LDN 456 Digitalisierung ALG1

Liebes Lage Team,

ein kurzer Hinweis zum Thema digitale Kommunikation des Jobcenters / der BAA. Ich bin selbst aktuell Bezieherin von ALG1, und nutze ausschließlich den digitalen Service der BAA, allerdings nur das Online Portal, nicht die App. Das Online Portal ist aber auch gut per Handy nutzbar. Die Anmeldung ist etwas nervig (Code per Post oder Personalausweis Online Ident), aber dann funktioniert es wunderbar und ist sehr intuitiv. Der gesamte Prozess von Arbeitslosmeldung bis Beantragung von Arbeitslosengeld, und so weiter läuft digital. Es gibt sogar die Möglichkeit, Nachrichten an die BAA zu senden. Anfangs habe ich Briefe “doppelt” erhalten, per Postfach und per Post, was ich denke ich eine gute Herangehensweise ist. Da muss ich eine Lanze brechen für die BAA.

Ich würde euch auch anbieten mal einen Blick drauf zu werfen, solltet ihr daran interessiert sein.

Lieben Dank für eure Arbeit und beste Grüße

Chiara

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Moin liebe Lage,

ich arbeite im Jobcenter Hamburg.

Das Problem mit den Briefen kenne ich natürlich auch. Ich weiß zB, dass mein Kd. nicht umgezogen ist, der Brief kommt aber zurück, wird dann beim zweiten Anlauf zugestellt und auch Kd, berichten von Briefen, die bei mir nicht eingetroffen sind.

Bei Meldeversäumnissen ist es so: Wenn wir nicht nachweisen können, dass eine Einladung tatsächlich zugestellt wurde, können wir nicht sanktionieren. Das setzt voraus, dass dies im Anhörungs- oder Widerspruchsverfahren mitgeteilt wird.

Die Appanmeldung bzw. bei jobcenter digital ist tatsächlich sehr sperrig. Ich mache das durchaus auch mit den Kd. gemeinsam und das braucht Zeit und Geduld.

Wenn es schneller gehen muss und Dokumente schnell hochgeladen werden müssen, leite ich die Kd. aber auch durchs Kontaktcenter, da es dafür weder Anmeldung noch Registrierung braucht. Beim Kontaktcenter handelt sich um eine Hamburgensie.

Wir haben zudem das café digital. Dort bekommen die Kd. kostenlose Hilfe, um sich in der digitalen Welt zurechtzufinden. Für die Jobcenterapp gibt es sogar regelmäßige Termine. Kaffe, Tee und WLAN sind gratis. Es ist zentral in der Innenstadt und ich habe positive Rückmeldungen der Kd erhalten.

Zusätzlich gibt es auch Maßnahmen, um den kd die digitale Welt näher zu bringen.

Die Appnutzung ist toll, solange sie funktioniert. Sobald es Probleme mit dem Einloggen gibt, können natürlich auch keine neuen Dokumente eingesehen werden, was dazu führt, dass die Kd vorsprechen und wir alles ausdrucken müssen, weil die Onlinekommunikation von den Kd nicht zurückgesetzt werden kann.

LG

F.

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Neue Handys und Handyverträge sind zum einen teuer und müssen zum anderen auch seitens der Anbieter bewilligt werden. Bei negativer Schufa gibt es keinen Vertrag. Und selbst wenn, der jetzige Regelsatz ist doch schon absurd niedrig. Allein die Stromkosten sind in den letzten Jahren massiv gestiegen, dazu die Lebensmittelpreise. Habt ihr mal mit Menschen gesprochen, die zur Tafel gehen müssen? …

… jetzt sagt ihr, sollen die sich doch nen Handyvertrag leisten? … absurd … argumentiert.. ..
„Nur“ 30% Sanktion…: Diese 30% entsprechen 168,90€. Oder anders: sanktionierten Menschen bleiben dann nur noch 394.10€. Davon muss natürlich der Strom bezahlt werden und ganz häufig auch ein Teil der Miete. Siehe hier: Wohnkostenlücke: Bürgergeldbetroffene zahlen 500 Mio. Euro aus eigener Tasche! - Fraktion Die Linke im Bundestag

So versucht dann mal mit knapp über 200€ über den Monat zu kommen!

Also schon jetzt herrscht bei Bürgergeldempfänger bitterste Armut. Das seht ihr einfach nicht, …
Außerdem sind viele Menschen im Bürgergeldbezug einfach auch psychisch sehr krank. Da gibt es ganz andere Probleme, als irgendein dummes Handy. Zum Beispiel psychischer Terror seitens der Jobcenter, welche die Krankheiten nur verstärken. Sehr viele dieser Menschen sind gar nicht arbeitsfähig, werden aber lediglich von der Rentenkasse nicht als erwerbsunfähig akzeptiert!

So sehr ich die Kritik an jeglichen Sparmaßnahmen beim Bürgergeld teile, muss ich hier sagen, dass das eine absolute Nebelkerze ist. Die günstigstes Smartphones gibt es ab 60 Euro, ein Prepaid-Daten-Tarif gibt’s bei allen Discountern ohne Schufa-Prüfung für 5 Euro im Monat. Ja, Bürgergeld-Empfänger haben sehr wenig Geld, aber wir reden hier über eine für nahezu alle Lebensbereiche essenzielle Anschaffung in der Kosten-Größenordnung deutlich unter „weißer Ware“ (Kühlschrank, Waschmaschine etc), eher auf dem Niveau, das damals ein Festnetz-Telefon gekostet hat. Geld sollte nicht das Argument sein, warum das Bürgergeld nicht „digitalisiert“ werden könne, das geht einfach in die völlig falsche Richtung.

Ein billiges Smartphone und ein günstiger Kompletttarif mit Festnetzflatrate (i.d.R. 8,99 EUR / Monat) sind heute kaufkraft-bereinigt selbst für Sozialleistungsempfänger günstiger als je zuvor, auch günstiger als der damals übliche Telefon-Vertrag (im schlimmsten Fall noch mit Telefon-Miete, ja, das war mal die Norm in Deutschland bis in die 90er hinein…). Kommunikation war tatsächlich nie so günstig wie heute.

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Stimmt. Es geht auch für unter 5 € je Monat. Gebrauchte Smartphones sind ebenfalls eine günstige Alternative und massenhaft erhältlich. Dennoch wird es immer Menschen geben, die auch das nicht hinbekommen wollen oder können. Für Obdachlose ist es vielleicht auch nicht immer einfach, den Akku zu laden (so wie es für Obdachlose auch nicht einfach ist, Post vom Amt zu empfangen).

Der Schluss kann aber nicht sein: keine oder weniger Digitalisierung. Denn das führt nur dazu, dass die Anliegen der Menschen langsamer und schlechter gelöst werden. Die Lösung muss lauten: mehr alternative, auch betreute Anlaufstellen. Neben Behörden denke ich an Bibliotheken, Banhofsmissionen und ähnliche Einrichtungen. An solchen Orten könnten vorkonfigurierte Standard-Terminals bereitstehen, an denen Menschen ihre Anliegen erledigen können.

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Weil jeder in der Großstadt lebt …? Bibliotheken sind in der Regel nicht in den Stadtteilen, wo finanziell benachteiligte Menschen wohnen. Also braucht es auch wieder Fahrkarten um überhaupt dahin zu kommen. Oder denke mal an Dörfer und Kleinstädte wo es solche Angebote bereits gar nicht mehr gibt!

Das ist ebenfalls sehr viel Geld!

Und das ist ein Vergleich von Äpfel mit Birnen. In den 90ern gab es wenigsten noch eine Sozialhilfe, die ihren Namen auch verdient hat. Da wurden auch noch die Anschaffung und Ersetzung essentieller Haushaltsgeräte übernommen.

Zum Thema Digitalisierung Jobcenter/Bundesagentur für Arbeit bzw. Anwendung für mobile Endgeräte möchte ich ergänzen:

Bei der Diskussion in der Lage der Nation Nr. 456 ab Laufzeit rund 1 Stunde bis etwa 1 Stunde 9 Minuten fehlt der Hinweis/Aspekt, dass es sich beim Leistungsbezug - meiner Meinung nach - um kritische Infrastruktur handelt (ähnlich wie Onlinebanking mittels mobilen Endgeräten).

Im Zweifel haben die Leistungsbezieherinnen und Leistungsbezieher eben nicht das aktuelle Modell eines Google Pixel oder das aktuelle Modell eines Smartphones von Apple. In der Regel werden „alte“ Geräte bzw. sehr preiswerte Smartphones verwendet (das ist schließlich eine Geldfrage). Wenn es für das Betriebssystem des Smartphones seit geraumer Zeit keine Sicherheitspatches mehr gibt/nie ein Sicherheitspatch veröffentlicht wurde/die Hardware des Smartphones den Betrieb der Anwendung nicht unterstützt, dann halte ich das für ein erhebliches Problem. Auch vor dem Hintergrund der erwähnten mehr-Faktor-Authentifizierung innerhalb der Anwendung (Stichwort: Onlinefunktion des Personalausweises mittels RFID-Chip), muss die Hardware des Smartphones verhältnismäßig neu sein.

Ja, durch Regulierung der EU müssen jetzt neu in Verkehr gebrachte Mobiltelefone lange Sicherheitspatches bekommen. Aber bis diese Geräte bei den Leistungsbezieherinnen und Leistungsbeziehern als Gebrauchtgerät „ankommen“, fließt noch viel Wasser die Elbe herunter. Bis dahin werden noch viele unsichere Mobiltelefone im Umlauf sein. Wenn dann die „EU-regulierten Mobiltelefone“ bei den Leistungsbezieherinnen und Leistungsbeziehern ankommen, sind diese Geräte im Zweifel so alt, dass keine Sicherheitspatches mehr veröffentlicht werden müssen.

Was ist schlimmer: „verloren gegangene Post“ oder „gekaperte Identität“ (weil das Smartphone keine Sicherheitspatches bekommt).

Wie der Konflikt der unsicheren Mobiltelefone aufgelöst werden kann, weiß ich nicht. Allerdings sollte dieses erhebliche Problem nicht vernachlässigt werden.

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Hallo liebes Lage-Team,

danke für die vielen interessanten Beiträge.

Bis vor kurzem hatte ich noch mit Arbeitsamt/Jobcenter zu tun und habe intensiv die BA-mobil-App und die Webseite genutzt. Von den leider viel zu häufig auftretenden technischen Problemen abgesehen finde ich die digitale Kommunikation gelungen. Bedenken habe ich aber bezüglich der “digital only”-Strategie. Ich hatte auch der digitalen Übermittlung der Bescheide etc. zugestimmt. Leider habe ich ab dann alle Dokumente/Bescheide nur noch digital in das Postfach bekommen. Ich war dann gezwungen die Bescheide auszudrucken, wenn eine andere Behörde (Sozialamt, Wohngeldstelle…) diese benötigte. Das bedeutet, dass ich einen Drucker/Scanner samt Tinte und Papier benötige, der ja auch Kosten verursacht (ich wohne auf dem Dorf, der nächste Laden ist 15 km entfernt). Ein weiterer Punkt ist, was ist mit den Dokumenten, wenn der Zugriff nicht möglich ist (technische Probleme wie Stromausfall, Internetausfall wie in letzter Zeit ja häufiger zu erleben) - Stichwort Resilienz.

Liebe Grüße

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Auch Behörden, Postfilialen und Briefkästen sind in Dörfern seltener anzutreffen. Das ist kein Grund, mit Anlaufstellen nicht in die Breite zu gehen. Das Schöne an Digitalisierung ist ja gerade, dass jeder Kiosk und jede Kneipe infrage kommt, um ein Angebot zu schaffen, und sei es nur einmal wöchentlich für ein paar Stunden. Nach dem Vorbild von Essen auf Rädern kann ich mir auch ein Amt auf Rädern vorstellen. Nach meiner Auffassung bietet Digitalisierung viel mehr Potenzial für Inklusion als analoge Verwaltung.

Siehe oben: Für Teilhabe ist nicht zwingend ein eigenes Endgerät erforderlich. Wir werden immer Infrastruktur für Menschen bereitstellen müssen, die ihre Angelegenheiten nicht selbst von zu Hause erledigen können oder wollen. Das ist auch in Ordnung. Aus Estland wissen wir, dass die Kosten unterm Strich dennoch viel geringer sind, als nicht zu digitalisieren. Schneller und unbürokratischer ist es ohnehin.

Der Fehler ist nicht das digitale Postfach, sondern das analoge. Digitalisierung muss ganzheitlich gedacht werden. Wir brauchen möglichst bald ein Recht auf digitale Verwaltung ohne Medienbruch. Mal abgesehen davon, dass das Verschicken von digitalen Dokumenten noch keine Digitalisierung ist. Das ist eine Nachahmung von Papiervorgängen in der digitalen Welt. Wenn unser Alltag so aussähe, müssten wir Amazon unsere Bestellungen als PDF-Dateien schicken, in die wir Bestellnummern eintragen. Das ist offensichtlich nicht Stand der Technik.

Was ist, wenn analoge Unterlagen auf dem Postweg verloren gehen oder bei Wasserschäden oder Bränden vernichtet werden? Digitale Verwaltung benötigt genau wie analoge Verwaltung Vorkehrungen gegen Zugriffs- und Totalverluste. Kein Grund, es nicht anzugehen. Wir sehen an anderen Ländern, dass das ein lösbares Problem ist.

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Hallo Lage-Team,

Zum Thema digitale Kommunikation des Jobcenters / der BAA:

Mein Eindruck eures Beitrags ist, dass man die optionale APP des Jobcenters nutzen muss, um postalische Bescheide in Papierform vermeiden zu können und überhaupt, dass die online-Kommunikation super einfach wäre. Dem möchte ich deutlich widersprechen!

Ich selber habe 32 Jahre als Ingenieur in der SW-Entwicklung gearbeitet und hatte mit sehr komplizierten Strukturen und Zusammenhängen in der IT-Welt zu tun. Nun bin ich Bezieher von ALG1 und nutze somit das online-Portal der BAA, nicht aber die optionale App.

Meine Erfahrung mit dem Online-Portal der BAA:

  • Generell funktioniert zwar alles, aber viele Wege sind unklar (wo ist das Postfach? wo finde ich die offenen Stellen? warum kann ich mich über verschiedene Wege einloggen?
    • Einloggen: Man sieht die Wege BAA und BUND-ID; kann sich von Info-Link zu Info-Link hangeln und bekommt beim 3.Link eine 5-Schritte-Anleitung mit QR-Code-Scannen zum Installieren der Auth-App. Hier wiederum 2 verschiedene Auth-Apps. Bei der “Ente Auth 2FA-Authentifikator” musste ich dann weiter googeln um zu erkennen, dass es kein Typo war …
  • Unklar, was meine Vorteile wären bei der Benutzung der optionalen APP. Eigentlich habe ich doch alles beim normalen online-Portal.
  • Es gibt zwar eine Online-Hilfe, die sich als “Digitaler Chatbot Assistent” deutlich zu erkennen gibt (nicht auf allen Seiten), dahinter steht aber keine KI sondern nur eine SW die auf nur wenig Vorauswahlen verzweigt. Z.B. Kennt der Assistent die BAA-APP nicht (Google schon … )
  • Eine (zusätzliche) Hilfe, die bei jedem Schritt erklärt worum es geht - wie sie z.B. bei ELSTER zu finden ist-, fehlt leider.
  • Funktionell ist alles machbar, auch die papierlose Kommunikation
  • Die erste Anmeldung per Personalausweis-Ident war alles andere als einfach.
  • Das normale Login benötigt für die 2FA eine zusätzliche APP, den Authenticator von Microsoft. Diese APP setzt wiederum ein MS-Konto voraus. Das hatte wiederum bei mir die Folge, dass die Authenticator-APP (nach 6 Monaten) den Dienst verweigerte, da ich seit Jahren bemüht bin MS-Dienste und somit das MS-Konto nicht zu benutzen.

Mein Fazit:

Für jemanden mit Internet-Erfahrung ist die GUI des Portals okay. Ansonsten ist es alles andere als intuitiv. Statt eines millionenfachen Crash-Kurs wäre ein gute Hilfe sinnvoller.

Viele Grüße, Adi