich diese Nasen das vor? Komme ich dann als wehrfähiger Mann nach Frankreich und die Franzosen sagen, „Sacre bleu, wie schön dass du hier bist!“? Nein, die werden sagen, „Sacre bleu! Was willst du hier? Halt uns die Russen vom Leib!“. Übrigens glaube ich auch, dass das inner-deutsch ebenso passieren könnte. Flieh mal als Berliner nach Bayern oder BaWü.

Genauso der Kollege, der meint, er will nicht für Friedrich Merz an der Front Menschen töten. Hallo?? Es geht hier nicht darum, „für Deutschland“ in den „Krieg zu ziehen“. Es geht hier um Verteidigung des eigenen Lebens! Merz befiehlt doch nicht den Angriffskrieg als Vergeltungsschlag gegen Russland.

Es gibt ein Spektrum zwischen „sich verpissen“ und „an der Front im Graben sterben“. Ihr habt es ja ausführlichst aufgezählt: Verweigern und Zivildienst machen. Aber auch innerhalb der Wehrpflicht: Verwaltungseinrichtungen, Logistik im Hinterland, Unterstützung von Zivilschutz (THW etc.). Alles möglich, wenn man zwei Arme, zwei Beine hat. Aber nein, das scheint sich alles auf schwarz-weiß runterzureduzieren und wer zwei Beine hat, läuft weg.

Und was ist denn die Alternative? Ich versteh’s absolut nicht. Denken die Leute, wenn Putin bis an die Grenzen von Polen, Slowakei und Bulgarien kommt, können sie einfach in Ruhe weiter ihr bisheriges Leben in Deutschland führen? Vor allem in Berlin, was sehr nahe an der Ostfront ist?

Da bin ich über diesen hochnäsigen, egoistischen Kommentar vom Theatermann ehrlich schockiert. Überrascht bin ich jedoch leider nicht, da ich aus der linken Szene genug Leute kenne, die so drauf sind. Die wurden zum größten Teil nie wirklich herausgefordert und denken, sie hätten mit einem potentiellen Weltkrieg nichts zu tun. Weil Pazifismus und so. Aber sobald ihnen mal die kleinste Einschränkung ihrer künstlerischen Freiheit zugemutet wird (fun fact: russische Soldaten interessiert deutsches Theater vermutlich weniger), ist das Geschrei groß. Natürlich haben die auch an der Waffe nichts zu suchen, aber es gibt ja wie gesagt ein ausreichend breites Spektrum an Aufgaben.

Vielen Dank Philip und Ulf, dass ihr euch für das Thema so ausführlich Zeit genommen habt! Ihr habt auf die meisten meiner Anmerkungen ja bereits auch einen Kommentar gegeben. Ich wollte nur einerseits mal meine Wut ablassen und andererseits euch beipflichten.

Übrigens vielleicht auch noch ein schöner Aufhänger, um die geschichtliche Bildung in Deutschland mal wieder zu kritisieren. Deutschland hat nicht grundlos so gewaltige Verantwortung und Einfluss auf der politischen Weltbühne. NATO, EU. Alles Organisationen, die global wirken.

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Mir war die Diskussion zu dem Thema auch zu einseitig. Hinzu kommt, dass ich die in der Lage gehörten Gegenstimmen ziemlich undifferenziert fand und mir nicht vorstellen kann, dass sich nicht auch sympathischere “Verpisser” gemeldet haben.

Vorab: Das Thema ist natürlich unglaublich komplex und mir fällt es schwer, was ich dazu sagen und ggf. kritisieren möchte, in die richtigen Worte zu packen und ich glaube, das ging Ulf und Philip genauso. Ich respektiere ihre Position und kann sie gut nachvollziehen.

Gleichzeitig hatte ich jedoch das Gefühl, dass die Gegenposition regelmäßig mit ausufernden “Was wäre, wenn…”-Szenarien ad absurdum geführt wurde, sie dies jedoch nicht mit ihren eigenen Thesen gemacht haben. “Wenn alle sich verpissen würden…” ist da genau so ein Beispiel. Wenn jemand das Land verlässt und das Recht darauf gemäß dem kategorischen Imperativ für alle Recht und Gesetz würde, so muss dies nicht zwangsweise immer zu einer Herrschaft Russlands führen (auch wenn dies sicherlich das kurzfristige Ergebnis wäre). Im Gegenteil kann das Ergebnis auch sein, dass es mit der Zeit zunehmend weniger Menschen gibt, die diese Kriege überhaupt führen können.

Ein anderes Argument ist das Thema “Recht auf Arbeitsteilung”, weshalb ja niemand den Dienst an der Waffe tun müsse, sondern auch Zivildienst leisten könne. Wenn ALLE das täten, hätten wir auch wieder niemanden an der Waffe. Ich glaube nicht, dass dieses Wahlrecht in diesem Fall noch bestünde - wir sehen ja auch heute bereits Überlegungen zur Einführung eines verpflichtenden sozialen Jahrs, weil wir zu wenig Menschen in Sozial- und Pflegeberufen haben.

Allgemein ist der kategorische Imperativ ein gutes und wichtiges Konzept. In einer Diskussion kann ich doch aber nicht einerseits diesen zugunsten meiner eigenen These hochhalten und gleichzeitig den Pazifismus als naive Träumerei fernab der Realität abstempeln.

Ich persönlich kann nicht sagen, wie ich im Ernstfall wohl reagieren würde. Als Ende 20-Jährige fühle ich mich in dieser Diskussion jedoch häufig belehrt und nicht ernst genommen. Wie in der Lage mehr als hinreichend diskutiert, geht die heutige Politik meistens zulasten der Armen und / oder der Jüngeren und das tut sie bereits seit vielen, vielen Jahren. Hinzu kommt der große Rechtsruck in Deutschland und vom Klimawandel mag ich gar nicht erst anfangen. Gleichzeitig versuche ich positiv in die Zukunft zu blicken und ja, ich finde auch, dass wir es in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern sehr gut haben.

Ich bin jedoch wirklich mürbe. Der politische Wandel, nicht nur die Positionen, sondern auch die Kultur betreffend, machen mir Angst. Die Wahlergebnisse in Deutschland machen mich wütend und ich frage mich schon länger, ob unser Staat und unsere Gesellschaft meine Generation eigentlich in dem Maße schätzen und respektieren, wie es im Gegenzug von mir erwartet wird. Um mal auf den Kontext des Kriegs zurückzukommen, stelle ich mir auch die Frage, wie viel Schuld eigentlich Deutschland an der aktuellen Situation trifft und ob nicht auch die Politik der letzten Jahre, welche jederzeit demokratisch legitimiert war, erst ermöglicht hat, dass der Verteidigungsfall wieder etwas ist, was realistisch diskutiert werden muss. Hinzu kommt, dass wir als Land darauf auch noch schlecht vorbereitet sind. Wie gut kann Deutschland mich also im Ernstfall an der Waffe ausbilden und schützen? Und wenn der Krieg vorbei ist - wie wird die deutsche gesellschaftliche und politische Landschaft dann aussehen?

Überlegungen wie diese machen es für mich schwierig, zu beantworten, ob ich für Deutschland aktuell mein Leben riskieren würde - sei es an der Waffe oder einfach dadurch, dass ich nicht fliehe und Zivildienst leiste. Ich kann es zumindest niemandem verdenken und bin trotzdem voller Dankbarkeit und Respekt für all jene, die es nicht tun. Ich hoffe einfach, ich muss nie herausfinden, wie ich mich entscheiden würde.

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Danke für die gute Formulierung, besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Es gibt eben nicht nur die beiden Pole “Das Land soll genau so sein wie ich will, sonst diene ich nicht” gegenüber “Es gibt freie Wahlen, also ab an die Front, russische Besatzung ist schlimmer” sondern auch noch ein paar Graustufen dazwischen. Als Demokratin darf ernsthaft damit gehadert werden, für einen Staat zu töten, der sich von den Werten seiner eigenen Verfassung entfernt, auch wenn, ok ok, vieles gut ist.

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Liebes Lage-Team,

ich möchte mit einer sehr großen Bitte starten: BITTE, BITTE, BITTE ladet Ole Nymoen einmal zu euch ein. Ich glaube, ihr habt seine Position noch nicht wirklich richtig dargestellt. Gerne einfach zum Interview, aber am besten würde mir das in einer offenen Diskussions-Sonderfolge gefallen. In dieser könntet ihr eure Positionen gegeneinander halten und euch gegenseitig argumentativ stellen. Für mich klingt das nach einem potenziell sehr hörenswerten Beitrag, vor allem, wenn ihr Ole auch eine faire Chance gebt, seine Position ausführlich darzustellen (wäre ja zwei gegen einen), und ihr euch wirklich viel Zeit nehmt (ggf. eine Doppelfolge?). Vielleicht könnt ihr ja Anne Will als Moderatorin gewinnen :wink:

Darüber hinaus möchte ich hier aber auch ein paar eigene Gedanken loswerden:

Zuerst sollte gesagt sein, dass sich mir immer mehr das Gefühl aufdrängt, dass Ole mit seinem Buch einen absoluten Nerv getroffen hat und dass es eine Mehrheit in Deutschland gibt, die es genau so sieht wie er. Das Thema hält sich schon sehr lange in der Öffentlichkeit, und immer mehr Menschen unterstützen seine Position.

Eure komplette Argumentation baut sich im Grunde auf folgendem Argument auf: „Man kann ja verweigern und dann zivilgesellschaftlich helfen.“ Und hier stellt sich mir leider die Frage: Wie naiv kann man sein? Ich meine das nicht böse, aber wenn sich nicht genug junge Männer (und es sind nun mal aktuell nur die) finden werden, bin ich mir schon nicht sicher, ob es nicht nach der Musterungspflicht ganz bald schon wieder die Wehrpflicht geben wird. Spätestens aber im Ernstfall - Deutschland (oder eigentlich sogar ein NATO-Staat) wird angegriffen - würde Deutschland, wenn sich nicht genug Freiwillige finden lassen, die bereit sind, für die BRD zu sterben, ganz schnell wieder eine Wehrpflicht einführen müssen. Dazu wäre die Bundesregierung ja geradezu verpflichtet, und ich könnte es sogar verstehen, wenn sie das machen, denn sie haben ja geschworen, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden. Ganz zu schweigen davon, dass es aus einem Selbsterhaltungstrieb ja nicht anders möglich wäre, zumindest, wenn man nicht direkt kapitulieren möchte. Und schon ab diesem Punkt würde eure gesamte Argumentation in sich zusammenfallen. Denn dann kann man nicht einfach mehr sagen: Ich verweigere. Mich würde interessieren, ob ihr beide (Ulf & Philip) dann wirklich bereit wäret zu kämpfen, wo ihr doch immer wieder betont, auch nicht kämpfen und, was dann potenziell nötig wäre, töten zu wollen?

Wenn man dieser Argumentation folgt, müsste man sich also, bevor dieser Fall eintritt, Gedanken darüber machen, ob man bereit wäre, für das aktuelle Deutschland zu kämpfen oder sich „verpisst“, denn eine andere Möglichkeit gibt es dann ja nicht. Und da habt ihr selbst in dem aktuellen Podcast und in so vielen davor gesagt, dass die Werte, die immer so im Raum stehen, im Grunde nicht mehr zu 100 % und vielleicht auch nicht zu 60 % der Realität entsprechen: Einfluss von Überreichen, Umgang mit Armut/sozial Schwachen/Flüchtlingen, ökonomische Ungleichheit, Zustand von vor allem sozialer Infrastruktur usw. Klar, da muss dann jeder selber gucken, ob es einem noch genug wäre, dafür zu kämpfen oder nicht. Mein Gefühl sagt aber, die Mehrheit sagt NEIN! Und ich glaube, an den Punkt müssen wir mal kommen, dass wir wirklich mal abprüfen, ob das so ist, und wenn ja, dann muss ja offensichtlich SEHR VIEL endlich mal angegangen werden. Und das ist dann wirklich das große Thema, über das wir alle mal wieder mehr sprechen müssen: Wie müsste sich Deutschland verändern, damit es sich wieder lohnen würde, dafür zu kämpfen?

Ich habe das Gefühl, diese Frage liegt tatsächlich hinter der ganzen Debatte verborgen, und es wäre zunächst schmerzhaft, sich das einzugestehen, aber sehr lohnenswert, dies mal wirklich auszudiskutieren und dann konkret anzugehen. Ich würde mich riesig freuen, wenn ihr mit eurer Reichweite versuchen würdet, dazu einen Anstoß zu geben! Vielleicht mit einer kleinen Diskussionsrunde mit Ole…

PS: Ihr habt in dieser Folge ein bisschen übergangen, dass es auch genug Beispiele für friedliche Revolutionen/Umstürze gibt. Als “aktuellste” kann man hier wohl die “Revolution” in einem ehemals russisch besetzten Land namens DDR anführen…

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Lieber Philip, lieber Ulf, Ich habe euch grade 45 Minuten zugehört warum es ethisch falsch ist sich zu verpissen wenn der Russe kommt. Mit euren theoretischen Überlegungen habt ihr ja auch - theoretisch - recht, auch ich will nicht in einem von Russland besetzen Gebiet leben.

Ihr seid …aber am Thema vorbei. Theoretische Überlegungen reichen nicht um handeln zu erzeugen. Beispiel: Ethisch ist es objektiv nicht vertretbar Tiere zu essen (Stichwort Klima, Zerstörung des Planeten, Leid der Tiere,…) trotzdem machen es die allermeisten Menschen, aus Gewohnheit, Bequemlichkeit, Spaß. Anderes Beispiel Flugreisen, jeder weiß dass sie Mist sind, trotzdem macht sie fast jeder, ihr ja auch.

Die Frage ist doch: warum haben die Leute keinen Bock für Deutschland zu kämpfen? Und da habt ihr genauso faul argumentiert wie Merz: “Ja, ist nicht alles perfekt, aber woanders ist ja auch nicht so toll.” NEIN! Es ist eine riesen Frustration im Land, weil man seit Jahren erlebt wie alles immer schlechter wird. Unter der Ampel konnte man es sich noch schön reden, dass die Regierung halt eingeschränkt ist in ihren Möglichkeiten (Angriffskriege Putins und Lindners), aber jetzt erleben wir, wie die Regierung viel mehr Möglichkeiten hat und mutwillig das Land zu Grunde richtet um sich und ihren Freunden die Taschen voll zu schaufeln. Mit Abkehr von Klimaschutz, grassierendem Wirtschaftslobbyismus, offenwichtlicher ungeahndeter Korruption und null Interesse an sozialen Ausgleich hat man das Gefühl, dass die Regierung gegen das Gemeinwohl arbeitet. Warum also sollte man für ein Land kämpfen wenn nicht mal unser Kanzler es tut? Ja, unter Putin wäre es noch schlimmer keine Frage. Aber damit überzeugt man halt nicht.

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Ich finde es etwas “frech” bei diesem Thema auf einmal mit der Moral anzufangen. Bei vielen anderen Themen wird häufig ausschließlich mit faktischen Argumenten und höchstens noch Fairness argumentiert. Wir haben in Deutschland eine Gesellschaft, in der die älteren Generationen jahrelang von Frieden profitiert haben und jetzt nichts an die junge Generation abtreten will. Diese junge Generation soll jetzt aber potenziell in den Krieg ziehen, um das Vermögen und den Frieden dieser alten zu sichern, ohne eine entsprechende Entschädigung zu bekommen. Die ganze Politik ist nach wie vor nur auf die alte Generation getrimmt. Wenn diese Politik es nicht schafft, die jungen Leute davon zu überzeugen, FREIWILLIG zu dienen, dann finde ich es nicht fair hier auf einmal die Moral-Keule auszupacken. Ich finde es moralisch mindestens ebenso fraglich, warum die reichen alten (generell eigentlich alle Überreichen) nicht auch mit der Moral-Keule angegangen werden, wenn es um Generationengerechtigkeit geht. Ich selbst würde niemals einem Land dienen, dass mir keine gute Zukunft mehr verspricht, weil alles zunächst kaputt gespart wurde, dann Unmengen an (benötigten) Schulden aufgenommen wurden, nur um damit den Haushalt schönzurechnen, die Rente weiterhin nicht reformiert wird, Vermögenssteuer und Erbschaftssteuern eine Katastrophe sind und gleichzeitig alle Kosten und Unannehmlichkeiten auf mich und meine Generation abgewälzt werden.
Zusammenfassend lässt sich aus meiner Sicht sagen, dass auf einer Generation mit der Moral-Keule eingeprügelt wird, weil sie keinen Einsatz erbringen will für ein System, dass sie systematisch benachteiligt und ignoriert. Und das ist meiner Meinung nach erst recht unmoralisch.

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Es gibt stimmen die es als moralische “Vorschrift” sehen, wenn es notwendig ist, sein Leben für ein Land zu lassen und andere die die der Meinung sind, dass der Erhalt des eigenen Lebens einen höheren Stellenwert hat als der Erhalt irgendeiner Nation.

Meine, persönliche, Entscheidung liegt irgendwo dazwischen. Ich glaube nicht dass ein bestimmter Nationalstaat es inherent wert ist dafür sein Leben zu lassen. Allerdings bin ich überzeugter Verfechter der Menschenrechte und bin bereit, im Zweifel mit meinem Leben, dafür einzustehen. Frei nach dem Motto „Lieber eine Stunde in Freiheit als 40 Jahre Versklavung und Gefängnis“

Ob ich das in den starren Strukturen einer organisierten Armee machen kann/will ist eine andere Diskussion. Das Land wo ich herkomme hat noch den Wehrdienst und dort muss man sich dann im Zweifel von einem offen bekennenden Faschisten anschreien lassen weil die Toilette nicht so gesäubert wurde wie er es sich vorstellt.

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Man kann das Thema ggf. auch etwas breiter denken, nicht nur auf die Wehrpflicht fokussiert.

In was für einer Gesellschaft möchte ich leben? Dazu dann die entscheidende Frage:
Was bin ich bereit dazu beizutragen?

Alles weitere ergibt sich dann aus der Antwort….

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Fragen:

Wer glaubt, dass es bei der Frage, wer in vorderster Front kämpfen soll, gerecht zugehen wird?
Werden Überreiche und Prominente ihre eigenen Kinder außer Landes in Sicherheit bringen oder alternativ in hohen Posten, die eher nicht im Schützengraben liegen?

Wer glaubt, dass eine Regierung, die schon jetzt noch nicht mal Gesetze beachtet, das Gesetz im Kriegsfall nicht ändert? Ich glaube nicht an ein fortbestehendes Recht auf Verweigerung und meine, da hat sich auch irgendein General schon sehr deutlich geäußert…

Eine starke EU wäre dringend erforderlich. Wie passt Merz’ Äußerung (sinngemäß): „Wenn die USA nicht mit der EU wollen, dann können sie ja mit Deutschland“ dazu?

Was genau will Russland überhaupt? Mir ist das nicht klar. Die Frage ist doch heute eher, was passiert in den baltischen Staaten? Sind wir bereit, diese zu verteidigen? Wäre dann nicht eine Berufsarmee besser? Das Szenario, dass Deutschland angegriffen wird, teile ich aktuell noch nicht. Ich habe mehr Sorge vor der AfD in der Regierung. Deshalb:

Wenn die Regierung uns nicht mal vor der AfD schützt, indem sie wenigstens mal ein Prüfungsverfahren einleitet - und das ist aktuell eine viel größere Gefahr speziell für die deutsche Demokratie - warum sollen wir darüber nachdenken, wie wir eben diese Demokratie vor der noch theoretischen Gefahr aus Russland schützen, überspitzt ausgedrückt? Die Demokratie, wie wir sie kennen, wird es dann vermutlich schon nicht mehr geben.

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Extrem gedankenanregende und hochwertige Diskussion. Sie hat mir extrem geholfen, bei diesem Thema Klarheit zu gewinnen. Ich finde eure klare Haltung sehr mutig, weil ihr sicher wusstet, dass ihr viel Gegenwind von euren HörerInnen ernten würdet. Vielen, vielen Dank!!!

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Im Abschnitt zur Wehrpflicht kommt in der Diskussion durchgehend zu kurz, dass das Recht auf Leben weder absolut noch das Höchste ist. Artikel 1 nennt die Würde des Menschen als Höchstes. Das ist davon unabhängig.

Auch wird eben nicht die Person des Bundeskanzlers in seinem Büro verteidigt, sondern die Würde aller Mitmenschen, und deren Leben.

Feuerwehrleute und andere tun das täglich im Übrigen.

Und auch das Argument die Reichen wurden verteidigt - wer hätte denn die Möglichkeit, sich selbst und das Vermögen zügig in Sicherheit zu bringen? Wir verteidigen die, die sich nicht selbst retten können.

Zu Ende gedacht sind die meisten Argumente naiv bis amoralisch

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Genau das hat bei mir auch ein Störgefühl ausgelöst. Gerade die die fliehen können, haben ihre Mittel zur Flucht in einem System verdient das sie zu verteidigen nicht bereit sind. Wenn diese Laute ein problem mit Deutschland haben sollen sie heute schon auswandern aber nicht „verpissen“ wenn es darauf ankommt seine Privilegien zu verteidigen

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Lieber Philipp, lieber Ulf,

vielen Dank für euren Blick auf den ganzen Themenkomplex Verteidigung und daraus entstehende persönliche Verantwortung. Beim zuhören bin ich auch durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen aber ich konnte euch durchgehend zustimmen.

Zunächst mal zur eigenen Lage. Ich bin Jahrgang 1983, habe noch Wehrdienst geleistet bzw. war sogar freiwillig Soldat auf Zeit für 2 Jahre und habe eine Ausbildung zum Reserveoffizier bei den Fallschirmjägern durchlaufen. Ich arbeite heute in einem Bereich der sicher zur kritischen Infrastruktur gezählt werden kann und bin außerdem seit fast zehn Jahren Helfer im örtlichen Ortsverband des Technischen Hilfswerks (THW). Im Verteidigungsfall stehen also wahrscheinlich die Bundeswehr, das THW und mein Arbeitgeber vor der Tür und wollen ganz dringend dass ich Dinge für sie tue. Da meine BW Zeit sehr lange zurück liegt und meine Erfahrungen Anfang der 2010er beim Versuch Wehrübungen zu leisten überwiegend negativ waren (hauptsächlich organisatorischer Natur, anderes Thema…), und mein Arbeitgeber auch ohne mich genügend Leute hat (falls diese sich nicht auch alle verkrümeln) habe ich für mich beschlossen, dass ich in einem Verteidigungsfall meine blaue Kutte mit gelbem Helm anziehen und Menschen aus Trümmern zerstörter Häuser ausgraben werde plus was noch alles anfällt (sprich THW).

Seit eineinhalb Jahren bin ich zudem noch Vater eines Sohnes, für den sich in 16 1/2 Jahren spätestens die Frage stellen wird: “Wie halte ich es mit meinem Einsatz?” Ihm werde ich sicher euren heutigen Podcast vorspielen und mit ihm durchdiskutieren. Vor allem bin ich gespannt zu welcher Meinung er kommen wird als Betroffener.

Zu den vielen Argumenten die vorgetragen werden um eine Flucht vor jedweder Verantwortung zu finden habt ihr im Podcast schon so ziemlich alles gesagt was es zu sagen gibt.

  • Es gibt 1.000 Dinge mehr zu tun als nur Frontliniensoldat zu sein oder abzuhauen, nicht nur diese beiden Extreme.
  • Wohin willst du denn fliehen?
  • Was machst du wenn du dort auch wieder bedroht wirst? Wieder wegrennen?
  • Wofür stehst du eigentlich wenn nicht bereit bist deine Überzeugung auch zu verteidigen?
  • etc.

Am meisten regt mich dieses Argument auf, “Ich sterbe nicht für Friedrich Merz.” oder andere selektiv herausgepickte Einzeldinge. Ist den Leuten denn nicht klar, dass sie nicht für einen Kanzler sterben oder für eine geographische Grenze sondern für eine Art zu leben, die sie ja offensichtlich nicht so schlecht finden (oder keine bessere) denn sonst wären sie ja heute schon woanders?

Gerade als THW Helfer und Ex-Soldat habe ich seit über zwanzig Jahren das Gefühl, dass in diesem Land eine riesige Verdrängungsleistung gegenüber jedweder Art von Katastrophen oder Unglücken (menschgemacht oder von Natur aus) besteht. Wie es im Tagesschau.de Artikel vom 10.12. “Kommunen mangelhaft auf Katastrophen vorbereitet” schon ein Verantwortlicher schön beschrieb: In diesem Land herrscht “Katastrophendemenz”. Ob es nun das Ahrtal ist oder der Krieg in der Ukraine, wenn man mit vielen Menschen versucht darüber zu sprechen wie sie sich individuell auf Notsituationen vorbereiten kommt entweder gar nichts oder man wird direkt in die abstruse Prepper-Ecke gestellt. Wieder so ein springen zwischen zwei Extremen. Ich frage mich, wann wir in diesem Land es mal wieder schaffen ernsthaft ohne Übertreibungen und Panikmache darüber zu reden, dass jeder Mensch auch eigene Verpflichtungen hat und das die Welt leider (noch) kein pazifistisches Utopia ist. Es ist nicht nur damit getan seine Steuern zu zahlen und dann kann man sich zurücklehnen und erwarten, dass der Staat einem ein sorgenfreies Leben bereitet. Zumal “der Staat” ja auch nur ein abstraktes Konstrukt ist, ganz konkret müssen es ja andere Menschen sein (Sanitäter, THW-Helfende, Feuerwehrleute, Soldaten, Polizisten, und noch hunderte andere Berufe) die einem dies ermöglichen würden. Ich finde euer Podcast heute hat endlich mal einen Baustein zu so einer ernsthafteren Diskussion geliefert.

Anders als einer meiner Vorredner wünsche ich den Menschen die abhauen natürlich nichts Schlechtes, das verbietet mir ebenfalls der kategorische Imperativ. Aber ich möchte ihnen doch immer gern nachrufen: “Lasst eure Schlüssel und Adresse da. Wenn ihr weg seid, können wir ja Vertriebene dort unterbringen.”

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Hallo und vielen Dank wieder mal für die hervorragende Arbeit.

Was mir zu euren Gedanken bezüglich Wehrpflicht, Verweigerung, Verteidigungsfall, Abhauen usw. immer wieder einfällt: Wenn es tatsächlich zu einem Verteidigungsfall kommt, ist das Recht auf Verweigerung des Dienstes an der Waffe sehr schnell abgeschafft. Es bedarf “nur” einer Grundgesetzänderung, also einer 2/3-Mehrheit im Bundestag. Wenn die Situation eintritt, dass zu wenig Männer den Dienst an der Waffe antreten oder dazu gezwungen werden, weil sie nicht verweigert haben bzw. früher gedient haben, dann wird diese Mehrheit im Bundestag sehr schnell erreicht. Also ist die Argumentation, man kann ja einfach verweigern und muss nicht an die Front einfach realitätsfremd. In der Ukraine sind die Jungs und Männer, die an der Front kämpfen auch nicht alle freiwillig dort.
Der Krieg ist eine absolute Katastrophe und muss auf jeden Fall verhindert werden. Eine schnelle Aufrüstung zur Abschreckung ist auf jeden Fall nötig und in der aktuelle Lage bzgl. der USA leider auch atomar.

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Ich habe mich als treuer Lagehörer extra hier angemeldet, um meine Meinung zu dem Thema abzugeben.

Und siehe da, du hast die gleichen Bedenken wie ich.

Ich finde, obwohl die Lage oft viele Facetten eines Themas beleuchtet, wird hier zu kurz gedacht. Als ob im Verteidigungsfall Verweigerung eine Option ist…das ist so offensichtlich,…

Für meine persönliche Situation: habe genug Videos von der Front im Osten gesehen, und zwar von beiden Seiten. Ich würde alles dafür tun um meine engere Familie zu retten und abzuhauen. Lieber lebe ich woanders unter schlechten Verhältnissen und kann meinen Kindern noch ein Vater sein, als an der Front bei der heldenhaften Verteidigung eines Schotterhaufens von einem chinesischen Quadrocopter zerfetzt zu werden.

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Was ich in dieser Diskussion immer recht befremdlich finde ist die Äußerung einiger (nicht aller!), das ein Leben in Deutschland nicht lebenswert und damit auch nicht verteidigungswürdig sei.
Das ist ja eine legitime subjektive Sichtweise, keine Frage.
Aber was bedeutet das dann?
Verlässt man Deutschland mit dem Ziel eine Gesellschaft/ein Land zu finden, wo das Leben besser ist und niemals ein Krieg drohen kann? Gibt es da Beispiele?

Oder bleibt man bewusst in Deutschland um an der Beseitigung der Missstände beizutragen? Im kleinen Ehrenamtlich, beruflich, politisch, oder auch bei der Bundeswehr?

Oder bleibt man bewusst in Deutschland, weil einem keine bessere Alternative einfällt oder man den Mut zum Auswandern nicht hat und beschränkt sich aufs Anprangern der Missstände, die „andere“ beseitigen sollen?

Also mir ist die Konsequenz mancher Sichtweisen nicht ganz klar bzw ich weiß nicht ob allen immer klar ist, was die eigene Einstellung im Grunde für Handlungen nach sich ziehen sollte…

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Ich habe den Eindruck Die Lage hat Oles Buch nicht gelesen.

Ich tatsächlich auch nicht, da ich aber Oles und Wolfang M. Schmidts Wirtschaftspodcast höre, denke ich ungefähr zu kennen was im Buch steht und wie es in der aktuellen Lage dargestellt wurde, denke ich kaum das Ole so in seinem “Pampflet” argumentiert hat.

Ich bin in Sachen Wehrpflicht nichtmal bei Ole, ich war bei der Bundeswehr aber man muss ihm auf jeden Fall zugutehalten das er versucht zu argumentieren, was manche so im pazifistischen Lager nur schwer formulieren können.

Und zweitens ließt er tatsächlich auch die Bücher über die er spricht, gute Sache.

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Ist das nicht Whataboutism? Wir sollten beide Probleme lösen. Und nur weil Fritze Merz es nicht schafft die AFD zu bekämpfen die Konsequent zu sehen die Demokratie nicht gegen ausländische Kräfte zu verteidigen klingt ja nicht richtig. Ich würde ja nicht meine Regierung verteidigen sondern Werte und eine Art und Weise zu leben.

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Ja, natürlich beide, aber das Allerwichtigste ist gerade, die Demokratie überhaupt mal zu erhalten, auch ohne militärischen Angriff.

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